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| ![]() Freikirche oder katholische Kirche? Überlegungen eines Konvertitenvor 58 Minuten in Spirituelles, keine Lesermeinung Teil I: Die halbe Wahrheit ist nicht die ganze Wahrheit – Gastbeitrag von Michael W. Busch Wien (kath.net) Bibeltreue und begeisternde Gemeinschaft prägen viele evangelikale Freikirchen. Doch führt dieser Weg auch zur Fülle der Heilsmittel, die Christus Seiner Kirche anvertraut hat? Ein Konvertit blickt dankbar auf seine freikirchliche Jugend zurück und beleuchtet die grundlegenden Unterschiede im Kirchen-, Sakraments- und Heilsverständnis. Es ist schon erstaunlich: Während die katholische Kirche in unseren Breiten seit Jahrzehnten mit rückläufigen Mitgliederzahlen, Priestermangel, überalterten Gemeinden und einem teilweise erschreckenden Glaubensverlust zu kämpfen hat, erfreuen sich manche evangelikale Freikirchen eines regen Zulaufs. Ihre Gottesdienste sind gut besucht, die Predigten lebendig, die Musik mitreißend, die Gemeinschaften überschaubar und persönlich. Junge Menschen engagieren sich, lesen die Bibel, bekennen sich öffentlich zu Christus und scheuen sich nicht, ihren Glauben auch im gesellschaftlichen Alltag zu vertreten. Mancher katholische Pfarrer dürfte davon nur träumen. Ich selbst (Jahrgang 1972) wuchs bis zu meinem zwölften Lebensjahr im pietistisch geprägten Siegerland, der Heimat Heinrich Jung-Stillings, auf und lernte dort die evangelikale Glaubenswelt gründlich kennen: In der Sonntagsschule, in der Jungschar, im Religionsunterricht, in den Gottesdiensten. Besonders erinnere ich mich an die vielen schönen und aufbauenden Lieder, die wir gemeinsam sangen (z.B. „Herr, deine Liebe ist wie Gras und Ufer“, „Danke für diesen guten Morgen“, „Ins Wasser fällt ein Stein“). Es war eine schöne Zeit mit gläubigen Menschen, die ihren Glauben ernst nahmen, miteinander beteten, die Bibel studierten und sich um ein christliches Leben in einer heilen, wenn auch geschlossenen Welt bemühten. Ich möchte diese Erfahrungen echter Gemeinschaft nicht missen. Ebenso wenig möchte ich den aufrichtigen Christusglauben und das ernsthafte Streben nach persönlicher Vervollkommnung, das in vielen Freikirchen anzutreffen ist, geringschätzen. Nicht selten können wir Katholiken davon sogar etwas lernen. Gerade deshalb soll meine anschließende Kritik keine Abrechnung mit Menschen sein, denen ich viel verdanke und deren ernsthaftes Bemühen ich anerkenne. Sie richtet sich auf das, was ich im Verlauf der Jahrzehnte als theologische und spirituelle Begrenzung dieses Glaubensweges erkannt habe. Heute bin ich zutiefst dankbar, katholisch zu sein. Meine Hinwendung zur katholischen Kirche war keine plötzliche Bekehrung, kein emotionales Damaskuserlebnis, sondern eher ein allmähliches Hineinwachsen, insbesondere während meiner Zeit in Süddeutschland, wohin meine Eltern umgezogen waren, und später während meines Doktorats in Erfurt. Dort schloss ich mich der Katholischen Hochschulgemeinde an, absolvierte ein Jahr lang beim damaligen Studentenpfarrer Christian Gellrich ein persönliches Katechumenat und erhielt von ihm schließlich 2004 meine Erstkommunion und Firmung. Je mehr ich mich mit dem katholischen Glauben beschäftigte, desto stärker wurde mir bewusst, welch ungeheurer geistlicher Reichtum sich hinter seinen Lehren, Sakramenten und jahrhundertealten Frömmigkeitsformen verbirgt. Schon früher hatte ich nie den Eindruck gehabt, dass die Grundrichtung des evangelikalen Glaubens, in dem ich aufgewachsen war, falsch