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| ![]() Karekin II. – persönliche Erinnerungen und der Versuch einer nüchternen Bilanzvor 2 Stunden in Chronik, keine Lesermeinung Zwischen Etschmiadsin, Eichstätt und Moskau. Von Archimandrit Dr. Andreas-Abraham Thiermeyer Eichstätt (kath.net) Wer im Sommer 2026 auf die Armenische Apostolische Kirche blickt, sieht eine Kirche in einer tiefen Krise. Ihr Oberhaupt, Karekin II. Nersissian, seit 1999 Katholikos aller Armenier, steht gemeinsam mit sechs hochrangigen Geistlichen vor Gericht. Aus einem länger schwelenden Konflikt zwischen Kirchenleitung und Regierung ist eine offene Konfrontation geworden. Dabei geht es um kirchliche Selbstbestimmung und staatliche Rechtsordnung, um nationale Identität und den Verlust Bergkarabachs, um Armeniens Verhältnis zu Russland und zum Westen – und zunehmend um Person und Amtsführung des Katholikos selbst. Gerade deshalb besteht die Gefahr, Geschichte rückwärts zu schreiben: den umstrittenen Karekin II. des Jahres 2026 bereits in den Erzbischof Karekin Nersissian hineinzulesen, dem ich im Juni 1999 in Etschmiadsin begegnete. Meine Erinnerungen ersetzen keine Biographie und sollen keine Verteidigung seines späteren Pontifikats sein. Sie bilden jedoch meinen Ausgangspunkt. Ich erlebte Nersissian damals als außerordentlich dynamischen Generalvikar: organisatorisch beinahe ruhelos, hervorragend vernetzt und bereits mit beträchtlichem Einfluss ausgestattet; zugleich persönlich zugänglich, ausgezeichnet deutschsprachig und bemerkenswert ökumenisch offen. Zwischen dieser Begegnung und der gegenwärtigen Krise liegt ein langes, erfolgreiches und zugleich zunehmend umstrittenes Pontifikat. 1. Etschmiadsin im Juni 1999 Katholikos Karekin I. Sarkissian war schwer erkrankt. Allen in seiner Umgebung war bewusst, dass sein Leben zu Ende ging. Die letzten Nächte haben sich mir tief eingeprägt. Gemeinsam mit armenischen Geistlichen durfte ich am Sterbebett des Katholikos sein. Nach meiner Erinnerung war ich als katholischer Priester der einzige anwesende Vertreter einer anderen christlichen Konfession, als Karekin I. starb. Seminaristen, Diakone und Kleriker kamen in seine Gemächer und beteten das Stundengebet und die Sterbegebete der armenischen Kirche. Der Katholikos hatte einen schweren Todeskampf. Bis heute steht mir der Gegensatz vor Augen: das sichtbare Leiden des Sterbenden und darum herum das beharrliche Gebet einer jahrhundertealten Kirche. Für mich wurde dies zu einer tiefen ökumenischen Erfahrung. Es gab keine Dialogkommission und kein vorbereitetes Kommuniqué. Am Bett eines Sterbenden verloren konfessionelle Grenzen für einige Stunden ihre übliche Trennschärfe. Armenisch-apostolische Bischöfe, Priester, Diakone und Seminaristen beteten – und unter ihnen durfte auch ich als katholischer Priester stehen. Am 29. Juni 1999 starb Karekin I. Am folgenden Tag reiste ich gemeinsam mit Vardapet Serovpé nach Deutschland zurück; Erzbischof Bekdjian blieb zu den Trauerfeierlichkeiten in Armenien. Karekin I. gehörte zu den bedeutenden armenischen Kirchenmännern des 20. Jahrhunderts. Von der Diaspora und vom Katholikat des Großen Hauses von Kilikien geprägt, besaß er einen internationalen und entschieden ökumenischen Horizont. Als junger Kirchenmann hatte er am Zweiten Vatikanischen Konzil teilgenommen. 1995 war er, bis dahin Katholikos von Kilikien, zum Katholikos aller Armenier gewählt worden. Sein Verhältnis zu Rom war herzlich. Ökumene bedeutete für ihn nicht Preisgabe konfessioneller Identität, sondern Begegnung aus einer tieferen Gemeinschaft in Christus. Während dieser Katholikos starb, wurde zugleich sichtbar, wer die Kirche durch die Übergangszeit führte. 