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| ![]() Der katholische Osten in der Analysevor 57 Minuten in Kommentar, keine Lesermeinung Aus der bemerkenswerten Glaubensfestigkeit der ostdeutschen Katholiken leitet der Pastoraltheologe Hubertus Schönemann Forderungen nach Veränderung der Kirche ab, die gefährden könnte, was sie stark macht. Der Montagskick von Peter Winnemöller Linz (www.kath.net) Die katholische Kirche in Ostdeutschland ist klein. Doch ihre verbliebenen Mitglieder gelten als besonders glaubensfest. Sie interessieren sich weniger für die Reformdebatten des Synodalen Weges als dafür, ihren Glauben im Alltag zu leben. Zu diesem Ergebnis kommt Hubertus Schönemann, Leiter der katholischen Arbeitsstelle für missionarische Pastoral (KAMP), in zwei Beiträgen, die am 23. und 27. Oktober 2026 auf feinschwarz.net erschienen sind. Die KAMP in Erfurt ist dem Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz zugeordnet. Ausgerechnet aus der Beständigkeit dieser Minderheit entwickelt Schönemann jedoch Forderungen nach einer Veränderung der Kirche. Das wirft eine Frage auf: Liegt die Stärke des ostdeutschen Katholizismus möglicherweise gerade in dem, was Schönemann überwinden möchte? Man könnte es so zuspitzen: Lässt sich aus Schönemanns Beiträgen über die Kirche in den fünf östlichen Bundesländern ein implizites Böckenförde-Diktum herausdestillieren oder nicht? Es läuft auf die Frage hinaus, ob die Kirche im Osten des Landes Voraussetzungen hervorbringt, von denen auch die säkulare Gesellschaft lebt. Schönemann beschreibt zunächst die historische Entwicklung der ostdeutschen Bistümer, ihre gegenwärtige Gestalt und ihre gesellschaftliche Stellung. Seine zentrale These könnte man so zusammenfassen: Die katholische Kirche in Ostdeutschland nimmt Entwicklungen vorweg, die künftig auch die Kirche im Westen Deutschlands prägen werden. Ihre Erfahrungen als kleine Minderheit in einer weitgehend religionslosen Gesellschaft können deshalb als Vorbild für eine neue Form kirchlichen Lebens dienen. Als Fazit des ersten Beitrags zeigt sich eine kleine katholische Kirche, die ihre geschichtliche Identität bewahrt hat, zugleich aber neue Formen des Kontakts mit einer überwiegend konfessionslosen Gesellschaft entwickeln muss. Im zweiten Beitrag geht Schönemann über die vorwiegend beschreibende Bestandsaufnahme des ersten Teils hinaus. Er entwickelt aus den ostdeutschen Erfahrungen ein Modell für die künftige Gestalt der katholischen Kirche. Er beschreibt die ostdeutschen Katholiken als vergleichsweise beständig und pragmatisch. Reformbewegungen wie Maria 2.0 und die Auseinandersetzungen um den Synodalen Weg spielen nach seiner Darstellung eine geringere Rolle als in Westdeutschland. Der entscheidende Einwand betrifft nicht einzelne pastorale Vorschläge. Er betrifft Schönemanns Verständnis davon, was Kirche überhaupt ist. Dazu ein kleiner Exkurs über das Wesen der Kirche. Schon im ersten Teil fällt auf, dass die Kirche nur als soziale Größe wahrgenommen wird. Das ist insofern kein Problem, als man die Kirche mit den Mitteln der Soziologie recht gut beschreiben kann, wenn man sie in einem konkreten gesellschaftlichen Kontext verorten will. Das ist im ersten Teil wirklich gelungen. Will man die Wirklichkeit der Kirche umfassend darstellen, kommt man nicht umhin, sich mit ihrer Heilsbedeutsamkeit zu befassen und damit den Blick über das Diesseits hinaus zu öffnen. Die Kirche hat den Auftrag, den Menschen zum Heil zu führen. Ihr Wirken in der Welt ist kein Selbstzweck. Es folgt