25 Oktober 2019, 09:45
„Dringender Herzensappell während der Amazonassynode“!
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Dringender Herzensappell an alle verunsicherten und orientierungslosen Brüder und Schwestern im Glauben angesichts der aktuellen Entwicklungen während der Amazonassynode. Gastkommentar von Martin Hähnel

Eichstätt-Vatikan (kath.net) Was passiert eigentlich hierzulande und andernorts normalerweise im kirchlichen Alltag? Es werden regelmäßig Gottesdienste gefeiert, die Sakramente gespendet, Geistliche und Laien engagieren sich in karitativen Vereinigungen und im Bildungswesen. Man schaut, dass die Kirchengebäude instand gehalten werden, dass das Leben in der christlichen Gemeinschaft bestmöglich organisiert wird, damit jeder Gläubige darin seinen Platz finden kann. Es wird also versucht, die Bedingungen so zu gestalten, damit ein christliches Leben im Kleinen möglich ist.

Doch was geschieht gerade in Rom während der sogenannten „Amazonassynode“? Ist denjenigen, die ein christliches Leben im Kleinen führen (wollen) und auch sonst genug mit Familie und Beruf zu tun haben, klar, dass dort womöglich bald Dinge geschehen bzw. entschieden werden, die diesen Alltag vollständig verändern werden? Sicherlich sehnen sich einige wenige (vor allem aus dem deutschen Sprachraum) nach Veränderungen, aber macht sich der Großteil aller kirchennahen und kirchenfernen Gläubigen eigentlich bewusst, dass die Einführung von verheirateten Priestern und geweihten Diakoninnen einen tiefen Strukturwandel in den Gemeinden verursachen wird, der es unter anderem mit sich bringen wird, dass etwas verschwindet, woran wir uns schon lange gewöhnt haben und das wir eigentlich - wenn wir ehrlich zu uns sind - auch nicht missen wollen.

Um so erstaunlicher mutet es an, dass dieser gerade von einigen wenigen erzeugte Veränderungsdruck dazu genutzt wird, im derzeitigen Missbrauchsskandal - anstatt das Weihesakrament wieder zu stärken und die priesterliche Lebensform neu in den Blick zu nehmen -, eine günstige Gelegenheit zu sehen, um eine „neue Kirche“ zu erbauen, in der natürlich weiterhin Missbrauch getrieben und vertuscht werden kann. Doch wieso greift man hierfür gerade den Zölibat an? Der letztes Jahr verstorbene Robert Spaemann beschrieb die priesterliche zölibatäre Existenz einmal als „Provokation in der modernen Welt“, woraus folgt, dass wer die moderne Welt nicht mehr provozieren will, das geweihte Priestertum automatisch in seinem besonderen Wert herabzusetzen bestrebt ist. Dieses Priesterbild scheint vor dem Hintergrund des gegenwärtig immer wieder von Papst Franziskus vorgebrachten Klerikalismusvorwurfes tatsächlich in den Köpfen Einzug gehalten haben. Allerdings frage ich mich: Ist nicht das abscheuliche Verhalten des ehemaligen Kardinals McCarrick der schlimmste Fall von „Klerikalismus“?

Aber fragen wir noch weiter: Folgt aus der heute zu beobachtenden Abwertung des sakramentalen Charakters des Priesteramtes zugleich eine Aufwertung des vor allem von Martin Luther so hoch geschätzten „allgemeinen Priestertums“? Keineswegs, denn wo es keine Menschen mehr gibt, die in ihrem ganzen Wesen (und nicht nur ihrem Dienst nach) auf Gott ausgerichtet sind, dort wird es auch immer schwerer werden, Subjekt und Hüter seines eigenen, letztlich von Gott geschenkten Glaubens zu sein. Die Priesterexistenz sollte dabei über jegliche Rollenerwartung erhaben sein, um wieder ein Vorbild für die Allgemeinheit, mit der ein Priester „auf seine Art“ die wichtigsten Lebensbereiche teilt, zu werden.

