15 April 2019, 09:30
Widerworte. Warum mit Phrasen Schluss sein muss - Auszug 2
 
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Auszug 2 aus dem neuen Buch von Alexander Kissler: Widerworte – Warum mit Phrasen Schluss sein muss

Linz (kath.net)
Auszug 2 – aus dem Kapitel zur Phrase „Gewalt ist keine Lösung“

Dem Menschen wohnt die Versuchung zur Gewalt inne, seit den Tagen Kains, der die Freiheit jenseits des Paradieses zum Brudermord nutzte. Menschliche Geschichte ist, eben weil sie sich in nachparadiesischen Sphären ereignet, immer auch Gewaltgeschichte. „Weil der Mensch sich alles vorstellen kann, ist er zu allem fähig. (…)

Weil er nicht festgestellt ist, ist er zu jeder Untat in der Lage.“ Der Soziologe Wolfgang Sofsky, aus dessen „Traktat über die Gewalt“ dieses Zitat stammt, kennt die ebenfalls biblische Herleitung des utopischen Gegenprogramms und will ihr nicht so recht glauben: „Dass die Menschen einmal Schwerter zu Pflugscharen umschmieden, ist unwahrscheinlich.“

Doch der große Traum vom Ende aller anthropologischen Konkurrenz, wo Lamm-Mensch und Wolfs-Mensch friedlich beieinander liegen und sich nähren vom Gras zu ihren Füßen, treibt der großen Phrase immer neue Jünger zu. Dass der große Traum an das von Menschen nicht zu machende Ende aller Geschichte gesetzt ist, dass er Eschatologie meint und nicht Politik, zerrinnt im Stundenglas des Aktivismus.

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Politisch und poetisch hatte der verführerische Spruch seine höchste Zeit auf dem Scheitelpunkt der Friedensbewegung. Am 10. Juni 1982 versammelten sich etwa eine halbe Millionen Menschen auf den Rheinwiesen der Bundeshauptstadt Bonn. Das Motto hieß „Aufstehn! Für den Frieden!“ – genau 36 Jahre, bevor sich um Sahra Wagenknecht die linke Bewegung „Aufstehen“ konstituierte.

Damals stand man vor allem gegen den Nato-Doppelbeschluss und gegen US-Präsident Ronald Reagan auf, Liedermacher Hans Hartz sang dazu rauchig, lässig, ohrwurmtauglich, die weißen Taube seien müde, „sie fliegen lange schon nicht mehr.

Sie haben viel zu schwere Flügel, und ihre Schnäbel sind längst leer. Jedoch die Falken fliegen weiter. Sie sind so stark wie nie vorher, und ihre Flügel werden breiter, und täglich kommen immer mehr. Nur weiße Tauben fliegen nicht mehr.“ Ein großes Lied. Mir geht es nicht aus dem Kopf. Auch bei Hartz ist die Bibel nicht weit, um gegen Nato-Kriegsfalken anzusingen. Die Welt, die nun „von der Leine“ reiße, ist eine, in der es „ab morgen (…) statt Brot nur Steine“ geben wird, von der also Gott sich abgewandt habe, „oder ist einer unter euch, der seinem Sohn einen Stein gibt, wenn er um Brot bittet?“ (Matthäus 7,9)
(...)

Sieben Jahre später implodierte tatsächlich der Warschauer Pakt, war der Kalte Krieg mit seiner Konfrontation der Blöcke Geschichte. Friede rückte näher. Keineswegs aber, weil die Moskauer Machthaber sich der singenden, klingenden deutschen Liebesoffensive gebeugt hätten, sondern weil der Nato-Doppelbeschluss den wirtschaftlichen Kollaps der Kommunisten beschleunigte.

Eher Ronald Reagan als Konstantin Wecker hatte sich als effektive Friedenstaube erwiesen. Wenn der Doppelbeschuss und das sie tragende Militärbündnis, wie ihnen vorgeworfen wurde, Elemente der Gewalt waren, dann war es hier Gewalt als Lösung und zur Lösung des Ost-West-Konflikts.

Dass die Welt danach ein friedliches Eiland geworden wäre, lässt sich nicht behaupten. Dass sie in vorangegangenen Epochen kriegerischer war, hingegen schon. „Wir leben sicherer und gewaltfreier als jede Generation vor uns“, sagt der Kognitionswissenschaftler und Psychologe Steven Pinker und belegt es in seinem Buch „Aufklärung jetzt“ (2018) mit einer Vielzahl von Statistiken, Tabellen, Schaubildern. Der ewige Friede muss dennoch Illusion bleiben, die Menschen sind in ihrer abgründigen Freiheit nicht dafür gemacht, „die Gewalt gehört zu unserem Schicksal” (Jörg Baberowski).

