15 Oktober 2018, 11:15
„Mich verblüfft der geradezu aggressive Tonfall des Interviews“
 
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Augsburger Theologe Hartl zu Kritik an MISSION MANIFEST und Augsburger Gebetshaus: „Ich frage mich, ob Prof. Nothelle-Wildfeuer ein anderes Buch vorliegen hatte“ – „Uns liegt all das fern, was sie uns unterstellt“. kath.net-Interview von Roland Noé

Augsburg (kath.net/rn) „Ich frage mich schon, ob Prof. Nothelle-Wildfeuer ein anderes Buch vorliegen hatte oder aus welchen Gründen auch immer sie dem Mission Manifest Aussagen unterstellt, die wir explizit und ausdrücklich ablehnen. Geht so theologisch verantwortungsvoller Diskurs?“ Das sagte der Leiter des Gebetshauses, Johannes Hartl, im kath.net-Interview über die Kritik der Professorin Ursula Nothelle-Wildfeuer an MISSION MANIFEST und am Augsburger Gebetshaus. Nothelle-Wildfeuer ist Professorin für Christliche Gesellschaftslehre an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität in Freiburg und Beraterin der Kommission für gesellschaftliche und soziale Fragen der Deutschen Bischofskonferenz. Der promovierte Theologe Hartl fragte nach Kritik an angeblichen Aussagen eines anonym bleibenden „Gebetshaus-Anhängers“ umgekehrt: „Wie klänge es, wenn ich sagen würde, ein Bekannter von mir habe eine Aussage von Frau Nothelle-Wildfeuer so und so verstanden – und ich nähme diese Aussage zum Gegenstand einer theologischen Kontroverse? Ich bin mir sicher, dass solche Argumentationen doch eher untypisch für eine Wissenschaftlerin vom Format von Prof. Nothelle-Wildfeuer ist.“ Die Theologieprofessorin hatte sich im Interview mit Madeleine Spendier bei „katholisch.de“ zu ihrem gemeinsam mit dem Freiburger Fundamentaltheologen Magnus Striet herausgegebenenen Buch „Einfach nur Jesus?: Eine Kritik am "Mission Manifest" (Katholizismus im Umbruch)“ geäußert.

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kath.net: Herr Dr. Hartl, immerhin machten zwei Theologieprofessoren sich die Mühe, ein ganzes Buch mit Kritik an „Mission Manifest“ zu schreiben. Ärgert Sie das – oder freut Sie das eher?

Hartl:
Das finde ich großartig. Denn genau das wollten wir: eine – gerne auch kontroverse – Diskussion über das Thema anzustoßen. Wir müssen über Mission sprechen und über Evangelisation. Wir freuen uns, dass das Thema gerade an vielen Stellen aufgegriffen wird, denn es ist an der Zeit.

kath.net: Eigentlich dürften Sie sich mit Prof. Nothelle-Wildfeuer sogar in vielem einig sein. So erläutert sie beispielsweise im Interview, dass die Diakonia, also „der Dienst an Menschen und Gesellschaft“, „konstitutiv für die Identität von Kirche“ sei. Für wie wichtig stufen Sie die kirchliche Diakonia?

Hartl:
Selbstverständlich ist Frau Nothelle-Wildfeuer voll zuzustimmen. Noch mehr gefreut hätte mich, wenn sie die zahlreichen Stellen in „Mission Manifest“ nicht überlesen hätte, in denen wir ausdrücklich von der diakonischen Dimension des Glaubens sprechen (etwa auf den Seiten 23, 33 oder 34).

Richtig abenteuerlich wird es, wenn die Theologin behauptet, Mission Manifest propagiere eine Elitekirche, die im Widerspruch von Papst Franziskus’ Rede von der Kirche als „Lazarett für Kranke“ steht. Nun, eben genau jenes Papstzitat findet sich auf Seite 117 unseres Buches.

