20 März 2015, 12:00
Eminenz Marx, I have a dream!
 
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BRIEFE aus SIENA: kath.net-Mitarbeiterin Victoria Bonelli schreibt an Persönlichkeiten der katholischen Kirche. Dieses Monat an Kardinal Marx, Erzbischof von München

Siena/Wien (kath.net)
Eminenz, hochwürdigster Kardinal Marx, Im Zusammenhang mit der Frühjahrsvollversammlung der deutschen Bischöfe in Hildesheim vor drei Wochen hat mich Ihre mediale Performance sehr nachdenklich gemacht. Mehr und mehr habe ich mich gedrängt gefühlt, Ihnen einen Brief zu schreiben. Aber ich hatte überhaupt keine Lust dazu: Erstens habe ich Ihnen schon einmal einen Brief geschrieben, den Sie noch nicht beantworten konnten.

Zweitens sind Sie so eloquent und bullig rübergekommen, dass ich als kleine Studentin der Kommunikationswissenschaft eigentlich nur mehr ... schweigen kann.

Als dieses innere Drängen aber nicht aufhörte, habe ich mich nach langem Nachdenken und Gebet doch durchgerungen. Mut gemacht hat mir neben meinem wachsenden Wissen als Kommunikationswissenschaftlerin auch das Bewusstsein meiner Weiblichkeit: ich glaube, Männer können gut (zu-) ordnen und systematisieren, aber Frauen erspüren mehr. Und das Spüren ist in der Kommunikation, auch in der medialen, extrem wichtig. Deswegen sehe ich übrigens das ideale Ehepaar darin, dass er ihre Wahrnehmungen ernst nimmt und ordnet, und sie seine Systematik wertschätzt und sich ordnen lässt – beide in hohem Respekt vor dem Talent des jeweils anderen. So erkläre ich mir das Bibelwort „der Mann ist das Haupt der Frau“. Das war jetzt natürlich kein Heiratsantrag (-:

„Wir sind keine Filialen von Rom!“ Sie haben diesen markigen Satz recht männlich-selbstbewusst ausgesprochen, der sich entsprechend medial verbreitet hat. Ich kann ihn auf der theologischen und intellektuellen Ebene natürlich nicht abschließend beurteilen. Dazu bin ich weder befugt noch befähigt. Sicherlich wird er in gewisser Weise nach dem Katechismus abgesichert und kirchenrechtlich wasserdicht sein. Aber ich habe als Frau trotzdem ein ungutes Gefühl dabei. Und mein Wissen der Kommunikationswissenschaft unterstützt diese Wahrnehmung. Lassen Sie mich versuchen, Ihnen das zu beschreiben. Der Kommunikationswissenschaftler Schulz von Thun betont immer, dass jede Äußerung neben der Sachebene noch andere Dimensionen der Botschaft beinhaltet: die Selbstoffenbarung, die Beziehungsseite und die Appellseite.

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„Wir sind keine Filialen von Rom!“ Da schwingt in der Dimension der Selbstoffenbarung eine emotionale Empörung mit, als ob es eine unanständige Sache sei, eine „Filiale“ vom Sitz des Nachfolgers Petri zu sein – dem Fels, auf dem die Kirche ruht und nicht untergehen wird. Also ob es eine beleidigende und diffamierende Unterstellung wäre, wenn jemand das von der deutschen Kirche behaupten würde. In der trockenen Analyse dieses Satzes und seiner Wirkungen auf den Rezipienten fragt man sich erstaunt: aber das wäre doch eigentlich keine Schande, eine Tochter (Filia = Tochter) der römischen Kirche zu sein? Natürlich ist „Filiale“ theologisch kein präzises Synonym von „Teilkirche“, aber der Kontext war ja auch keine spitzfindige Theologendiskussion sondern eben eine Pressekonferenz. Mit diesem Statement haben Sie in der Kommunikation wahrscheinlich unabsichtlich Bauchgefühle transportiert. Und zwar leider abwertende, negative, abschätzige – Schulz von Thun nennt das den „aggressiv-entwertenden Stil“.

