18 Dezember 2015, 11:00
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„Moment, noch immer gehen sonntags mehr Menschen in die Messe als samstags zum Fußball. Aber es hat keine Folgen mehr“ - Leseprobe 3 aus dem neuen Buch von Peter und Jakob Seewald

München (kath.net) Manchmal saß ich mit ihm auf einer Parkbank im Hofgarten, meist aber im Café Arzmiller im Innenhof neben der Theatinerkirche. Wir lasen Zeitung und boten uns gegenseitig Zigaretten an. Schrödinger hatte einen runden Schädel, blaue Augen, ein fliehendes Kinn und einen hervorstechenden Adamsapfel. Seine kurzgeschorenen Haare stachen in alle Richtungen. Er zählte sich zu jenen, die „ewig jung“ bleiben wollen. „Echte Erwachsene“, meinte er, „sind in Deutschland ja eine aussterbende Art geworden.“

Schrödinger war davon überzeugt, dass wir in einer Gesellschaft lebten, in der ein Rückfall in die Barbarei zunehmend alles Geistige übertönen werde. Die Definition von dem, was nachahmenswert sei, orientiere sich am Fehlverhalten pubertärer Superstars. Jugendkult und der Kult um die Jugend selbst habe zur Infantilisierung einer ganzen Gesellschaft geführt. Vor allem glaubte er nicht an die Segnungen der Moderne. „Was heißt ‚Zeitalter der Beschleunigung’?“, regte er sich auf, „in Wirklichkeit dauert alles länger. Es dauert länger beim Arzt. Länger, bis ein Handwerker kommt; wenn er überhaupt kommt. Und länger, bis die Leute Kinder kriegen. Auf den Autobahnen geht schon lange nichts mehr vorwärts. Beschleunigt hat sich nur der Irrsinn politischer Entscheidungen und die Verdummung im Fernsehen.“

Wie Ambrose Bierce, gestand er, einer seiner Lieblingsautoren, stelle er sich manchmal den Teufel beim Zeitunglesen vor. Er könne den großen Verführer vor sich sehen, wie er diabolisch lacht und Nachricht für Nachricht als Erfolgsmeldung markiere. Wenn zum Beispiel die Zahl der Korruptionsfälle neue Rekorde erreicht. Wenn die dümmsten TV-Sendungen die meisten Zuschauer binden. Wenn Lebensmittel gepanscht und Doktortitel über Lug und Trug erworben werden. Wenn Patres die Kirche in Misskredit brachten. „Wie ist das mit uns?“, fragte er. „Angesehene Leute verdienen teuflisch viel Geld mit Dreck. Feiglinge und Dummköpfe werden uns als Idole vorgezeigt. Wenn man also so tut, als gäbe es den ganzen Schmutz um uns herum gar nicht; wenn man zusieht, wie man auf allen Ebenen belogen und betrogen wird – ist das Mitwisserschaft oder bereits Mittäterschaft? Es stinkt zum Himmel. Man bekommt Husten und Niesanfälle. Aber man hält sich lieber die Nase zu, als sie einmal zu putzen.“

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*
Ich musste an einen Artikel denken, den ich kürzlich irgendwo gelesen hatte. „Wir haben größere Häuser, aber kleinere Familien“, schrieb ein unbekannter Autor, „mehr Bequemlichkeit, aber weniger Zeit. Wir haben unseren Besitz vervielfacht, aber unsere Werte reduziert.“ Ich hörte mich sagen: „Schrödinger, Sie sind ein unverbesserlicher Pessimist. Und zwar aus Spaß an der schlechten Laune.“ Schrödinger zog seine Augenbrauen hoch, seine Stirn stand in Falten. „Mag sein, dass Sie auch zu den Ignoranten gehören, die sich haben einlullen lassen. Wir sind am Abgrund. Wenn die Wahrheit aufgegeben wird wie ein Acker, den man nicht mehr bestellen möchte, wird ein fruchtbares Feld zur öden Steppe. Und es wird der Tag kommen, an dem man das Chaos zur offiziellen Verfassungsform erhebt.“

