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Äthiopien: „Wir können in friedlicher Koexistenz leben“

26. November 2020 in Weltkirche, 1 Lesermeinung
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Der Machtkampf um die nordäthiopische Provinz Tigray hat sich zu einem blutigen Konflikt ausgeweitet. Die Kämpfe greifen auch auf das Nachbarland Eritrea über.


Wien-München (kath.net/KIN)

Der Machtkampf um die nordäthiopische Provinz Tigray hat sich zu einem blutigen Konflikt ausgeweitet. Die Kämpfe greifen auch auf das Nachbarland Eritrea über, mit dem Äthiopien nach einem Jahrzehnt der kriegerischen Auseinandersetzung Frieden geschlossen hat. Beobachter warnen vor einer neuen humanitären Katastrophe am Horn von Afrika. Das UN-Flüchtlingshilfswerk sprach von allein 11.000 Menschen, die wegen der Kämpfe aus Äthiopien in den benachbarten Sudan geflohen seien.

Über die Hintergründe des Konflikts und Chancen für eine friedliche Entwicklung sprach Tobias Lehner vom weltweiten katholischen Hilfswerk „Kirche in Not“ mit Prinz Dr. Asfa-Wossen Asserate. Er ist ein Großneffe des letzten äthiopischen Kaisers Haile Selassie und kam 1974 als politischer Flüchtling nach Deutschland. Asserate ist Unternehmensberater für den Mittleren Osten und Afrika, Bestsellerautor und Politischer Analyst.

Prinz Asserate, im Schatten der US-Wahl hat sich der seit langem schwelende ethnische Konflikt zu einer militärischen Auseinandersetzung ausgeweitet. Wie konnte es soweit kommen?

Schuld an dieser Auseinandersetzung sind die Milizen der TPLF („Tigray People's Liberation Front“, Volksbefreiungsfront von Tigray; Anm. d. Red.), die Anfang November eine Militärbasis des äthiopischen Nordkommandos in Tigray nachts überfallen und zahlreiche Soldaten getötet haben. Darauf musste Äthiopien reagieren. Das ist der Ursprung dieses Krieges.

Und was sind die tieferliegenden Gründe?

Ich habe seit über 30 Jahren vor diesem Moment gewarnt: Eine Ethnisierung der Politik wird zu ethnischen Säuberungen führen. Das erleben wir im Moment. Äthiopien ist der einzige Staat auf der Welt, der sich eine „ethnische Föderation“ nennt.


Verantwortlich für diese aktuelle Katastrophe ist die Verfassung, die den Äthiopiern von der TPLF Anfang der 90er Jahre aufoktroyiert worden ist. Diese Apartheid-Verfassung muss dringend durch eine neue ersetzt werden, die aus Äthiopien endlich das macht, was die Mehrheit der Äthiopier seit mindestens fünfzig Jahren will: einen demokratischen föderalistischen Staat.

Es geht also in diesem Konflikt nicht um das Volk der Tigray insgesamt, sondern vor allem um die TPLF?

Es geht einzig und allein um die TPLF, eine marxistische Gruppe, der vor dem Fall des Eisernen Vorhangs das Regime in Albanien als Vorbild galt. Sie haben sich in ihren Kernansichten nicht verändert.

Die TPLF hat 27 Jahre lang Äthiopien mit eiserner Faust und nach rassistischen Maßstäben geführt. Vor zwei Jahren hat sie ihre Macht in der Hauptstadt verloren. Die Anhänger haben sich dann auf ihre Heimatregion Tigray zurückgezogen, wo sie alles unterstützt und gefördert haben, was gegen den äthiopischen Staat gerichtet war – auch Morde an Christen im Süden des Landes.

Äthiopien ist ein Vielvölkerstaat. Die Tigray sind eine von ca. 120 Ethnien. Droht eine Sogwirkung, die ganz Äthiopien zu destabilisieren droht – und mit ihm die ganze Region?

