29 Juni 2016, 08:00
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Am Freitag geht die Dialogplattform credo-online.de des Bistums Augsburg ans Netz. Gastkommentar von Alexander Pschera

Augsburg (kath.net) Die Kirche im Netz – das war bislang meist ein Trauerspiel 1.0. Papst Benedikt rief zwar schon 2009 dazu auf, den „digitalen Kontinent“ zu missionieren (Botschaft zum Welttag der sozialen Kommunikationsmittel) und im Internet eine „Kultur des Respekts, des Dialogs und der Freundschaft“ zu schaffen. Viel ist seitdem allerdings nicht passiert, vor allem nicht von offizieller kirchlicher Seite. Zwar hat jedes deutsche Bistum eine Facebook-Page, und der eine oder andere Bischof setzt den einen oder anderen Tweet ab. Aber man hat dabei den Eindruck, dass dies geschieht, weil es eben geschehen muss, weil es auf der Agenda steht. Eine echte Dialogbereitschaft ist genauso wenig zu erkennen wie apostolischer Eifer. Keine der Facebook-Seiten kommt über 1000 Fans wesentlich hinaus, und die spärliche Kommunikation der Kommentarspalten wird durch eine müde bis übervorsichtige Moderation im Keim erstickt. Bischof Stefan Oster ist mit fast 12.000 Fans auf Facebook eine blühende Oase in dieser Netzwüste – denn diese Anhänger hat er sich durch ein aktives, dialogisches Kommunizieren, das definitiv im 21. Jahrhundert angekommen ist, digital hart erarbeitet.

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Die relative Wirkungslosigkeit vieler kirchlicher Kommunikationskanäle ist auf Positionslosigkeit der Aussagen zurückzuführen. Das „Prinzip Talk-Show“ zeigt: nur klare Standpunkte setzen sich durch, werden gehört und zitiert, bleiben hängen. Im Zeitalter des Relativismus wollen die Menschen gerade von der Kirche prägnante Aussagen, deutliche Positionen, Leuchttürme, an denen sie sich orientieren können, keine diffusen Wortfelder und schwankenden Thesen mit viel „Wenn und Aber“. In der kirchlichen Kommunikation suchen die Menschen oftmals vergeblich ein klares christliches Profil mit authentischen Aussagen zu Fragen und Problemen ihres täglichen Lebens. Was sie dagegen finden sind Positionspapiere und Abwägungen, die in echten Problemsituationen nicht weiter helfen und die das Misstrauen in die Organisation, die vor allem mit sich selbst beschäftigt zu sein scheint, immer weiter steigern.

Die Gründe für das kommunikative und vor allem digitale Schattendasein liegen auf der Hand: Kirchliche Kommunikation wird von den Verantwortlichen in den Pressestellen immer noch großräumig als Krisenverhinderung und Bedenkenmanagement verstanden. Man igelt sich kommunikativ ein. Man macht die Schotten dicht. Man will unter sich bleiben. Es herrscht ein zentralistischer Verlautbarungsstil und ein archivarischer Grundduktus. Veröffentlicht wird nur das Notwendigste – und auch das manchmal nur auf Nachfrage. Bistums-Webseiten gleichen PR-Litfaßsäulen, auf denen Sitzungsprotokolle, Ernennungen und Dienstjubiläen angeschlagen werden. Manchmal muss man sich sogar anstrengen, um Gottesdienstzeiten zu finden. Auf diesen digitalen Flächen herrscht weder Leben noch Feuer, das anstecken und Lust machen könnte, sich auf die Suche zu machen nach Gott und den Menschen. Mit der Kommunikation ist es wie mit vielen anderen Disziplinen der Kirche: Sie werden abgewickelt, um den Betrieb aufrecht zu erhalten. Es ist eine Kommunikation von innen nach außen statt von außen nach innen, die hier stattfindet – eine Form der institutionalisierten Kommunikation, die in Industrieunternehmen bereits in den 80er Jahren ausgestorben ist.

