Login




oder neu registrieren?


Suche

Suchen Sie im kath.net Archiv in über 70000 Artikeln:







Top-15

meist-diskutiert

  1. Die Mitwirkung der seligen Jungfrau Maria an der Erlösung
  2. IRRE! – „LifeSiteNews“ postet Papst-Bild mit Henkerstrick auf X
  3. 'Wenn du deinen Apparat kulturell gegen dich hast, bist du der ärmste Hund als Bischof.'
  4. BREAKING NEWS - Der Papst hat Lungen-Krebs!
  5. Kardinal Marx meint: "Die Kirche ist kein sinkendes Schiff, sie wird nur umgebaut"
  6. 25 Jahre KATH.NET: Kardinal Müller wird Schirmherr, Peter Seewald journalistischer Berater!
  7. Wir können NICHT schweigen!
  8. Forscher sprechen von neuen Beweisen für möglichen Fundort der Arche Noah
  9. Was auch immer Synodalität sein soll
  10. Halbierung der Pfarren und Schließung Dutzender Kirchen
  11. Papst Leo wird operiert - Knoten in der Lunge!
  12. Was eine Messe wiegt
  13. Der „Hirt des Hermas“: Als ein frühchristliches Erbauungsbuch hoch im Kurs stand
  14. Papst ernennt Petersdom Nachfolger von Kardinal Gambetti
  15. Wie die Geschichte von Baby Miran ungeborene Kinder rettete

„Warum bin ich Christ“

vor 43 Minuten in Kommentar, keine Lesermeinung
Druckansicht | Artikel versenden | Tippfehler melden


„Weil ich in Christus die Wahrheit in Person erkannt habe und weil damit mein Verhältnis zu Gott in Glauben, Hoffnung und Liebe auch mein Heil und meine Rettung bedeutet.“ Vortrag im Stift Heiligenkreuz. Von Gerhard Card. Müller, Rom


Rom-Heiligenkreuz (kath.net/pl) kath.net dokumentiert den Vortrag von Gerhard Kardinal Müller im Stift Heiligenkreuz am 12.10.2026 im Rahmen der diesjährigen Wallfahrt der „Kaiser-Karl-Gebetsliga für den Völkerfrieden“ in voller Länge in Vorabdruck:

I.    Das Narrativ des überholten Christentums

Ernst Troeltsch (1865-1923), einer der bedeutendsten Kulturhistoriker des frühen 20. Jahrhunderts, verstand die Aufklärung und den von ihr angestoßenen Prozess der schleichenden oder gewaltsamen Entchristlichung des Abendlandes nicht nur als Fortschritt in den Wissenschaften, sondern im Kern als Leugnung der Übernatürlichkeit der geschichtlichen Selbstoffenbarung Gottes in Jesus Christus: „Als der erste umfassende Kampf gegen die Überlieferung der Kirche und der Antike ist sie schließlich erfüllt von einem einzigartigen Selbstständigkeitsgefühl und einem unbegrenzten Optimismus. Aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit heraustretend traut sie der endlich mündig gewordenen Vernunft eine nie geahnte weltverbessernde Wirkung zu. In alledem ist sie die erste umfassende und prinzipielle Opposition gegen die dualistisch-supranaturalistische Gestalt der Religion.“ (Aufklärung: Gesammelte Schriften IV: Scientia Verlag, Aalen 1966, 338- 374, hier 339).

Um sich vom Christentum auch persönlich zu distanzieren hat die Aufklärung eine spezielle Literaturgattung hervorgebracht: „Warum ich kein Christ mehr bin.“ Abseits des englischen und französischen Deismus mit seiner natürlichen, auf Ethik reduzierten Religion noch eines John Toland (Christianity not mysterious, 1696)), Matthew Tindal (Christianity as old as Creation, 1730) und eines Voltaire (Dictionnaire philosophique, 1762), vertrat Baron Holbach einen konsequenten materialistischen Atheismus, auf den sich später Feuerbach und Marx beriefen. In seinem Werk Le christianisme dévoilé (1761) wollte er das Christentum entlarven als Priesterbetrug und leichtsinnigen Wunderglauben. Seinen Ursprung führte er zurück auf Aberglauben und Furcht statt auf die heilsgeschichtliche Selbstoffenbarung Gottes. Es fand seine Fortsetzung in dem fast gleichnamigen Buch des Linkshegelianers Bruno Bauer mit dem Titel: Das entdeckte Christentum (Zürich 1843).