Das wird in westlichen Medien so dargestellt. Ich sehe das anders. Wenn die TPLF und ihre Verbündeten keinen Einfluss mehr haben, dann ist der größte Feind der äthiopischen Union besiegt. Wir Äthiopier können dann in friedlicher Koexistenz miteinander leben, wie wir das seit Jahrtausenden tun.

Handelt es sich bei diesem Konflikt um ethnische Auseinandersetzungen oder hat er auch eine religiöse Komponente?

Die aktuellen Kämpfe haben keine religiöse Komponente. Tigray ist die christlichste aller äthiopischen Provinzen. Vor allem Aksum (die Hauptstadt des aksumitischen Reiches, aus dem später Äthiopien hervorging, Anm. d. Red.) ist die Basis der äthiopischen Kultur und seiner gesamten Zivilisation. Die erste Kirche wie auch die erste Moschee des Landes sind in Aksum gebaut worden.

Sie hatten vorhin dennoch christenfeindliche Übergriffe angesprochen, auch mit Beteiligung der jetzigen Kriegspartei TPLF. Worum handelt es sich da?

Das geschah im Sommer auf dem Gebiet der Oromo (der größten und mehrheitlich muslimischen Ethnie Ähtiopiens, Anm. d. Red.). Die „Islamic Front for the Liberation of Oromia“ (Islamische Front zur Befreiung von Oromo) hat zusammen mit der OLF-Shene (Oromo Liberation Front, Oromo-Befreiungsfront; Anm. d. Red.) gezielt äthiopisch-orthodoxe Christen ausgewählt und regelrecht abgeschlachtet. Wir wissen heute, dass diese beiden Gruppen finanziell, politisch und mit Waffen von der TPLF unterstützt worden sind. Die TPLF hat weder für die äthiopische Kultur noch für die Religion etwas übrig. Das sind für sie alles reaktionäre Erscheinungen.

Ministerpräsident Abiy Ahmend, der selber dem Volk der Oromo angehört, galt als großer Hoffnungsträger und hat für den Friedensschluss mit Eritrea den Friedensnobelpreis bekommen. Ist er gescheitert im Umgang mit den ethnischen Spannungen in seinem Land?

Nein. Abiy Ahmed tut das, was notwendig ist: Die Integrität und Souveränität Äthiopiens schützen. Das ist letztendlich auch seine Aufgabe. Es ist das Recht eines jeden Staates, seine territoriale Integrität und nationale Souveränität mit allen Mitteln zu gewährleisten.

Der Konflikt greift auch auf Eritrea über. Von Tigray aus wurden auch Raketen auf das Nachbarland gefeuert, wie die TPLF bestätigte. Was bedeutet das für den Friedensprozess zwischen Ähtiopien und Eritrea?

Äthiopien und Eritrea kämpfen gemeinsam gegen die TPLF. Wer hätte das gedacht? Die alten Probleme zwischen Äthiopien und Eritrea sind ausgeräumt. Dieser Friede hält.

Die Mehrheit der Äthiopier sind Christen, das Land zählt zu den ältesten christlichen Nationen der Welt. Welche Rolle kann oder sollte die Kirche in diesen Konflikt übernehmen?

Als im Sommer Tausende von äthiopischen Christen ermordet wurden, haben vor allem die orthodoxen Kirchen Europas das entschieden verurteilt. Die westlichen Kirchen waren dagegen sehr zurückhaltend. Ich hoffe sehr, dass sich die westlichen Kirchenführer nicht so verhalten wie die weltlichen Regierungen, die eine sogenannte „Realpolitik“ gegenüber Afrika betreiben und auch vor autoritären Regimen in die Knie gehen. Das darf für christliche Kirchen nicht der Weg sein. Sie müssen stattdessen überall dort, wo die Gesetze Christi nicht befolgt werden, aufschreien und die Situation kritisieren – und helfen, wo immer es möglich ist.


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