08 Februar 2011, 08:24
'Mutter Kirche' und die Zöli-Lüge
 
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Warum die Ehelosigkeit des Priesters im Westen immer wichtiger wird – 'Niemandem darf das Opfer erlassen werden, das der Zölibat bedeutet' – Ein Gastkommentar von Dr. iur. Franz Norbert Otterbeck

Köln (kath.net) Der so versierte rheinische Kirchenhistoriker und Prälat Norbert Trippen versäumt bei Vorträgen nie zu erwähnen, etwa jüngst beim Dies academicus in Bonn, dass Kardinal Ruffini auf dem Konzil ausrief: Ha vinto la Madonna. Die Gottesmutter habe gesiegt, da Papst Paul VI. ihr klug den „Titel“ Mater ecclesiae zusprach, zur Krönung der Konzilskonstitution über die Kirche. Warum wird dieses Beispiel so gern zitiert? Und überdies berichtet, dass etliche deutsche Konzilsväter davon abrieten, die Gottesmutter auch als Mutter der Kirche zu verehren? Man kann daran so schön „aufzeigen“, dass Paul VI. sich von der Kurie, von den Konservativen habe erpressen lassen, skrupulös, wie sein Charakter nunmal gewesen sei. Diese schwarze Legende allein hat mehr zur nachkonziliaren Krise beigetragen als sämtliche großformatigen Konzilsakten selbst. Denn durch diese kirchenpolitisch motivierte „Öffnung“ der Konzilsdeutung wird der sakrosankte Text für fast unverbindlich erklärt.

Das Konzil ist aber nicht die „Konzilsmehrheit“, sondern alles das, was der Papst aus ihm in Kraft gesetzt hat. Es gibt kein „wahres“ Konzil hinter dem Konzil, das etwa erst durch die Zeitschrift Concilium oder durch die Holländer oder die fehlgeschlagene, so genannte „Würzburger“ BRD-Synode (1971-75) hätte ausgegraben werden müssen.

Aus berechtigten theologischen Erwägungen fehlt die Bezeichnung Mariens als Mater ecclesiae in den Konzilstexten, aber aus zwingenden pastoralen Gründen hat der Heilige Vater dieselbe dann am 21. November 1964 doch proklamiert. Unser Heiliger Vater erinnerte 2009 am Schluss von Caritas in veritate wieder daran!

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Implizit enthält dieser „Marientitel“ bereits ihre Mittlerschaft als corredemptrix, aber in einer pastoralen Perspektive, nicht als luxuriöse Definition. Damit fasst die Proklamation das Konzil in einem einzigen Buchstaben zusammen, im „e“. Gaudet mater ecclesia, so begann Johannes XXIII. seine Eröffnungsansprache. Das Konzil schließt dann mit der Erkenntnis, dass die Kirche nicht nur selber „Mutter“ ist, sondern eine Mutter hat, nämlich die Mutter Christi. Insoweit relativiert das Thema Maria den vorkonziliären „Quasi-Absolutismus“ manchen katholischen Bekennertums, bekräftigt aber auch die Identität der einen Kirche. Sie ist eine, weil sie die Mutter des Herrn auch als ihre einzige Mutter erkennt (und anerkennt).

Ohne ständigen Blick auf die eschatologische Relevanz der Marienverehrung geht aber auch der Sinn für die Christologie verloren und damit sofort und nahezu unausweichlich auch jede eigentlich priesterliche Berufung, so wie allgemein im allgemeinen Priestertum der Getauftem so ebenso (und besonders) im sakramentalen Priestertum.

Der junge Norbert Trippen hatte im Handbuch der Kirchengeschichte von Jedin sehr präzise die Kleruskrise der 1960-er Jahre bearbeitet. Diese wurzelte zu einem erheblichen Teil in der heimlichen und „begeistert“ unreflektierten Lektüre von (doch eher als „Science-Lyrik“ zu deutenden) Teilhard-Texten, schon in den Seminarien der unmittelbaren Nachkriegszeit. Denn von der humanitären Katastrophe weg wollte „man“ sich kollektiv nach „vorn“ flüchten. Die Epoche ist rasch verflogen. Stat Concilium dum volvitur orbis, ist man versucht zu konstatieren.