Typisch ist der Weg des deutschen evangelischen Theologen David Fridrich Strauß (1808-1874). Mit seinem Werk „Das Leben Jesu, kritisch bearbeitet“ (1835/36) machte er die Krise des überlieferten Christenglaubens deutlich, die mit dem Aufkommen der historisch-kritischen Exegese verbunden war. 

Strauß erklärte sich hingegen das Entstehen neutestamentlicher Wundergeschichten mit der Vergottung Christi als Folge der absichtslos dichtenden Sage seitens der Jünger, die in ihrem vorwissenschaftlichen Weltbild befangen waren. Ihm zufolge sind „unter neutestamentlichen Mythen, nichts Andres, als geschichtsartige Einkleidungen urchristlicher Ideen, gebildet in der absichtslos dichtenden Sage, zu verstehen.“ (Das Leben Jesu, kritisch bearbeitet I, Einleitung § 12:Osiander Verlag, Tübingen 1835; Nachdruck 1984, 75.) In seinem letzten großen Werk „Der alte und der neue Glaube“ (1872) zieht Strauß die ernüchternde Konsequenz auf die Frage, ob wir noch Christen sind: „Wenn wir nicht Ausflüchte suchen wollen, wenn wir nicht drehen und deuteln wollen, wenn wir Ja Ja und Nein Nein bleiben lassen wollen, kurz wenn wir als ehrliche aufrichtige Menschen sprechen wollen, so müssen wir bekennen. Wir sind keine Christen mehr.“ (Der alte und der neuen Glaube Verlag S. Hirzel. Leipzig 1872, 90).

Nietzsche, der als „Antichrist“ den „Fluch aufs Christentum“ ausgerufen hatte, wertet es ab als „Platonismus für’s ‚Volk‘“ (, 5, 12). „Platonismus“ steht hier als Metapher für das durch die Neue Naturwissenschaft (Galilei, Newton), überwundene idealistische Weltbild mit ihren qualitativen, (statt nur quantitativ-mathematischen messbaren) Wesensformen der Dinge und der damit verbundenen Metaphysik der Realitäten und Wesenheiten jenseits der sinnlich-positivistisch verifizierbaren Welt. Franz Overbeck (1837-1905) sprach vom Ende des Christentums – finis Christianismi – so wie sein Freund Friedrich Nietzsche (1844-1900) den „Tod Gottes“ verkündet hatte. 

Die führenden Vertreter der Religionskritik, besonders die Linkshegelianer und ihre antiklerikalen Nachkommen, beurteilen die „Rolle von Religion und Kirche“ als befremdliches und schädliches Relikt aus der antiken und mittelalterlichen Vergangenheit. Sie empfinden die Theologie, die sich auf eine übernatürliche Offenbarung eines personalen Gottes beruft, „als gegenwärtige Gestalt des Geistes problematisch“ (Habermas, 1, 25). 

Der Soziologe und Philosoph Hans Joas berichtet von dem apodiktischen Urteil, das ein deutscher Philosophen seinem Gesprächspartner entgegenhielt: „Wer heute noch glaubt, ist intellektuell unredlich.“ Und durchaus war die Bemerkung nicht persönlich gemeint: „Es ist nur so, das vielen Zeitgenossen der religiöse Glaube so eindeutig als überholt gilt – in einen kognitiven Ansprüchen von der Wissenschaft widerlegt, von seiner Erfahrungsdimension von Psychologie und Neurowissenschaft auf seinen realen Kern zurückgeführt, in seinen sozialen Funktionen durchschaut-, dass es ihnen zum Rätsel wird, wieso überhaupt vernünftige Zeitgenossen noch zu einem solchen Opfer ihres Intellektes bereit sein können. Da müssen wohl – so meinen sie – Interessenlagen im Spiel sein oder psychische Probleme oder eben ein Mangel an denkerischer Konsistenz, ein Mangel an intellektueller Redlichkeit.“ (Hans Joas, Glaube als Option. Zukunftsmöglichkeiten des Christentums: Freiburg i. Br. 2012, 13.)

Der britische Philosoph und Mathematiker Bertrand Russell (1872-1970) veröffentlichte 1927 das titelgebende Werk „Why I am not a Christian“, das eine Literurgattung ante litteram fortsetzte, aber auf den Begriff brachte. 