gewesen wäre. Und dennoch spürte ich, zunächst eher unbestimmt, dass etwas fehlte. Heute würde ich sagen: Es fehlte die ganze Fülle. Es war gewissermaßen nur die halbe Miete, nur ein halber Regenbogen. Nicht zufällig bedeutet „katholisch“ dem Wortsinn nach „allumfassend“. Die katholische Kirche ist ihrem Selbstverständnis nach keine auf den überschaubaren Kreis einer örtlichen Kirchengemeinde beschränkte Glaubensgemeinschaft, sondern eine weltumspannende, alle Völker und Generationen verbindende Kirche, die den ganzen Reichtum des christlichen Glaubens in sich birgt. Ich begann mich immer mehr zu fragen, ob das, was in evangelikalen Kreisen oft als Rückkehr zum ursprünglichen, unverfälschten Christentum verstanden wird, nicht eine weitreichende Reduktion des christlichen Glaubens darstellt. Eine Reduktion, bei der zwar wichtige Wahrheiten bewahrt, andere aber ausgeblendet, umgedeutet oder ausdrücklich verworfen werden. Die entscheidende Frage lautet nicht, ob Freikirchler gute Christen sein können. Selbstverständlich können sie das. Die Frage lautet vielmehr: Ist der freikirchliche Weg tatsächlich der Weg zur ganzen Fülle dessen, was Christus seiner Kirche anvertraut und verheißen hat? Oder verzichtet man auf diesem Weg auf Wesentliches, ohne sich dessen überhaupt bewusst zu sein? Der Stamm und die abgetrennten Äste Dabei stellt sich schon eine einfache Frage: Woher stammt eigentlich die Bibel, auf die man sich so ausschließlich beruft? Der neutestamentliche Kanon ist schließlich nicht fertig gebunden vom Himmel gefallen. Seine verbindliche Gestalt hat sich innerhalb der frühen Kirche herausgebildet. Es war die kirchliche Überlieferung, die die apostolischen Schriften bewahrte, prüfte und ihre Zusammengehörigkeit erkannte. Warum vertraut man dieser Überlieferung hinsichtlich der Zusammenstellung der Heiligen Schrift, verweigert ihr aber bei der Auslegung derselben Schrift die Autorität? Das Prinzip sola scriptura birgt einen eigentümlichen Widerspruch. Denn die Schrift legt sich nicht selbst aus. Wer entscheidet, ob eine Interpretation zutrifft? Der einzelne Gläubige? Der Pastor? Der Gemeindevorstand? Und was geschieht, wenn zwei Prediger unter Berufung auf dieselbe Bibel zu völlig unterschiedlichen Ergebnissen gelangen, indem der eine bestimmte Verse wörtlich auslegt, ein anderer allegorisch und wieder ein anderer aus dem historischen Kontext heraus interpretiert? Die Geschichte des Protestantismus und der Freikirchen ist nicht zuletzt eine Geschichte fortwährender Aufspaltungen. Neue Gemeinden entstehen, weil man sich über Glaubensfragen, Gottesdienstformen oder Leitungsstrukturen nicht einigen kann. Natürlich bestehen auch zwischen katholischen Christen erhebliche Meinungsverschiedenheiten. Auch hier hat es Abspaltungen gegeben wie die der Altkatholiken oder zuletzt die der Piusbrüder. Die katholische Kirche verfügt hingegen über ein verbindliches Lehramt, das nicht bei jeder Meinungsverschiedenheit neu erfunden werden muss. Wer das Papsttum ablehnt, hat das Autoritätsproblem keineswegs gelöst. Er hat es lediglich verlagert. An die Stelle des Papstes tritt dann nicht selten der eigene Pastor, dessen oft zeitgeistige oder menschenwohlgefällige Bibelauslegung innerhalb der Gemeinde faktisch maßgeblich wird. Ausgerechnet jene, die sich von einer vermeintlich bevormundenden kirchlichen Autorität befreien wollen, können so in eine neue, bisweilen erheblich engere Abhängigkeit geraten. Wer hat die Kirche gegründet? Zwar berufen sich evangelikale Gemeinschaften auf das