„Wir sind keine Filialen von Rom!“ Das hat in der Dimension der Appellseite einen merkwürdig trotzig-kämpferischen Beigeschmack, der mich als Österreicherin an die Los-von-Rom-Bewegung vor über hundert Jahren erinnert. Seinerzeit hat sich die katholische Kirche in meiner Heimat nicht dem damals herrschenden Zeitgeist beugen wollen, weswegen man sich über die Braut Christi sehr empörte und sie mit Kirchenaustritten abstrafen wollte. „Rom“ war zum Synonym für reaktionär, klerikal und fortschrittsfeindlich geworden. Pikanterweise war das gerade das Motto der selbstgefälligen deutschnationalen Kräften, die sich über die Zweisprachigkeit in der katholischen Kirche von Böhmen und Mähren empörten (das war die „Fortschrittsfeindlichkeit“) – sie wollten allein ihre deutsche Sprache zugelassen (das war damals der „Fortschritt“). Fazit: der Flirt mit dem Zeitgeist hat keine Beständigkeit.

„Wir sind keine Filialen von Rom!“ Das ist auf der Beziehungsebene der Kommunikation eigentlich recht schade: Das erste, was alle - linke wie rechte - totalitären Regime auf der ganzen Welt, und besonders auch in den deutschsprachigen Gebieten gemacht haben, war, die Katholiken von Rom zu trennen. Der Zeitgeist ändert sich ja bekanntlich alle paar Jahre, weswegen das katholische Lehramt ein echter Segen ist, eine verlässliche Konstante. Und diese Unbeirrbarkeit der römischen Kirche ist für Diktatoren immer bedrohlich, weil die politische Manipulierbarkeit des Volkes durch das Lehramt sinkt. Die Christen ohne Rom sind definitiv viel leichter manipulierbar als in der treuen Gemeinschaft mit Rom.

„Wir sind keine Filialen von Rom!“ Damit bedienen Sie aus kommunikationspsychologischer Sicht antirömische Gefühle: „Rom“ steht ja medial schon lang für das unbeirrbare katholische Lehramt, das so manchem beratungsresistenten Deutschsprachigen ein Dorn im Auge ist. Und das in erster Linie, weil er selbst gegen mindestens eines der 10 Gebote lebt, das aber verdrängt und aggressiv abwehrt. Er will die Gebote aus seinem Blickfeld haben, weil er sich und sein Handeln in Frage gestellt sieht - und schlägt dafür deren Sprachrohr: die Kirche, und im Grunde jede Religion. Mit dem Satz bedienen Sie also letztlich – sicherlich unbewusst – die latent vorhandenen antireligiöse Affekte und graben sich ironischerweise damit indirekt selbst das Wasser ab.

„Wir sind keine Filialen von Rom!“ Das ist kommunikationspsychologisch auf der Appellebene eine Beschwichtigung gegenüber den zeitgeistigen Medien: „Tut uns nichts, wir sind ungefährlich, wir folgen ohnehin dem deutschsprachigen Mainstream, wir sind eh wie Ihr und nicht wie die...“. Damit verlieren Sie aber nicht nur Ecken und Kanten (und damit Kritiker), sondern auch Profil (und damit Glaubwürdigkeit). Ein ähnliches Schicksal hat ja traurigerweise die evangelische Kirche Deutschlands in der medialen Rezeption ereilt. Medienpsychologisch eher problematisch, weil es den „unique selling point“ kappt.

„Wir sind keine Filialen von Rom!“ Der Satz transportiert also auf mehreren Kommunikationsebenen unerwünschte Nebenwirkungen, die Ihre Medienberater nicht bedacht oder bewusst in Kauf genommen haben. Im Anschluss an dieses Zitat sprachen Sie auf der besagten Pressenkonferenz aber nochmals bemerkenswerte Worte: „Wir können nicht warten, bis eine Synode sagt, wie wir hier Ehe- und Familienpastoral zu gestalten haben.“ Dieser Satz mag ebenfalls kirchenrechtlich halten, aber kommunikationspsychologisch ist auch da der Wurm drinnen.