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Ausgewählte Gründe für eine in der Amazonassynode sichtbare gewordene geistig-theologische Verwirrung

Kommen wir zur tagesaktuellen Problematik der Amazonassynode: Wie konnte es passieren, dass die Katholische Kirche gerade jetzt an einen Punkt gekommen zu sein scheint, an dem ihre Grundfesten auf so massive Weise erschüttert werden? In diversen, vornehmlich katholischen Nachrichtenportalen wurden bereits zahlreiche gute, mehr oder weniger theologische Gründen für diese Verwirrung benannt. Ich möchte an dieser Stelle noch fünf weitere Gruppen von Gründen anführen, die zusammen genommen ein Ursachenbündel bilden, das hoffentlich deutlich machen kann, wie ernst die derzeitige Lage der Kirche ist.

I.

Ein wichtiger Grund, weshalb die Synode der Kristallisationspunkt einer bestimmten Kirchenagenda zu sein scheint, ist historischen Ursprungs. Die Kirche der Moderne, vor allem seit dem 19. Jahrhundert, hat die Idee der göttlichen Vorsehung durch die Idee des Fortschritts ersetzt, was mit einer stetigen Verflüssigung der kirchlichen Dogmatik und einer schleichenden Relativierung moralischer Normen einhergegangen ist. Dieser Paradigmenwechsel, der in der Amazonassynode gewissermaßen seine Vollendung zu finden sucht, ist ein Kennzeichen dafür, dass das Christentum, zumindest in der westlichen Welt, immer mehr an kultur- und mentalitätsprägender Integrationskraft verloren hat. Mit diesem Verlust geht zugleich eine stetige Säkularisierung des Geistes einher, die in einem Aufkommen innerweltlicher Religionsvorstellungen mündet, deren Proprium Eric Voegelin als genuin „politisch“ charakterisiert hat. Nicht mehr - wie noch im Mittelalter, wo ein Denker wie Thomas von Aquin die „heidnische“ Philosophie des Aristoteles „taufen“ konnte - integriert das Christentum das Weltliche, sondern vielmehr das Umgekehrte ist der Fall. Die Anpassung der Katholischen Kirche an den weltlichen Zeitgeist, bedingt durch den verstärkten Eintrag gnostischer Elemente in deren Erlösungsprogramm, ermöglicht es, dass die Welt plötzlich spezifische gesellschaftliche Forderungen diktieren kann, denen die in ihrer Identität und Integrität geschwächten westlichen Kirche immer stärker nachgibt. Übrigens wollte Benedikt XVI. der sich in Rom und Deutschland aktuell abzeichnenden Vollendung dieses Umkehrprozesses Einhalt zu gebieten, indem er 2011 in Freiburg die Kirche dazu aufrief, sich zu „entweltlichen“.

