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„Wann ist Frieden, endlich Frieden?“ (Reinhard Mey)

6. März 2023 in Kommentar, 2 Lesermeinungen
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Eine moraltheologischer Appell zum aktuellen Krieg Russlands gegen die Ukraine - Gastkommentar von Josef Spindelböck


St. Pölten (kath.net)

Für einen Moraltheologen, der sich meist nur mit grundsätzlichen Erwägungen zu Krieg und Frieden befasst, ist es schwierig, konkret zu einem laufenden Konflikt Stellung zu nehmen. Anlässlich des Jahrestags des Beginns der russischen Invasion in der Ukraine soll es dennoch versucht sein, denn seit genau einem Jahr dauert dieser Krieg nun schon an, der in Russland selbst nur als militärische Spezialoperation bezeichnet werden darf.

Was Anlass zu großer Sorge gibt, ist die immer noch fehlende Perspektive für einen Waffenstillstand und einen gerechten Frieden. Der russische Aggressor kann und will nicht aufgeben, da er die selbst definierten Kriegsziele bisher nicht erreicht hat. Mithilfe von Aufklärung, Waffen und Ausbildung aus den befreundeten Staaten des Nordatlantischen Bündnisses konnte die Ukraine, die einen enormen Widerstandswillen entwickelt hat, den russischen Vormarsch teilweise zurückdrängen und auch stoppen. Um auf Dauer bestehen zu können bzw. um verlorene Gebiete der Ukraine von Russland zurückzuerobern, ist man auf weitere, ja verstärkte Unterstützung von außen angewiesen. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj bietet dem russischen Präsidenten Wladimir Putin Paroli und wird nicht müde, seine Landsleute zum Widerstand aufzurufen, denn es handle sich um eine rechtmäßige Aktion der Verteidigung, da Russland in ungerechter Weise die Ukraine angegriffen habe.


All dem kann und will der Moraltheologe nicht widersprechen. Und doch ist es nötig daran zu erinnern, dass eine an sich gerechtfertigte Aktion der militärischen Abwehr durch die damit verbundenen Umstände und Folgen ihre Legitimität zumindest teilweise einbüßen kann. Kann und darf es denn sein, dass das Blutvergießen auf beiden Seiten ohne Aussicht auf ein Ende einfach weitergeht, weil niemand ernsthaft an einem Frieden interessiert ist? Ein Nachgeben in einem Waffenstillstand oder gar in einem endgültigen Verzicht auf weitere Kriegshandlungen wird jeweils als Niederlage in einem Krieg angesehen, in dem jede Seite meint, der gerechten Sache zu dienen und Gefahren für das eigene Volk und Land abzuwehren.

Der Standpunkt Putins ist es, dem eigenen Land zu seiner einstigen Größe zu verhelfen und dem geistig-kulturellen Einfluss westlicher Dekadenz eine Erneuerung Russlands in enger Verbindung der politischen Machthaber mit der orthodoxen Kirchenleitung entgegenzusetzen. Wer als Soldat im Krieg für das Vaterland stirbt, darf wie ein Märtyrer eingehen ins himmlische Paradies, so verspricht es Patriarch Kyrill. Diese Gesamtperspektive lässt in Russland selbst wenig Raum für eine kritische Reflexion. Wer diese dennoch öffentlich kund tut, muss damit rechnen, als Verräter eingestuft und mit hartem Gefängnis bestraft zu werden.

Präsident Selenskyj wiederum hält eine Rückeroberung der von den Russen besetzten Gebiete für möglich und wünschenswert, koste es, was es wolle. Sein penetrantes Lobbying bei den westlichen Großmächten war immerhin so erfolgreich, dass es mit der Unterstützung von Abwehrwaffen aus NATO-Ländern bisher gelungen ist, den Gegner entscheidend aufzuhalten und teilweise zurückzudrängen. In dieser Situation will Selenskyj natürlich nicht aufgeben. Der Preis des Nicht-Verhandeln-Wollens könnte aber schlussendlich zu groß sein: Wer garantiert ihm, dass er nicht all das, was er jetzt und in Zukunft noch einsetzen will, verlieren kann? Dann wäre der Schaden groß und das Blutvergießen der ukrainischen Soldaten für ihre Freiheit umsonst!

Gibt es einen Ausweg? Wie könnte dieser aussehen? Der Ukraine und ihren Unterstützern wäre zu raten, bei Aufrechterhaltung des militärischen Drucks gegenüber dem russischen Aggressor die Tür für Gespräche wieder zu öffnen. Kleine Gesten des guten Willens könnten auf beiden Seiten helfen, Vertrauen aufzubauen. Jeder Schritt in diese Richtung, und sei er noch so unbedeutend, wäre zu begrüßen. Es mag sein, dass dann doch kein positives Ergebnis herauskommt. Aber warum sollte man schon den Versuch, Frieden zu stiften, für verwerflich und unrealistisch halten? Wie lange soll denn dieser Krieg noch weitergehen?

Zum vorläufigen Charakter des irdischen Lebens gehört es auch, mit Kompromissen zu leben und nicht wie in einem Glücksspiel auf ein Alles oder Nichts zu setzen. Wer sich im Geist der Bergpredigt Jesu für Frieden und Versöhnung auf der Basis von Gerechtigkeit und Liebe einsetzt, darf hoffen, dass dieser Einsatz letztlich nicht umsonst ist, wenn er zugleich vom Gebet für den Frieden begleitet wird.

Josef Spindelböck ist außerordentlicher Professor für Moraltheologie und Sozialethik an der Katholischen Hochschule ITI in Trumau.


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