Wenn man bedenkt, wie sehr die deutschsprachigen Bischofskonferenzen sich darum bemühen, bei der Familiensynode im Herbst präsent zu sein und essenzielle Beiträge zu liefern, dann muss man davon ausgehen, dass sie die Synode ernst nehmen. Sie sagten ja auch bei der Pressekonferenz, die deutsche Kirche wolle „mitzuhelfen, dass Türen geöffnet werden“. In der Analyse sehen wir, dass ein „Türenöffnen“ unabhängig von einer inhaltlichen Richtung keinen Wert hat – der Satz also kommunikationstechnisch keine Sachebene hat, sondern in erster Linie Selbstoffenbarung ist. Und in der Weltkirche richtete man „eine gewisse Erwartung“ an Deutschland. Schulz von Thun nennt das den „bestimmenden-kontrollierenden Stil“ “, der mit einem erstaunlichen Sendungsbewusstsein einhergeht. Kritische Beobachter könnten hier augenzwinkernd nachfragen: „Echt? Wer? Also ich persönlich hoffe mehr auf die Afrikaner...“

Hier liegt eine schizophrene Kommunikationsstil vor: Man jubelt einerseits eine Synode hoch, deren Verbindlichkeit man andererseits im selben Atemzug abschwächt. In etwa so, wie wenn man mit anderen verbindliche Spielregeln verhandelt, sich selbst aber vorbehält, sich nicht daran zu halten, wenn die Spielregeln dann doch nicht nach dem eigenen Geschmack ausfallen. Ich pointiere das mal aus der Sicht der Kommunikation, nur zur Verdeutlichung: „Die arme, rückschrittliche Welt soll ruhig von uns großartigen Theologendeutschen lernen“. Die zweite Seite der Medaille wäre hingegen: „Uns Deutschsprachigen hat niemand zu sagen, wer bei uns zur Kommunion darf, schon gar nicht die rückständigen afrikanischen Bischöfe“. Nicht dass Sie das gesagt oder auch gemeint hätten, aber neben der Sachebene schwingen eben kommunikationstechnisch immer die andere Ebenen mit, ob man das will oder nicht.

Und hier betreten Sie dünnes Eis: Dass wir Deutschsprachigen es nicht unbedingt mit der Demut haben („Am deutschen Wesen soll die Welt genesen...“), ist wahrscheinlich jedem Menschen mit Geschichtskenntnissen im Pflichtschulniveau einsichtig. Ihre Sätze sind leider nicht dazu geeignet in väterlich-pastoraler Sorge diesen eitlen Hochmut abzumildern. Ich habe eher den Eindruck, Sie spielen in Ihrer Kommunikation ein klein wenig mit der problematischen nationalen Überheblichkeit. Der Papst hat hingegen im Jänner 2015 vor so einer „ideologische Kolonialisierung“ gewarnt und Übergriffe der ideologisch kranken aber reichen auf die ideologisch gesunden aber finanziell armen Länder gemeint.

In dieser Hinsicht hat sich
ja schon einmal ein kirchlicher Würdenträger vergaloppiert, mit einem medial hochproblematischen Seitenhieb auf die Afrikaner: „Sie sollen uns nicht zu sehr erklären, was wir zu tun haben“. Und stellen sich aus der Sicht meiner Wissenschaft fünf Fragen: Ist das jetzt ein Zufall, dass das auch ein Deutschsprachiger war? Ist das jetzt ein Zufall, dass das ebenfalls im Bezug auf die Familiensynode im Herbst gesagt wurde? Ist das jetzt ein Zufall, dass das rein kommunikationsanalytisch ebenfalls wie kulturelle Überheblichkeit wirkt? Ist das jetzt ein Zufall, dass die rassismusverdächtige Aussage von damals fast wortident mit Ihrer Aussage ist: „Wir können nicht warten, bis eine Synode sagt, wie wir hier Ehe- und Familienpastoral zu gestalten haben.“ Und ist das jetzt ein Zufall, dass das ebenfalls ein auffällig medienbewusster Kardial war?

