14 Dezember 2015, 11:00
'Welt auf der Kippe'
 
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„Globalisierung und digitale Revolution haben uns in ein anderes Zeitalter katapultiert; einen neuen Äon der Geschichte, von dem niemand weiß, was passieren wird.“ Leseprobe 1 aus dem neuen Buch von Peter und Jakob Seewald

München (kath.net) Niemals zuvor hat sich innerhalb so kurzer Zeit das Leben der Menschen dramatischer verändert als am Beginn des dritten Jahrtausends. Die alte Welt ist Vergangenheit. Globalisierung und digitale Revolution haben uns in ein anderes Zeitalter katapultiert; einen neuen Äon der Geschichte, von dem niemand weiß, was passieren wird.

Mobile Telefone lassen uns heute an jedem Ort Nachrichten empfangen. Dass sie eine höhere Rechnerleistung haben als die Computer der NASA bei der Mondlandung, nehmen wir als selbstverständlich hin. Intelligente Technik navigiert uns im Auto bequem durch die Stadt und macht im Keller die Heizung an. Ganze Branchen erfinden sich neu und bieten Dienstleistungen an, die früher Kaiser und Königen vorbehalten waren.

Und das ist erst der Anfang. Mit Google und Facebook, Apple und Amazon sind Mächte von unvorstellbarer Größe entstanden. Sie werden mit neuen Clouds, Web 4.0 und dem Internet der Dinge dem Karussell noch einmal richtig Schwung geben. Ingenieure für künstliche Intelligenz treiben die Verschmelzung von Mensch und Maschine voran. Genomic Engineering soll nicht nur Gene manipulieren, sondern in die Keimbahn des Lebens eingreifen, die seit Beginn der Menschheitsgeschichte niemals verändert wurde.

Schon heute erreichen uns jeden Tag Fluten beunruhigender Nachrichten. Sie jagen einander in einer Geschwindigkeit, dass wir morgen nicht mehr wissen, was uns gestern noch schockiert hat. Ein Turbo-Kapitalismus macht aus der Welt ein Spielcasino und verzockt riesige Vermögen. Es gibt neue Gefahren für unsere Sicherheit, für das friedliche Miteinander der Kulturen und Nationen. Unzählige Terrorakte vertreiben Millionen von Menschen aus ihrer Heimat. „Es ist wie ein dritter Weltkrieg“, klagt Papst Franziskus, „der Stück für Stück ausgetragen wird.“ Kofi Annan, der ehemalige Generalsekretär der Vereinten Nationen, fügt hinzu: „Der Krieg ist überall. Die Welt ist in einem fürchterlichen Zustand. Für viele Menschen fällt diese Welt auseinander.“

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Stoßen nicht auch unsere persönlichen Ressourcen an die Grenzen der Belastbarkeit? Dauerconnected sollen wir jederzeit erreichbar sein. Tausende Verführungen locken uns in Dinge, die wir im Zweifelsfall gar nicht tun wollen. Schon ein einziger Tag genüg, um verrückt zu werden: E-Mails checken, Facebook-Freunde „besuchen“, Sitzungen vorbereiten, Stromanbieter wechseln. Der Datenhunger der Konzerne und modernes Marketing haben aus uns Wesen gemacht, die in der Ich-AG die eigene Haut zu Markte tragen. Ist es Zufall, dass Krankheiten wie Burn-out und Herz-Kreislauf-Schäden zu Massenphänomenen werden? Teenager leiden unter Depression, Angstzuständen und Blockaden. Dreißigjährige fühlen sich überfordert und erschöpft – während gleichzeitig die Lasten, die auf sie zukommen, immer größer werden.

Da ist dieser Müll an Unkultur und Dummheit, unter dem man leiden kann. Der Terror der irren Trends aus der Medien- und Entertainment-Industrie. In der neuen Hierarchie der Werte ist der Ehrliche der Dumme, der Betrüger der Hero und der Skandalist das Vorbild. Und haben nicht auch George Orwell und Aldous Huxley mit ihren Prophetien in 1984 und Schöne neue Welt Recht behalten? Sind wir gar dabei, ihre Visionen über den überwachten, gegängelten, ausgebeuteten und manipulierten Menschen, dem vorgegeben wird, was er zu denken, zu sagen und wie er sich zu verhalten hat, noch zu toppen?

Die Frage war: Wie vernünftig ist unsere Welt geworden? Wie gerecht ist sie? Wie sozial und kinderfreundlich, wenn wir von einer demografischen Katastrophe sprechen müssen, die das soziale Gefüge grundlegend verändern wird? Wie glücklich und zufrieden macht sie uns, wenn immer mehr Menschen krank werden, süchtig, in Einsamkeit und Depression verfallen? Wie klug, wie gebildet, wie zivilisiert ist sie, sodass sie der Hochkultur früherer Epochen etwas hinzufügen könnte?

Obendrein: Können wir weiterhin noch von einer „freien Welt“ reden, deren sich der Westen rühmt, wenn Freiheit und Selbstbestimmung zunehmend eingeschränkt werden? Nicht nur durch Überwachung, sondern vor allem durch Zeitnot, Arbeitshetze und allumfassende Werbemanipulation? Und das Merkwürdigste daran: Wir haben uns an all den Wahnsinn gewöhnt. Wir sind unter die Räuber gefallen und zucken bestenfalls mit den Schultern.

