16 Oktober 2017, 12:00
'Unser Missions-Wille und unsere Missions-Kraft sind schwach geworden'
 
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„Wer Ziele proklamiert, die nicht direkt der Gesellschaftverbesserung dienen, mag gegenwärtig mancherorts auf Unverständnis stoßen – nicht nur außerhalb der Kirche.“ Predigt zum Missionssonntag. Von Paul Josef Kardinal Cordes

Wien (kath.net/pl) kath.net dokumentiert die Predigt von Paul Josef Kardinal Cordes (Archivfoto) am 8.10.2017 in der Wiener Franziskaner-Kirche zum Missionssonntag in voller Länge und dankt ihm für die freundliche Erlaubnis zur Veröffentlichung. (Mt 21, 33–44)

Österreich eröffnet heute den Monat, der im ganzen Land die Weltmission fördern soll. Professor Karl Wallner, Rektor der Hochschule Heiligenkreuz und Nationaldirektor der Päpstlichen Missionswerke hat mich eingeladen, aus diesem Grunde mit Ihnen heute die heilige Eucharistie zu feiern. Ich danke ihm für diesen Auftrag.

Als Präsident des Päpstlichen Rates Cor unum hatte ich viele Jahre hindurch die Ortskirchen aller Kontinente zu besuchen, besonders wenn sie von Kriegen zerstört oder von Katastrophen verwüstet worden waren. Ich habe dann immer wieder die Treue der Brüder und Schwestern bewundert, in Elend und Bedrohung mit Hingebung und Opfersinn ihren Glauben zu leben; bin wohl dann und wann auch des Geschenks inne geworden, dass wir zu Hause in Frieden und sozialer Sicherheit unser Christsein leben dürfen. Nicht zuletzt aus diesem Grunde sollten wir die bedürftigen Ortskirchen der Catholica nicht vergessen. Wir haben diese Dankespflicht. Schon der Völkerapostel Paulus fordert in seinen Briefen mehrfach die Gläubigen auf, die notleidenden Gemeinden anderer Länder materiell zu unterstützen. Solche Aufrufe nehmen in seinen Briefen – etwa im 2. Korinther-Brief - viel Raum ein, und der Leser mag sich wundern, wie wichtig dem großen Theologen solche Freigiebigkeit für andere war.

Dass mit der Weltmission Kollekten und Projekte verbunden sind, ist gute kirchliche Tradition; das Missionswerk schaut ja auf eine schon fast 200-jährige Geschichte zurück. Weniger selbstverständlich mag es heute dem einen oder andern Christen erscheinen, dass die Kirche überhaupt noch versucht, das Evangelium in die Welt zu tragen. Ist Mission heute wirklich noch gefragt, ist sie überhaupt noch vertretbar? Mit dieser Frage meine ich eine solche Mission, die sich nicht auf Entwicklungshilfe beschränkt; die nicht nur die Hungersnot bewältigen will, die Frieden stiftet, die Hygiene bringt und Gesundheitsdienst; für solche Belange hat ja jeder vernünftige Mensch Verständnis. Und gerade bei meinen Reisen in Notstandsgebiete hat sich mir die Unverzichtbarkeit solchen kirchlichen Engagements immer wieder bestätigt.

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Doch darüber hinaus gibt es allerdings die Mission in ihrem originären Sinn, die primäre Mission: Verkündigung des Evangeliums; Aufruf zur Umkehr; Sammeln von Gemeinden; Gewinnen von Priester-, Ordens- und Schwestern-Berufen; die Verbreitung des Glaubens an Gott und dessen Verehrung um seiner selbst willen. Wer jedoch Ziele proklamiert, die nicht direkt der Gesellschaftverbesserung dienen, mag gegenwärtig mancherorts auf Unverständnis stoßen – nicht nur außerhalb der Kirche.

Als ich vor Jahrzehnten Theologie studierte, propagierte ein bekannter theologischer Autor in seinem Buch „Fundamentalkatechetik“ (1968): katholische Mission dient der Aufgabe, dass der Buddhist ein besserer Buddhist wird; katholische Eiferer sollten die Finger von andern Religionen lassen. Heute kursieren neue Thesen, die uns auf andere Weise verunsichern. Da gibt es die Forderung nach mehr Toleranz, die – im Alltagsjargon verstanden – Glaubensinhalte erst gar nicht festgelegt, geschweige denn verbreitet wissen will; oder manche Intellektuelle betreiben die generelle Absage an jeglichen Wahrheitsanspruch – der Philosoph Robert Spaemann nennt diese Glaubensleugnung den „antidogmatischen Relativismus“. Schließlich ist als Verkürzung des Christentums die Empfehlung vom „vorbildlichen Leben“ in Umlauf: man tritt dann vor allem ein für „Gerechtigkeit, Friede und Bewahrung der Schöpfung“. Wahrlich: das Feld primärer Mission ist heute vielfach vermint; Christen sind zu neuem Einsatz anzuspornen; Papst Benedikt brachte in seiner Fastenbotschaft 2006 diese Christen-Pflicht auf die kurze Formel: „Wer nicht Gott gibt, gibt zu wenig.“