allgemeine Priestertum aller Gläubigen. Dieses kennt auch die katholische Kirche. Es hebt aber das besondere, sakramentale Priestertum nicht auf. Ohne gültige Weihe fehlt nach katholischem Verständnis die Vollmacht, das eucharistische Opfer in der Weise der katholischen Messe zu feiern und die eucharistische Wandlung zu vollziehen. Das betrifft auch evangelische Gemeinschaften, die das Abendmahl mit großer Ehrfurcht feiern und eine wirkliche Gegenwart Christi bekennen, etwa die Selbständige Evangelisch-Lutherische Kirche (SELK). Ihr Verständnis verdient eine eigene Würdigung, ist aber nicht mit der katholischen Lehre von Weihe und Eucharistie identisch. Das ist keine Geringschätzung der betreffenden Personen, sondern eine fundamentale Unterscheidung zwischen menschlicher Beauftragung und sakramentaler Sendung. Die katholische Kirche ist eben nicht einfach eine religiöse Gemeinschaft unter vielen, deren Mitglieder zufällig bestimmte Glaubensüberzeugungen teilen. Sie versteht sich als geschichtliche Fortsetzung der von Christus gestifteten Kirche, die ihre apostolische Überlieferung und ihre Sakramente durch die Jahrhunderte bewahrt hat. Wenn diese Auffassung zutrifft, kann man die katholische Kirche nicht ohne weiteres gegen eine andere christliche Gemeinschaft austauschen, als wechselte man von einem Verein zu einem anderen, dessen Veranstaltungen einem besser gefallen. Der Neue Bund ist mehr als ein persönliches Bekenntnis Brotbrechen oder Leib Christi? Natürlich kennt die Bibel bildhafte Redeweisen. Die katholische Eucharistielehre beruht indes nicht allein auf der Brotrede des Johannesevangeliums. Hinzu kommen die Einsetzungsworte beim Letzten Abendmahl, das Zeugnis des Apostels Paulus und die eucharistische Überlieferung der frühen Kirche. Schon der heilige Ignatius von Antiochien bezeugt zu Beginn des zweiten Jahrhunderts einen Glauben an die Eucharistie, der sich schwerlich auf ein bloßes Erinnerungszeichen reduzieren lässt. Die katholische Messe ist deshalb nicht einfach eine feierlichere Variante des freikirchlichen Gottesdienstes. Sie ist ihrem Wesen nach etwas anderes. Hier steht nicht die mehr oder weniger gelungene Predigt im Mittelpunkt, sondern das eucharistische Opfer Christi. Selbst wenn der Priester schlecht predigt, selbst wenn der Kirchenchor danebenliegt und die Gemeinde wenig Begeisterung zeigt, bleibt das sakramentale Geschehen davon unberührt. Christus ist gegenwärtig. Nicht weil wir ihn durch unsere Gefühle, unsere Musik oder unsere religiöse Begeisterung gewissermaßen herbeigerufen hätten, sondern weil er selbst seiner Kirche diese Gegenwart verheißen hat. Hier liegt der klassische katholische Grundsatz ex opere operato: Die Sakramente wirken kraft des von Christus gestifteten sakramentalen Handelns und nicht aufgrund der besonderen Frömmigkeit oder Begabung des Priesters. Das bedeutet keineswegs, dass der persönliche Glaube und die innere Bereitschaft des Empfängers gleichgültig wären. Es bedeutet aber, dass die Gnade nicht von der Stimmung im Kirchenraum und nicht von der rhetorischen Leistung des Zelebranten abhängt. Brotbrechen als gemeinschaftliches Erinnerungsmahl und der Empfang des Leibes Christi in der Eucharistie sind aus katholischer Sicht nicht einfach zwei Varianten desselben Vorgangs. Der Unterschied ist wie Himmel und Erde. In der konsekrierten Hostie steigt Christus selbst zu uns hinab, tritt in uns ein, in unsere Herzenskammer. Seine Gegenwart soll unser Denken, Fühlen, Wollen und Handeln durchdringen, uns wandeln und ihm selbst