05 Juni 2010, 10:02
Zypern: Wo Saulus wirklich zum Paulus wurde
 
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Wenn Papst Benedikt XVI. Zypern besucht, stößt er auch auf Spuren des Völkerapostels - Von Michael Hesemann

Zypern (kath.net)
Der Volksglaube verortet die Wandlung des Saulus zum Paulus vor Damaskus, die Apostelgeschichte weiß es besser. Denn der Namenswechsel steht keineswegs für die „Bekehrung“ des Völkerapostels, sondern für den Beginn der Heidenmission, die auf Zypern ihren Anfang nahm. Jetzt besucht der Papst die Stätte, die zum Wendepunkt der Kirchengeschichte wurde.

Es sollte die erste Missionsreise des Saulus werden, auch wenn er anfangs keineswegs die „erste Geige“ spielte. Im Frühjahr 46 n.Chr. hatte der „Fünferrat“ der mittlerweile konsolidierten Christengemeinde von Antiochia den gebürtigen Zyprioten Barnabas ausgesandt, um auf seiner Heimatinsel das Evangelium zu verkünden. Als Begleiter wurden sein Cousin Johannes Markus aus Jerusalem und der gelehrte Rabbinerzögling Paulus ausgewählt, der seit seiner Christusvision vor den Toren von Damaskus zur Urgemeinde gestoßen war. Barnabas selbst hatte ihn ein paar Jahre zuvor nach Antiochia gerufen, weil er jemanden brauchte, der gelehrten Juden der syrischen Weltstadt rhetorisch und in der Kenntnis der Schrift gewachsen war.

Von Seleukia, dem Hafen von Antiochia, nach Salamis im Nordosten Zyperns war es nur eine Tagesreise, zumindest im Frühling, wenn die Winde günstig standen. Die Geburtsstadt des Barnabas war damals die bedeutendste Stadt der Insel. Ihre Ruinen liegen nördlich von Famagusta im heute türkisch besetzten Teil Zyperns. Der Sage nach wurde sie unmittelbar nach dem trojanischen Krieg von Teukros gegründet, dem Sohn des Königs Telamon, der ein Bruder des griechischen Helden Ajax war. Ihren Namen verdankt sie der Heimat der Siedler, der Insel Salamis vor der attischen Küste.

Seine günstige strategische Lage und sein Kupferreichtum brachten Zypern in den folgenden Jahrhunderten immer wieder unter Fremdherrschaft. Seit dem 8. Jahrhundert v.Chr. besetzten es nacheinander die Assyrer, Ägypter, Phönizier und Perser, bis es im 5. Jahrhundert v.Chr. mit Hilfe der Athener und Spartaner befreit wurde. Als Hauptstadt des Königs Euagoras und seiner Nachfolger erlebte Salamis im 4. Jahrhundert eine Blütezeit. Dann verleibte Alexander der Große Zypern seinem Reich ein, nach seinem Tod übernahmen die Ptolemäer die Macht. 58 v.Chr. wurde die Insel von der Römern erobert, die das an der Westküste gelegene Paphos zu ihrer Verwaltungshauptstadt machten. Die Ruinen des griechischen Theaters - mit 20.000 Sitzplätzen das größte der Insel - , seines mächtigen Zeustempels, seines Gymnasiums und der römischen Agora (des Marktes), die allesamt im 1. Jahrhundert n.Chr. erweitert wurden, zeugen von der Größe und Bedeutung der Stadt Salamis, als die beiden Apostel und Markus sie erreichten. Wo sich jedoch die „Synagogen der Juden“ befanden, in denen sie zum ersten Mal das Evangelium verkündeten (Apg 13,5), ist unbekannt; die Archäologen förderten bislang keinen einzigen Hinweis auf seine jüdische Gemeinde zutage, obwohl ihre Existenz historisch belegt ist. Der Grund dafür mag ihr trauriges Schicksal sein. Als es in den Jahren 115 bis 117 n.Chr. zunächst in Ägypten, dann auch auf Zypern zu Aufständen der Juden kam, vertrieb sie der römische Kaiser Trajan von der Insel.