In neuerer Zeit hat sich zur Begründung seiner geistigen Verabschiedung vom Christentum der bekannte Mediävist Kurt Flasch mit seinem Essay von 1992 „Warum ich kein Christ bin“ öffentlichkeitswirksam zu Wort gemeldet. 

Wenn auch nicht dem Wortlaut nach, gehört als einer der führenden Figuren des Neuen Atheismus, Richard Dawkins – wenn auch weniger philosophisch-rational als naturwissenschaftlich-positivistisch argumentierend – in diese Reihe des Selbstdistanzierung vom Christentum mit seinem Titel „The God Delusion“ (2007), das den Glauben an die Selbstoffenbarung Gottes in Jesus Christus als eine Art Wahn und geistig-psychologischen Gen-Defekt an der Vernunft diagnostiziert. 

II.    Das Resümee der Christentums-Kritik

Die in der entsprechenden Literaturgattung gesammelten antichristlichen Argumentationen in ihren philosophischen, historischen, gesellschaftlichen oder und naturwissenschaftlichen Variationen lassen sich auf wenige Punkte zurückführen. 

1.    Die Existenz Gottes könne rational nicht erwiesen werden und sei als philosophische Idee höchstens ein Postulat der moralischen Vernunft und wegen der immanenten Naturkausalität als naturwissenschaftliche Arbeitshypothese für einen notwendigen – demiurgisch gedachten – Eingriff von außen (in der Art des Uhrmachergottes) überflüssig. Auch die natürliche Erklärung allen Geschehens in der Welt könne mit der Evolutionstheorie vollständig natürlich erklärt werden und mache einen Rekurs auf übernatürliche Kausalität überflüssig. 

2.    Die ungeheuren Ströme von Blut und Tränen in der Menschheitsgeschichte schließen die Existenz eines guten Gottes aus oder zeigen nur, dass ein allmächtiger Gott nicht willig oder fähig ist, das radikal Böse zu verhindern (Theodizee-Problematik). Sowohl ein guter und schwacher als auch ein allmächtiger und mitleidsloser Gott gehen uns nichts an.

3.    Die Kirche behindere als Institution mit ihrer Berufung auf die Autorität Gottes und mit ihrem Dogmenglauben den Fortschritt der Wissenschaft, der allein auf der Vernunft aufbaue, ohne freilich den Begriff der Vernunft hier zu klären. Die Kirche mit ihrer Lehre von der Notwendigkeit der übernatürlichen Gnade stehe gegen die Freiheit in autonomer Selbstbestimmung des Individuums und des Allgemeinwillens der Gesellschaft (volonté générale). 

4.    Die Ethik bedürfe zu ihrer Begründung keiner Religion, also einer Bindung des Gewissens an Gott, sondern könne allein evolutionstheoretisch als dem Zusammenspiel von Eigen- und Fremdinteresse im Sinne des Überlebens plausibel gemacht werden. Hier wäre dagegen zu fragen, ob es nur um das Überleben des Stärkeren oder auch der Schwachen geht oder ob nicht überhaupt der Sinn des Lebens eines höheren Aspektes ist als nur das Überleben bis zum nächsten Mal.

5.     Die historisch-kritische Methode habe sowohl die biblische Heilsgeschichte als auch die Glaubenslehre in ihrer dogmengeschichtlichen Entwicklung als ein rein literarisches Produkte und Konstrukte aus Menschengedanken relativiert („entzaubert“), so dass das darin gehörte Wort Gottes nur eine menschliche und immanente Interpretation besonders der historischen Gestalt Jesu sei und zur Aneignung von kirchlicher Macht instrumentalisiert worden sei. Das Zeugnis der Kirche in Heiliger Schrift und Apostolischer Tradition begründe nicht die Tatsächlichkeit einer realen Kommunikation des transzendenten Gottes mit seinem erwählten Volk Israel und den Jüngern Jesu, also die Gegenwart von Gottes Wort im Menschenwort ( vgl. 1 Thess 2, 13).

6.    Und das ist der gegenchristlichen Argumente letzter Schluss: Da das Christentum als Offenbarung Gottes nicht rational beweisbar und metaphysisch nicht notwendig sei darum gebiete es die intellektuelle Redlichkeit, sich vom Christentum loszusagen, sich von der Kirche zu trennen und jeden zu warnen, der sich in Jesus von Nazareth den einzigen Retter im Leben und Sterben erkennt.