Nun frage ich mich schon, ob Prof. Nothelle-Wildfeuer ein anderes Buch vorliegen hatte oder aus welchen Gründen auch immer sie dem Mission Manifest Aussagen unterstellt, die wir explizit und ausdrücklich ablehnen. Geht so theologisch verantwortungsvoller Diskurs?

kath.net: Auch bei folgender Aussage von Prof. Nothelle-Wildfeuer würde ich Ihre volle Zustimmung erwarten, Herr Hartl: „Unser Glaube ist kein Glaube, bei dem man den Verstand an der Garderobe abgibt. Wir brauchen eine fundierte und kritische Auseinandersetzung mit Glaubensinhalten, sonst wird er fundamentalistisch. Und es braucht eine Auseinandersetzung mit der Entwicklung in der Gesellschaft, sonst wird es weltfremd.“ Wie stufen Sie aber die Kritik ein, dass in „Mission Manifest“ die Theologie „komplett ausgeklammert werden“ soll? Und: Wieviel „Theologie“ und wieviel „kritische Auseinandersetzung mit Glaubensinhalten“ findet sich eigentlich landauf, landab in normalen Pfarrgemeinden?

Hartl:
Auch hier verblüfft mich der geradezu aggressive Tonfall des Interviews und die Wucht der Unterstellungen. Ist der Theologin unbekannt, dass es innerhalb der neuen geistlichen Bewegungen und auch in den von ihr scheinbar zuvörderst mit Sektierertum assoziierten Freikirchen durchaus intensiven theologischen Diskurs gibt? Oder gefallen schlichtweg die theologischen Inhalte nicht, weil sie zu wenig liberale und historisch-kritische Kategorien rezipiert?

Doch dass Mission Manifest kein theologisches Fachbuch ist, das steht außer Frage.

Nun liegt bald eine fachtheologische Kritik vor und auf diese wird es auch eine fachtheologische Antwort geben. Eine solche theologische Kontroverse gab es auch schon in der „Herder Korrespondenz“ zwischen dem Fundamentaltheologen Aron Langenfeld und mir. Weitere Symposien und Texte werden folgen.

kath.net: Prof. Nothelle-Wildfeuer zitiert einen „Gebetshaus-Anhänger“, der angesichts von Fragen nach „dem Sinn und dem Warum von Krankheit und Leid“ geantwortet haben soll, „der kranke Mensch früher wohl zu wenig gebetet habe, sonst wäre er jetzt nicht so krank“. Über diese – dem Gebetshaus ja fremden – Antwort kann man sich, gemeinsam mit der Theologieprofessorin, wirklich nur entsetzen.

Hartl:
Auch hier wieder kann ich nur den Kopf schütteln. Ist das Zitieren nicht näher erwähnter Bekannter vom Hörensagen tatsächlich Mittel der Wahl einer niveauvollen inhaltlichen Auseinandersetzung?

Wie klänge es, wenn ich sagen würde, ein Bekannter von mir habe eine Aussage von Frau Nothelle-Wildfeuer so und so verstanden – und ich nähme diese Aussage zum Gegenstand einer theologischen Kontroverse? Ich bin mir sicher, dass solche Argumentationen doch eher untypisch für eine Wissenschaftlerin vom Format von Prof. Nothelle-Wildfeuer ist.

Dass eine so absurde Aussage nicht nur niemals von mir oder einem der anderen Initiatoren gemacht wurde, liegt auf der Hand. Eine kurze Recherche meiner öffentlich einsehbaren Vorträge auf YouTube etwa zu den Themen „Leid und Scheitern“ hätte das exakte Gegenteil gezeigt.

Mir scheint es hilfreich, das, was man mit schwerem verbalen Kaliber kritisiert, doch erst einmal hinreichend anzusehen. Auch ist mir nicht bekannt, dass Frau Nothelle-Wildfeuer schon einmal bei einer jener Veranstaltungen war, über die mit scharfen und schärfsten Worten zu urteilen sie nicht zögert.

kath.net: Wir leiden derzeit an einer steigenden Polarisierung in der Gesellschaft wie in der Kirche. Menschen wandern in Filterblasen ab und werden zunehmend unfähig, mit Positionen umzugehen, die nicht ihren eigenen Einschätzungen entsprechen. Für die katholische Kirche, die ja schon immer verschiedenste Strömungen in sich vereinigt hat, wird dies als gefährliche, ja spalterische Entwicklung eingestuft. Wie werten Sie deshalb die Wortwahl von Prof. Nothelle-Wildfeuer? Ich zitiere: „Das Gebetshaus und seine Anhänger haben Züge von einer sektiererischen Ausrichtung“, sagt sie beispielsweise. Ihre Reden, Herr Hartl, zeigten „Schwarz-Weiß-Malerei“ und „demagogische Züge“, dies würde „viele betören“.