Denn damals bereits verfehlten die Möchtegern-Modernen die Begriffe, um einen Ausweg aus der Krise auch nur andeuten zu können. Die schlichteste Lösung, so die Überzeugung wohl fast aller „Pfäfflein deutscher Zunge“ sei der Übergang zum „freiwilligen“ Zölibat anstatt der Zölibatspflicht. Wahrscheinlich hatten in unseren Breiten die fleißig schwitzenden Seminaristen des Jahres 1959 an nichts anderes gedacht, als das Konzil angekündigt wurde: Hurra, endlich auch wir Kirchenbeamte wie in den Denominationen der Reformation! Partystimmung. Schon Papst Johannes XXIII. hatte solchen Spekulationen in seiner Ansprache vor der Römischen Synode von 1960 eine Absage erteilt. Als es dem entsprechend anders kam, empfand man das Konzil als auf halbem Wege stehengeblieben. Ein harter Schlag. „Schuld“ daran war aber nur Papst Paul, basta.

Als Roncalli ihn im Scherz „il nostro Cardinale amletico“ nannte, so sollte das nur andeuten, der Arme habe ja lange „zittern“ müssen, ob er Kardinal werde (1952 wollte er das nicht), es nun doch noch ‚sein oder nicht sein‘. Das war keinesfalls Zensur im Sinne von: Der Feigling.

Jeder Kirchenhistoriker müsste wissen, dass kein Papst, außer vielleicht Pius X., seit dem Konzil von Konstanz, so viele Entscheidungen traf wie Montini 1963-1978, quantitativ und qualitativ. Und immer auf den Punkt; fast immer perfekt, etwas verrutscht vielleicht bei den Laiendiensten und manchmal eine Spur zu politisch, aber das war die Not der Zeit.

Der gute Papst Johannes hat zeitlebens nichts anderes gepredigt als Keuschheit und Demut, moderat im Ton zwar, aber hart in der Sache. Daran wusste sich der Nachfolger gehalten. Die Enzyklika Sacerdotalis caelibatus von 1967 hat die zeitgenössischen Westpriester wohl noch mehr geärgert als Humanae vitae im Folgejahr. HV war nur die handlichere Waffe gegen das uneinsichtige Rom.

Nur noch im Standby-Modus war seither eine Bereitschaft zum Gehorsam gegenüber Konzil und Papst bei den Priesterausbildern verfügbar. Aber wehe es drückt einmal ein Papst auf den roten Knopf und fordert geistliche und intellektuelle Treue ein! „Der“ soll wie ein abendländisches Gegenstück zum Dalai Lama freundlich winkend im Glaskasten durch die Gegend fahren, als „Symbol“ kirchlicher Einheit, aber: Alle Macht den Räten! (Oder wenigstens den Geistlichen Räten?) Dann wäre zwar der Zölibat schon vorgestern abgeschafft worden, aber die Kirche kaputt. So eng sitzt das in der ‚Realwirtschaft‘ beieinander. Will er noch apostolisch wirken, so muss der Klerus grundsätzlich dieses Opfer bringen. Das ist die allmählich gereifte Einsicht des Mittelalters, ein Fortschritt, der um keinen Preis leichthin zur Disposition gestellt werden darf. (Übrigens wäre, falls mal gescheit praktiziert, der Ständige Diakonat die hinreichende Auflockerung der etwaigen „Vermönchung“ des lateinischen Klerikerstandes.)

Wer allzu flott auf die griechisch-orientalische Praxis verweisen will, unterfüttert mit allerhand „theologischen“ Argumenten, der verschweigt geflissentlich die fast totale missionarische Erfolglosigkeit der Ostkirchen, nicht nur dem Islam gegenüber. Es bleibt dabei. Priester müssen fromm und verfügbar sein; und als Beichtväter tauglich. Solche fehlen dem Ökumenischen Patriarchen seit Jahrhunderten. (Wer weiß? Vielleicht hat das „klerikale Kollektiv“ um 1970 die Bußpraxis grob fahrlässig ausgerottet, um quasi durch die Hintertür doch noch vom lästigen Z. loszukommen?) Mit der Aufhebung des Zölibats wäre der Vertrauensvorschuss, den der „Gottesmann“ einst genoss, sofort unwiederbringlich weggefallen. Niemand würde je bei einem Familienvater beichten; oder nur völlig verlogen. Das ist eine in Raum und Zeit nachprüfbare Realität, die jeder wie auch immer gefassten doktrinären Beschwichtigung widersteht.

Die gähnende Leere der „Kirchen“ der Reformation kann durch die Pfarrfamilien (Pfarrer, Superintendentin, 2. Ehe; eine Tochter, Buddhistin) nirgendwo aufgefüllt werden. Nur durch das Nadelöhr der sakramentalen Buße allein tritt der firme Christ wieder zum Altare Gottes. Punktum. Sehr spekulative „Wetten“ auf das kleinste nur anzunehmende Minimum (vielleicht „null“?) von „notwendiger“ Beichte, hübsch untermalt mit Szenen aus der komplizierten Entstehungsgeschichte kirchlicher Bußdisziplin, zieren die Vorlesung des deutschreligiösen Professors zwar, versagen aber pastoral völlig.