2. Karekin Nersissian – der Generalvikar Genau so erlebte ich ihn. Sein Mobiltelefon war sein ständiger Begleiter. Er telefonierte, empfing Besucher, koordinierte und verhandelte. Nach meiner Erinnerung besaß er ein außergewöhnliches Gedächtnis und einen erstaunlich großen Bekanntenkreis. Viele Bischöfe und politische Verantwortungsträger, die damals nach Etschmiadsin kamen, suchten das Gespräch mit ihm. Was in diesen vertraulichen Begegnungen besprochen wurde, weiß ich nicht. Es wäre unseriös, daraus rückblickend eine bereits festgelegte Nachfolge Karekins I. zu konstruieren. Meine Beobachtung war lediglich: Bei Nersissian liefen erstaunlich viele kirchliche und politische Fäden zusammen. Auch menschliche Einzelheiten sind mir geblieben: Er rauchte viel, fuhr ausgesprochen flott Auto und schien ständig unterwegs zu sein. Vor allem konnten wir häufig miteinander sprechen. Er sprach ausgezeichnet Deutsch; zwischen uns bestand eine spontane persönliche Sympathie. Seine Vertrautheit mit dem Westen hatte biographische Gründe. 1951 in Voskehat bei Etschmiadsin geboren, trat er früh in das Gevorkian-Seminar ein, wurde 1970 Diakon und 1972 zölibatärer Priester. Im selben Jahr ging er zum Studium nach Wien, 1975 nach Bonn, wo er zugleich pastorale Aufgaben unter Armeniern in Deutschland übernahm. Danach studierte er an der Theologischen Akademie der Russisch-Orthodoxen Kirche in Sagorsk, dem heutigen Sergijew Possad. Schon diese Biographie verbindet unterschiedliche Welten: Etschmiadsin, Wien und Bonn, Sagorsk. Wer Karekin II. ausschließlich als russlandorientierten Kirchenmann beschreibt, übersieht deshalb einen wesentlichen Teil seiner Prägung. Seine starke Stellung 1999 hatte zudem eine Vorgeschichte. Bereits bei der Katholikoswahl von 1995 war er Kandidat gewesen und hatte im dritten Wahlgang zugunsten Karekins Sarkissian verzichtet. Hinzu kamen langjährige Verwaltungsverantwortung und politische Kontakte. Als Karekin I. starb, befand sich Nersissian daher in einer außerordentlich starken Nachfolgeposition. Dennoch war seine Wahl keine Formsache. Am 27. Oktober 1999 wählte ihn die Nationalkirchenversammlung zum Katholikos aller Armenier. Bedeutendster Gegenkandidat war Erzbischof Nerses Bozabalian. Nersissian gewann deutlich, aber nicht einstimmig. Am 4. November wurde er als Karekin II., 132. Katholikos aller Armenier, in sein Amt eingeführt. Der ruhelose Generalvikar, dem ich wenige Monate zuvor begegnet war, stand nun an der Spitze seiner Kirche. 3. Die ökumenische Brücke nach Eichstätt Wir sprachen über das damals gerade gegründete Collegium Orientale in Eichstätt, dessen Gründungsrektor ich bin. Unser Grundprinzip war eindeutig: kein Proselytismus. Junge Theologen und Geistliche der Ostkirchen sollten an einer katholischen Universität studieren können, ohne ihre eigene kirchliche, liturgische und geistliche Identität aufzugeben. Nersissian verstand diesen Ansatz sofort. Er versprach mir, armenisch-apostolische Studenten nach Eichstätt zu schicken – und hielt Wort. Unter maßgeblicher Mithilfe von Erzbischof Karekin Bekdjian kamen bereits im folgenden Studienjahr die ersten beiden armenischen Diakone; weitere Studenten und Priester folgten. Aus einem Gespräch in Etschmiadsin entstand damit eine konkrete ökumenische Brücke nach Eichstätt. Für mein Bild von Karekin II. ist dies wichtig: Er war bereit, junge Geistliche seiner Kirche der Begegnung mit katholischer Theologie, westlicher Universitätstradition und anderen Ostkirchen auszusetzen, ohne darin eine Gefährdung ihrer armenischen Identität zu sehen. Diese ökumenische Offenheit blieb Bestandteil seines Pontifikats. Karekin II. pflegte intensive Beziehungen zur katholischen Kirche und zum Heiligen Stuhl, zum Pontificio Istituto Orientale; er blieb unter Johannes Paul II., Benedikt XVI., Franziskus und Leo XIV. ein wichtiger ökumenischer Gesprächspartner. Seine westliche Prägung war keine nebensächliche Episode seiner Jugend. 