23 Mai 2016, 12:30
Psychiater Bonelli: Schamgefühl wichtig für Persönlichkeitsreifung
 
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Neurowissenschaftler Bonelli bei Wiener Fachtagung: Alarmgefühl des Menschen schützt auch seine Innerlichkeit - Gesund gelebte Scham wäre "starke Botschaft" der Kirche

Wien (kath.net/KAP) Nachdem das Schamgefühl seit 1968 fast ausschließlich negativ besetzt war, werden dessen Funktionen von der psychologischen Forschung zunehmend wiederentdeckt: Das hat der Psychiater Raphael Bonelli am Montag im Interview gegenüber "Kathpress" berichtet. "Immer mehr Publikationen zeigen, was wir verlieren, wenn alles erlaubt ist. Das Schamgefühl schützt die Intimität, sowie in Folge auch die Innerlichkeit und Persönlichkeitsreifung eines Menschen. Fehlt es, wird er fremdbestimmt und Übergriffe sind vorprogrammiert", so der Neurowissenschaftler, der am Samstag eine Fachtagung in Wien zum Thema geleitet hat.

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"Derzeit glaubt die Gesellschaft, sie habe Anspruch auf die Intimität jedes Menschen", so Bonellis Beobachtung zu etlichen TV-Formaten oder zum Umgang etwa mit Fehltritten von Spitzenpolitikern. Intimste Probleme würden hier oft preisgegeben und Details über das Liebesleben ausgewalzt in einer Weise, die die Persönlichkeit stark einschränke. Die allgemeine Einstellung, die Öffentlichkeit habe ein "Recht darauf, alles zu wissen", sei jedoch "absurd", betonte der Direktor des Instituts für Religiösität in Psychiatrie und Psychotherapie (RPP) an der Sigmund Freud Universität.

Scham sei ebenso wie Schuld und Schmerz ein Gefühl, das Unstimmigkeiten anzeige, dabei aber kognitiv überprüft werden müsse, da es zu Recht oder auch zu Unrecht bestehen kann, so Bonelli. In der Psychologie sei das Schamgefühl in den vergangenen Jahrzehnten nur in seiner übertriebenen, pathologischen Form gesehen worden. Diese gebe es durchaus. "Ein Zuviel kann sich in Störungen des Essverhaltens oder des Körperbildes äußern." Besonders Mädchen würden sich oft zu Unrecht für zu dick halten und sich aus Scham verstecken; ähnlich würden die meisten Schönheits-OPs auf bloße Einbildungen eines fehlgeformten Körpers zurückgehen.

Ebenso bedenklich ist laut dem Experten jedoch auch das andere Extrem der heute weit verbreiteten fehlenden Scham. Vergleichbar sei dies mit anderen Grundfunktionen des Menschen: Dem Schmerzgefühl, dessen Ausbleiben den Körper in Gefahr der Verwundung bringt, sowie dem Schuldgefühl, welches "das 'Du' in der Beziehung schützt". Bonelli: "Scham ist eng mit Schuld verbunden, denn beide kommen nur beim Menschen vor und beide existieren nur in zwischenmenschlicher Beziehung. Scham soll hier dafür sorgen, dass das 'Ich' nicht verletzt wird, und erlaubt somit erst stabile, verlässliche Bindungen."

Fruchtbare Konfrontationen

Alle drei monotheistischen Religionen hätten dies erkannt und die Scham in ihren Moralgesetzen festgeschrieben, betonte der Psychiater. Wenn heute islamisch geprägte Kulturen dies zuspitzten und mit Ehre verknüpften, sei dies für die im anderen Extrem verhafteten Gesellschaften enorm herausfordernd. Bonelli glaubt hier dennoch an die Chance einer "fruchtbaren Konfrontation": "Wichtig wäre auf beiden Seiten zu überlegen, um was es bei diesen Konfliktthemen eigentlich geht. Mitunter verweist das, was hier etwa im Beispiel der Burka sehr exzessiv gelebt wird und Anstoß erregt, im Grunde auf eine gesunde Wurzel."

Auch das Christentum habe in dieser Debatte eine "starke Botschaft" anzubieten: "Das Schamgefühl weist auf die Innerlichkeit und Intimität des Menschen - einschließlich der Dimension seiner Geschlechtlichkeit und Sexualität - hin, die ihn ausmacht und die schützenswert ist und mit der nicht wahllos umgegangen werden kann", brachte dies Bonelli auf den Punkt. Die Kirche würde den Menschen in ihrer Entwicklung und ihren Beziehungen helfen, wenn sie diese Sicht wieder mehr zur Sprache bringe.

Senger: Schrankenlosigkeit falscher Weg

Bonelli äußerte sich am Rande der interdisziplinären Fachtagung "Scham und Anstand", zu dem am Samstag 400 Psychiater, Psychologen und Psychotherapeuten in das Wiener Palais Liechtenstein gekommen waren. Die Veranstaltung des RPP-Instituts wurde vom Rektor der Sigmund Freud Universität, Alfred Pritz, eröffnet und stand unter dem Ehrenschutz von Kardinal Schönborn.

Bei der Tagung gestand die Psychologin Gerti Senger in ihrem Referat über die Funktion des Schamgefühls selbstkritisch ein, dass sie lange Zeit der schrankenlose Schamlosigkeit das Wort geredet habe. Heute wisse sie es besser und habe den Wert des Schamgefühls als wichtigen Bestandteil des reifen Menschen erkannt. Der Hormonspezialist Johannes Huber warnte indes davor, den Kindern mit unangemessener Sexualaufklärung die Scham zu nehmen.



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