Denn wir dürfen die Mitte von Gottes Heilstun am Menschen nicht totschweigen. Was die Jünger Jesu Petrus und Johannes in der Apostelgeschichte gegen das Urteil des Hohen Rates einwenden, gilt nach wie vor: „Wir können unmöglich schweigen über das, was wir gehört und gesehen haben“ (4,20). Genau diesen Satz hebt darum Papst Johannes Paul II. zur Begründung des Missionsauftrags für die Kirche unserer Tage hervor, in der Enzyklika „Redemptoris missio“ aus dem Jahr 1990. Ihre Eindeutigkeit hat nichts eingebüßt und ihre Relevanz inzwischen eher zugenommen. „Warum Mission?“ fragt der Papst. Und antwortet: „Die Kirche, und in ihr jeder Christ, kann dieses neue Leben (in Christus) und seinen Reichtum weder verbergen noch für sich allein zurückhalten, da dies alles von der göttlichen Güte gegeben wurde, um allen Menschen mitgeteilt zu werden“ (Nr. 11).

In dem päpstlichen Lehr-Text steckt freilich nicht nur die Klarheit der fortdauernden Verpflichtung. Wenn die Apostel das Redeverbot ablehnen, so enthüllt sich indirekt den Grund, warum unser Missions-Wille und unsere Missions-Kraft schwach geworden sind: Nur von Gottes Großtat durchdrungene Zeugen treibt es zum Apostolat. Oder um eine Volksweisheit einfach, aber zutreffend abzuwandeln: „Das Herz kann nur von dem überfließen, von dem es voll ist.“ Wenn es allerdings um unser „angefülltes, brennendes Herz“ geht, dann kommt uns das Evangelium des heutigen Sonntags geradezu wie gerufen.

Wir haben das Herren-Gleichnis von den „bösen Winzern“ für die Eröffnung des Monats der Weltmission nicht eigenmächtig ausgewählt; er ist nach der liturgischen Ordnung des Kirchenjahres für heute vorgesehen. Gottes Vorsehung scheint uns also mit diesem Abschnitt einen besonderen Hinweis geben zu wollen. Denn der Text ist streng, nicht pastoral pflegeleicht und emotional gewinnend – wie wir Gottes Wort heute oft genug heraussuchen und lieben. Christus verkündet des ewigen Vaters fortdauerndes Ringen, sein Volk möchte sich doch seinem Heilswillen öffnen. Wieder und wieder sendet der Herr des Weinbergs Boten, damit die Erwählten in gebührender Weise auf seine Liebe und seinen Willen eingehen. So sehr ist er innerlich bewegt und beteiligt, dass er schließlich selbst seinen geliebten Sohn riskiert; er denkt: „Vor meinem Sohn werden sie Achtung haben.“ Wie die Geschichte für die Juden ausgeht, wissen wir. Und bei uns? Müssen wir uns nicht neu erschüttern lassen vom Liebes- und Erlösungswillen des Vaters – damit sich unser Herz füllt mit geistlichen Enthusiasmus und neuem Missionseifer?

Echte Betroffenheit von der Missionsidee weckt dann einen Impuls, der existenziell ist. Das Gewinnen für Gottes Vatergüte erscheint nicht länger delegierbar. Auf einmal tritt zutage, dass sie für jeden Christen aus dem Getauft- Sein folgt. Der Vater hat nicht nur Propheten zu Vorläufern seines Sohnes gemacht; alle Getauften sind gesandt, die Mitmenschen für Christi Evangelium zu gewinnen. Gott will jeden von uns als Partner Jesu Christi für dessen Erlösungswerk.

Hier nun treffen wir heute auf seelische Sperren, die schlechter aufzubrechen sind als Kollektenphobie oder falsch verstandene Toleranz. Engagiertes Apostolat des einzelnen Christen steht nämlich absolut quer zur Mentalität unserer Tage. Nach unserm Selbstverständnis heute ist der Kunde König. Die Institution Kirche ist verpflichtet, dass mir ihre Produkte zur Verfügung stehen; sie ist gleichsam das Versorgungsdepot, bei dem das Erwünschte einklagbar wird. Man ist überzeugt: Ich habe Rechte; meinen Erwartungen muss entsprochen werden; die Ware ist mir frei Haus zu liefern, wenn ich bezahle – auch mit der Kirchensteuer. Solche Versorgungsmentalität und jedes Anspruchsdenken steht damit absolut konträr zum Christsein. Wer Taufe recht versteht, bei dem kippt Passivität in Engagement. Eine Wunschvorstellung für Idealisten?