Das Ozonloch und Occupy, die Bankenkrise und der Parteienfilz, das waren so die Themen in unserem Schriftstellerclub, dem neben uns beiden keine weiteren Mitglieder angehörten. Sobald Schrödinger irgendeine Zeitungsseite aufschlug, war er nicht mehr zu bremsen. „Ist es nicht seltsam“, sagte er dann, „dass wir alle unsere Aufmerksamkeit dem Körper widmen, und so gut wie keine unserem Seelen-Heil?“

„Moment, noch immer gehen sonntags mehr Menschen in die Messe als samstags zum Fußball.“

„Aber es hat keine Folgen mehr. Die Religion unserer Zeit heißt, du kannst alles, wenn du nur willst. Du kannst Steine in Brot verwandeln. Du kannst sogar fliegen. Wir können aber nicht fliegen. Wenn wir von einer Mauer in die Tiefe springen, stürzen wir ab wie Ikarus. Wer getraut sich noch zu fragen, ob die Dinge, die wir uns erlauben, auch unsere guten Anlagen fördern oder eher unsere schlechten? Ich bin Agnostiker, wie Sie wissen. Auch wenn es heißt, Glaube ist Potenz, Zweifel ist Impotenz. Aber ich halte es mit Jürgen Habermas. Und wenn ein ehemals marxistischer Soziologe darauf hinweist, welche große Bedeutung die Religion für eine stabile und gebildete Gesellschaft hat, dann muss schon einiges passiert sein. Die Systemfrage, die sich heute stellt, ist ja nicht eine Frage der politischen Couleur, sondern die Frage, ob es wirklich möglich ist, ein System zu bauen, das der Ordnung widerspricht, die der Schöpfung inne liegt.“

„Was ist mit dem Guten“, warf ich ein, um auch einmal zu Wort zu kommen, „das, was den Menschen fürsorglich und heroisch macht. Hunderttausende kümmern sich um Verwandte und Nachbarn, stehen auf gegen Unterdrückung und Krieg … “

„Ach ja, das Gute! Das ganze Gerede über eine bessere Zukunft, die geeinte Menschheit, beruht auf Wünschen und Selbsttäuschung. Die sogenannte Zivilgesellschaft ist eine leere Hülse, die politische Utopien ersetzen soll, aber nur die gähnende Leere überdeckt, die in der säkularisierten Gesellschaft entstanden ist. Im Orwell’schen-Sinne ist das klassisches newspeek, eine Falsch-Sprache, deren Begriffe das Gegenteil meinen, was sie zunächst auszudrücken scheinen.“

„Die Welt ist also eine Mischung aus Schlachthaus, Bordell und Irrenhaus?“

„Sehen Sie! Vor unseren Augen spielt sich vermutlich gerade der größte und umfassendste Angriff auf die Werte unserer bisherigen Welt, unsere Lebensgrundlagen, unserer gewachsenen Kultur ab, den es je gegeben hat. Die Umwertung der Werte ist nicht neu, aber noch nie wurde sie so ausgreifend umgesetzt. Eine Ego-Gesellschaft kann nicht überleben. Eine Single-Gesellschaft noch weniger. Wenn wir das Leben nicht mehr wertschätzen, verlieren wir es. So einfach ist das.“

Der moderne, entwurzelte Mensch, so in etwa lautete Schrödingers Philosophie, lasse sich blenden von den Fata Morganas der Medien und des Marketings, die eine Larifari-Kultur anboten, ohne Tiefgang und Format. In der ferngelenkten Massengesellschaft sei nichts mehr echt, nichts mehr wahr, nichts mehr heilig, nichts mehr wichtig. Kurz: nicht mehr vom Sein geprägt, sondern vom Haben. Am Ende zeige sich eine konfus gewordene Öffentlichkeit, die den Niedergang ihrer Standards und zivilisatorischer Errungenschaften nur noch mit einem Schulterzucken begleitet. Wir ließen nicht nur alles zu, erregte sich Schrödinger, wir konsumierten all diese Dinge auch noch. Und indem wir sie in uns aufnähmen, begännen sie uns zu verändern.