Die Amazonassynode scheint also vor allem der erzwungene Abschluss eines historischen Prozesses zu sein und wir können vermuten, dass danach wirklich nichts mehr so sein wird wie vorher, d.h. dass damit auch ein kirchenpolitisches Programm, das sich in Deutschland als „synodaler Weg“ zu erkennen gibt, an sein Ende gelangt und - anders als die Synodenväter glauben - damit zugleich auch beerdigt wird. Doch wer unter den jüngeren Gläubigen, worunter ich mich auch zähle, kann diese intransparente Agenda der Synodenväter wirklich noch nachvollziehen? Wir, die wir die gesellschaftspolitischen Verhältnisse im Amazonas nicht wirklich gut einschätzen können und das 2. Vatikanische Konzil nur noch aus den Geschichtsbüchern kennen oder ständig eine bestimmte Interpretation davon vorgesetzt bekommen (man spricht dann meist vom einem etwas diffusem „Geist des Konzils“), verstehen unter einer „neuen Kirche“ nicht den abermaligen Aufguss einer von wenigen Kirchenvertretern und Laien gewollten, inzwischen sehr angestaubt erscheinenden sozialpolitischen Agenda. Vermutlich ist dieses Vorhaben, wie Kardinal Sarah jüngst bemerkt hat, lediglich der gedankliche Auswuchs eines „weltlichen und spiessbürgerlichen Christentums“, das die exotische Kulisse des Amazonas dazu nutzt, um seine partikularen Reformabsichten auf weltkirchlicher Ebene durchzusetzen. Die indigene Bevölkerung wird hier in schamloser Weise für ein Programm missbraucht, das letztlich gar nicht auf die lokalen Gegebenheiten im Amazonas eingeht. Welche spirituellen Bedürfnisse und ethischen Einstellungen die Menschen im Amazonas tatsächlich haben, wissen wir kaum bzw. können wir nur durch die Vermittlung von Personen wie Dom Géraldo Verdier erfahren (hierzu der Bericht von Christian Spaemann auf kath.net), der ein Zeugnis davon gibt, dass die Befreiungstheologie keineswegs als Theologie der Befreiung vom Zölibat zu verstehen ist, sondern als ein aufopferungsvoller, vom Evangelium geleiteter karitativer Einsatz für die Indigenen und Armen.

Halten wir kurz fest: Die Verhältnisse im Amazonas sind keineswegs auf Deutschland oder Europa übertragbar, was auch umgekehrt gilt. Wer das nicht glaubt, der kennt seine eigene Kultur genauso schlecht wie die fremde.

II.

Die Amazonassynode ist aus philosophischer Sicht ein gutes Beispiel dafür, dass Wahrheit und Vernunft keine objektiven Maßstäbe für moralisches Handeln mehr darstellen, sondern dass an deren Stelle diplomatische Schläue und strategisches Kalkül getreten sind. Viele Maßnahmen (wie z.B. das China-Abkommen des Vatikans) stehen im Dienste einer instrumentellen Vernunft, die sich nicht mehr länger an den Kriterien einer objektiven, d.h. immer gültigen Wahrheit, sondern am kurzfristigen gesellschafts- und kirchenpolitischen Erfolg orientiert. Augenfällig wird dies auch beim Thema „Klimaschutz“.

1. Es ist unvernünftig zu glauben, dass wir etwas („das Klima“) schützen zu können, das man so schlecht greifen und kontrollieren kann.

2. Es ist naiv (und damit auch unvernünftig) zu meinen, dass wir als Menschen unser „gemeinsames Haus“ zum Vorteile aller schützen können. Als Menschen sind und bleiben wir - ob wir es wollen oder nicht - Parasiten der Schöpfung. Zum Zwecke unserer Selbsterhaltung verbrauchen wir die vorhandenen Ressourcen und können dabei der Natur nicht das wiedergeben, was sie uns an Gutem bereits geschenkt hat.

3. Es ist unehrlich (und damit auch unvernünftig) zu behaupten, dass wir echte klimapolitische Ziele durchsetzen können, ohne unseren westlichen Wohlstand damit zu gefährden. So wurde immer wieder zu Recht darauf hingewiesen, wie umweltschädlich doch die mittels zahlreicher Flugreisen organisierten Zusammenkünfte von Politikern und Kirchenvertretern bei Klimakonferenzen sind. Und dass sich mit Klimaschutzpolitik auch noch Geld verdienen lässt, ist ein offenes Geheimnis.

4. Schließlich ist es utopisch (und damit auch unvernünftig) zu hoffen, dass eine mit pantheistischen Naturvorstellungen vereinbare „integrale Ökologie“ tatsächlich umsetzbar ist. Die Offenheit vieler Amazonassynodenväter für diese Idee unterschätzt die weitaus größere Macht der modernen technischen Zivilisation, jedes um seiner selbst willen geschätzte Phänomen zu einem wertlosen Objekt der instrumentellen Vernunft zu machen.

III.