4. Harutyun Harutyunyan – ein anderer Weg Kurz darauf kam er nach Eichstätt. Nach seiner Ausbildung am Gevorkian-Seminar und ökumenischen Studien in Bossey studierte er von 1999 bis 2003 an der Universität Eichstätt-Ingolstadt. Anschließend übernahm er Aufgaben in der theologischen Ausbildung seiner Kirche; später promovierte er in Münster in ökumenischer Theologie. Heute gehört Harutyunyan zu den gebildeten und scharfen Kritikern Karekins II. Aus dem jungen Diakon und kirchlichen Hoffnungsträger wurde ein selbständiger Theologe außerhalb des kirchlichen Dienstes. Gerade weil er Etschmiadsin von innen kennt, besitzt seine Kritik Gewicht. Doch auch ein Insiderurteil ist nicht mit einem historischen Beweis gleichzusetzen. Persönliche Erfahrung, überprüfbarer Sachverhalt und politische Interpretation müssen unterschieden werden. Diese methodische Zurückhaltung gilt für Kritiker ebenso wie für Verteidiger des Katholikos. 5. Wiederaufbau – und die Frage nach der Macht Karekin II. betrieb diesen Wiederaufbau mit großer Energie. Etschmiadsin gewann institutionelle Stärke, die theologische Ausbildung wurde erweitert und die internationale Präsenz der Kirche ausgebaut. Doch gerade hier liegt eine wesentliche Ambivalenz seines Pontifikats. Die Konzentration von Verantwortung auf eine energische Führungspersönlichkeit kann in einer Aufbauphase Stabilität schaffen; während einer langen Amtszeit kann dieselbe Struktur als Zentralisierung erfahren werden. Zu den wesentlichen Kritikpunkten gehören heute ein stark zentralisierter Führungsstil, mangelnde Transparenz und ein harter Umgang mit innerkirchlicher Opposition. Dass Bischöfe, Priester, ehemalige Kleriker und Theologen öffentlich Kritik äußern, kann nicht einfach als äußere Propaganda abgetan werden. Es beweist nicht jede Anschuldigung, weist aber auf eine reale innerkirchliche Vertrauenskrise hin. Die Alternative „Wiederaufbauer oder Zentralisierer“ greift deshalb zu kurz. Möglicherweise gehören beide Seiten zusammen: Entschlossenheit, persönliche Präsenz und Durchsetzungsfähigkeit ermöglichten zunächst den Wiederaufbau; dieselben Eigenschaften konnten sich später zu Strukturen verfestigen, die als autoritär wahrgenommen werden. 6. Russland – Nähe und offene Fragen Daraus folgt jedoch nicht automatisch eine aktive Zusammenarbeit mit dem KGB. Für eine persönliche geheimdienstliche Tätigkeit Karekins II. liegt nach öffentlich zugänglichem Kenntnisstand kein hinreichender archivalischer Nachweis vor. Wenn gesagt wird, bei einer solchen Karriere habe „kein Weg am KGB vorbeigeführt“, beschreibt dies zunächst das sowjetische System staatlicher Kontrolle, nicht schon eine erwiesene Agententätigkeit. Anders verhält es sich mit seiner späteren Russlandnähe. Sie ist dokumentiert: die engen Beziehungen zur Russisch-Orthodoxen Kirche und zum Moskauer Patriarchat, Kontakte nach Russland sowie die besondere Stellung seines Bruders, Erzbischof Ezras Nersissian. 2022 erhielt Karekin II. eine hohe russische staatliche Auszeichnung. Diese Beziehungen müssen historisch eingeordnet werden. Russland galt Armenien lange als Schutzmacht gegenüber der Türkei und Aserbaidschan. Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine, den Erfahrungen Armeniens im Konflikt mit Aserbaidschan und dem Verlust Bergkarabachs hat sich diese Wahrnehmung verändert. Was früher als strategische Notwendigkeit erschien, wird heute von Teilen der armenischen Öffentlichkeit als problematische Abhängigkeit von Moskau beurteilt. Die Russlandnähe Karekins II. ist daher belegbar; ob und wie stark sie sein politisches Urteil beeinflusst hat, bleibt Gegenstand legitimer Diskussion. Eine persönliche KGB-Tätigkeit oder unmittelbare Steuerung durch Moskau ist damit noch nicht bewiesen. 7. Die Vorwürfe gegen den persönlichen Lebenswandel Karekin Nersissian wurde 1972 als zölibatärer Priester geweiht; für einen Bischof der Armenischen Apostolischen Kirche ist die Verpflichtung zur Ehelosigkeit eindeutig. Dennoch wird seit Jahren behauptet, der Katholikos habe diese Verpflichtung verletzt und Kinder gezeugt. Ministerpräsident Nikol Paschinjan hat entsprechende Anschuldigungen inzwischen selbst öffentlich erhoben und damit zugleich in den politischen Machtkampf hineingezogen. Diese Vorwürfe dürfen nicht verschwiegen werden. Sollten sie zweifelsfrei nachgewiesen werden, wären sie für die persönliche und geistliche Glaubwürdigkeit eines zölibatären Bischofs von erheblichem Gewicht. Doch die Schwere einer Anschuldigung ersetzt nicht ihren Beweis. Nach dem öffentlich zugänglichen Quellenstand wäre es deshalb nicht verantwortbar, die Behauptung als erwiesene Tatsache wiederzugeben. Feststellen lässt sich, dass entsprechende Vorwürfe bestehen und inzwischen auf höchster politischer Ebene erhoben werden; zweifelsfrei öffentlich nachgewiesen sind sie bislang nicht. Das ist keine Schonung des Katholikos, sondern eine notwendige Grenze historischer und journalistischer Fairness. 8. Kirche und Staat – ein eskalierender Konflikt Nikol Paschinjan trat mit dem Anspruch an, die Strukturen des alten politischen Systems aufzubrechen. Für Teile seines politischen Lagers gehörte auch die Kirchenleitung zu diesem Establishment. Der Krieg um Bergkarabach 2020 und insbesondere der Verlust Arzachs 2023 vertieften den Gegensatz. Für große Teile der Armenischen Apostolischen Kirche ist Arzach nicht lediglich verlorenes Territorium, sondern Bestandteil des religiösen, historischen und kulturellen Gedächtnisses des armenischen Volkes. Paschinjan setzt dem die Vorstellung eines „realen Armenien“ innerhalb der international anerkannten Grenzen entgegen und sucht Verständigung mit Aserbaidschan und der Türkei sowie größere Unabhängigkeit von Russland. Damit begegnen sich unterschiedliche Vorstellungen armenischer Zukunft: historische Kontinuität und nationale Erinnerung auf der einen, stärkerer staatspolitischer Realismus und außenpolitische Neuorientierung auf der anderen Seite. Die Kirchenleitung kann dabei nicht ausschließlich die Rolle des Opfers beanspruchen. Hochrangige Geistliche haben sich selbst unmittelbar politisch engagiert. Besonders deutlich wurde dies 2024 bei Erzbischof Bagrat Galstanyan, der zu einer führenden Gestalt der Protestbewegung gegen Paschinjan wurde. Damit stellt sich eine grundsätzliche Frage: Wo endet das prophetische Wächteramt einer Kirche – und wo beginnt parteipolitische Opposition? Eine Kirche darf nicht schweigen, wenn Menschenwürde, Frieden oder grundlegende Interessen ihres Volkes bedroht erscheinen. Gerade die Armenische Apostolische Kirche ist aufgrund ihrer Geschichte eng mit Sprache, Kultur und nationaler Identität