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Wir wissen nicht, wie lange Barnabas, Paulus und Markus in Salamis blieben, und auch über ihren Weg durch Zypern gibt die Apostelgeschichte keinen Aufschluss. Wir erfahren nur, dass ihr Ziel Paphos, die römische Inselhauptstadt, war.

Um dorthin zu gelangen, musste das Trio rund 150 Kilometer auf der Römerstrasse zurücklegen, die beide Städte miteinander verband. Sie führte zunächst durch Limassol, die zweitgrößte Stadt der Insel und ihr wichtigster Hafen nach Süden hin, gen Ägypten. Dann durchquerte sie das Troodos-Gebirge, wo sie von hohen Pappeln mit silbrigen Stämmen, aber auch von Gärten mit Kirsch- und Apfelbäumen gesäumt wurde. Wahrscheinlich legten die Drei in Kurium, das für seinen Apollontempel und sein Theater berühmt war, eine Pause ein, bevor sie schließlich Paphos erreichten. Hier stand seit Urzeiten ein Tempel der Liebesgöttin Aphrodite, in dem kein Standbild, sondern ein konischer Stein als Symbol der Fruchtbarkeit verehrt wurde. Zweifellos handelte es sich dabei um ein Relikt aus der phönizischen Vergangenheit der Insel; die Griechen neigten schon immer dazu, fremde Götter mit den ihren zu identifizieren. Unweit von Paphos, nahe einem weißen Felsen, der als Petra tou Rominou, als „Felsen der Römer“ – der letzten, die ihn verehrten – bekannt ist, soll die Schaumgeborene (aphros = griech. „Schaum“) dem Meer entstiegen sein, eine Szene, die unzählige Künstler inspirierte. Als sie zypriotischen Boden betrat, so heißt es in einer Hymne von Hesiod, sprossen Anemonen und andere Wildblumen aus dem Boden, den ihre Füße berührten, um die Göttin mit dem schönsten Farbenschmuck zu umgeben. Noch heute wachsen diese Wildblumen zwischen den zerbrochenen Marmorquadern ihres Heiligtums. Homer ergänzt, dass der arkadische Held Agapenor nach dem trojanischen Krieg das alte Paphos (heute: Palaipaphos bei Kouklia) gründete und der Göttin der Liebe und Schönheit einen Tempel weihte, der fortan, die gesamte Antike hindurch, die Pilger anzog. Der italienische Reisende Tommaso Parcacchi, der im 16. Jahrhundert Alt-Paphos besuchte, hörte noch eine Geschichte, die vom Besuch dieses Heiligtums durch die Apostel berichtet. Dort hätten sie gesehen, wie Männer und Frauen der Liebesgöttin nackt opferten. Empört sei Barnabas auf die Knie gefallen und habe so lange gebetet, bis der Tempel einstürzte und dem Skandal ein Ende bereitete. Dann hätten sich die Apostel auf den Weg nach Neu-Paphos gemacht.

Die Provinzhauptstadt war sehr viel jüngeren Datums als Alt-Paphos und sein Heiligtum. Im Jahre 321 v.Chr. hatte Nikokles, der letzte König des alten Paphos, seine Hauptstadt um knapp 15 Kilometer nach Nordwesten verlegt, um eine geschützte Bucht als Hafen nutzen zu können. Damals entstand eine prachtvolle Agora (Marktplatz), ein großes Theater, zudem ein Odeon (überdachtes Theater), ein Tempel des Heilgottes Asklepios und eine Nekropole, die so monumental war, dass man ihre Überreste lange für die eines Königsgrabes hielt. Zwar war die Stadt des Nikokles im 1. Jh. v.Chr. von einem Erdbeben zerstört worden, doch Kaiser Augustus ließ sie so prachtvoll wieder aufbauen, dass ihre Einwohner sie ihm zu Ehren zeitweise Augusta nannten. Großartige Mosaikböden – die schönsten von ganz Zypern – zeugen vom Reichtum der Provinzhauptstadt und der Kunstsinnigkeit ihrer Bewohner. Die prachtvollsten von ihnen, Darstellungen der olympischen Gottheiten und mythologische Szenen, fand man im Palast des Statthalters. Er liegt im Zentrum einer 90 mal 120 Meter großen Anlage. Hier residierte einst der berühmte Redner Cicero, als der römische Senat ihm die Insel anvertraute, aber auch jener Sergius Paulus, den der Völkerapostel zum Glauben bekehrte.