ähnlicher machen. Wenn der Gottesdienst zur Veranstaltung wird Was aber geschieht, wenn die Musik nicht berührt, die Predigt langweilt und die erwartete Begeisterung ausbleibt? Ist dann auch die Begegnung mit Gott misslungen? In der katholischen Messe steht nicht die Leistung des Menschen, sondern das Handeln Christi im Mittelpunkt. Dazu gehört auch die Ehrfurcht, die sich nicht allein innerlich vollzieht, sondern auch im körperlichen Verhalten Ausdruck findet. Wir knien nieder, bekreuzigen uns, verneigen uns vor dem Allerheiligsten. Wir schweigen, beten und beten an. „Vor dem Namen Jesu soll jedes Knie sich beugen“ (Phil 2,10). Der Mensch ist schließlich keine körperlose Seele. Was er glaubt, soll sich auch in seiner äußeren Haltung ausdrücken. Wenn in manchen modernen Gottesdiensten der Eindruck eines Konzert- oder Hörsaales entsteht, wenn Beifall, Unterhaltung und lockere Geselligkeit das Geschehen prägen, stellt sich mir die Frage, ob hier noch ausreichend bewusst ist, vor wem wir eigentlich stehen. Es geht nicht darum, jede freudige Glaubensäußerung zu verdächtigen. Doch Ehrfurcht ist mehr als Begeisterung. Sie entspringt dem Bewusstsein, dem unendlich heiligen Gott gegenüberzutreten. Wo dieses Bewusstsein schwindet, kann der außeralltägliche Gottesdienst zum alltäglichen Menschendienst herabsinken. Leider wäre es allerdings Selbsttäuschung, diese Kritik nur an Freikirchen zu richten. Die Gefühlszentriertheit, die anthropozentrische Predigt und die liturgische Profanisierung, die „Häresie der Formlosigkeit“ (Martin Mosebach) haben längst auch in vielen katholischen Pfarrgemeinden Einzug gehalten. Diese schleichende Protestantisierung des Katholizismus ist umso bedauerlicher, als dadurch ausgerechnet das verdunkelt wird, was die katholische Messfeier unverwechselbar macht. Hoffnung macht mir, dass manche jüngere Priester wieder größeren Wert auf Tradition, Sakralität und Ehrfurcht legen. Bekehrt – und damit gerettet? Wie problematisch die starke Konzentration auf einen bestimmten Augenblick der Bekehrung werden kann, habe ich schon als etwa Zehn- oder Elfjähriger erfahren. Damals nahm ich in Albshausen bei Wetzlar an einer einwöchigen Glaubensrüste für Kinder und Jugendliche teil, die mir bis heute in bedrückender Erinnerung geblieben ist. Wir aßen, beteten, sangen und unternahmen gemeinsam etwas. Man war praktisch nie allein. Im Mittelpunkt standen die Bibellektüre und die religiöse Unterweisung. Wer die meisten Bibelverse auswendig hersagen oder eine bestimmte Schriftstelle am schnellsten aufschlagen konnte, erhielt eine Belohnung. Über allem lag ein eigentümlicher Druck, der mich zunehmend verunsicherte. Aus heutiger Sicht hatte diese Woche für mich beinahe etwas von einer Gehirnwäsche: Die nahezu ununterbrochene Gemeinschaft, die intensive religiöse Unterweisung und die wiederholte Beschwörung des ewigen Heils oder der Verdammnis ließen kaum Raum, sich innerlich zu distanzieren oder das Gehörte in Ruhe zu verarbeiten. Solchen Glaubensrüsten folgten später Zeltmissionen und weitere Jugendfreizeiten, die auch der Festigung innergemeinschaftlicher Bindungen dienten und bei denen nicht selten spätere Ehen innerhalb des eigenen Glaubensmilieus angebahnt wurden. An diesen Veranstaltungen nahm ich allerdings wegen unseres Umzugs nicht mehr teil. Besonders eindringlich erinnere ich mich an einen älteren „Versammlungsbruder“, der uns vom Buch des Lebens erzählte. Am Ende unseres irdischen Daseins, so erklärte er, werde dieses Buch aufgeschlagen. Nur wer darin verzeichnet sei, dürfe in den Himmel eingehen. Unser Name aber werde erst dann mit goldenen Lettern eingetragen, wenn wir uns persönlich und öffentlich zu Christus bekehrten. „Willst du, dass dein Name dort steht? Dann bekehr dich! Sag ja zu Christus!