25 April 2019, 16:00
Kirche in Sri Lanka kritisiert Versäumnisse im Sicherheitsapparat
 
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Kardinal Ranjith hätte Osterliturgien in Kirchen abgesagt, wenn er vor den Terrorplänen gewarnt worden wäre - "Massaker hätte vermieden werden können" - Bischöfe leiten Begräbnisse und rufen Christen auf, trotz Wut Ruhe zu bewahren

Rom-Colombo (kath.net/KAP) Nach den verheerenden Terroranschlägen vom Ostersonntag üben die Spitzenvertreter der katholischen Kirche in Sri Lanka scharfe Kritik an Versäumnissen in Sicherheitsapparat und Regierung. "Das ist eine überaus schwerwiegende Sache, denn das bedeutet, dass das Massaker hätte vermieden werden können", sagte Kardinal Albert Malcolm Ranjith, der italienischen Nachrichtenagentur SIR zu Berichten, wonach den sri-lankischen Behörden vorab Hinweise auf die geplanten Attentate vorgelegen sind. Viele Menschen im Land seien zornig, "aber was können wir tun, wenn die Sicherheitsbehörden ihre Pflicht nicht erfüllen", wurde der Erzbischof von Colombo zitiert. Die Behörden müssten für eine minutiöse Aufklärung sorgen und die Schuldigen für die Verbrechen entsprechend bestrafen, forderte Ranjith.

Wäre er vor den Terrorplänen gewarnt worden, hätte er die Osterliturgien in den Kirchen abgesagt, sagte der Kardinal dem Radiosender CBC. Ganze Familien seien ausgelöscht worden, "Ehemänner, Ehefrauen, Kinder, Eltern und Großeltern - es ist entsetzlich". Das Leid, das Menschen zugefügt wurde, sei unvorstellbar, so Ranjith.

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Von "enttäuschendem und unverständlichem" Handeln in Regierung und Geheimdiensten sprach auch der Vorsitzende der katholischen Bischofskonferenz Sri Lankas, Bischof Winston Fernando. "Es gab mehrere Warnungen, aber die Geheimdienste haben versagt!", kritisierte er in einem Interview mit dem Portal "Vatican News" (Donnerstag). "Dieses Jahr stehen Parlamentswahlen an, und die Politiker versuchen, die Situation für ihre Zwecke auszunutzen. Dabei sollten sie doch an einem Strang ziehen und gemeinsam versuchen, die Situation in den Griff zu bekommen", fügte der Bischofskonferenz-Vorsitzende hinzu.

Fernando nannte keine Namen, zog aber offenbar einen Zusammenhang zum schwelenden politischen Machtkampf zwischen Präsident und Verteidigungsminister Maithripala Sirisena und Regierungschef Ranil Wickremesinghe. Laut Medienberichten soll der indische Geheimdienst mehrfach detaillierte Informationen über bevorstehende Anschläge an Sri Lanka weitergegeben und auch konkrete Namen und Adressen möglicher Attentäter geliefert haben. Dennoch gab es keine Sicherheitswarnungen. Premier Wickremesinghe gab an, er habe von den Geheimdienstinformationen nichts erfahren. Am Mittwoch tauschte die Regierung die gesamte Spitze von Polizei, Armee und Geheimdiensten aus.

"Internationale Kräfte hinter Attentaten"

Bei der Serie von islamistischen Selbstmordanschlägen wurden am Ostersonntag mindestens 359 Menschen getötet und Hunderte Menschen verletzt. Anschlagsziele waren zwei katholische und eine protestantische Kirche, wo Gäubige gerade die Ostermessen feierten, sowie sowie drei Hotels. Mittlerweile hat die dschihadistische Terrormiliz "Islamischer Staat" die Taten für sich reklamiert. Das sri-lankische Verteidigungsministeriums macht die einheimische islamistische Gruppierung National Thowheeth Jama'ath (NTJ) für die Anschläge verantwortlich. Diese sei aus dem Ausland unterstützt worden, hieß es.

Kardinal Ranjith äußerte die Befürchtung, dass hinter den Attentaten internationale Kräfte stehen, "die sich in unserem Land breitmachen wollen und die Terroristen dazu benützen, um uns einzuschüchtern". Ranjith verwies auf die geographische Situation Sri Lankas in unmittelbarer Nähe zum indischen Subkontinent. Hier könnten große "geopolitische und wirtschaftliche Interessen" im Spiel sein, mutmaßte er. Wenig abgewinnen kann der Kardinal hingegen der Theorie, dass es sich bei den Anschlägen in Sri Lanka um eine "Vergeltung" für das jüngste Blutbad in zwei Moscheen im neuseeländischen Christchurch handle: "Wenn das so wäre, hätten die Attentäter das australische Heimatland des Massenmörders von Christchurch treffen müssen. Sri Lanka hat mit dem nichts zu tun", sagte Ranjith.