Die Geschichte der beiden Pauli ist eine der rätselhaftesten in der gesamten Apostelgeschichte. Sicher an ihr ist nur: es hat einen Statthalter namens Sergius Paulus gegeben. Das beweist eine Inschrift, die 1877 in Silo, nur wenige Kilometer nördlich von Paphos, entdeckt wurde:

„Apollonius weihte seinem Vater (unlesbar) diese Befriedung und dieses Denkmal entsprechend den Wünschen seiner Familie. (Unlesbar) diente als Verwalter des Marktes, Präfekt, Stadtverwalter, Hohepriester und leitete das Stadtarchiv. Errichtet am 25. des Monats Demarchexusius im 13. Jahr (der Regierung des Claudius). Er veränderte auch den Senat, indem er Beisitzende einsetzte, in der Amtszeit des Prokonsuls Paulus.“

Das Denkmal, offenbar als Grabmal für einen Verstorbenen errichtet, der nicht allseits beliebt war – sein Name wurde nachträglich gründlich ausgekratzt – stammt aus dem Jahre 54 n.Chr. Es beschreibt die Karriere eines ranghohen Beamten der Stadtverwaltung – heute würde man ihn als Stadtdirektor bezeichnen - dessen Amtzeit zeitweise mit der des Sergius Paulus zusammenfiel, bevor er später in den wohlverdienten Ruhestand trat. Eine zweite Inschrift, sie stammt aus Kythraia in Nordzypern, enthüllt den vollständigen Namen des Prokonsuls, gemeißelt in blauen Marmor:

„(CLAUD)IUS CAESAR SEBASTOA ...
(Q)UINTUS SER(GIUS PAULUS) »

« (Zur Amtszeit des) erhabenen Kaisers (Claud)ius
... (hat) (Q)uintus Ser(gius Paulus)...

Beide Inschriften fand ein Veteran des amerikanischen Bürgerkrieges, General Louis Palma de Cesnola, der von 1865-77 das US-Konsulat in Zypern leitete und sich in seiner Freizeit der Archäologie widmete. Er wurde später zum ersten Kurator des Metropolitan Museums in New York ernannt, wo sich die beiden Fragmente heute befinden.

Damit ist der „Prokonsul Sergius Paulus“ der Apostelgeschichte (13,7) eindeutig als historische Persönlichkeit identifiziert. H. Halfmann (1982) datiert seine Amtszeit in die Jahre 46-48 n.Chr. Auch seinen Titel gibt Lukas korrekt wieder. Anders als Syrien und Judäa war Zypern eine Senatsprovinz, ihr Statthalter also kein kaiserlicher Legat oder Präfekt, sondern ein Mitglied einer Adelsfamilie vom Rang eines Prokonsuls. Was ihn für uns noch interessanter macht: Er trug den selben Beinamen wie der Völkerapostel!

Auch wenn der Volksmund behauptet, Saulus sei in Damaskus zum Paulus geworden, steht es ganz anders in der Apostelgeschichte. Lukas nennt ihn nämlich exakt so lange Saulus, bis der Mann aus Tarsus in Paphos vor seinem Namensvetter steht. Dann endlich liest man: „Saulus, der auch Paulus heißt...“ – und wundert sich über gleich zwei neue Entwicklungen. Denn fortan spricht Lukas nur noch von Paulus. Und er nennt ihn nicht mehr an zweiter Stelle, quasi als Begleiter des Barnabas, sondern plötzlich zuerst. Offenbar hat Paulus, vormals Saulus, in Paphos seine Bewährungsprobe bestanden – und ist ermutigt worden, künftig seinen römischen Namen einzusetzen.