War Schrödinger im Recht, wenn er sagte, aus den einzelnen Krisen – der Krise der globalisierten Wirtschaft, der Bildung, der Erziehung, der Gesundheit, der Ernährung, der Politik, des Vertrauens, des Gemeinwesens –, sei inzwischen eine Mega-Krise entstanden, die auf längere Zeit zu einer Bedrohung der Demokratie zu werden drohe? Überall begännen die Netze zu reißen, den Luftschlössern gehe die Luft aus. Aus der alten, vielfach so geschmähten Bundesrepublik sei eine Event-Gesellschaft mit beschränkter Haftung geworden, in der niemand mehr Verantwortung übernehmen möchte. Sie sei haltlos geworden, ohne Substanz, auch wenn Brot und Spiele darüber hinwegtäuschten. „Wir untergraben pausenlos die eigenen Fundamente“, donnerte Schrödinger, „sind wir eigentlich verrückt geworden?“

Schrödinger ist nicht allein mit seiner Anklage. Der Schweizer Soziologe Jean Ziegler etwa spricht von einer „Kannibalisierung der Welt“ durch einen enthemmten, neoliberalen Kapitalismus. Das menschliche Sein sei durchdekliniert im Sinne seines „Tauschwertes“. Die „kontinuierliche Profitmaximierung“ entfremde „alles von allem und jeden von jedem“. „Die Welt ist ein Pulverfass geworden“, befindet der deutsche Philosoph Robert Spaemann, „wir vergnügen uns noch, aber wir gehen keinen vergnüglichen Zeiten entgegen.“ Der amerikanische Ethnologe David Graeber, Vordenker der Occupy-Bewegung, pflichtet ihm bei: „Wir stehen am Anfang eines grausamen Endspiels.“ In jedem Fall am „Anfang von etwas, das noch nicht bestimmt werden kann.“ Oskar Negt, Sozialphilosoph und einer der Wortführer der 68-er-Rebellion, sagt: „Sozialpsychologisch befinden wir uns in einem äußerst labilen Zustand, der explosive Formen annehmen kann.“

Meine Laune hatte sich von Tag zu Tag verschlechtert. Meine Knie waren weich geworden wie Fruchtgummi, und meine psychische Stabilität glich der eines Mannes, der soeben erfuhr, dass sein Lieblingsclub die Champions League vermasselt hat. Niemand kann den Wahnsinn unserer Zeit protokollieren, ohne dabei nicht auch selbst ein wenig verrückt zu werden. Oder zumindest in eine Daseinskrise zu verfallen. Was ist das für eine Welt, die sich in den Meldungen dieses Buches zeigt? Eine Welt des Betrugs und Selbstbetrugs? Eine Unsinns-Welt, überzogen mit Verwirr-Schleim, der uns die Luft zum Atmen nimmt?

In den 1970er-Jahren sprach der „Club of Rome“ von den Grenzen des Wachstums. Ohne Reduktion würde der industrielle Raubbau unsere ökologischen Ressourcen gefährden. Die Untersuchung lag nicht in jedem Punkt richtig, aber sie hat sich im Wesentlichen bestätigt. „Unsere Zukunft steht heute mehr denn je auf dem Spiel“, bekräftigte mit Papst Benedikt XVI. ein anderer Club of Rome, „ja sogar das Schicksal unseres Planeten und seiner Bewohner.“ In seiner Enzyklika „Caritas in veritate“ von 2009 kritisiert der Pontifex, die „einseitige Logik des eigenen Nutzens und des maximalen Profits“ hemme die harmonische Entwicklung der Menschheitsfamilie. „Wie könnte man gleichgültig bleiben angesichts von Phänomenen wie dem globalen Klimawandel, der Verschmutzung von Flüssen und Grundwasser, der Zunahme von außergewöhnlichen Naturereignissen und der Abholzung in tropischen Gebieten?“ Sein Nachfolger Papst Franziskus bekräftigte im Juni 2015: „Die Erde, unser Haus, scheint sich immer mehr in eine unermessliche Mülldeponie zu verwandeln.“ Die „Wegwerfkultur“ und der „unhaltbare Lebensstil der Gegenwart“ könnten „nur in Katastrophen enden“.

