02 Juli 2019, 10:30
Für eine Ökologie der Familie
 
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Der unterstellte direkte Zusammenhang zwischen Kinderkriegen und Klimabelastung entpuppt sich bei näherer Betrachtung als unzulässige Verkürzung. Gastbeittrag von Dominik Lusser/Stiftung Zukunft CH

Winterthur (kath.net/www.zukunft-ch.ch) Jenseits der Frage, inwieweit der Mensch für den Klimawandel verantwortlich ist, hat im Frühjahr 2019 eine absurd anmutende Debatte das deutschsprachige Europa erfasst. Welches Bild vom Menschen steckt hinter der neuen „Tugend“, aus Liebe zur Umwelt keine Familie zu gründen?

Die Idee, zur Rettung des Planeten auf Kinder zu verzichten, wird immer populärer. Laut einer Leserumfrage der Schweizer Pendlerzeitung „20 Minuten“ vom März 2019 mit über 5‘000 Teilnehmern stimmen 24 Prozent diesem Ansinnen zu. Weitere 28 Prozent meinen, dass zwar nicht Herr und Frau Schweizer wegen der Umwelt auf Kinder verzichten, aus ebendiesem Grund das „Bevölkerungswachstum (…) aber allgemein eingedämmt werden sollte“. Vermutlich meinen Menschen, die so denken, Afrika, den Kontinent mit den weltweit höchsten Geburtenraten. Bei näherer Betrachtung entpuppt sich der unterstellte direkte Zusammenhang zwischen Kinderkriegen und Klimabelastung allerdings als unzulässige Verkürzung.

„Grüner“ Zynismus

Die Studie von Forschern der Universitäten Lund und British Columbia (Wynes u. Nicholas, 2017), auf die man sich immer wieder beruft, um Kinderlosigkeit als ökologischen Akt zu legitimieren, geht nämlich von folgenden Annahmen aus: Ein zusätzliches Kind in den USA verursacht pro Jahr mindestens viermal mehr CO2 als ein Kind in China und gar 24 Mal mehr als eines in Nigeria. Als Vergleich: Wer einmal über den Atlantik und wieder zurückfliegt, hat bereits mehr CO2-Ausstoss verursacht als ein afrikanisches Kind während eines ganzen Jahres. „Nicht die Bevölkerungszahl, sondern der Lebensstil macht den Unterschied“, kommentierte darum der deutsche Geobiologe Reinhold Leinfelder bereits 2017 zur schwedisch-kanadischen Studie. Und ganz abgesehen von den Zahlen meinte er, es sei zynisch, Kinder mit Autos zu vergleichen.

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Ganz anders klingt es bei der amerikanischen Ökofeministin Lisa Hymas: „Wenn Du Deine Kinder liebst, bring sie nicht zur Welt, sie ist ein Mülleimer“. So die Begründerin der sogenannten Gink-Bewegung (Green inclination, no kids). Spätestens mit dem Buch „Kinderfrei statt kinderlos - Ein Manifest“ (März 2019) hat dieses, für alle Familienmenschen schwer verdauliche Gedankengut auch den deutschen Sprachraum erfasst. Autorin Verena Brunschweiger vertritt die These: „Ein Kind ist das Schlimmste, was man der Umwelt antun kann.“ Massive Kritik liess nicht auf sich warten. „Der kollektive Freitod (…) wäre in diesem Zusammenhang übrigens die konsequenteste Variante ökologischer Eigenverantwortung,“ konterte die vierfache Mutter Birgit Kelle, Vorsitzende des Vereins „Frau 2000plus“. Man könne ja einem unschuldigen Neugeborenen nicht seinen CO2-Ausstoss vorwerfen und gleichzeitig selbst weiter atmen!

Zwischen Animalismus und Spiritualismus

Doch was steckt, abgesehen von Individualismus und Egozentrik, noch hinter der Gink-Ideologie? Die zugrundeliegenden Menschenbilder scheinen zwei gegensätzliche Züge zu tragen, weswegen auch deren Kritiker aus unterschiedlichen Blickwinkeln argumentieren.