Tatsächlich war das römische Namensrecht ziemlich eindeutig. Jeder römische Bürger trug die tria nomina, also (mindestens) drei Namen: Den praenomen (Vornamen), den nomen gentile (Familiennamen) und den cognomen (Beinamen). Wie etwa Gaius Julius Caesar, Markus Tullius Cicero oder eben Quintus Sergius Paulus muss auch unser Apostel drei Namen getragen haben, von denen wir allerdings nur zwei kennen, eben den Vornamen Saulus (die latinisierte Form des hebräischen Schaul) und den Beinamen Paulus. Wüssten wir auch seinen Familiennamen, so würde uns das viel über die Umstände verraten, unter denen seine Eltern oder Großeltern römische Bürger wurden. Denn auch wenn keine Blutsverwandtschaft bestand, war es für Neubürger üblich, den Namen ihres Patrons anzunehmen.

Paulus oder Paullus war der Beiname zweier alter und bedeutender römischer Patrizierfamilien, der gens Aemilii und der gens Sergii. Da er so viel wie klein oder zart bedeutet, muss ihr jeweiliger Ahnherr von feinem Körperbau gewesen sein. Einer der Aemilii, der Konsul Marcus Aemilius Paullus, erweiterte 78 v.Chr. die damals schon hundertjährige Basilica Aemilia am Forum Romanum, weshalb sie auch als Basilica Pauli bekannt wurde. Dabei handelte es sich um eine rund hundert Meter lange, dreischiffige Säulenhalle, die rein weltlichen Zwecken diente und nichts mit der späteren Paulusbasilika zu Ehren des Völkerapostels zu tun hatte. Zumindest ist es möglich, dass der Vater des Saulus Paulus sein römisches Bürgerrecht durch Lucius Aemilius Paulus erhielt, den Konsul des Jahres 1 n.Chr., der mit Julia, der Enkelin des Kaisers Augustus, verheiratet war. Dann hätte der vollständige Name des Völkerapostels Saulus Aemilius Paulus gelautet.

Sergius Paulus, der Prokonsul, gehörte wiederum den Sergii an, deren berühmtester Vertreter der Verschwörer Catilina war. Ein Lucius Sergius Paulus wurde unter Claudius zum Kurator des Tiber (curatores riparum et albei tiberis) ernannt; seit Kaiser Tiberius hatten fünf verdiente Beamte die Aufgabe, den Zustand des Flusses zu überwachen und vor Hochwasser zu warnen. Sein Vorgesetzter, Paullus Fabius Persicus, ein Freund des Kaisers, wurde später Prokonsul der Provinz Asia mit Ephesus als Hauptstadt. Auch in Anatolien scheint die Familie Ländereien besessen zu haben. Eine Inschrift, die man 1912 in Yalvac, einst Antiochia in Pisidien, entdeckte – ausgerechnet dem nächsten Ziel auf der Missionsreise des Paulus! – nennt einen „L.(ucius) Sergius Paullus, den Jüngeren, Sohn von L. Sergius Paullus“; der hier heimisch war.


Die „Sergius Paullus“-Inschrift von Yalvac erklärt vielleicht, weshalb Paulus nach der Begegnung mit dem Statthalter weiter nach Antiochien in Pisidien zog.

Lukas beschreibt den Prokonsul und Statthalter von Zypern als „einen verständigen Mann“ (Apg 13,7), und auch das bestätigen historische Quellen. Dass Plinius der Ältere (23-79 n.Chr.) ihn gleich zweimal, nämlich in Buch 2 und Buch 18 seiner Naturgeschichte als Quelle zitiert, zeugt von einer ausgiebigen Korrespondenz zwischen den beiden Intellektuellen und der beachtlichen Bildung des Prokonsuls. Interessanterweise erwähnt Plinius im 30. Buch des selben Werkes auch jüdische Magier, die in Zypern ihr Unwesen trieben: „Es gibt auch noch eine weitere Sekte von Magiern, die ihren Ursprung auf Moses, Jannes und Lotapea zurückführen, und die Juden sind, doch viele tausend Jahre nach Zarathustra lebten; und die in jüngster Zeit auf der Insel Zypern auftraten.“