Im Falle der Atomkraft haben wir verstanden, was wir für bestimmte Formen von Energie wirklich zu bezahlen haben, einschließlich aller Folgekosten und der Tatsache, dass wir diese Kraft nicht beherrschen können. Aber was ist mit der Power für Leib und Seele? Wie „sauber“ ist der Strom, den wir aus Macht, Geld, Unterhaltung und Karriere beziehen? Was müssen wir wieder vom Netz nehmen, ähnlich den Atommeilern, deren Risiken unkalkulierbar sind? Vor allem: Braucht es nicht auch Energien, die sich aus anderen Quellen speisen? Solchen, die über die einseitige Betonung materieller Dinge und einer Haltung hinausführen, mit der sich der Mensch zum Maß aller Dinge macht?

Echter Fortschritt misst sich nicht an modischen Einfällen oder daran, was nur irgendwie neu oder innovativ ist, sondern an Vernunft, Weisheit und den Überlieferungen des Glaubens, die sich als tragfähig herausstellten. Fortschritt ist nicht, was Leben zerstört, sondern Leben erhält und Zukunft möglich macht. Radikal und progressiv ist heute nicht mehr, gegen Atomstrom zu demonstrieren. Radikal ist, fragwürdige Standards zu überprüfen, die sich eingeschlichen haben wie Diebe in der Nacht. Bereit zu sein für neues Denken, offen für eine Welt-Anschauung, die wieder das Große und Ganze in den Blick nimmt.

Es kann keine stabile Moderne geben, die nicht auch verankert ist in einem Common Sense an Werten, Regeln und einem Bewusstsein, das sich nicht in der Selbstvergottung verschränkt. Die Welt bricht nicht nur am Nordpol mit dem Einsturz der Gletschermassen und in Südamerika mit der Vernichtung der Regenwälder zusammen. Sie bricht vor unserer Haustür zusammen. Sie bricht sogar in unseren Wohnungen zusammen. Sie beginnt mit der Rodung unserer geistlichen Regenwälder. Und es sind nicht nur die großen, sondern vielmehr die kleinen Dinge, die wir ungeniert geschehen lassen, die in ihrer Summe dann der Zivilisation das Wasser abgraben.

Noch nie gab es ein so breites Bewusstsein dafür, dass ein Weiter-So nicht möglich ist. Erstmals ist der Gedanke der Umkehr gesellschafts- und mehrheitsfähig geworden. Klar ist freilich auch: Wir können nicht jegliches Verhalten ändern. Wir können nicht komplett anders essen, anders arbeiten, andere Triebe haben. Erst recht nicht lassen sich diese Dinge per Verordnung regeln. Ist es nicht auch eine Form von Hybris, wir könnten ganz aus eigener Kraft diese komplizierten Systeme der Erde, die das Leben auf dem Planeten ermöglichen, wieder ins Reine bringen?

Die Chance der Krise ist: Sie schärft die Sinne für das Leben. Sie zwingt uns, Veränderungen vorzunehmen, zu denen wir ohne den äußeren Druck niemals bereit wären. Es ist nicht mehr alles zu haben. Man muss für das, was man will, wieder stärker kämpfen. Und man muss sich bewusst werden, was man wirklich braucht. Der Blick auf die Apokalypse gibt dabei der Zukunft den Ernst, der ihr inne liegt, und der Gegenwart die Hoffnung, die wir brauchen, um leben zu können; um uns nicht nur zu empören, sondern auch Verantwortung zu übernehmen.

kath.net-Buchtipp
Welt auf der Kippe
Zu viel, zu laut, zu hohl - macht Schluss mit dem Wahnsinn
Von Peter Seewald; Jakob J. Seewald
Illustriert von Katharina Bitzl
Taschenbuch, 272 Seiten
2015 Ludwig, München
ISBN 978-3-453-28074-8
Preis 19.60 EUR

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Foto oben © Ludwig Verlag








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