Ein weiterer Grund, warum die aktuellen Ereignisse während der Amazonassynode viele Gläubige weder interessieren noch beunruhigen, ist soziologischer Natur. In dem Buch „Mass Exodus“ (Oxford University Press 2019) beschreibt der britische Soziologe Stephen Bullivant, wie die Katholische Kirche in der westlichen Welt in der zweiten Hälfte des 20. Jh. zu einem passiven Objekt eines sozialen Anpassungsdrucks geworden ist, das keine eigene Handlungsmacht mehr besitzt und damit auch zu wenig Attraktivität entwickeln konnte, um Gläubige für sich zu gewinnen oder weiterhin an sich zu binden. Daraus folgte, dass sich viele Katholikinnen und Katholiken von der Kirche entfernt haben, was bei den meisten zu einem „belonging without believing“ oder einer vollständigen Beendigung der Kirchenzugehörigkeit („disaffiliation“) geführt hat.

Es ist schon mehr als verwunderlich, warum die Katholische Kirche unserer Tage dieses Faktum entweder nicht richtig wahrnehmen kann oder bewusst relativiert. Auf signifikante Gläubigenzuwächse in Afrika oder Asien kann sie sich zu ihrer eigenen Verteidigung jedenfalls nicht stützen, da sich die Kirche und die dortigen gesellschaftlichen Bedingungen vom westlichen Christentum grundsätzlich unterscheiden. Womöglich liegt es vielmehr daran, so der amerikanische Religionssoziologe Peter Berger, dass religiös progressive Kreise, welche an vorderster Front der Amazonassynode wirken, „allgemein viel schlechtere soziologische Instinkte haben, obwohl sie sich mit Vorliebe auf die Soziologie berufen“. Die Moderne, das wissen wir seit Niklas Luhmann, hat sich zudem in verschiedene funktionale Systeme ausdifferenziert, was es zunehmend schwieriger bis unmöglich macht, von innen eine Außenperspektive auf das „System Kirche“ zu gewinnen. Wenn sich dann noch das „System Kirche“ strukturell an das System „säkulare Gesellschaft“ anzupassen versucht, dann werden plötzlich neue Erwartungen wachgerufen - zumeist sind das Rollenerwartungen an die Kirche und ihre Diener (z.B. Priesterbild) -, welche die Kirche glaubt erfüllen zu müssen („soziale Erwünschtheit“). In diesem Zusammenhang hat ein besonders gefährliches Phänomen Einzug in die Kirche, vor allem in die deutsche Kirche, Einzug gehalten - ich spreche vom sogenannten „Ressentiment“. Wenn Kleriker und Laien sich mit der „säkularen Gesellschaft“ und ihren ambivalenten Errungenschaften vergleichen und dabei feststellen, dass es dort Dinge gibt, die sie in ihrer eigenen Kirche nicht finden, daraus aber sogleich den Schluss ziehen, dass sie diese Dinge auch gern in „ihrer“ Kirche hätten, ist der Boden für das Gedeihen dieses Gefühls der Selbstvergiftung und Abwertung alles Höheren bereitet. Eine von Deutschland aus vorbereitete Kirche „mit amazonischen Gesicht“ wäre dann sozusagen das perfekte Ergebnis eines solchen ressentimentgeladenen Verhaltens, denn anstatt dasjenige wieder zu bejahen, was die Kirche von Christus ein für alle Mal und unentgeltlich empfangen hat (das sind die Sakramente), finden sich Gleichgesinnte zusammen, die glauben, „Neues“ in die Kirche tragen zu müssen. Letztlich fröhnt diese Gruppe mit ihrem Verhalten einem blinden Aktivismus, der dabei die guten Früchte der Tradition verhöhnt, dessen Ergebnis aber - das wage ich mit Blick auf die Synode zu prophezeien - keine wirkliche Freude hervorbringen wird.

IV.