Vielleicht hat er diese Information ebenfalls von Sergius Paulus erhalten. Jedenfalls hat sie ihre Parallele in der Apostelgeschichte, wo es heißt, in Paphos seien Barnabas und Paulus, eingeladen vom Prokonsul, mit einem „Magier und falschen Propheten“ namens Barjesus zusammengestoßen, „der Jude war“ und „zum Gefolge des Prokonsuls“ (Apg 13,6-7) gehört hätte. Sein Name, „Sohn des Jesus“, mag uns erstaunen; tatsächlich aber war „Jesus“ einer der häufigsten jüdischen Vornamen. Nur wenige Zeilen später wird er als „Elymas, der Magier – so wird nämlich der Name Elymas übersetzt“ (Apg 13,8) bezeichnet. Wahrscheinlich handelt es sich bei diesem Titel um die griechische Transkription des aramäischen halama („Traumdeuter“), wovon auch das arabische ’Alim („weiser Mann“) abgeleitet ist. Wenig verwunderlich dagegen ist, dass sich ein gebildeter römischer Prokonsul mit derart dubiosen Scharlatanen umgab, denn Magier waren damals in besseren Kreisen ähnlich populär wie heute Astrologen oder Esoteriker. Der römische General Marius (155-86 v.Chr.) ließ sich etwa von einer „jüdischen Prophetin“ beraten. Oder wir lesen bei Flavius Josephus, wie ausgerechnet der römische Statthalter von Judäa, Felix – ein Zeitgenosse des Paulus, der in der Apostelgeschichte eine wichtige Rolle spielt – mit Hilfe der Magie eines anderen zypriotischen Juden das Herz der schönen aber leider verheirateten Herodestochter Drusilla gewann: „Er schickte daher einen ihm befreundeten Juden mit Namen Atomos, der aus Zypern stammte und angab, Magier zu sein, zu ihr und ließ ihr zureden, ihren Gatten zu verlassen.“

In unserem Fall aber musste Elymas fürchten, seinen Einfluss auf Sergius Paulus zu verlieren, und so trat er gegen die Apostel auf „und wollte den Prokonsul vom Glauben abhalten.“ (Apg 13,8) Schließlich kam es zu einer Art „magischem Zweikampf“, der einen Leser unserer Zeit fast an Herr der Ringe oder Harry Potter erinnern könnte, mit dem Unterschied, dass hier die Fronten eindeutig sind: Paulus, der jetzt erstmals unter diesem Namen auftrat, beschimpfte den Magier als „Sohn des Teufels“, als Handlanger finsterer Mächte – und schlug ihn mit Blindheit.

Der Apostelgeschichte zufolge war Sergius Paulus so überwältigt von dieser Demonstration göttlicher Macht, dass er den christlichen Glauben annahm. Wurden auch schon der Kämmerer – heute würde man sagen: der Finanzminister – der äthiopischen Königin Kandake (Apg 8, 27) und der römische Besatzungsoffizier Cornelius (Apg 10,1) getauft, so hatte Dank Paulus das Christentum jetzt erstmals einen Anhänger aus den Reihen der römischen Aristokratie gefunden, der zugleich Statthalter einer Provinz war. Schon deshalb behaupten heute die Zyprioten stolz, ihr Land habe als Erstes zum Glauben gefunden. Dagegen mag man einwenden, dass ein Provinzgouverneur nur ein Verwaltungsbeamter und kein König war; sein Glaube war Privatsache, kein Grund für seine „Untertanen“, ihm darin zu folgen. Tatsächlich ist auch nirgends in der Apostelgeschichte von Massenbekehrungen oder Massentaufen die Rede; nicht einmal von Sergius Paulus wissen wir, ob er tatsächlich getauft wurde oder als Ungetaufter fortan mit dem Evangelium sympathisierte. Jedenfalls verließen die Apostel Zypern bald darauf und reisten über Perge nach Pisidien, um ausgerechnet in Antiochia, wo Sergius Paulus Verwandte hatte, ihre Mission wieder aufzunehmen. Wir können sicher sein, dass dies kein Zufall war; wahrscheinlich hatten sie ein Empfehlungsschreiben des Prokonsuls in der Tasche. Paulus, der sein Charisma unter Beweis gestellt hatte, führte jetzt die Gruppe an, während Johannes Markus sie verließ und nach Jerusalem zurückkehrte (Apg 13,13). Das aber war der eigentliche Beginn der christlichen Heidenmission; die beiden Apostel ließen zwar nach wie vor keine Synagoge aus, aber sie reisten explizit nach Pisidien, um erstmals römischen Aristokraten, den Pauli, das Evangelium zu verkünden.