Summa summarum: Die Einwände der nachmetaphysischen Religionskritik gegen das Christentum als die Präsenz der Göttlichen Offenbarung in der sichtbar-sakramentalen Kirche gehen nicht wesentlich hinaus über die neuplatonische Christentums-Kritik eines Kelsos, Plotinos, Porphyrios, Julian Apostata, und Proklos. Die Idee des All-Eins des Kosmos, der Götter und Menschen umfasst, oder des Geistes als bloßer Funktion der Materie lässt ihnen zufolge den Glauben an den transzendent-seienden und immanent-geschichtlich-handelnden personalen Gott in Schöpfung und Bund nicht zu und schließt Apriori die Inkarnation, das Leiden Gottes am Kreuz und die leibliche Auferstehung von den Toten aus. Die Wirklichkeit Gottes finde ihre Grenze an dem denkbar Möglichen seitens der endlichen Vernunft als ihrem absoluten Maß.

III.    Warum ich aber Christ bin und bleibe
 
1.    Weil das Christentum keine philosophische Theorie ist oder eine naturwissenschaftliche Weltformel, die alle Fragen theoretisch erklärt und alle Daseinsprobleme praktisch löst oder das Evangelium zu verwechseln wäre mit marxistischer Geschichtsdialektik, einem woken Emanzipationsprogramm oder einer Umweltagenda – sondern weil Christentum Beziehung zu einer Person ist und weil Christus, der Sohn des Vaters und der universale Mittler des Heils, sich mit meinem Dasein, meinen Leiden und Sterben identifiziert hat und mir und dir die Hoffnung gibt, dass wir „von der Sklaverei und Verlorenheit befreit werden zur Freiheit und Herrlichkeit der Kinder Gottes“ (Röm 8, 21); und weil ich mich durch ihn befreit fühle von dem totalitären Zugriff idealistischer und positivistischer Systemphilosophien oder pseudo-religiöser und politischer Ideologien; und weil also „der Glaube im Hören des Wortes Christi gründet“ (Röm 10 17); dass also, erkenntnistheoretisch gesagt, die Wirklichkeit des Seins und ihr transzendenter Grund immer ihre theoretische Konstruktion aus transzendentalen und empirischen Begriffen überragt und sie korrigiert. 

2.    Weil der trinitarische Gott in seinem Wesen Logos/Verbum ist (=sich im Wort aussprechende und uns ansprechende Vernunft) und Pneuma/Spiritus ist (=der Vater und Sohn in Liebe vereinende Geist), und darum „die wahren Beter den Vater anbeten werden in Geist und Wahrheit“ (Joh 4, 23); und weil der Glaube als personaler Akt mit seinem Inhalt nicht ein vages naturreligiöses Gefühl von einem Numinosum ist hinter der sichtbaren Welt oder die Erfassung des Absoluten im spekulativen Begriff, sondern ein geistiges Erkennen Gottes ist in seiner geoffenbarten Wahrheit, in welcher der Hörer Seines Wortes (Logos) im Heiligen Geist (Pneuma) seiner Selbstoffenbarung in innerer Freiheit und Vertrauen voll zustimmt. 

3.    Weil die Glaubensartikel keine Sammlung heterogener Thesen sind, die ich unverstanden und blind aufgrund einer mir äußerlich bleibenden Autorität voluntaristisch akzeptieren muss, sondern weil ich sie in ihrem Ursprung, Zusammenhang und Ziel jetzt in diesem irdischen Leben im vernunftbasierten Glauben an den göttlichen Intellekt anfanghaft und unvollkommen, „wie in einem Spiegel“, erkenne und im ewigen Leben „durch und durch erkennen werde, so wie ich auch durch und durch erkannt worden bin“ (1 Kor 13, 12), Die Autorität des sich offenbaren Gottes, nämlich des Vaters, ist nicht von dem Geoffenbarten, nämlich dem Logos, dem Sohn des Vaters real verschieden, so dass meine freie Zustimmung zu dem sich mir als Weg und Wahrheit und Leben mitteilenden Gott meine christliche Identität ausmacht: Ich bin durch seine Gnade Sohn und Freund Gottes in der liebenden Communio der drei Göttlichen Personen.