Dann haben wir aus der Kommunikationspsychologie noch den Aspekt des Selbstbildes: wie sieht sich die deutsche Kirche eigentlich selbst? Demut ist nach Thomas von Aquin die Fähigkeit, sich selbst so zu sehen, wie es der Wirklichkeit entspricht. Ist die deutsche Kirche denn wirklich so prächtig? Oder ist sie nicht vielmehr ein momentan recht morscher Ast auf dem immergrünen Baum der Kirche? Ein Problemkind, das das Problem nicht zu erkennen vermag? Wenn also die Synode im Herbst beschließt, dass der Wert der Eucharistie doch höher zu bewerten ist als die momentane Befindlichkeit von Sündern, die sich nicht ändern wollen - was dann? Sind die deutschsprachigen Bischöfe bereit dazuzulernen, sich der Mehrheit zu fügen und gehorchen? Sie sagten kürzlich sehr medienwirksam, die Kirche dürfe keine narzisstische Kirche sein. Gilt das auch für die deutschsprachigen Teilkirchen? Sind die deutschen den afrikanischen Bischöfen dankbar, dass diese auf der Vorbereitungssynode durch ihr starkes Auftreten zum Instrument des Heiligen Geistes geworden sind?

Eminenz, I have a dream: Unerwünschte Nebenwirkungen auf unbedachten Kommunikationsebenen kann man natürlich korrigieren – ebenfalls durch Kommunikation. Dazu braucht man Mut und Entschlossenheit. Ich schlage vor, dass Sie im Geiste unseres unerschrockenen Papstes Franziskus genauso authentisch wie er eine psychologische „Musterunterbrechung“ wagen, mit Perspektivenwechsel das müde Kirchenvolk herausfordern, aus dem 0815 Politikergeschwafel ausbrechen und etwa Folgendes predigen: „Schwestern und Brüder! Geben wir es unumwunden zu: Die deutschsprachige Kirche ist dekadent, lau und feige geworden. Sie beschäftigt sich nur mehr mit Luxusproblemen. Die Leute laufen uns scharenweise davon, die Theologen brauen ungehorsam ihr eigenes selbstgefälliges Süppchen, wir Bischöfe fürchten mehr die Medien als Gott, und den Laien geht es mehr um eitle Ämter und angesehene Positionen und als um den Dienst und das Gebet. Meine lieben Schwestern und Brüder, blicken wir voll Bewunderung auf die gesunden und glaubensstarken Diözesen in Afrika und Asien, denn die haben im Gegensatz zu uns volle Kirchen, steigende Zahlen der Gläubigen und stark wachsende Berufungen zum Priester- und Ordensstand. Lernen wir von ihnen, denn im Glauben sind sie uns jetzt voraus, die von uns den Glauben empfangen haben. Die Synode ist eine tolle Chance uns in Demut vor den Erkenntnissen der Weltkirche zu beugen und mit diesem knowhow unsere marode deutschsprachige Kirche zu sanieren. Meine lieben Sprachgenossen: widersagen wir dem Zeitgeist in dem wir gerade versinken, der uns immer mehr einlullt, uns träge und unwirksam macht!“ Als Kommunikationswissenschaftlerin garantiere ich Ihnen damit neben der notwendigen Richtigstellung die volle mediale Aufmerksamkeit, viele nachdenkliche Gesichter und vielleicht auch die eine oder andere Bekehrung.

Ihre ergebene
Victoria Bonelli




Briefe aus Siena erscheinen regelmäßig auf kath.net. In einer Anlehnung an die berühmten Schriften der Hl. Katharina von Siena schreibt kath.net-Mitarbeiterin Victoria Bonelli (Foto) hier an ausgewählte Persönlichkeiten der Kirche. Die Briefe erscheinen exklusiv auf kath.net und werden auch an die Adressaten übermittelt. Copyright der Texte by kath.net!





Foto: (c) cross-press.net/kath.net


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