Deshalb nährt der utopische Überschuss seine Kinder und Kindeskinder, etwa den Ökumenischen Rat der Kirchen, der 2001 eine „Dekade zur Überwindung von Gewalt“ ausrief. Schon als er es tat, muss allen Beteiligten klar gewesen sein, dass beim Zieleinlauf im Jahr 2010 die Gewalt nicht würde überwunden sein. Den lieb' ich, der Unmögliches begehrt?

Ein Hauch pathetischen Unernsts bleibt immer, wenn begrenzte Initiativen sich für grenzenlose Ziele einen Zeitplan setzen. Die Kirchen gehen dieses Risiko ebenso häufig ein wie die Vereinten Nationen und scheitern im Gleichschritt. Weder Gewalt noch Armut oder Hunger oder Not oder Elend lassen sich irdisch besiegen, vertreiben, überwinden. Beispielsweise.
(...)

Kaum neigte sich die Friedensdekade zu Ende, trat die damalige Ratsvorsitzende der EKD, Margot Käßmann, die als junge Frau ebenfalls in Bonn gegen den Nato-Doppelbeschluss demonstriert hatte, auf die Kanzel der Dresdner Frauenkirche und tat in ihrer Neujahrspredigt 2010 den legendären, ebenfalls phrasentauglichen Ausspruch, nichts sei gut in Afghanistan; „wir brauchen Menschen, die nicht erschrecken vor der Logik des Krieges, sondern ein klares Friedenszeugnis in der Welt abgeben, gegen Gewalt und Krieg aufbegehren und sagen: Die Hoffnung auf Gottes Zukunft gibt mir schon hier und jetzt den Mut, von Alternativen zu reden und mich dafür einzusetzen.”

Der zentrale Satz demontierte sich im Moment der Rede selbst, alldieweil sich in jenen Minuten weit weg von Dresden, irgendwo zwischen Kabul und Kundus, auch Schönes, Gutes zugetragen haben muss, ein Hoffnungslachen, ein Versöhnungskuss, eine glückliche Heimkehr, ein Neuanfang auf schwankendem Grund. Etwas ist immer gut. Wir hielten unser Leben sonst nicht aus.

Wird die Welt aber besser – Weltverbesserungswahn ist fast jeder Phrase beigemischt –, wenn die Bösen geliebt werden, unter allen Umständen? Man darf darauf mit Ja antworten und muss sich die Kritik pragmatischer Realisten gefallen lassen. Legen radikalislamische Taliban ihr Talibandasein ab, wenn man „für die Taliban“ (Margot Käßmann, 2011) oder gar mit den Taliban betet? Schon die Anreise zu einem solchen interreligiösen Gebetstreffen könnte das Leben kosten.

Käßmanns Amtsnachfolger an der Spitze der Evangelischen Kirche in Deutschland, der bayerische Landesbischof Heinrich-Bedford Strohm, nahm das Weihnachtsfest des Jahres 2014 zum Anlass, den Dschihadisten des „Islamischen Staates“ seine Liebe anzubieten: „Wenn ein IS-Kämpfer von einer Granate zerfetzt wird, dann ist das Anlass zur Trauer, weil ein Mensch gestorben ist.“ Bekanntlich waren in Deutschland viele Protestanten, auch solche in leitender Funktion, am 30. April 1945 traurig, weil ein Mensch gestorben war.

Bedford-Strohm erklärt das Gebot der Feindesliebe für „tatsächlich kategorisch“, weshalb es auch auf IS-Kämpfer (und Kopfabschneider) anzuwenden sei. Dem Bischof erscheint dieses Bekenntnis besonders weihnachtstauglich, denn Weihnachten sei geprägt von der „Sehnsucht nach Überwindung von Gewalt und Zwietracht“. Individuelle Heilsbedeutung ist in solcher politischen Kollektivtheologie bestenfalls geduldet. „Wir sehen alle Gewalt als Niederlage“, verkündet Bedford-Strohm, das sei „der gemeinsame Grund in unserer Kirche“. Zyniker mögen einwenden, der dschihadistisch Geköpfte biete immerhin keinen Anlass mehr für Zwietracht und Gewaltanwendung.

Realisten wie der Historiker Jörg Baberowski bescheiden sich mit dem generellen Hinweis, „wer Gewalt eindämmen will, muss selbst imstande sein, Gewalt auszuüben.”

kath.net Buchtipp
Widerworte – Warum mit Phrasen Schluss sein muss
Autor: Alexander Kissler
ISBN: 9783579014746
Gütersloher Verlagshaus 2019
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