4.    Weil Gott nicht der eifersüchtige Konkurrent des Menschen ist oder das rein selbstbezügliche „Denken des Denkens“ (Aristoteles) oder der empathielose Selige im griechischen Götterhimmel (Hölderlin), sondern der Gott-mit-uns, der einen Bund der Liebe mit uns schließt in seinem Sohn Jesus Christus; und weil der Sohn Gottes nicht deshalb mein Herr und Haupt ist, indem er mich als Sklaven und Untertanen gebraucht, sondern weil er mich zum mündigen Bürger im Reich Gottes macht und uns alle zu seinen Söhnen/Töchtern und Freunden erhoben hat; und weil seine Ehre und Herrlichkeit (gloria Dei) darum der lebende Mensch (vivens homo) ist, dessen Leben in der Anschauung Gottes (visio Dei) seine Vollendung findet (Irenäus, Adv. haereses IV, 20, 7).

5.    Weil ich in Christus die Wahrheit in Person erkannt habe und weil damit mein Verhältnis zu Gott in Glauben, Hoffnung und Liebe auch mein Heil und meine Rettung bedeutet; und weil Gott nicht nur funktional reduziert wird auf eine Gedankenkonstruktion des Menschen oder eine angeborene Idee von einem fingierten Absolut-Punkt des endlichen Bewusstseins; und weil die Nachfolge Christi die Gleichgestaltung mit dem gekreuzigten und auferstandenen Herrn ist und das Evangelium keine bloß bebilderte Ethik; und weil die Kirche keine Dienstleisterin (NGO) ist für naturreligiöse Erlebnisse und sentimentale Gefühlsergüsse gnostischer Mystik oder eine Agentur für soziale Hilfsleistungen, sondern in Christus das Sakrament des Heils der Welt. 

6.    Weil die Fragen, die die das Christentum mit den meisten Religionen und Philosophien verbindet: „Was ist der Mensch? Was ist Sinn und Ziel unseres Lebens? Was ist das Gute, was die Sünde? Woher kommt das Leid, und welchen Sinn hat es? Was ist der Weg zum wahren Glück? Was ist der Tod, das Gericht und die Vergeltung nach dem Tod? Und schließlich: Was ist jenes letzte und unsagbare Geheimnis unsere Existenz, aus dem wir kommen und wohin wir gehen?“ (NA 1), das Christentum in der Antwort hingegen von allen Religionen und Philosophien kategorial unterscheidet und sein eigenes Wesen ausmacht. Das ist der Glaube der Kirche: „Christus, der für alle starb und auferstand, schenkt dem Menschen Licht und Kraft durch seinen Geist, damit er seiner höchsten Berufung nachkommen kann. (GS 10); weil ich glaube, dass nur die unendliche Vernunft Gottes uns aufgeklärt hat mit dem Licht Christi; weil sich tatsächlich also „nur im Geheimnis des Fleisch gewordenen Wortes das Geheimnis des Menschen wahrhaft aufklärt – reapse nonnisi in mysterio Verbi incarnati mysterium hominis vere clarescit.“ (GS 22); weil mir gegenüber dem Ungeschaffenen Licht Gottes, in dem es keine Finsternis gibt, das Licht der aufgeklärten Vernunft von fehlbaren Menschen vorkommt wie eine Nachtlaterne, die mit der Sonne konkurrieren will.

7.    Weil die vernunftstolze Arroganz, die sachfremde Polemik gegen die selbstproduzierte Karikatur von Kirche und Christentum und die intolerante Respektlosigkeit gegen Andersdenkende von Seiten der rationalistischen und ideologischen Religionskritiker in mir den Verdacht bestätigt, dass ihre Argumente nicht ausreichen das Christentum als überwundene Bewusstseinsform der Kontingenzbewältigung an die Seite zu schieben, indem sie unter Außerachtlassung der Analogia entis und der Analogia fidei die Glaubenswahrheiten univok mit den sachhaften Aussagen (in Physik, Biologie, Chemie etc.) über die natürliche Ding-Welt gleichsetzten und aufgrund dieses Kategorienfehles, die Aussagen über die Offenbarung ad absurdum führen wollen; und weil mir gerade der apodiktisch behauptete, (aber hermeneutisch nicht durchreflektierte) Widerspruch des Glaubens an die unendlichen Vernunft Gottes im Mensch gewordenen Logos zu der philosophischen und empirischen Erschließung des Logos im Sein der Welt der größtmögliche Verrat an der menschlichen Vernunft erscheint. 