Eng an die eben genannten soziologischen Gründe sind psychologischen Gründe gekoppelt, die durchaus zum besseren Verständnis der aktuellen Situation beitragen können. Viele führende Vertreter der Katholischen Kirche unserer Tage scheinen mehr und mehr den sensus fidel aller Gläubigen zu ignorieren. Anders lässt sich nicht erklären, wieso eine kleine Minderheit von Bischöfen, Priestern und Laien glaubt, in diesen Tagen für die gesamte Kirche sprechen zu können und sich dabei sogar als Spitze einer Avantgarde versteht, welche die Macht zur Durchsetzung tiefgreifender Reformen hat. Übrigens ist der Glaube an diese Macht nicht unberechtigt, wenn sich kein Widerstand formiert. Dieser Widerstand muss seine Quelle im sensus fidei der Gläubigen suchen, der seinerseits die Macht hat, die Dinge wieder in das Licht der Wahrheit zu rücken. Dieser Glaubenssinn macht nämlich skeptisch gegenüber verblüffenden Lösungsangeboten, wie sie gerade in Rom mehr oder weniger nebulös formuliert werden. Jener Glaubenssinn, der vor allem bei Laien ausgeprägt ist, die eine gesunde Distanz zum „System Kirche“ pflegen, kennt zudem die moderne Welt besser als so mancher Synodenvertreter, und zwar weil er hauptsächlich in ihr lebt. Damit weiß er auch, dass der aktuelle Reformprozess in der Kirche kein wirklicher Modernisierungsakt ist, der erfolgreich nach innen und nach außen wirken kann, sondern bloß die Nachahmung einer säkularen Außenperspektive darstellt, von der aus gesehen die Kirche etwas längst Überfälliges, wie die Abschaffung des Zölibats, nachholt. Übrigens ist es auch ein Trugschluss zu glauben, dass sich die gesellschaftliche Öffentlichkeit und diejenigen, die nicht an dieser Öffentlichkeit partizipieren, weil sie anderes (vielleicht auch Wichtigeres) zu tun haben, für die derzeitigen Ereignisse in Rom interessieren.

V.

Das vielleicht schnödeste Argument in dieser Aufzählung ist von ökonomischer Art. Wir alle wissen, dass die deutsche Kirche, welche maßgeblich an der Finanzierung der Synode und zahlreicher sozialkaritativer Projekten in Lateinamerika beteiligt ist, aufgrund der Kirchensteuer ziemlich reich ist. Es gibt Stimmen, die sogar behaupten, dass die deutsche Kirche deswegen noch nicht protestantisch geworden ist, weil sie ihre beträchtlichen Kirchengüter mit den evangelischen Brüdern und Schwestern nicht zu teilen bereit ist. Zu dieser Kirche passt es auch, dass sie nach den Worten von Kardinal Sarah glaube, allmächtig zu sein, weil sie ärmere Kirchen finanziere.


Das Studium der Gründe ist die eine Seite der Notwendigkeit, das sofortige Handeln die andere!

Wie sollen wir also konkret mit dieser drohenden Zerreissprobe der Kirche umgehen? Zunächst sollte festgehalten werden, dass der katholische Glaube seit jeher Ansprüche formuliert hat, die die wenigsten Gläubigen in der Realität erfüllen können - und das ist gut so bzw. macht letztlich auch die Einzigartigkeit der Katholischen Kirche aus. Werden diese hohen Ansprüche (wie z.B. der Zölibat) durch eine Synode relativiert und aufgegeben, verliert die Katholische Kirche nicht nur ihre Einzigartigkeit und Glaubwürdigkeit, sondern es wird damit auch ein Prozess in Gang gesetzt, der mit großer Wahrscheinlichkeit eine weitere Erosion des Protestantismus und vielleicht auch der orthodoxen Kirche nach sich zieht.

