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„Wer sein Leben um meinetwillen verliert, wird es finden“

vor 9 Stunden in Spirituelles, 1 Lesermeinung
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„Warum spricht Jesus hier so kompromisslos?“ Von Archimandrit Dr. Andreas-Abraham Thiermeyer


Eichstätt (kath.net) Predigt zum 13. Sonntag im Jahreskreis A, (2 Kön 4,8-11.14-16a; Mt 10,37–42):

1. Eine überraschende Einladung
Es gibt Evangelien, die uns sofort ansprechen und trösten. Und es gibt Evangelien, die uns zunächst erschrecken, weil sie so radikal klingen. Zu diesen Texten gehört zweifellos das heutige Evangelium. Jesus sagt: „Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert. Wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert.“

Auf den ersten Blick scheinen diese Worte kaum mit dem Bild Jesu vereinbar zu sein, das wir sonst aus den Evangelien kennen: mit dem Jesus, der Kinder segnet, Kranke heilt, Tränen trocknet und die Menschen zur Liebe aufruft.

Warum spricht er hier so kompromisslos?

Vielleicht deshalb, weil er uns an etwas erinnern möchte, das wir leicht vergessen: Gott ist nicht ein Teil unseres Lebens unter vielen anderen. Er ist die Mitte, aus der alles Leben kommt. Jesus fordert deshalb nicht weniger Liebe, sondern eine tiefere Liebe. Er will nicht zwischen uns und die Menschen treten, die wir lieben. Er möchte vielmehr die Quelle sein, aus der unsere Liebe zu den Menschen immer neu gespeist wird.

Das heutige Evangelium ist deshalb keine Zumutung, sondern eine Einladung. Es lädt uns ein, die Mitte unseres Lebens neu zu entdecken.

2. Die Liebe, die allem vorausgeht
Wir Menschen leben von Beziehungen. Von Menschen, die uns begleiten, verstehen und tragen. Eltern, Kinder, Freunde und Weggefährten sind kostbare Geschenke Gottes. Ohne sie wäre unser Leben ärmer und dunkler. Und doch wissen wir: Kein Mensch kann die tiefste Sehnsucht unseres Herzens erfüllen. Selbst die schönsten Beziehungen bleiben zerbrechlich. Menschen verändern sich. Menschen gehen fort. Menschen sterben.

Darum erinnert uns Jesus an eine befreiende Wahrheit: Es gibt eine Liebe, die allem vorausgeht. Eine Liebe, die uns schon kannte, bevor wir geboren wurden. Eine Liebe, die uns begleitet, wenn alle menschlichen Sicherheiten ins Wanken geraten. Diese Liebe ist Gott selbst.

Der heilige Augustinus hat dies in einem berühmten Satz ausgedrückt: „Du hast uns auf Dich hin geschaffen, und unruhig ist unser Herz, bis es ruht in Dir.“


Jede menschliche Liebe wird schöner, freier und tiefer, wenn sie in Gottes Liebe eingebettet ist. Wer Gott an die erste Stelle setzt, liebt die Menschen nicht weniger, sondern richtiger. Er macht sie nicht zum Mittelpunkt seines Lebens, sondern empfängt sie als Geschenk.

3. Das Kreuz und die Überraschungen Gottes
Dann spricht Jesus vom Kreuz: „Wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt, und mir nachfolgt, ist meiner nicht wert.“

Auch dieses Wort löst oft Unbehagen und Befremdung aus. Zu schnell verbinden wir das Kreuz ausschließlich mit Leid, Verzicht und Schicksalsschlägen. Doch im Evangelium ist das Kreuz niemals das letzte Wort. Das letzte Wort Gottes heißt immer Auferstehung. Jesus fordert uns nicht auf, das Leiden zu suchen. Er lädt uns ein, dem Leben zu vertrauen. Er lädt uns ein, auch jene Wege anzunehmen, die wir uns selbst nicht ausgesucht hätten.

Eine Mutter erzählte einmal, sie habe von einem glücklichen und unbeschwerten Familienleben geträumt. Dann wurde ihr schwer behindertes Kind geboren. Später schrieb sie: „Ich wollte nach Italien reisen. Das Flugzeug landete in Holland.“ Zunächst war sie enttäuscht und verzweifelt. Doch mit den Jahren entdeckte sie in diesem unerwarteten „Holland“ eine Schönheit, die sie nie erwartet hatte: neue Menschen, neue Tiefe, neue Liebe und eine neue Sicht auf das Leben.

So geschieht es oft auch im Glauben. Nicht selten finden wir Gottes Segen gerade dort, wo unsere eigenen Pläne scheitern. Das Kreuz bedeutet deshalb nicht Niederlage. Es bedeutet, darauf zu vertrauen, dass Gott auch auf verschlungenen Wegen mit uns geht.

Der Wüstenvater Abba Poimen sagt: „Fliehe nicht vor deiner Prüfung; denn durch sie findest du Gott.“

4. Wo Gott Raum bekommt, wächst Leben
Diese Wahrheit begegnet uns bereits in der ersten Lesung.

Die Frau von Schunem nimmt den Propheten Elischa in ihr Haus auf. Sie tut dies nicht aus Berechnung und nicht aus Eigennutz. Sie spürt einfach: Hier kommt ein Mensch Gottes.

Darum richtet sie ihm ein Zimmer ein. Sie schafft Raum für den Propheten – und damit Raum für Gott. Gerade dort geschieht das Wunder. Der kinderlosen Frau wird ein Sohn geschenkt.