“ Diese Aufforderung wurde uns Kindern mit solchem Nachdruck vorgetragen, dass ich mich zunehmend bedrängt fühlte. Die Angst, womöglich nicht gerettet zu werden, stand unausgesprochen im Raum. In einer Nacht erlebte ich die Bekehrung eines Jungen aus meiner Schlafstube mit. Wir mussten alle aufstehen, uns im Kreis zusammensetzen und jeder ein freies Gebet für den Neubekehrten sprechen. Die erfreuliche Nachricht wurde anschließend den verantwortlichen Brüdern mitgeteilt, und am nächsten Tag wurde der Junge öffentlich für seine Entscheidung gelobt. Mich ließ dieses Erlebnis mit einem merkwürdig beklemmenden Gefühl zurück. Ich selbst brachte die verlangte Bekehrung nicht über mich. Nicht etwa, weil ich Christus abgelehnt hätte. Im Gegenteil: Ich glaubte doch bereits an Gott und an Jesus Christus! Warum sollte ich nun einen bestimmten, öffentlich vollzogenen Akt benötigen, um von Gott angenommen zu werden? War mein bisheriger Glaube denn nichts wert? Sollte ich ohne dieses Bekenntnis tatsächlich zu den Verworfenen gehören? Rückblickend erscheint mir diese Form religiöser Unterweisung höchst problematisch. Wo Kinder durch die Angst vor der ewigen Verdammnis zu einem öffentlich erwarteten Bekenntnis gedrängt werden, droht die freie Glaubensentscheidung zur religiösen Anpassungsleistung zu werden. Was als persönliche Hinwendung zu Christus gedacht ist, kann dann unversehens den Charakter eines sozialen Bewährungsrituals annehmen. Gerade hier zeigt sich für mich die befreiende Tiefe des katholischen Taufverständnisses: Am Anfang steht nicht meine religiöse Leistung, nicht mein öffentlich bekundeter Entschluss, sondern die unverdiente Gnade Gottes, die mir bereits geschenkt wird, bevor ich sie überhaupt bewusst erfassen kann. Die Bekehrung als bewusste Entscheidung, sein Leben Christus zu übergeben, kann selbstverständlich den Beginn eines tiefgreifenden geistlichen und segensreichen Wandels markieren. Doch damit ist der Mensch nicht automatisch am Ziel. In zahlreichen evangelikalen Strömungen wird die Überzeugung vertreten, ein einmal wirklich geretteter Christ könne sein Heil nicht mehr verlieren. Andere lehnen diese Vorstellung ausdrücklich ab. Dennoch bleibt die starke Konzentration auf den Zeitpunkt der persönlichen Bekehrung ein charakteristisches Merkmal vieler evangelikaler Gemeinschaften. Die katholische Kirche betrachtet die Umkehr dagegen als lebenslange Aufgabe. Auch nach der Taufe bleibt der von der Neigung zum Bösen gezeichnete Mensch verwundbar. Er kann schwer sündigen, sich von Gott entfernen und die heiligmachende Gnade verlieren. Ein öffentliches Christus-Bekenntnis ist daher keine Versicherungspolizze für das ewige Leben. Christus selbst warnt: „Nicht jeder, der zu mir sagt: Herr! Herr!, wird in das Himmelreich kommen, sondern wer den Willen meines Vaters im Himmel tut“ (Mt 7,21). Was nützt es also, Christus mit den Lippen zu bekennen, wenn man im Alltag gegen seine Gebote verstößt? Was nützt die Erinnerung an ein bewegendes Bekehrungserlebnis vor zwanzig Jahren in einem Sesselkreis bei Nacht, wenn das eigene Leben inzwischen von Hochmut, Lieblosigkeit, Unkeuschheit oder Habgier bestimmt wird? Der Mensch bleibt ein Sünder, der immer wieder der Gnade bedarf. Nicht die einmalige religiöse Entscheidung, sondern die Treue