Manche Vertreter des Kinderfrei-Trends rechnen offensichtlich nicht mit der Fähigkeit des Menschen, durch Innovation und technischen Fortschritt ökologische Probleme zu lösen. „Sie sehen den Menschen nur als Konsumenten, nicht als geistige Potenz, die andere Ressourcen hat als Ackerbau und Viehzucht“, kritisiert Jürgen Liminski, Leiter des Instituts für Demographie, Allgemeinwohl und Familie (i-DAF). Die neue Ideologie basiert seiner Meinung nach auf „einem allzu simplen und eigentlich animalischen Menschenbild“. Liminski, selbst Vater von zehn Kindern, erinnert u.a. daran, wie viele Genies erst als viertes, fünftes oder sechstes Kind in einer Familie zur Welt kamen. Die Liste ist lang und reicht von Wolfgang Amadeus Mozart bis Immanuel Kant.

Im krassen Gegensatz zu diesem animalistischen Verständnis sehen andere Anwälte der Natur den Menschen als eine Art Ausserirdischen und Fremdkörper in der Natur. Es gebe, wie der französische Philosoph Fabrice Hadjadj kürzlich im Interview mit dem Magazin „Melchior“ (Nr. 10/2019) zu bedenken gab, Verteidiger der Natur, welche die Natur und den Menschen völlig voneinander getrennt betrachten. „Der Mensch ist in dieser Sichtweise (…) ein räuberischer Schmarotzer, ein Feind der Natur.“ Der Katholik mit jüdischen Wurzeln und arabischem Namen ruft hingegen die Grundannahme der klassisch-abendländischen Anthropologie in Erinnerung, wonach der Mensch ein natürliches Wesen ist, „das gleichzeitig über die Natur hinausgeht“. Er sei das einzige Lebewesen, das sich um andere Arten sorgen könne, „sogar ohne Eigeninteresse“. Doch woran soll sich solche Fürsorge konkret orientieren?

Zurück zu welcher Natur?

Es hilft laut dem Franzosen wenig, sich dem „Trugbild einer perfekt harmonischen Natur“ hinzugeben. Den Wirklichkeitsbezug zur wilden Natur hätten wir gegen eine Art Walt Disney Film eingetauscht, der sich auf den Bildschirmen unserer Computer abspiele: „Unser Bild ist das Phantasma desjenigen Menschen, der von einer hochkünstlichen Welt umgeben ist und der sich eine Rückkehr zur idyllischen Natur herbeiwünscht.“ Die wirkliche Natur ist anders: „Es gibt Arten, die verschwinden und andere, die kommen, Katastrophen, die sich ereignen. Die Idee eines Ökosystems, in dem immer perfektes Gleichgewicht herrscht, ist absurd und der Technologie verpflichtet. Die grossen Denker des Ökosystems waren Spezialisten der Kybernetik, die die Prozesse innerhalb der Natur als Austauschsystem und Abhängigkeitssystem in Parametern sehen wollten.“ Die Idee einer reinen Rückkehr zur Natur sei nicht nur eine Täuschung, sondern auch eine komplett individualistische Vision, meint Hadjadj. Es sei letztlich der problematische Traum von einer Welt, in der man selber das Zentrum bleibe.

Konkret rät der Philosoph, der mit seiner Familie im schweizerischen Freiburg wohnt, Ökologie weniger als theoretisches System zu denken, als vielmehr von da aus, wo sich die Natur für den Menschen an erster Stelle zeige: „im Familienleben“. Die menschliche Liebe, ob die zwischen den Eltern oder die der Eltern zu den Kindern, sei auf der einen Seite sehr spirituell, „weil es in ihr um Hingabe, Geschenk, Opfer, ums Verhältnis zur Schönheit geht, um alles, was uns erhebt die Nützlichkeit übersteigt.“ Anderseits sei die menschliche Liebe aber auch zutiefst materiell und natürlich, was sich schon im Akt der Zeugung von Kindern zeige. Und als dessen Folge werde ich mich „um denjenigen, den ich liebe, kümmern müssen, ihn ernähren und pflegen“, womit wir „mitten in der Umweltthematik“ angekommen wären.