aus ihrem Auftrag und soll gerade über die Welt hinausweisen. Christen kümmern sich nicht um Alte, Kranke oder Sterbende, weil sie so gute Menschen sind. Das sind sie nach der Erbsünde nämlich nicht mehr. Die gebrochene Natur des Menschen sorgt für umfassenden Egoismus und verdrängt jeglichen Altruismus in den Bereich des Schmerzhaften. Christen kümmern sich, weil sie es um Christi willen tun. „Was ihr dem Geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“, schreibt der Herr seiner Kirche ins Stammbuch. Die über die Mitgliederzahlen hinausgehende Wirksamkeit erklärt sich also nicht aus einem hohen sozialen Bewusstsein, sondern aus einer der drei Grunddimensionen einer christlichen Gemeinde: Martyria (Zeugnis und Verkündigung), Liturgia (Gottesdienst) und Diakonia (Dienst am Nächsten). Die Communio, die Gemeinschaft der Kirche, wirkt dabei als verbindendes Element. Die Diakonie erwächst also aus dem Glauben. Machen wir uns nichts vor: Auch im Osten des Landes wirkt die Caritas wie ein auf Gewinn ausgerichteter Konzern. Doch ein tieferer Blick in die eng zusammenstehenden Gemeinden würde noch eine andere Form praktizierter Nächstenliebe zeigen. Es geht im Kern immer wieder darum, was die Kirche bestimmt und wodurch sie nach außen sichtbar wird. Die Alternative „Sekte oder Sauerteig“, die Schönemann im Weiteren aufmacht, ist in Wirklichkeit keine. In einer radikalen Minderheitensituation wird die Kirche von außen zwangsläufig als Sekte wahrgenommen. Sie selbst wird sich dagegen als Sauerteig verstehen, wenn sie aus dem Evangelium lebt. Bei Schönemann bleibt die Möglichkeit unterbelichtet, dass eine Kirche gerade durch eine erkennbare, von der Mehrheitsgesellschaft unterschiedene Glaubensidentität gesellschaftlich wirksam sein kann. Ein weiteres Beispiel zeigt, wie die kirchliche Wirklichkeit die soziologische Wahrnehmung verstören kann. Schönemann verweist auf steigende Zahlen erwachsener Taufbewerber in Dresden, Leipzig und Berlin. Ähnliche Entwicklungen beobachtet er in Frankreich und Belgien. Wenigstens die französischen Bischöfe sind ehrlich genug, ihre Ratlosigkeit einzugestehen. Seit zehn Jahren veranstalten sie Missionskongresse und öffnen die Türen sperrangelweit. Und die jungen Menschen steigen durchs Fenster ein, wie es einmal ein französischer Bischof ausdrückte. Schönemann hat sofort die soziologische Erklärung zur Hand. Er warnt davor, aus steigenden Zahlen eine allgemeine Rückkehr zum christlichen Glauben abzuleiten. Doch wer tut das? Die steigenden Taufzahlen könnten, so stellt er völlig zu Recht fest, den Verlust durch Kirchenaustritte, demografische Veränderungen und ausbleibende Kindertaufen nicht ausgleichen. Das will, ehrlich gesagt, niemand. Denn das sterbende Kirchenmodell, das derzeit auf der Palliativstation des Synodalen Weges vor sich hin siecht, will doch niemand zurück. Bemerkenswert findet Schönemann, dass viele Taufbewerber ihren individuellen Glaubensweg sehr bewusst verfolgen, sich jedoch nicht ohne Weiteres in die bestehenden Pfarrgemeinden integrieren lassen. Das kann man so allgemein nicht stehen lassen. Es gibt sehr wohl Gemeinden, die es verstehen, junge Menschen zu integrieren, die plötzlich auftauchen und von außen betrachtet anlasslos mit dem Glauben an diesen Christus in Berührung kommen. Schönemann sieht darin die Möglichkeit, dass diese neuen Christen nicht nur in die Kirche aufgenommen werden, sondern durch ihre Erfahrungen auch die Kirche verändern. Verändern sie die Kirche? Oder rücken sie zurecht, was aus dem Lot geraten