01 August 2007, 11:53
Mehr als nur Lagerfeuerromantik
 
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Pfadfinder feiern am 1. August den 100. Geburtstag – Ganzheitliche Erziehung und Charakterbildung, die sich an Gott und dem Nächsten ausrichtet. Von Nicolas Schnall / Die Tagespost.

Würzburg (www.kath.net / tagespost) „Ich habe meinen Auftrag erfüllt, bin nach Hause gegangen“, symbolisiert der Kreis mit dem Punkt in der Mitte auf dem Grabstein von Robert Stephenson Smyth Baden-Powell im kenianischen Nyeri. Der Gründer der weltweiten Pfadfinderbewegung starb am 8. Januar 1941 auf dem Kontinent, der ihn bereits als junger Soldat in den Bann gezogen hatte.

Sein militärisches Meisterstück gelang ihm dort während des zweiten Burenkriegs: Zusammen mit 700 Soldaten verteidigte er die belagerte Stadt Mafeking 217 Tage lang gegen eine militärische Übermacht. Dabei praktizierte er Täuschungsmanöver, bei denen er Jungen aus der Stadt im Nachrichten- und Spionagedienst einsetzte. Baden-Powell stieg nach seiner Rückkehr nach Großbritannien zum Nationalheld auf. Eine Rolle, in der er sich sichtlich unwohl fühlte.

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Zentrales Prinzip: Lernen durch praktisches Tun

Vielmehr lenkte der Generalmajor seine Gedanken in eine andere Richtung. Die große Begeisterung vieler Jungen für sein Buch „Aids to Scouting“ (1899), in dem er seine Beobachtungen und Erfahrungen zur Ausbildung im Spionagedienst niederschrieb, veranlasste ihn dazu, dieses in ein Erziehungsbuch für junge Pfadfinder zu überarbeiten.

Doch „Scouting for boys“ (1908), wie das Grundlagenwerk des Gründers der Pfadfinderbewegung genannt wurde, wäre in dieser Form nicht erschienen, wenn er nicht zuvor eines der zentralen Prinzipien daraus selbst angewendet hätte: Learning by doing. Lernen durch praktisches Tun konnte Baden-Powell bei seinem ersten experimentellen Lager Anfang August 1907 auf Brownsea Island, zu dem er zwanzig Jungen aus allen sozialen Schichten einlud.

Der 1. August gilt als die Geburtsstunde einer Bewegung, die weltweit inzwischen mehr als 34 Millionen Mitglieder zählt und sich in nationalen und internationalen Verbänden organisiert. Bereits drei Jahre später öffnete sich die Bewegung auch für Mädchen. 1920 konnte Baden-Powell zum ersten großen Weltpfadfindertreffen in London 8000 Teilnehmer aus unterschiedlichen Ländern begrüßen.

Bei dieser Gelegenheit bekam er auch den Titel „Chief Scout of the World“ verliehen, der ebenfalls seinen Grabstein ziert. Lediglich in kommunistischen Ländern wie China, Kuba oder Nordkorea gibt es bis heute noch keine Pfadfinder.

Doch der Widerstand in totalitären Systemen kann nicht verwundern. Schließlich zielt die Methode BiPi's – wie Baden-Powell unter Pfadfindern heute noch genannt wird – in eine andere Richtung. Nicht die sklavische Unterordnung unter einen Tyrannen oder eine verbrecherische Politikerkaste stehen bei der ganzheitlichen Erziehung und Charakterbildung im Mittelpunkt, sondern die Freiheit des Einzelnen und der brüderliche Geist, der sich an Gott orientiert und im Dienst am Nächsten seine Erfüllung findet.

Prinzipien, die ein Dorn im Auge jedes totalitären Diktators sein müssen. So dauerte es in Deutschland nicht lange, bis die deutschen nichtkonfessionellen Pfadfinderstämme, die schon sehr bald nach dem ersten Lager auf Brownsea Island entstanden sind, nach der nationalsozialistischen Machtergreifung in die Hitler-Jugend überführt wurden.

Die konfessionellen Gruppierungen konnten ihre Arbeit unter starken Einschränkungen bis zum endgültigen Verbot noch bis 1938 unabhängig weiterführen. Viele Gruppen gingen von da an in den Untergrund. Das Kuriose und zugleich Verhängnisvolle an der regelrechten Ächtung der Pfadfinderbewegung war, dass das System sowohl durch den Nationalsozialismus wie auch im Sozialismus der DDR in seinen äußeren Formen übernommen wurde.