verbunden. Sie gefährdet ihre geistliche Freiheit jedoch, wenn sie selbst zum politischen Machtblock wird oder sich dauerhaft mit einer Partei oder geopolitischen Orientierung identifiziert. Umgekehrt besitzt auch der Staat Grenzen. Ein Katholikos steht nicht über dem Gesetz. Wo staatliche Gerichte individuelle Rechte schützen, erfüllen sie eine legitime rechtsstaatliche Aufgabe. Wenn staatliche Organe jedoch faktisch entscheiden, wer nach der inneren Ordnung einer Kirche Bischof sein oder bleiben darf, wird der Kern kirchlicher Selbstbestimmung berührt. Genau deshalb besitzt der Streit um Bischof Gevorg Saroyan grundsätzliche Bedeutung. Die entscheidende Frage lautet, wo legitimer Rechtsschutz endet und unzulässiger staatlicher Eingriff in die innere Ordnung einer Religionsgemeinschaft beginnt. Die zunehmende Personalisierung des Konflikts erschwert jede Lösung. Paschinjan stellt inzwischen auch die moralische Legitimität des Katholikos infrage; kirchliche Vertreter haben ihrerseits teilweise den Rücktritt der politischen Führung gefordert. Armenien braucht jedoch beides: einen funktionsfähigen demokratischen Staat und eine freie, glaubwürdige Kirche. 9. Der Mensch, dem ich begegnete – und der Katholikos von heute Karekin II. wurde zum Wiederaufbauer einer nachsowjetischen Kirche und zu einem international vernetzten Ökumeniker. Er stärkte Institutionen, Ausbildung und internationale Beziehungen. Zugleich wuchs die Kritik an Zentralisierung, mangelnder Transparenz und seinem Umgang mit Opposition. Seine Russlandnähe ist real, eine persönliche KGB-Tätigkeit nicht bewiesen. Gegen sein Privatleben werden schwerwiegende Vorwürfe erhoben, deren Wahrheitsgehalt bislang nicht zweifelsfrei festgestellt ist. Schließlich steht er heute in einem offenen Konflikt mit einer Regierung, die selbst bereit ist, diesen Konflikt stark zu personalisieren. An diesem Punkt hilft mir meine Erinnerung an 1999. Ich sehe Karekin Nersissian noch vor mir: dynamisch und ruhelos, telefonierend und organisierend, mit Bischöfen und politischen Verantwortungsträgern im Gespräch. Schon damals waren seine außergewöhnliche Vernetzung und sein Führungswille erkennbar. Ich erinnere mich aber ebenso an einen armenischen Erzbischof, der ausgezeichnet Deutsch sprach und mit dem ich ganz offen über die kirchliche Situation sprechen konnte; an seine persönliche Zugänglichkeit, seine ökumenische Aufgeschlossenheit, sein Interesse am gerade gegründeten Collegium Orientale und sein Versprechen, armenische Studenten nach Eichstätt zu schicken. Vor allem erinnere ich mich daran, dass er dieses Versprechen hielt. Diese Erfahrung macht mich nicht zum Verteidiger seines Pontifikats. Sie verpflichtet mich jedoch dazu, ihn nicht ausschließlich von den Konflikten des Jahres 2026 her zu beurteilen. Vieles war damals schon angelegt: Energie und organisatorisches Talent, Vernetzung und Führungswille, um für seine Kirche etwas zu erreichen. Ebenso sichtbar waren auch persönliche Offenheit und die Fähigkeit, konfessionelle Grenzen zu überschreiten. Beides gehört zu seiner Geschichte. 