Aber ist es das, was Christus dem Menschengeschlecht ins Stammbuch geschrieben hat? Ist das das „lebendige Wort“, an dem wir uns ausrichten sollen? Kommunikation ist Substanz, kein Akzidens – vor allem im Christentum. Die erste Gemeinschaft, die Gemeinschaft der Eucharistie, ist ein Geschenk, das wir „nur“ annehmen müssen, um es wirksam zu machen. Die zweite Gemeinschaft ist das Ergebnis unseres Handelns und Sprechens. Sie verlangt von uns ein aktives, verantwortungsvolles, dialogisches Kommunizieren. Wir können uns dieser Aufgabe nicht entziehen. Denn Gemeinschaft ist das Ziel unseres Hierseins auf Erden. Unsere Berufung ist es, eine Kultur der Freundschaft und des Dialogs zu begründen. Kommunikation ist also kein abstrakter Prozess jenseits dieser Aufgabe, sondern sie ist die Erfüllung genau dieser Berufung zur Liebe. Entsprechend umsichtig und gewissenhaft müssen wir Kommunikation – auch institutionelle – planen und durchführen.

Gerade unter dem Aspekt der zunehmenden Kirchenferne vieler Menschen und der Neuevangelisierung muss kirchliche Kommunikation genau beobachten, wie die Menschen interagieren und kommunizieren und sie muss sie dort abholen, wo sie sich befinden. Diese Kommunikation muss authentisch, frei und unbürokratisch sein, um die Faszination ihrer Botschaft vermitteln zu können. Sie muss vor allem Rückkanäle bereitstellen, um das Wesen der Kommunikation – den Austausch („communicare“) – möglich zu machen.

Die Idee der neuen, dialogorientierten Kommunikationsplattform credo-online leitet sich ab von der inneren Notwendigkeit, das geistliche Leben im Bistum und natürlich auch darüber hinaus sichtbar zu machen und sein Wachstum zu fördern. Sie ist die erste kirchliche Plattform, die konsequent auf Austausch, Zeugnis, Charisma und Neuevangelisierung setzt und dafür alle technischen Möglichkeiten der sozialen Medien nutzt. Damit ist credo-online ein Paradigma für das Apostolat der Zukunft.

Credo-online ist direkt, dialogisch und dezentral angelegt. Die Plattform soll dafür sorgen, dass das alltägliche Kommunikationsverhalten der Menschen im Netz und das Angebot der Kirche sich auf derselben Ebene begegnen. Dazu nutzt die Plattform sowohl redaktionelle Strecken, aber vor allem interaktive Instrumente wie Blogs und soziale Kanäle. Christus war niederschwellig unterwegs. Er suchte die Menschen an ihren konkreten Orten auf. Das soziale Netz bietet ungeahnte, bisher noch längst nicht ausgeschöpfte Möglichkeiten, diese Niederschwelligkeit und diese direkte Ansprache in den Dienst des Wortes Gottes zu stellen. Credo-online antwortet darauf auf überzeugende, ja spektakuläre Weise.

Unter der umsichtigen Leitung von Pfarrer Dr. Ulrich Lindl (Hauptabteilung III „Kirchliches Leben“ und Pfarrer der Pfarreiengemeinschaft Biberbach) und der Koordination von Thomas Weifenbach macht das Bistum Augsburg mit credo-online also jetzt Ernst mit der „Missionierung des digitalen Kontinents“. Personen wie Weihbischof Wörner, der dem Augsburger „Institut für Neuevangelisierung“ vorsteht, bürgen für nachhaltigen theologischen Rückhalt. Es ist bemerkenswert, dass die Initiative für credo-online nicht aus dem Kommunikationsstab des Bistums kommt, sondern aus dem aktiven Apostolat, aus der gelebten Berufung. Das legt den Finger in eine Wunde, die im Kirchenkörper klafft und die ein schmerzliches Symbol ist für das Auseinanderklaffen von Wort und Fleisch. Wir hoffen, dass die vielen Christen, die sich in credo-online mit Blogs, Videos, Bilderstrecken und Zeugnisbekundungen einschreiben werden, dafür sorgen, dass sich diese Wunde bald schließt.

Links:
- Bereits aktiv ist die credo-online-Facebook-Seite

- Ab Freitag, 1. Juli 2016, ist auch die Homepage aktiv: www.credo-online.de


Dr. Alexander Pschera (Foto) ist Journalist, Autor und Übersetzer







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