Der Kardinal glaubt nicht, dass es durch die Attentate zu einer Verschlechterung des interreligiösen Klimas in der Inselrepublik kommen könnte: "Die Terroristen sind keine gläubigen Muslime, sondern Verbrecher, die den Islam benützen. Es gibt keine Probleme zwischen den Religionsgemeinschaften, hier geht es vielmehr um Politik."

Bischöfe halten Begräbnisse

Nach wir vor finden in Sri Lankas Kirchen aus Sicherheitsgründen keine Gottesdienste statt, auch alle katholische Schulen bleiben bis mindestens nächste Woche geschlossen. Wegen der ungewissen Sicherheitslage gibt es auch kein großes gemeinsames Begräbnis aller bei den Anschlägen ums Leben gekommenen Opfer, sondern viele Begräbnisse, die teils von Kardinal Ranjith, teils von anderen Bischöfen gehalten werden. Am Donnerstag sollen die letzten Begräbnisse stattfinden.

Die Überwindung des Traumas in der katholische Gemeinschaft des Landes werde lang dauern und viel Arbeit verlangen, so der Erzbischof von Colombo gegenüber der Agentur SIR. "Wir werden alles tun, um im Gebet und durch konkrete Hilfe nahe bei den Menschen zu sein", kündigte Ranjith an.

Trotz Wut Ruhe bewahren

Seine Mitbürger rief der Erzbischof von Colombo in dem Interview auf, sich von Gerüchten nicht in die Irre führen zu lassen, niemanden zu attackieren, sich für Gerechtigkeit für die Opfer einzusetzen, die Harmonie aufrecht zu erhalten und für einen dauerhaften Frieden in der Inselrepublik zu arbeiten. An das Ausland appellierte der Kardinal, sich nicht einzumischen, sondern das Land und seine Entscheidungen zu respektieren und Hilfe zu leisten, wo es notwendig ist.

Natürlich seien die Menschen jetzt "aufgebracht und wütend", schilderte auch der Bischofskonferenz-Vorsitzende Fernando im Gespräch mit "Vatican News". Priestern, Ordensleuten und anderen Kirchenverantwortlichen sei es aber gelungen, die Menschen zu beruhigen, damit es zu nicht zu Vergeltungstaten kommen, so der Bischof von Badulla: "Die Menschen haben Gott sei Dank trotz des großen Schmerzes auf den Aufruf der Bischöfe reagiert, die Ruhe zu bewahren."

Muslime verurteilen Extremismus

Nach den Bombenanschlägen sei auch die muslimische Gemeinde in Sri Lanka geschockt, sagte ein führendes Mitglied im Rat der Muslime in Sri Lanka, Sheikh Arkam Nooramith, der "Süddeutschen Zeitung" (Donnerstag). "Die Christen sind wie wir eine Minderheit, standen immer solidarisch zu uns", so Nooramith. Muslime wollten nun ihr Beileid ausdrücken und eng mit Christen kooperieren. "Aber die buddhistische Gemeinde ist gegen uns. Sie sagen: Heute gilt die Attacke den Christen, morgen uns Buddhisten. Sie haben Angst, wir bedauern das. Wir wollen Koexistenz. Wir verurteilen den Extremismus", so der muslimische Jugendbeauftragte.

Nooramith erklärte, dass Sicherheitskräfte ihm und anderen muslimischen Führern die Teilnahme an Beerdigungen der Terroropfer untersagt hätten. "Sie sagten, wir sollten das lassen, um kein Chaos zu verursachen, die Trauergemeinde könnte sich provoziert fühlen. Wir sind sehr enttäuscht", erklärte er. "Wenn sich die Regierung für Aussöhnung interessiert, hätte sie uns Schutz gewähren sollen, damit wir das Beileid der muslimischen Gemeinde aussprechen können."

"Wir haben jetzt große Probleme, weil uns jeder wie Terroristen behandelt", sagte Nooramith zur Situation sri-lankischer Muslime. Er zeigte Verständnis für Sicherheitskräfte, die Häuser durchsuchten oder Menschen festnehmen. "Aber psychologisch ist es schwer - auch die Nachbarn zweifeln jetzt an uns", so der 35-Jährige. Die Attentäter hätten weder den Muslimen in Sri Lanka noch in der Welt Gutes getan.

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