Daher sollten wir unser Herz nicht an ein Modell von Kirche verschenken, die sich in kleinen Zirkeln oder großen Plena über ihre Struktur, welche eigentlich gottgegeben, d.h. hierarchisch ist, einigt. Ich wünsche mir für die Zukunft der Kirche vor allem ein Ende konspirativer und separatistischer Aktivitäten, die sich in irgendwelchen Katakombenpakten (Link) oder Geheimbünden manifestiert. Nicht eine „neue Kirche“, welche durch eine Gruppe von in die Jahre gekommenen Kardinäle und Bischöfe installiert werden soll, möchte ich, sondern eine „erneuerte“, d.h. auch verjüngte Kirche, die eine bestimmte ideologische Auslegung des 2. Vatikanums überwindet und sich - ich zitiere hier abermals Kardinal Sarah -, „aller Lasten entledigt, um die Kirche aufscheinen zu lassen wie Gott sie geformt hat“.

Aber anstatt bestimmte Altlasten abzuwerfen, damit die Wahrheit neu aufscheinen kann, setzt man sich wieder die alten Hüte auf. Im Vatikan werden derzeit von einigen wenigen Klerikern und ausgesuchten Laien, welche ihrerseits immer wieder auf die Betonung und Förderung demokratischer Strukturen in der Kirche gepocht haben, diese Strukturen aber mit Hilfe des säkularen Mainstreams der Medien gerade unterlaufen, die Grundfesten für ein neues kirchliches Selbstverständnis errichtet. Sie brechen damit mit der Tradition auf eine noch nie dagewesene Weise, was sich unter anderem auch darin zeigt, dass einige zentrale Gedanken solch renommierter Theologen wie Hans Urs von Balthasar und Kardinal John Henry Newman, welche sowohl in liberalen als auch konservativen Kreise geschätzt werden, für eine ultraprogressistische Agenda missbraucht werden. So sei Balthasar, wie der italienische Liturgiker Andrea Grillo behauptet, jemand gewesen, der ein für alle Mal klar gestellt hätte, dass eine Rückkehr zur tridentinischen Messform unmöglich sei. Grillo unterschlägt dabei jedoch, dass Balthasar regionale Ausnahmen durchaus für sinnvoll, ja sogar für erforderlich erachtet, vor allem wenn der örtliche Klerus allzu progressistisch agiert; in diesem Fall, so Balthasar, „nähert sich die sogenannte ‚Rechte’ jener Mitte, aus der allein die erwünschte konziliare Erneuerung kann.“ Anders als einige Synodenväter und Interpreten seiner Theologie gern glauben, wollte Balthasar auch keine neue Kirche errichten. Vielmehr warnte er in seinen Schriften vor solchen Bestrebungen mit überaus deutlichen Worten: „Weder magische Programme, mit denen man Christus der Welt einformen möchte, noch Schwören auf Formen, die das Leben zurückgelassen hat, bringen das Heil, sondern die Konzentration auf die Gestalt der dreieinigen göttlichen Liebe.“ Mit prophetischem Blick auf eine zukünftige Amazonassynode bemerkt Balthasar zudem, dass wir uns stets vor einer „einfachen Ideologie des Dualismus von Unterdrückern und Unterdrückten“ hüten sollten und schliesst seine Ausführungen mit einem Zitat aus 2 Joh 9: „Jeder Progressist, der nicht in der Lehre von Christus verharrt, hat Gott nicht.“

Bei dem gerade eben heilig gesprochenen John Henry Newman wird diese Form der Zweckentfremdung noch deutlicher, wenn beispielsweise der Theologe Roman Siebenrock behauptet, Newman hätte, wenn er noch leben würde, die revolutionär-progressive Agenda der Amazonassynode unterstützt. Dem kann man nur mit dem Autor selbst entgegenhalten: „Die Lehre ist, wo sie war, und ebenso das Brauchtum, die Kirchenämter, die Grundsätze, das Verwaltungssystem. Da mögen Wandlungen sein, aber es sind Festigungen und Anpassungen; alles ist unzweideutig und bestimmt, mit einer Wesensgleichheit, die keinem Streit unterliegt.“ Und an anderer Stelle schreibt der Heilige: „Es ist die Eigenart des Kampfes zwischen Kirche und Welt, dass die Welt allzeit über die Kirche zu obsiegen scheint, die Kirche aber in Wirklichkeit immer die Welt überwindet. Königreiche steigen auf und fallen, Völker breiten sich aus und schrumpfen zusammen, Herrschergeschlechter beginnen und enden, Fürsten werden geboren und sterben; Bündnisse, Parteien, Gesellschaften, Zünfte, Genossenschaften, Verfassungen, Philosophien, Sekten und Häresien werden gegründet und lösen sich auf: sie haben ihren Tag, indes die Kirche unvergänglich ist - und doch, an ihrem Tag scheinen jene von großer Mächtigkeit.“