Der „erste ökologische Akt“ besteht folglich darin, „sich zu erinnern, dass man wie viele andere Tiere gezeugt und geboren ist, herausgekommen aus der Gebärmutter einer Frau.“ Dies sei sowohl für Technologieliebende als auch für gewisse Spirituelle eine skandalöse Herausforderung; allerdings eine von zentraler Bedeutung: „Wir sind nicht einfach Körper und Geist, sondern wir haben einen Leib. Es ist im Fleisch, in dem wir uns selbst erfassen und gleichzeitig die Welt ergreifen. Im selben Augenblick, in dem das Fleisch etwas berührt, berührt und spürt es sich selbst. Wenn man den Menschen von seinem Leib aus denkt, sieht man sofort seine Wechselbeziehung zum Rest der Welt.“

Wo Recycling zum Alltag gehört

„Die Welt zu retten, indem man die Kinder eliminiert“, findet Hadjadj daher „problematisch“. Denn das hiesse, „ein Paar müsste im Namen der Natur darauf verzichten, was ihm am natürlichsten ist.“ Das wahre Problem sei der verschwenderische Lebensstil, nicht die Kinderzahl. „Gerade das Familienleben hindert dich nämlich, dich im Konsum zu verlieren. Je individualistischer wir leben, desto grösser die Konsumexplosion.“ Der achtfache Vater weiss aus eigener Erfahrung: „Recycling steht in kinderreichen Familien an der Tagesordnung. Es sind ja nicht alle gleichzeitig klein und Zeit zum Shoppen hat man herzlich wenig.“ Der Lebensstil in der kinderreichen Familie sei stärker ans „oikos“ (griechisch für „Haus“) gebunden, von dem auch der Begriff „Ökologie“ stammt: „Man spielt gemeinsam, man lernt teilen und man macht keinen interkontinentalen Flug.“ Und noch ein weiterer erhellender Gedanke des Philosophen, der das renommierte Bildungsinstitut „Philanthropos“ in Bourguillon leitet: „Nicht umsonst sind viele ökologische Projekte gebunden an die Rückkehr zum Lokalen, rund um eine familiäre Wirtschaft.“

Für eine echte ökologische Wende bedarf es also nicht nur eines realistischen Bildes der Natur, sondern auch der Einsicht, dass der Mensch Teil dieser Natur ist, über die er dank seiner geistigen Fähigkeiten gleichzeitig hinausragt. Die verzerrten Menschenbilder derer, die um der Umwelt willen das Aussterben ihrer Art in Erwägung ziehen, scheinen den beiden Richtungen zu entsprechen, in die heute die politischen und sozialen Utopien verlaufen: „Animalismus und Transhumanismus, also die Rückentwicklung zum Zustand des Tiers und das Upgrade zum Cyborg“, bringt Hadjadj die beiden Megatrends unseres Zeitalters auf den Punkt (Weltwoche, 19.12.2018). Und das Besorgniserregende daran ist: „Dazwischen gibt es keinen Platz mehr für den Menschen.“ Dabei müsste man sich, so Hadjadj, eher fragen, ob es Sinn mache, die Schimpansen zu retten, wenn wir selbst zu Robotern würden.

Vieles deutet darauf hin: Wenn der westliche Mensch seine Einstellung zu sich selbst und zur Familie wieder ins Lot bringt, dürfte es auch seiner Umwelt besser gehen. Kein Grund also, in irrationale, familienfeindliche Klimapanik zu verfallen.

Der Autor leitet den Bereich Werte und Gesellschaft bei Zukunft CH, einer überkonfessionell christlichen Stiftung mit Sitz in Engelberg. Diese setzt sich ein für zukunftstragende Werte, insbesondere für die Menschenrechte (1948) sowie für Ehe und Familie: www.zukunft-ch.ch.

Foto: Symbolbild

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