8.    Weil die apostolischen Zeugen von der Reich-Gottes-Botschaft Jesu, seinem Leben und Sterben am Kreuz und von seiner Aufweckung von den Toten nach all ihren überwundenen Zweifeln nach den Ostererscheinungen Christi und den Pfingsterfahrungen der Jünger doch zuverlässig und glaubwürdig sind; und weil ich lieber zu denen gehören will, die man in Antiochia zum ersten Mal Christen nannte (Apg 11, 26) als zu ihren Verfolgern von Nero bis Stalin; und weil ich mich lieber wegen der Auferstehung von den Toten verlachen lasse als mir von den epikureischen und stoischen Philosophen auf dem Areopag bis zur hatespeech von Kelsos bis Voltaire auf die Schulter klopfen zu lassen oder mich Christopher Hitchens Schrift „Gott ist nicht groß. Wie die Religion alles vergiftet“ (2007) beeindrucken lasse, mit der er rhetorisch glänzt und philosophischen Tiefgang vermissen lässt. Die letzte intellektuell ernst zu nehmende Kritik, die das Christentum auf Moral reduzierte aber damit auch in seinem Wesen total verfehlte, erschien 1793 mit Kants Schrift „Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“. Der Rest ist sich im Kreis drehende Polemik, die Halbgebildete beeindruckt, und die nichts anderes ist als eine nachgeschobene Rechtfertigung über den verlorenen Glauben. Über dem Zirkelschluss des Neuen Atheismus „Gott kann nicht existieren, weil er nicht existieren darf“ erscheint das Menetekel „gezählt, gewogen und zu leicht befunden.“ (Dan 5, 27). 

9.    Weil niemand anders als der Mensch gewordene Sohn Gottes fähig ist meinem individuellen Leben nicht nur einen partikularen Sinn -und sogar nur verzweifelt selbst gesetzten Sinn (Sartre, Camus) – anzubieten, sondern mir den Sinn des Seins überhaupt zu erschließen; und weil der gekreuzigte und auferstandene Christus mir im Sterben beizustehen kann und mir Hoffnung auf die Ewigkeit vermittelt, die jeder Suche nach der Wahrheit und dem Verlangen nach Glück und der Erfüllung in Liebe zu Grunde liegt und weil mich diese Zusage überzeugt „Wer bekennt, dass Jesus der Sohn Gottes ist, in dem bleibt Gott, und er bleibt in Gott…Darin ist unter uns die Liebe vollendet, dass wir am Tag des Gerichts Zuversicht haben.“ (1 Joh 4, 15.17). 

10.     Weil ich mich in der Gemeinschaft der Gläubigen, die immer ein Gemeinschaft von Heiligen und Sündern sein wird – wohler fühle als im „Kreis der Spötter“ (Ps 1, 1). Sachte Ironie kann das Salz in der Suppe sein, aber der ätzende Spott über den christlichen Glauben, der hasserfüllte Vernichtungswille der Kirchenfeinde oder die sie sich selbst in den Abgrund ziehende Enttäuschung über das Allzumenschliche, Routinierte und Bürokratische in der Kirche, kann die natürliche Lebenslust und die „Freude im Herrn“ (Phil 4,4) verderben. Wie selten wird von den scharfen Gegnern des Christentums berichtet, dass sie gelassen und lebenssatt, dankbar und versöhnt mit sich und im Frieden mit der Mitwelt sterben. Und zu wem könnte ich in meiner Todesstunde mit Jesus zu Gott laut rufen: „Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist (Lk 23,46; vgl. Ps 31, 6); und weil ich nur als Christ um einen guten Tod beten kann (ars moriendi), indem das Ende meines irdischen Weges der Anfang ist meiner Heimkehr in das Haus des Vaters mit den vielen Wohnungen, die der Sohn für uns bereitet hat (Joh 14, 2); und weil ich hoffe, dass ich in meiner Sterbestunde im Rückblick auf das irdische Leben und im Vorblick auf das kommende beten kann wie Simeon im Tempel bei der Darstellung Jesu, als er „das Kind in seine Arme nahm und Gott pries“: „Nun lässt du, Herr, deinen Knecht, wie du gesagt hast, in Frieden scheiden. Denn meine Augen haben das Heil geschaut, das du vor allen Völkern bereitet hast, ein Licht zur Erleuchtung der Heiden und Herrlichkeit für dein Volk Israel.“ (Lk 2, 29-32).