Noch heute erweckt die Pfadfinder-Kluft bei vielen den Eindruck eines Überbleibsels aus düsteren Zeiten deutscher Geschichte. Doch wer so denkt, verkennt die eigentlichen Ziele von BiPi's Methode: Charakterbildung, Sinn für das Konkrete, körperliche Gesundheit und der Dienst am Nächsten. Orientierung in der Natur, Wetterkunde, Theaterspiel, Kochen, Lebensrettung und sportliches Kräftemessen waren für ihn mehr als nur reine Lagerfeuerromantik.

Die vier erstgenannten Ziele wurden schließlich von den Gründern der katholischen Pfadfinderbewegung in Frankreich, Belgien und Italien durch ein weiteres ergänzt: Die christliche Bildung, die in das pädagogische Konzept dieser Verbände aufgenommen wurde. Mit einer stärkeren konfessionellen Ausrichtung entfernten sich diese jedoch keineswegs von der Intention des Gründers.

Denn auch Baden-Powell erkannte das Religiöse als grundlegend für die menschliche Erziehung. „Kein Mensch ist viel wert, außer er glaubt an Gott und gehorcht seinen Geboten. Deshalb sollte jeder Pfadfinder eine Religion haben“, schrieb er seinerzeit in „Scouting for boys“.

Diesen Gedanken griff der Gründer der katholischen Pfadfinderbewegung in Frankreich, der Jesuiten-Pater Jacques Sevin (1882–1951), auf und konkretisierte ihn: „Die Religion ist aber die Grundlage des Pfadfindertums; denn das Pfadfindertum ist eine Methode, die vollkommene Menschen bilden will, und niemals ist dem Gründer eingefallen, dass ein Mensch ohne das Wesentliche vollkommen sein könnte.“ Der Jesuit Sevin, der ein guter Freund BiPi's war, brachte damit dessen Ziele auf den Punkt: Die ganzheitliche Erziehung zu einem verantwortungsbewussten Menschen.

Kampf gegen Atomkraft statt Gottesbezug

Dieses Ideal hob kürzlich auch Papst Benedikt XVI. in seinem Brief an den Vorsitzenden der französischen Bischofskonferenz, Kardinal Jean-Pierre Ricard, hervor. Zudem sei in den Augen des Papstes ein vom Evangelium befruchtetes Pfadfindertum nicht nur der Ort eines wahren menschlichen Wachstums, sondern zugleich „der Ort eines starken christlichen Vorschlags, einer wahren geistlichen und sittlichen Reifung sowie eines echten Wegs zur Heiligkeit“.

Geeignete Hilfsmittel, die Baden-Powell allen Pfadfindern zur erfolgreichen Wanderschaft auf diesem Weg an die Hand gab, werden in den verschiedenen Verbänden – in Deutschland mehr als hundert – inzwischen jedoch sehr unterschiedlich übersetzt und ausgelegt. So erlebte unter anderem das Pfadfindergesetz in den vergangenen Jahrzehnten stürmische Zeiten.

Mit Beginn der 68er-Bewegung fiel dessen Kernbestand in einigen katholischen Pfadfinderbünden einer immer stärker werdenden politischen Ausrichtung zum Opfer. Kampf gegen Atomkraft statt Gottesbezug. Auch die Begrifflichkeiten haben sich geändert: Nicht mehr Führer, sondern Leiter führen die Gruppen.

Ebenso musste das Bundesthing, bei dem die neuen Leitlinien festgesetzt wurden, der Bundesversammlung weichen. Schließlich sollte es politisch korrekt zugehen. Doch bei allen Unterschieden zwischen den verschiedenen Verbänden und Bünden weltweit: Der Geist des Gründers lebt noch immer, wenn Mädchen und Jungen auf Fahrt gehen.

BiPi hat seinen Auftrag erfüllt und ist nach Hause gegangen, doch die Pfadfinder in aller Welt erinnert ein Satz aus seinem Abschiedsbrief noch heute an ihre Mission: „Versucht, die Welt ein bisschen besser zurückzulassen, als Ihr sie vorgefunden habt.“

Foto: Klemens Hrovath

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