10. Rückkehr nach Etschmiadsin Und ich sehe Karekin Nersissian, den Generalvikar, der währenddessen die organisatorische Handlungsfähigkeit der Kirche sicherstellte. Damals wusste ich nicht, dass er wenige Monate später Katholikos sein würde. Ich wusste nicht, dass aus unseren Gesprächen eine Verbindung zwischen Etschmiadsin und Eichstätt entstehen würde. Niemand konnte ahnen, dass Armenien Jahrzehnte später Arzach verlieren und sich Kirchenleitung und Regierung mit einer solchen Schärfe gegenüberstehen würden. Gerade deshalb ist mir diese Erinnerung wichtig. Sie schützt davor, die Vergangenheit vom späteren Ergebnis her umzuschreiben. Der Karekin Nersissian, dem ich 1999 begegnete, war weder bereits der erfolgreiche Wiederaufbauer seines späteren Pontifikats noch jener autoritär-russlandfreundliche Kirchenführer, als den manche Kritiker ihn heute sehen. Er war ein armenischer Erzbischof in einer außergewöhnlichen Übergangssituation: dynamisch, ambitioniert, stark vernetzt und in einer bemerkenswerten Machtposition – zugleich persönlich zugänglich und ökumenisch offen. Was daraus in mehr als einem Vierteljahrhundert wurde, muss kritisch untersucht werden. Das spätere Bild darf aber nicht rückwirkend an die Stelle des Menschen treten, der damals tatsächlich vor mir stand. 11. Nicht Macht, sondern Vertrauen Vertrauen wächst aus persönlicher Glaubwürdigkeit, transparenter Verantwortung, geistlicher Autorität und der Bereitschaft zuzuhören. Es entsteht dort, wo Kritik nicht automatisch als Illoyalität gilt und zugleich auch der Kritiker bereit ist, zwischen belegbarer Tatsache, eigener Erfahrung und politischer Interpretation zu unterscheiden. Daran wird sich auch die Zukunft der Armenischen Apostolischen Kirche entscheiden. Nicht Russland wird diese Zukunft sichern, nicht der Westen, nicht eine Regierung oder Opposition und auch nicht ihre große Geschichte allein. Ihre besondere Autorität wird davon abhängen, ob sie aus ihrem geistlichen Ursprung zu leben vermag. Am Sterbebett Karekins I. wurde im Juni 1999 nicht über politische Macht, Russland oder die kommende Nachfolge gesprochen. Es wurde gebetet. Ein sterbender Mensch wurde von seiner Kirche begleitet. Bischöfe, Priester, Diakone und Seminaristen standen um ihn. Unter ihnen durfte auch ich als katholischer Priester sein. Wenige Räume weiter hielt Karekin Nersissian die Kirche handlungsfähig. Vier Monate später war er Katholikos. Vielleicht wurde dort für einen Augenblick sichtbar, worin die eigentliche Kraft einer Kirche liegt: nicht zuerst in politischem Einfluss, institutioneller Stärke oder nationaler Bedeutung, sondern in einer Gemeinschaft, die aus einer Hoffnung lebt, die größer ist als ihre Konflikte. Ein endgültiges historisches Urteil über Karekin II. ist noch nicht möglich. Seine Bilanz geht weder in Verehrung noch in Verdammung auf. Er wurde zum Wiederaufbauer und Ökumeniker, zugleich zu einer zunehmend umstrittenen Gestalt, an deren Pontifikat sich Fragen nach Macht und Synodalität, politischer Nähe und Unabhängigkeit, Russlandorientierung, persönlicher Glaubwürdigkeit und kirchlicher Freiheit bündeln. Für mich bleibt deshalb am Ende nicht zuerst die Frage nach seiner Macht, sondern nach dem Vertrauen, das geistliche Leitung begründet – oder verliert. Denn eine Kirche kann auf Dauer nicht von Macht leben: Sie lebt von Glauben, Wahrheit und Vertrauen. Archivfoto Karekin II. (c) Armenian Apostolic Holy Church Mother See of Holy Etchmiadzin Archimandrit Dr. Andreas-Abraham Thiermeyer ist der Gründungsrektor des Collegium Orientale in Eichstätt. Er ist Theologe mit Schwerpunkt auf ökumenischer Theologie, ostkirchlicher Ekklesiologie und ostkirchlicher Liturgiewissenschaft. Er studierte in Eichstätt, Jerusalem und Rom, war in verschiedenen Dialogkommissionen tätig. Er veröffentlicht zu Fragen der Ökumene, des Frühen Mönchtums, der Liturgie der Ostkirchen und der ostkirchlichen Spiritualität. Weitere kath.net-Beiträge von ihm: siehe Link. Ihnen hat der Artikel gefallen? 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