Die „Rechenschaft über den katholischen Glauben“, den die nordafrikanischen Bischöfe während der blutigen Verfolgung durch die arianischen Vandalen ablegten, können wir Christen von heute uns ohne weiteres anschließen. Nach dem Bekenntnis zur Trinität und zur Inkarnation versichern sie: „Dies ist unser Glaube, der auf der Überlieferung des Evangeliums und der Apostel sowie auf die Gemeinschaft aller katholischen Kirchen gegründet ist. Wir hoffen und vertrauen, dass wir durch die Gnade des allmächtigen Gottes in diesem Glauben bis zum Ende unseres Lebens ausharren.“ (Viktor von Vita, Geschichte der Verfolgung in Afrika zur Zeit der Vandalenkönige Geiserich und Hunerich III, 101). 

Darum bin ich Christ.

Video dieses Vortrags:


Predigt von Kardinal Müller beim Konventsamt in Heiligenkreuz:

Predigt in der Montagsmesse: Es gibt keine Alternative


Ihnen hat der Artikel gefallen? Bitte helfen Sie kath.net und spenden Sie jetzt via Überweisung oder Kreditkarte/Paypal!

 





Lesermeinungen

Um selbst Kommentare verfassen zu können müssen Sie sich bitte einloggen.

Für die Kommentiermöglichkeit von kath.net-Artikeln müssen Sie sich bei kathLogin registrieren. Die Kommentare werden von Moderatoren stichprobenartig überprüft und freigeschaltet. Ein Anrecht auf Freischaltung besteht nicht. Ein Kommentar ist auf 1000 Zeichen beschränkt. Die Kommentare geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder.
kath.net verweist in dem Zusammenhang auch an das Schreiben von Papst Benedikt zum 45. Welttag der Sozialen Kommunikationsmittel und lädt die Kommentatoren dazu ein, sich daran zu orientieren: "Das Evangelium durch die neuen Medien mitzuteilen bedeutet nicht nur, ausgesprochen religiöse Inhalte auf die Plattformen der verschiedenen Medien zu setzen, sondern auch im eigenen digitalen Profil und Kommunikationsstil konsequent Zeugnis abzulegen hinsichtlich Entscheidungen, Präferenzen und Urteilen, die zutiefst mit dem Evangelium übereinstimmen, auch wenn nicht explizit davon gesprochen wird." (www.kath.net)
kath.net behält sich vor, Kommentare, welche strafrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen, zu entfernen. Die Benutzer können diesfalls keine Ansprüche stellen. Aus Zeitgründen kann über die Moderation von User-Kommentaren keine Korrespondenz geführt werden. Weiters behält sich kath.net vor, strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.


Mehr zu








Top-15

meist-gelesen

  1. Ostern 2027 in Rom - Große kath.net-Leserreise!
  2. Forscher sprechen von neuen Beweisen für möglichen Fundort der Arche Noah
  3. Aktionäre fordern FedEx auf, den Versand von Abtreibungspillen einzustellen
  4. 25 Jahre KATH.NET: Kardinal Müller wird Schirmherr, Peter Seewald journalistischer Berater!
  5. Israel: Vikariat ruft drei Jahre nach 7. Oktober zu Versöhnung auf
  6. Georgien: Kirchen- und Staatsoberhaupt bekräftigen christliche Wurzeln
  7. Bischofstreffen zu Ehe und Familie will Abschlussbericht publizieren
  8. Du bist eingeladen – mit deinem ganzen Leben
  9. Überraschung im Vatikan - Kardinal Tagle ist neuer Dekan des Kardinalskollegiums
  10. Erzbischof Randazzo: Synodalität kein Grund, Elemente der kirchlichen Tradition zu verwerfen
  11. Der „Hirt des Hermas“: Als ein frühchristliches Erbauungsbuch hoch im Kurs stand
  12. 'Tatsächlich Gott'
  13. Wir können NICHT schweigen!
  14. Marco Rubio in Athen: Ein Aufruf zur Rückbesinnung auf die christlich-abendländischen Wurzeln
  15. „Warum bin ich Christ“

© 2026 kath.net | Impressum | Datenschutz