Die Welt ist nicht nur Problem. Sie ist, trotz allem, noch immer der schönste und bezauberndste Planet, der in den Weiten des Universums zu finden ist. Aber muss man nicht längst auch von einer globalen zivilisatorischen Katastrophe sprechen? Wie geht es weiter? Wird René Girard, französischer Philosoph und Mitglied der Académie française, Recht behalten, der als das Kennzeichen zivilisatorisch-technischer Entwicklungen jeweils die „Steigerung bis zum Äußersten“ sieht? Mit anderen Worten: Der Krug geht so lange zum Brunnen, bis er bricht. Wo gehen wir hin? Und wollen wir da, wo es jetzt hingeht, auch wirklich landen?

Die Welt steht auf der Kippe. Wir bezahlen schon heute mit riesigem materiellen und immateriellen Aufwand für die Fehler der Vergangenheit. Was werden die nachfolgenden Generationen in 20, 30 Jahren bezahlen? Alles ist möglich. Im Schlechten. Aber auch im Guten. Es geht dabei um mehr als um Ökokatastrophen. Klar, der Feinstaub in den Städten kann bedrohlich sein. Gift in Lebensmitteln ist keine Bagatelle. Aber die eigentliche Gefährdung sind geistige und moralische Fehlentwicklungen. Sie beuten unsere Emotionen aus. Sie zerstören Strukturen, Ordnungsschemen, die als Wegmarkierung dienten. Sie machen unser Hirn zu einem Stopfhirn, das wie die Leber bei den Gänsen zwangsgefüttert wird, ohne dass wir uns wehren könnten.

Erstaunlich: Wenn es um die Zerstörung von Baudenkmälern geht, hallt ein Aufschrei um die Welt. Unwiederbringliches sei vernichtet worden. Wieso schweigen wir, wenn es um das geistig-geistliche Erbe der Menschheit geht, das doch so viel bedeutsamer ist? Warum nehmen wir im Gegensatz zu den Grenzen des ökonomischen Wachstums die Grenzen der menschlichen Belastung nicht stärker wahr? Warum dulden wir die Relativierung der Familie, als wäre sie nicht der Grundbaustein jeglicher Gesellschaft? Warum betrachten wir öffentliche Verdummung nicht ähnlich gefährdend wie CO2-Emissionen? Warum prangern wir die Verunreinigung der Flüsse an, aber nicht die Verunreinigung an den Seelen unserer Kinder? Bräuchten wir nicht auch eine Klimakonferenz für unsere Sinne? Ist die Rettung der geistigen Ozonschicht und unserer spirituellen Regenwälder nicht gar die Voraussetzung gegen die ökologische Dürre, die das Leben auf Erden schon in wenigen Jahrzehnten vertrocknen lassen könnte? Hier steht das große Wort von Benedikt XVI.: „Wenn der Mensch verfällt“, warnte der Papst aus Deutschland, „verfällt auch die Umwelt, in der er lebt.“

Dieser Planet wird nicht wieder heil werden. In vielen Bereichen ist ein point of no return erreicht. Aber wir können einiges reparieren, schädliche Prozesse stoppen. Genügend Gutes ist vorhanden, was es zu schützen lohnt. Ist es nicht besser, einen ramponierten Planeten weiterzugeben an Kinder und Kindeskinder, als einen völlig kaputten? Erstmals ist der Gedanke der Umkehr gesellschafts- und mehrheitsfähig geworden. Nun gilt es, Ausstiegsstrategien zu finden für den Einstieg in eine lebbare Zukunft, die sich den Abgründen von Barbarei und Zerstörung entgegenstellt. Widerstand zu leisten gegenüber Dingen, die uns nicht guttun. Eine Kultur der Achtsamkeit zu entwickeln und Ressourcen zurückgewinnen, die für ein humanes Leben unverzichtbar sind. Oder ganz einfach den Moloch, der uns bedroht wie das Tier in der Apokalypse, durch verändertes Verhalten nicht länger zu füttern – um stattdessen wieder festen Boden unter die Füßen zu bekommen, mit Leitplanken, vernünftigen Regeln und verlässlichen Wegweisern.

Vordringlich ist heute nicht, die Kultur zu modernisieren, sondern die Moderne zu kultivieren. Eine Rezivilisierung der Gesellschaft wird versuchen, das Gute mitzunehmen, das Schlechte nicht zu wiederholen, vor dem Hässlichen zu schützen und das Schöne zu pflegen. Es ist die Chance der Krise, einmal durchgerüttelt zu werden in der kalten Nacht von Trauer, Einsamkeit und Depression, um die Spuren im Sand wieder zu sehen. Herauszutreten aus dem Gleichtritt einer kreisförmigen Bewegung, die nicht weiterführt. Das Leben als Projekt, das ist neu. Das heißt aber dann auch: das Leben so zu gestalten, dass es gut ist. Gut für sich. Gut für andere. Mit den Veränderungen bei sich selbst zu beginnen, wäre wohl die größte Revolution von allen.

Bestimmt aber kann der wahre, der Megatrend unserer Epoche in einem einzigen Wort zusammengefasst werden: Überleben. „SOS“ steht groß auf den Fahnen dieses leck gewordenen Raumschiffes Erde und seiner Besatzung, Save Our Souls, rettet unsere Seelen.

kath.net-Buchtipp
Welt auf der Kippe
Zu viel, zu laut, zu hohl - macht Schluss mit dem Wahnsinn
Von Peter Seewald; Jakob J. Seewald
Illustriert von Katharina Bitzl
Taschenbuch, 272 Seiten
2015 Ludwig, München
ISBN 978-3-453-28074-8
Preis 19.60 EUR

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Foto oben © Ludwig Verlag








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