bis zum Ende ist entscheidend, wozu besonders die guten Werke zählen. „So ist auch der Glaube für sich allein tot, wenn er nicht Werke vorzuweisen hat“ (Jak 2,17). Gute Werke ersetzen die Gnade nicht; sie sind Frucht eines Glaubens, der in der Liebe wirksam wird. Daran muss sich jedes noch so nachdrückliche Christus-Bekenntnis messen lassen. Hildegard Burjan hat dies in treffliche Worte gefasst: „Ich weiß sicher, dass es nur ein wahres Glück gibt, und das ist die Liebe Gottes! Alles andere kann erfreuen, aber Wert hat es nur, wenn es aus dieser Liebe stammt und in ihr begründet ist.“ Aus der Liebe zu Gott erwächst unsere Liebe zu unseren Mitmenschen und uns selbst. Der Liebe zu Gott sollten unsere Handlungen und Leistungen entspringen. Das bedeutet freilich nicht, dass wir uns durch eigene Leistungen erlösen könnten. Das genaue Gegenteil ist wahr: Wir sind auf Gottes Barmherzigkeit angewiesen, weil wir uns selbst nicht aus unserer Schuld befreien können. Baron Münchhausen und die Beichte In der sakramentalen Beichte muss ich mich überwinden, meine Schuld auszusprechen. Ich muss sie einem Gegenüber offenbaren, das in diesem Augenblick nicht als Privatperson, sondern als geweihter Diener Christi handelt. Und schließlich höre ich die Worte: „Gott, der barmherzige Vater, hat durch den Tod und die Auferstehung seines Sohnes die Welt mit sich versöhnt und den Heiligen Geist gesandt zur Vergebung der Sünden. Durch den Dienst der Kirche schenke er dir Verzeihung und Frieden. Und ich spreche dich los von deinen Sünden im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.“ Das ist nicht eine bloß psychologische Entlastung. Es ist nach katholischem Glauben ein wirksamer Gnadenakt Christi selbst. „Denen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen; denen ihr sie behaltet, sind sie behalten“ (Joh 20,23). Warum sollte Christus seinen Aposteln diese Vollmacht ausdrücklich übertragen haben, wenn sie für das Leben der Kirche keinerlei sakramentale Bedeutung besitzen sollte? Die Beichte ist kein Instrument religiöser Bevormundung, sondern ein Geschenk göttlicher Barmherzigkeit. Sie eröffnet dem gefallenen Menschen immer wieder einen Neuanfang. Auch die Krankensalbung gehört zu diesen konkreten Hilfen der Kirche. Gerade in schwerer Krankheit und im Angesicht des Todes bleibt der Mensch nicht auf seinen eigenen Glaubensmut verwiesen. Die Kirche tritt ihm mit Gebet, Salbung und sakramentaler Gnade zur Seite. Freikirchen kennen ebenfalls Krankengebet und bisweilen Salbungen; doch die katholische Sakramentalität erschließt hier eine eigene Dimension. Darin zeigt sich die Größe des katholischen Menschenbildes: Es kennt die Abgründe menschlicher Schwäche, aber es verzweifelt nicht an ihnen, sondern bietet Mittel der Heilung an. Doch die katholische Kirche reicht noch weit über diese sakramentalen Hilfen hinaus. Ihre Gemeinschaft umfasst nicht nur die Lebenden, sondern auch jene, die uns bereits in die Ewigkeit vorausgegangen sind. - Teil 2 folgt - Ihnen hat der Artikel gefallen? Bitte helfen Sie kath.net und spenden Sie jetzt via Überweisung oder Kreditkarte/Paypal! ![]() LesermeinungenUm selbst Kommentare verfassen zu können müssen Sie sich bitte einloggen. Für die Kommentiermöglichkeit von kath.net-Artikeln müssen Sie sich bei kathLogin registrieren. Die Kommentare werden von Moderatoren stichprobenartig überprüft und freigeschaltet. Ein Anrecht auf Freischaltung besteht nicht. Ein Kommentar ist auf 1000 Zeichen beschränkt. 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