Wer von Mater ecclesiae spricht, der schaut aber mit den Sieben Schmerzen Mariens auf das Kreuz, die einzige Hoffnung der humanité. So „JP2“ und so dicht liegen auch diese „sekundären“ Sachfragen bei der Gottesfrage. Die poetischen „Kirchenbilder“ scheiden sich an manchem Punkt der Sympathie: Nichtsnutzigkeit wie im Anglikanismus oder Gallikanismus oder bei den Deutschen Christen; oder eben „Römische Galeere“, explizit mortificazione, aber mit Aussichten auf neue Ufer. Zugegeben sei: Priesterweihe für viri probati kommt alleräußerstenfalls und nur dann in Betracht, wenn ein Diakon sich lange, lange bewährt hat. Wenn er überdies dem Bischof nicht auf der Tasche liegt (wichtig!) und die Eucharistie exklusiv nur in der einen Kirche feiert, deren Diakon er gewesen ist. (Denn jeder Diakon müsste Kirchendiener sein, also ein konkretes Gotteshaus animieren, am besten durch täglich 24-stündiges Gebet.)

Niemandem, der auf klerikale Karrieren schielt, und das täten manche im hiesigen Nochkirchensteuerstaat, darf das Opfer „erlassen“ werden, das der Zölibat bedeutet. Der konvertierte lutherische Pastor-mit-Familie, der die Weihe empfängt, hat ja mit der Konversion schon eine andere Probe hinter sich, ob er dem Ruf des Herrn in eine größere Liebe folgt. Duc in altum. So problematisch es auch bleiben wird, dass mancher geistliche Herr statt dem „Fleische“ den Spirituosen verfallen sein könnte. Es gibt von Irland bis ans Kap keine durchführbare Alternative zur römischen Errungenschaft.

Aus der Geschichte in Echtzeit lernen, das hieße auch endlich begreifen, dass die „Papstkirche“ die einzige ist, die wirklich (wenigstens näherungsweise) ihre Funktion erfüllen kann, ganz gleich ob Mt. 16,18 wortecht ist (man lese die Bibel in dem Geiste, in dem sie geschrieben wurde!) oder nicht.

„Es“ geht faktisch nur mit Primat, also auch Zölibat, alles andere ist Schall und Rauch; auch das ruinierte Staatskirchentum der Spätmoderne. Als ein zweites, nur beschränkt exportfähiges Modell von Quasi-Kirche kann daneben vielleicht die kongregationalistisch verfasste Freikirche gelten (inklusive ihrer pseudotridentinischen Variante namens FSSPX), aber jede davon will nur elitär gelten, also a priori nicht katholisch wirken. Gegen den immer auch karitativen Missionsbefehl Jesu stößt dieses Modell die große Zahl ab, selbst wenn es bisweilen charismatische Großgemeinden gibt. „Für alle“, für die Communio, tritt man da nie ein, nur „für ich, mich und mich“; eine Religionssozietät also, die mit Partnern, Angestellten und Aushilfen auch ein Architekturbüro betreiben könnte.

Firma Hoffnung? Es ist keine Überraschung, dass sich diese exklusiven Clubs an der Mittlerschaft Mariens, die überall und immer nachhaltigste Vermittlung des einzigen Mittlers meint, gemein vorbeimogeln müssen. Gegen den Wortsinn der biblischen Sprachwelt werden dort z.B. mutwillig Jakobus und Joses, manchmal auch ein Judas und ein Simon, zu leiblichen Brüdern Jesu umgedichtet, nur damit die Jungfrau eben keine blieb. Die Heimtücke ist fast mit Händen zu greifen. Denn wer mit den Augen Jesu auf seine Mutter blickt, für den gibt es kein Halten mehr, der stürmt mit Feuereifer zum sakramentalen Leben der einen Kirche, da und nah; weil ihr Zusammenhalt im Einzigen eine Mutter hat.

So ein Gotteskind ist auch bereit, dafür was liegen oder stehen zu lassen. Vereint im Leibe des Herrn: So erst wird Religion zu mehr als privater Gesinnung im öffentlichen Raum. Imitatio incarnationis: Die Mutter Jesu nahm Johannes, den Priester, in ihr Haus auf. (Ja, auch so herum.) Dort lernte er das Evangelium von Neuem. Non nova sed noviter. Anders als priesterlich kann man, können alle Getauften, nicht evangelisch sein; und ‚evangelisch‘, das heißt nunmal, unter bestimmten Bedingungen, dann auch „frei“, um des Himmelreiches willen.

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