ist? Soziologisch ist die Beschreibung der Veränderung sicher zutreffend. Doch genau hier zeigt sich, warum wir bei der Soziologie nicht stehen bleiben dürfen. Wir können Gelassenheit an den Tag legen. Wenn das vom Herrn ist, wird es Bestand haben. Wenn nicht, wird es vergehen. Das ist nicht einfach nur eine frömmelnde Sicht, das ist gut biblisch. Hinter dem Streit um die Bedeutung der Erwachsenentaufen steht eine grundsätzlichere Frage: Was bedeutet Mission überhaupt? Der möglicherweise theologisch wichtigste Punkt im Beitrag ist die Verschiebung des Missionsverständnisses. Schönemann stellt zwei Vorstellungen von Mission gegenüber. Da ist einerseits das klassische, von Schönemann kritisierte Missionsmodell. Es umfasst die Verkündigung des Glaubens mit dem Ziel der Bekehrung, die Vermittlung der kirchlichen Lehre und die Aufnahme neuer Mitglieder in die Kirche. Die Kirche ist Trägerin einer verbindlichen Botschaft. Daraus folgt letztlich die Veränderung des Menschen durch die Begegnung mit dem Glauben. Hier wirkt die Kirche als Mittlerin des Heils über die zeitliche Dimension hinaus. Das von Schönemann bevorzugte Missionsmodell legt Wert auf christliches Zeugnis durch gemeinsames Leben, Gespräch und Begegnung. Hinzu kommen die Offenheit für unterschiedliche Glaubenswege und die Kirche als lernende Gemeinschaft. Daraus soll eine wechselseitige Veränderung von Mensch und Kirche folgen. Hier wäre eine deutliche Anfrage an die zugrunde liegende Ekklesiologie nötig. Schönemann will die Kirche von einer auf Mitglieder, Gemeindestrukturen und institutionelle Selbsterhaltung konzentrierten Praxis zu einer stärker nach außen orientierten Gestalt führen. Er bestreitet ausdrücklich nicht den Wert von Glaubensverkündigung, Taufe oder kirchlicher Lehre. Vielmehr wendet er sich gegen eine Mission, die Außenstehende nur als zu belehrende Empfänger behandelt und selbst keine Veränderung zulässt. Nicht zuletzt im Umfeld des Synodalen Weges ist davon die Rede, die Kirche müsse von der Welt lernen. Zuweilen heißt es in solchen Zusammenhängen, die gewünschte wechselseitige Veränderung solle nicht nur die Formen kirchlichen Handelns, sondern auch die Inhalte des Glaubens betreffen. Schönemann lässt sich nicht in die Karten schauen. Eine solche Grenze bestimmt er in den beiden Beiträgen nicht eindeutig. Vor allem lässt sich ein Widerspruch im Text beim besten Willen nicht auflösen. Vielleicht liegt das Geheimnis des ostdeutschen Katholizismus gerade darin, dass seine Gemeinden gelernt haben, ohne gesellschaftliche Zustimmung katholisch zu bleiben. Schönemann beschreibt diese Stärke sehr genau. Warum ausgerechnet sie überwunden werden soll, erklärt er nicht.
Bild oben: Einer der schönsten Wallfahrtsorte Deutschlands findet sich ganz weit im Osten. Das Kloster Neuzelle, wo sich nun auch wieder eine Gemeinschaft von Zisterziensern befindet. Foto: Thomas Wolter, Pixabay Ihnen hat der Artikel gefallen? Bitte helfen Sie kath.net und spenden Sie jetzt via Überweisung oder Kreditkarte/Paypal! ![]() LesermeinungenUm selbst Kommentare verfassen zu können müssen Sie sich bitte einloggen. Für die Kommentiermöglichkeit von kath.net-Artikeln müssen Sie sich bei kathLogin registrieren. Die Kommentare werden von Moderatoren stichprobenartig überprüft und freigeschaltet. Ein Anrecht auf Freischaltung besteht nicht. Ein Kommentar ist auf 1000 Zeichen beschränkt. Die Kommentare geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. | ![]() Mehr zuMontagskick
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