Drei Jahre später, 49 n.Chr., kehrten die beiden Cousins Barnabas und Markus nach Zypern zurück (Apg 15,39), durchquerten die Insel, predigten zu Juden und Heiden. Doch diesmal nahm die Mission keinen so glücklichen Verlauf, zumal Sergius Paulus wohl 48 n.Chr. als Statthalter abgelöst worden war. Schließlich gelang es dem Elymas Barjesus, der seit dem Vorfall in Paphos auf Rache sann, die Juden der Insel gegen Barnabas aufzuhetzen; er wurde gesteinigt. Markus begrub ihn im Jahre 61 in einem römischen Grab bei Salamis, zusammen mit einer Abschrift des Matthäus-Evangeliums, die er bei sich getragen und mit dessen Hilfe er Kranke geheilt haben soll. Zur Zeit des byzantinischen Kaisers Zeno (474-491) wurden die Reliquien entdeckt, zusammen mit der Evangelienhandschrift. Im Tausch gegen die Gebeine des Apostels und das kostbare Manuskript erhielt die zypriotische Kirche ihre Unabhängigkeit und eine Reihe von Privilegien. Seitdem unterschreibt ihr Erzbischof, wie einst nur der Kaiser, mit roter Tinte, trägt einen Purpurrock mit Glöckchen und anstelle des Hirtenstabs das Zepter. Das Kloster, das über dem Apostelgrab errichtet wurde, war Jahrhunderte lang der heiligste Ort der Insel. Erst bei der Besetzung durch die Türken 1974 wurden die Mönche vertrieben, das Kloster geplündert und anschließend in ein Museum umgewandelt. Seitdem sind hier die Gebete verstummt.

Doch auch schon beim ersten Besuch war es zu Anfeindungen gekommen, wenn wir der Lokaltradition glauben, die oft genug die manchmal lückenhafte Berichterstattung der Apostelgeschichte ergänzt. Denn während uns Lukas verschweigt, wie Sergius Paulus überhaupt von seinem Namensvetter erfuhr, ging den örtlichen Legenden zufolge der Begegnung ein handfester Skandal voraus. So berichten uns westliche Pilger, die im 15. und 16. Jahrhundert nach Paphos kamen, noch von der Überlieferung, die Apostel seien zuerst verhaftet und ausgepeitscht worden, bevor sie dem Prokonsul vorgeführt wurden. Unter der alten Franziskanerkirche, in der Nähe der Festung auf dem Hügel, soll sich das Verließ befunden haben, in dem Paulus und Barnabas als Gefangene gehalten wurden. Seigneur de Villamont, der das damals türkisch besetzte Baffo 1589 besuchte, beschreibt sogar die Ketten, die Paulus damals trug und die seitdem verehrt wurden. Und General Louis di Cesnola, der archäologiebegeisterte amerikanische Konsul, ergänzte: „Als Paulus Paphos besuchte, wurde er von der Bevölkerung so schlecht behandelt, dass er die Bürger der Stadt als die schlechtesten Menschen der Welt bezeichnete.“ Noch heute steht dreißig Meter vor der Kirche des hl. Kyriaki Chrysopolitissa eine 1,20 Meter hohe Säule, an die, wie es heißt, die Juden Paulus fesselten, um ihn auszupeitschen. Als Beleg wird auf den 2. Korintherbrief verwiesen, in dem der Apostel selbst berichtet: „Fünfmal erhielt ich von Juden die neununddreißig Hiebe“ (11,24). Die Neununddreißig – wörtlich: „Vierzig-weniger-einen“ – waren die gängige Synagogenstrafe für vermeintliche Unruhestifter, entsprechend dem Gesetz des Moses (5 Mos 25,3). Der Brite David George Hogarth berichtet, jedes Jahr am Johannestag (dem 24. Juni) würde das gläubige Volk den Handabdruck des Paulus auf der Säule erkennen. Zudem galten Bruchstücke von ihr als wirksames Heilmittel gegen Malaria; ein Eisenzaun sollte damals verhindern, dass sie auch weiterhin abgeschlagen werden.