Die Botschaft dieser Erzählung ist zeitlos: Wo Gott Raum bekommt, entsteht Zukunft. Wo Gott willkommen ist, wächst Leben. Wo Gott eintreten darf, beginnt etwas Neues.

Vielleicht ist das auch die Frage dieses Sonntags an uns: Welchen Raum geben wir Gott in unserem Alltag? Hat er einen Platz in unseren Gedanken, in unserem Gebet, in unseren Entscheidungen? Oder ist er nur ein gelegentlicher Gast?

5. Das Evangelium der offenen Tür
Von hier aus verstehen wir auch die Worte Jesu: „Wer euch aufnimmt, nimmt mich auf.“ Das ist ein wunderbares Wort des heutigen Evangeliums.
Denn Gott kommt selten spektakulär. Er kommt oft verborgen. Er klopft an unsere Tür im Gewand eines Mitmenschen. Er begegnet uns in den Kleinen, den Suchenden, den Einsamen und den Bedürftigen.

Die ersten Christen verstanden das sehr gut. Sie öffneten ihre Häuser für die Feier der Eucharistie. Sie nahmen Wanderprediger, Arme und Fremde auf. So entstand Kirche: durch Menschen, die Gott Raum gaben. Bis heute lebt die Kirche von dieser Gastfreundschaft des Glaubens.

Der heilige Benedikt schreibt: „Alle Gäste, die kommen, sollen aufgenommen werden wie Christus selbst.“ Jede Begegnung kann deshalb eine Gottesbegegnung werden. Hinter jedem Menschen kann Christus verborgen sein.

6. Die kleinen Zeichen der Liebe
Das Evangelium endet fast zärtlich. - Nach den großen Worten von Nachfolge, Kreuz und Hingabe spricht Jesus plötzlich von einem Becher Wasser: „Wer einem von diesen Kleinen auch nur einen Becher frisches Wasser zu trinken gibt, wird gewiss nicht um seinen Lohn kommen.“

Wie tröstlich ist das!

Das Reich Gottes beginnt nicht mit großen Heldentaten. Es beginnt im Kleinen.

Mit einem freundlichen Blick. Mit einem guten Wort. Mit einem offenen Ohr. Mit einem Besuch. Mit einer helfenden Hand. Mit etwas Zeit für einen einsamen Menschen.

Die Liebe Gottes wird oft gerade in diesen unscheinbaren Gesten sichtbar. Das Reich Gottes wächst nicht nur durch große Ereignisse. Es wächst durch Menschen, die ein Herz haben, das offenbleibt.

7. Christus führt in die Fülle des Lebens
Das heutige Evangelium ist keine Drohbotschaft. Es ist eine Einladung zu einem großen und freien Leben. Jesus nimmt uns nichts weg. Er möchte uns zu jener Fülle führen, nach der wir uns sehnen. Er möchte unser Herz weiten für die Liebe Gottes, die größer ist als alle menschlichen Sicherheiten. Oft wird Nachfolge Christi als etwas Schweres dargestellt. Doch die Heiligen erzählen etwas anderes. Sie sprechen von Freude. Von Freiheit. Von innerem Frieden.

Der hl. Seraphim von Sarow sagte: „Erwirb den Geist des Friedens, und Tausende um dich werden gerettet werden.“ Genau darum geht es. Christsein beginnt nicht mit Forderungen, sondern mit einer Begegnung. 

Die Frau von Schunem öffnete ihre Tür für einen Gottesboten – und erhielt unerwartet neues Leben.
So geschieht es bis heute. Wo Christus willkommen ist, wird das Herz weiter. Wo Christus willkommen ist, wächst Hoffnung. Wo Christus willkommen ist, beginnt Auferstehung schon mitten in dieser Welt.

Darum dürfen wir unseren Weg mit Vertrauen gehen. Wir folgen nicht einer Idee, nicht einer Theorie und nicht einer Moral. Wir folgen dem lebendigen Herrn. Und wer mit Christus geht, geht niemals einer dunklen Zukunft, sondern immer dem Licht entgegen. Amen.

Archimandrit Dr. Andreas-Abraham Thiermeyer ist der Gründungsrektor des Collegium Orientale in Eichstätt. Er ist Theologe mit Schwerpunkt auf ökumenischer Theologie, ostkirchlicher Ekklesiologie und ostkirchlicher Liturgiewissenschaft. Er studierte in Eichstätt, Jerusalem und Rom, war in verschiedenen Dialogkommissionen tätig. Er veröffentlicht zu Fragen der Ökumene, des Frühen Mönchtums, der Liturgie der Ostkirchen und der ostkirchlichen Spiritualität. Weitere kath.net-Beiträge von ihm: siehe Link.
 


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Lesermeinungen

 Versusdeum vor 6 Stunden 
 

Und warum irritieren uns diese Worte?

Weil sie der Häresie der Allerlösung / "Zwangserlösung" widersprechen, die offensichtlich im deutschsprachigen Raum weit verbreitet sind. Hier gilt es als völlig egal, wie schwer man sündigt (sogar im skandalösen neuen kirchlichen Arbeitsrecht!), hauptsache "der Groschen in der Kasse klingt, die Seele in den Himmel springt". Und selbst manche Priester predigen "Liebe [sie meinen damit: Habe Sex] und dann tue, was du willst"]. Eine Ursache für diesen Glaubensabfall sind sicherlich die tendenziösen Falschübersetzungen des deutschen Messformulars, am Dreistesten das "für alle" statt "für viele" mitten in den Wandlungsworten. Aber selbst ernste päpstliche Bitten, das zu korrigieren, ignoriert die DBK ja seit Jahrzehnten gnadenlos.


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