Ein Ehepaar aus sogenannten besseren Kreisen. Beruflich angesehen und gesellschaftlich geachtet. Eine gesunde Familie, erfreuliche Kinder. Doch sie suchen mehr, und irgendwann gebe ich ihnen eine Anregung. In einer längeren Glaubensschule geht ihnen zunächst die Selbstbezogenheit ihrer eigenen Frömmigkeit auf. Dann entdecken sie in ihrer Umwelt Fälle von erschreckender Unerlöstheit. Sie werden zunehmend sicher: Gottes Wort und die Gemeinschaft der Kirche kann Menschen heilen. Nicht ohne Zittern lassen sie sich darauf ein, ihre eigene Erfahrung andern mitzuteilen: sie werden zu Glaubenszeugen. Sie erleben, wie ihnen eine neue Welt aufgeht: Wie beglückend es ist, andern gläubige Hoffnung zu geben – durch das Wort des Lebens. Sie erfahren, dass die Hinführung anderer zu Gott innerlich reich macht. So viel Glück wird ihnen geschenkt, dass sie nach einigen Jahren ihres Engagements zu mir kommen und sich beschweren: Nicht für die zeitraubenden Gespräche mit andern Suchenden; nicht weil der eine oder andere sie kritisiert, sie ließen sich nicht mehr bei den üblichen gesellschaftlichen Verpflichtungen blicken; nicht weil den Nachbarn ihr intensiver Einsatz für das Evangelium verdächtig erscheint. Sie machen mir einen ganz andern Vorwurf: „Warum ist uns nicht schon viel früher gezeigt worden, dass wir selbst missionieren können? Warum haben wir so viel Zeit vertan, bevor wir dies Wunderbare am Christsein entdeckten?“ Solche Kraft hat Christi Erlösungsbotschaft bis heute – überall da, wo sich Glaubenstäter finden, denen Versorgungsmentalität nicht länger genügt. Allerorten haben sich in vielen Aufbrüchen neue Glaubensgemeinschaften nach dem Konzil zusammengeschlossen. Ihre Männer und Frauen entdeckten etwas Faszinierendes. Sie wurden aus Konsumenten zu Akteuren.

Liebe Schwestern und Brüder, wir sind zur großen Danksagung der Kirche versammelt. Liturgische Vollzüge, das festliche Gotteshaus und die Musik helfen uns zur Andacht. Gottes Wort bestärkt uns im Glauben und weckt neue Hoffnung. Im Sakrament lädt Jesus Christus jeden einzelnen von uns ein zur tiefsten Gemeinschaft mit ihm. So vergegenwärtigt sich Christi freiwillige Selbsthingabe am Kreuz und sein definitiver Sieg über allen Tod erneut in unserer Mitte. Allerdings meint solch erhebendes Geschehen nicht allein die, die sich um den Altar versammeln. Selbst in der Feier der Eucharistie zielt Gott nicht nur auf unser eigenes Heil. Wir sind nicht nur Destinatoren, sondern auch Multiplikatoren.

Wir kennen alle den Entlassungsruf am Ende der Hl. Messe: „Ite, missa est.“ Entsprechend seiner liturgischen Wurzel, die schon bei dem Kirchenvater Chrysostomus zu finden sind (Vgl. J.A. Jungmann, Missarum sollemnia, II 536), wird er gewöhnlich übersetzt mit den Worten: „Gehet hin in Frieden!“ – gewiss in der heutigen Daseins-Konfusion kein müßiges Ansinnen. Aber der heilige Papst Johannes Paul wollte offenbar, dass die Liturgie über den Gottesdienst hinaus ausstrahlte. So fügte er in der „Editio typica tertia“ des „Missale Romanum“ von 2002 dem traditionellen Abschlusswunsch des Zelebranten einen neuen Entlassungsruf hinzu. Er lautet: „Geht, das Evangelium zu verkünden!“ (Missale Romanum Editio typica tertia, Vaticano 2007, Nr. 144.) Eucharistie ist auch Auftrag. Der Monat der Weltmission drängt dazu, diesen Auftrag einzuüben.

kath.net-Buchtipp
Dein Angesicht GOTT suche ich
Von Paul Josef Kardinal Cordes
Hardcover, 304 Seiten
2017 Media Maria
ISBN 978-3-945401-36-1
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Paul Josef Kardinal Cordes stellte in München sein neustes Buch vor - Mit dabei: Bundestagsvizepräsident Johannes Singhammer und Dr. Anselm Blumberg




Archivfoto : Kardinal Cordes predigt beim Forum Deutscher Katholiken im Fuldaer Dom (c) Bistum Fulda







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