Wird also - und das ist wohl die spannendste Frage - auf der Amazonassynode für ein begrenztes geographisches Gebiet eine „neue Kirche“ mit einer neuen Lehre ausgerufen, welche dann zu einem Präzedenzfall für eventuelle Nachahmer auf deutschsprachigen Gebiet wird? Vieles deutet darauf hin, denn in diesem Fall könnte es sich um eine erneute Anwendung der fragwürdigen Amoris Laetitia-Logik handeln, welche bekanntlich besagt, dass aus bestimmten Einzelfällen oder Sondersituationen allgemeinverbindliche und für die Universalkirche gültige Handlungsempfehlungen abgeleitet werden können. Allerdings ist diese Form der Deduktion arbiträr und damit logisch auch nicht zwingend. Zwingend wäre sie nur dann, wenn der „Teil“ (d.h. der Einzelfall, die Sondersituation, die „pastorale Notlage“) selbst „ein Ganzes“ wäre und nicht stellvertretend für eine zu einem allgemeinen Fall gemachten kirchlichen Praxis (z.B. Interkommunion, verheiratete Priester) stünde. Ein solches „Ganzes“ kann dieser „Teil“ aber nur dann sein, wenn sich „das Ganze“ selbst in diesem „Teil“ repräsentiert. Die nominalistische Logik von Amoris Laetitia lässt diese Art der Selbstrepräsentation „des Ganzen“ im „Teil“ allerdings nicht zu, weil ihr zufolge jeder „Teil“ nur für sich stehen kann, was wiederum dazu führt, dass die Verallgemeinerbarkeit von Einzelfällen als eine logische und praktische Notwendigkeit nur auf Kosten der Loslösung „vom Ganzen“, das nach G.W.F. Hegel auch das Wahre ist, geschehen kann. Dies wäre allerdings ein häretischer Gedanke, gerade wenn „häretisch“ als Loslösung von einem Ganzen verstanden wird. Wie gesagt: Die Zeit der Absonderungen, Konspirationen und Alleingänge ist vorbei!

Ein letzter Appell

Welchen Appell habe ich zu guter Letzt noch an die Leserinnen und Leser meiner Ausführungen zu richten? Zunächst möchte ich betonen, dass es sich als Laie lohnt die Entwicklungen auf der Amazonassynode zu verfolgen, zu hinterfragen und gegebenenfalls gegen dort gefasste Beschlüsse, welche das depositum fidei verletzen, Widerstand zu leisten. Ich bitte ferner darum, dass wir nicht nur für den Papst beten, damit er durch eine Haltung des Geschehenlassens nicht zum Vollstrecker der in meinem Beitrag ausführlich geschilderten fragwürdigen Agenda wird, sondern dass sich alle, die Zugang zu ihrem Glaubenssinn, in welcher der gesunde Menschenverstand eingewoben ist, sich in die Diskussion einbringen, indem sie Briefe schreiben, Veranstaltungen organisieren, Petitionen einreichen und jede Gelegenheit nutzen, um mit seinen Mitmenschen ein vom Herzen und Verstand geleitetes Gespräch über die wahren Ziele der Kirche zu führen.

Dr. Martin Hähnel ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Bioethik an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt.

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