Hartl:
Ich denke es würde etwas helfen, verbal abzurüsten und sich in der Kritik auf das zu beschränken, was tatsächlich gesagt oder geschrieben wurde. Das ist dann auch ein erster Schritt gegen Schwarz-Weiß-Malerei und Lagerbildung.

kath.net: Ganz konkret: Wieviel Meinungsvielfalt schätzen Sie eigentlich in unserer Kirche, Herr Hartl –wieviel Freiheit für die eigene Meinung geben Sie und erwarten Sie auch umgekehrt von anderen aktiven Kirchenmitgliedern? Welchen Wunsch hätten Sie da an Prof. Nothelle-Wildfeuer?

Hartl:
Ich freue mich sehr auf den weiteren Diskurs und bin dankbar für die inhaltliche Beschäftigung mit Mission Manifest.

Ob einem solchen Dialog tatsächlich dadurch optimal gedient ist, wenn man den Gesprächspartner erst einmal vorsorglich als demagogischen Sektierer bezeichnet, ist vielleicht eine nicht ganz unwesentliche Frage des zwischenmenschlichen Stils… Aber die Tür zum Gespräch ist natürlich von unserer Seite her weit offen.

kath.net: Die Freiburger Theologieprofessorin zeigt sich verwundert, dass trotz der vielen Teilnehmer bei der letzten Mehr-Konferenz bisher nur 4.000 Personen das „Mission Manifest“ unterschrieben haben. Was möchten Sie ihr antworten?

Hartl:
Nun, es ging dabei ja nicht um die bloße Zustimmung zu einem theologischen Papier. Sondern um eine Selbstverpflichtung, konkret missionarisch tätig zu werden. Und dass innerhalb weniger Wochen 4000 überwiegend junge Menschen sagen, dass sie konkret anpacken wollen, ist doch ein Zeichen der Hoffnung. Auch, dass Mission Manifest in Paris begeistert aufgegriffen wurde und dieses Wochenende auch in Warschau vorgestellt wurde, ist doch wunderbar. Schade, dass Frau Nothelle-Wildfeuer sich darüber offensichtlich nicht freuen kann.

kath.net: Welche Anfrage(n) möchten Sie nun umgekehrt an Prof. Nothelle-Wildfeuer stellen?

Hartl:
Mir würde persönlich interessieren, woher ihre so deutlich spürbare heftige emotionale Abwehr gegen Mission Manifest kommt. Denn es scheint fast, als fühlte sie sich persönlich angegriffen.

Derweil liegt uns all das fern, was sie uns unterstellt.

Es geht eben nicht um kirchliche Lagerbildung, um Abwertung des Diakonischen oder Elitismus. Sondern um einen freudig-missionarischen Aufbruch. Ich glaube, dass Frau Nothelle-Wildfeuer diesem Anliegen nicht grundsätzlich ablehnend gegenüber steht. Deshalb würde ich mich freuen, wenn wir etwaige atmosphärische Verstimmungen oder eine der Hermeneutik des Verdachts geschuldeten Frontbildung durch konstruktiven Dialog und vielleicht auch einmal persönliches Kennenlernen entgegen wirken könnten.

Denn in der Kirche brauchen wir kein Gegeneinander, sondern ein Miteinander: die Welt da draußen wartet darauf.

Weiterführende Links:
- Alle vier deutschsprachigen Jugendbischöfe stehen bei derVorstellung von „Mission Manifest“ auf der #MEHR-Bühne

- Augsburger Weihbischof Wörner bei Abschlussmesse der #MEHR2018: Ich habe „Mission Manifest“ unterschrieben


kath.net-Buchtipp
kath.net-Buchtipp
Mission Manifest
Die Thesen für das Comeback der Kirche
Von Bernhard Meuser; Johannes Hartl; Karl Wallner
Taschenbuch, 240 Seiten
2018 Herder, Freiburg
ISBN 978-3-451-38147-8
Preis Österreich: 20.60 EUR

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Die Schweizer Bischofskonferenz machte Januar 2018 auf ihrer offiziellen Homepage auf Mission Manifest aufmerksam




Archivfoto Johannes Hartl (c) Gebetshaus Augsburg

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