18 Februar 2016, 12:30
Intelligent Design, reloaded
 
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Die „Fragen stehen nach wie vor im Raum: Ist die Gottesfrage a priori eine unwissenschaftliche? Ist der Glauben an Gott unwissenschaftlich? Schließt die Evolutionstheorie die Existenz Gottes aus?“ Eine Kolumne von Dr. Marcus Franz

Wien (kath.net) Wir haben schon lange keine Grundsatzdebatte über die Ur-Fragen des Lebens mehr gehabt. Das ist schade. In einem denkwürdigen Text hat Kardinal Schönborn 2005 das „Intelligent Design“ als Gedankenmodell in den Diskurs über die Entstehung des Lebens eingebracht. Damals wurde dieses Modell heiß diskutiert. Und die Fragen stehen natürlich nach wie vor im Raum: Ist die Gottesfrage a priori eine unwissenschaftliche? Ist der Glauben an Gott unwissenschaftlich? Schließt die Evolutionstheorie die Existenz Gottes aus?

Die damaligen Diskussionen über die Evolutionstheorie und das christliche Denkmodell des „Intelligent Design“ sowie die Debatten darüber, ob es den göttlichen Zündungsfunken bei der Lebensentstehung und eine steuernde Kraft hinter der Evolution nun gibt oder nicht, waren meist hitzige und leider oft ziemlich redundante, rechthaberische Streitereien. Man drang deswegen nur selten bis zum Kern vor: Schon die Sprachbegriffe „Glauben“ und „Wissenschaft“ legen nämlich fest, um welche im Prinzip nicht verhandelbare Entitäten es hier geht. Im Glauben manifestiert sich die religiöse Hoffnung auf die Existenz eines göttlichen Wesens, in der Wissenschaft erkennen wir die durch nachweisliche Fakten erklärbaren Dinglichkeiten des Daseins. Und diese beiden Entitäten widersprechen sich entgegen der landläufigen Meinung nicht.

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Wenn die Gläubigen und die Wissenschaftsanhänger einander in ihren Argumentationen die Existenz oder Nicht-Existenz Gottes beweisen wollen, so bringt das also nicht viel. Die Gläubigen werden ihren Glauben nicht aufgeben, nur weil biologistische Hardliner wie etwa der weltbekannte Genetiker Richard Dawkins die Existenz Gottes leugnen und die Atheisten unter den Wissenschaftlern werden aufgrund ihrer Faktensammlungen und ihres materiebezogenen Denkens weiterhin das Vorhandensein des Göttlichen in der Evolution bestreiten oder zumindest bezweifeln.

Soll man deswegen nun aufhören, diese grundlegenden Fragen des Lebens zu diskutieren? Zweifellos soll man das nicht. Im Gegenteil, wir brauchen sogar eine intensivere, vor allem aber eine besser geführte Debatte. Das bedingt jedoch, dass alle, die an der Diskussion teilnehmen, zuerst ihre eigenen Sichtweisen hinterfragen, damit sie eventuell vorhandene engstirnige Positionen bei sich selbst erkennen können. Engstirnigkeit lässt eine höherstehende Debatte einfach nicht zu.

Eine Diskussion wird zwangsläufig ergebnislos bleiben, wenn die Bornierten unter den Diskutanten die Denkweisen der Gegenseite a priori ablehnen. Und, wohlgemerkt, in der Intelligent Design-Debatte sind gar nicht wenige Wissenschaftler die Engstirnigen: Wenn Wissenschaftler die mögliche Existenz eines „Intelligent Designers“ kategorisch negieren, dann entbehrt diese Ablehnung jeder rationalen Grundlage. Niemand hat bisher jemals wissenschaftlich bewiesen, dass es keinen solchen Designer gibt. Daher kann keine Wissenschaft der Welt von dessen gegebener Nicht-Existenz ausgehen, eine solche Grundannahme ist exemplarisch unwissenschaftlich und verbietet sich von selbst.

Freilich kann und darf man als Wissenschaftler aber die Theorie vertreten, dass es keinen Gott gibt. Diese in der Wissenschaft grundsätzlich altbekannte Problematik von streng auseinander zu haltenden nachweisbaren Gegebenheiten und rein theoretischen Annahmen wird leider auch von Wissenschaftlern gerne diffus behandelt, die Vermengung dieser Begriffskategorien ist tägliche Realität.

Ähnlich verhält es sich mit der Haltung und den Argumentationslinien der Kirche. Wenn ernstzunehmende Kirchenvertreter biologisch-wissenschaftliche Erkenntnisse als solche akzeptieren (was zumindest die Elite der theologischen Vordenker ohnehin tut), dann steht einer Diskussion um die Hintergründe des Lebens und seiner Entstehung nichts im Wege. Wenn aber dogmatisch und kategorisch die wissenschaftlich beweisbaren Fakten der Evolutionstheorie geleugnet werden, dann ist die Debatte aus den obengenannten Gründen ebenfalls a priori sinnlos. Dies ist der Fall, wenn die Kreationisten ihre puristisch-biblische Weltsicht einbringen.

Zusammengefasst bedeutet das: Für die Evolution, die Entstehung der Arten und den grundsätzlichen Wandel des Lebens gibt es eine ganze Reihe von stichhaltigen wissenschaftlichen Beweisen. Dass die Evolution aber ausschließlich auf dem Zufall beruht und keiner steuernden Kraft unterliegt, ist eine theoretische Annahme, die nicht zu beweisen ist. Die Möglichkeit der Existenz eines Schöpfers, der schon vor der Entstehung des Lebens da war und dasselbe initiiert hat, muss daher auch und vor allem nach streng wissenschaftlichen Kriterien zugelassen werden.

Auf der anderen Seite gibt es für das Vorhandensein dieses „Intelligent Designers“ aus der Sicht der Gläubigen eine ganze Menge an Belegen. Vor allem aber gibt es religiöse Überzeugungen, die eine Existenz des Göttlichen als gegeben beinhalten. Biologische und wissenschaftliche Erkenntnisse werden deswegen nicht von vornherein abgelehnt, sondern haben zweifellos ihren Platz, denn die Wissenschaft als solche ist grundsätzlich nicht der Gottseibeiuns der Kirche.

Denkt man beide Sichtweisen mit offenem Geist zu Ende, dann erkennt man, dass sich die „Intelligent Design“-Theorie und die Evolutionstheorie keineswegs gegenseitig ausschließen, sondern vielmehr wird klar, dass die Denkmodelle sich sogar ergänzen, ja letztlich sogar ineinander fließen können, weil ja auch und gerade die Wissenschaft im Rahmen der gottgegebenen Vernunft ermöglicht wird.

Die Existenz des Göttlichen widerspricht daher weder der Wissenschaft an sich noch der Evolutionstheorie im Speziellen. Und umgekehrt machen bei exakter Analyse sowohl Darwin´s Erkenntnisse wie auch die Ergebnisse modernster genetischer Forschungen das Vorhandensein eines intelligenten Designers keinesfalls denkunmöglich, sondern bei genauer Betrachtung der unglaublich komplexen Zusammenhänge sogar noch wahrscheinlicher.

Dr. Marcus Franz ist Nationalratsabgeordneter der ÖVP und regelmäßiger Kolumnist auf kath.net. Dr. Franz ist verheiratet und hat drei Kinder. Außerdem ist er Facharzt für Innere Medizin und ehemaliger Primarius und ärztlicher Direktor des Hartmannspitals in Wien.

Pressefoto Nationalrat Marcus Franz (ÖVP)




Foto Nationalrat Franz © Österreichisches Parlament/Parlamentsdirektion / Photo Simonis


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