Die Paulussäule von Paphos

Es ist durchaus möglich, dass die Geschichte einen wahren Kern hat. Obwohl Lukas keine Synagoge in Paphos erwähnt, ist wahrscheinlich, dass es in der Provinzhauptstadt eine jüdische Gemeinde gab. Nach der örtlichen Tradition stand ihr Bethaus über der heutigen Höhlenkirche der hl. Solomoni (Hanna), der Mutter von sieben Kindern, die während der Judenverfolgung durch Antiochus Epiphanus im Jahre 186 v.Chr. getötet wurde. Sie befindet sich hinter dem Fabrikas-Hügel direkt neben dem Stadttor. Jedenfalls muss Sergius Paulus interveniert haben, als er erfuhr, dass ein römischer Bürger, zudem ein Namensvetter, in die Unruhen involviert war. Als ihm Paulus und Barnabas vorgeführt wurden, wird er dem Völkerapostel geraten haben, künftig seine „römische Karte“ besser auszuspielen und unter seinem lateinischen Cognomen aufzutreten, um die Privilegien eines römischen Bürgers für seine Mission zu nutzen. Zu diesen gehörte, dass es untersagt war, einen Römer auszupeitschen oder zu geißeln. Lukas wird seinen Grund gehabt haben, dass er uns dieses Vorspiel verschweigt. Der erste große Missionserfolg des Paulus sollte, wie es scheint, durch kein Makel getrübt werden.

Er wirkte offenbar nach. Im Herbst 1999 veröffentlichte der italienische Archäologe Filippo Giudice, dessen Team seit 1988 in Paphos Ausgrabungen durchführt, einen spektakulären Fund. Ein Marmorfragment, das in den Ruinen einer frühchristlichen Basilika entdeckt wurde, war mit den Buchstabe LOY – OSTO beschriftet, die Giudice als (PAU)LOY (AP)OSTO(LOY) rekonstruierte: Der Apostel Paulus! Das erinnert zunächst einmal an die Marmorinschrift des Paulusgrabes in Rom, doch diese Zeilen sind vielleicht noch älter. Giudice, der Griechisch-Römische Kunstgeschichte an der Universität von Catania auf Sizilien lehrt, datiert sie anhand paläographischer Kriterien in das späte erste oder das frühe zweite nachchristliche Jahrhundert. Sollte das tatsächlich zutreffen, so wäre die Paphos-Inschrift das älteste historische Zeugnis vom Wirken des Völkerapostels auf Zypern, ja die älteste Inschrift überhaupt, die seinen Namen trägt. Allerdings wurde die kleine Kirche, in deren Überresten das Marmorfragment entdeckt wurden, erst im vierten Jahrhundert über einem antiken Tempelkomplex aus der vorchristlichen Ptolemäerzeit erbaut. Hatte der Apostel hier gepredigt, wurde ihm zu Ehren an dieser Stelle eine Gedenkplatte angebracht? Sicher jedenfalls ist, dass sein Besuch auf Zypern nie mehr vergessen wurde.

Michael Hesemann ist Historiker und Autor diverser Bücher zu Themen der Kirchengeschichte, darunter des Bestsellers „Paulus von Tarsus. Archäologen auf den Spuren des Völkerapostels“ (Augsburg 2008)







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