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Realitätsverlust im Bistum Chur

14. März 2026 in Schweiz, 12 Lesermeinungen
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Die groteske Fehlleistung einer Pressesprecherin wirft ein Schlaglicht auf eine Kirchenleitung, die nicht mehr versteht, in welcher Welt sie lebt. Gastkommentar von Martin Grichting


Chur (kath.net)

Am 11. März 2026 erschien unter dem Titel «Alice traut sich!» auf der Homepage des Bistums Chur eine Meldung über den Schweizer Beitrag zum European Song Contest 2026 in Wien. Darin heisst es, der Videoclip spiele in einer Kirche, während einer kirchlichen Trauung. Die Interpretin gebe damit «ein klares Statement» ab und zeige ihre «Nähe zur Kirche und ihren Sakramenten». Das sei «Werbung für die kirchliche Trauung».

In Tat und Wahrheit werden die katholische Kirche und das Ehesakrament als Kulisse missbraucht, und zwar für eine Erzählung, in der es um die Übergriffigkeit gegen eine Frau geht. Sie erleidet psychische Gewalt und wird manipuliert. Mit einem Stück Torte, das in ihrem Gesicht verschmiert wird, wird sie gedemütigt, von einem narzisstisch gestörten Mann, der sie bevormundet, der für sie denkt, der sie kontrolliert und der sie nicht zu Wort kommen lässt: «Ich beobachte dich schon lange»; «Ich weiss, dass du mich wirklich liebst, lüg nicht»; «Ich lebe in deinem Kopf». Die Interpretin sagt es selbst: «Der Song handelt von einer Frau namens Alice, ist sogar nach ihr benannt – aber sie selbst kommt kein einziges Mal zu Wort. Sie wird komplett zum Objekt des Gegenübers». Und das Schweizer Fernsehen kommentiert: «Grenzüberschreitungen jeglicher Art gegenüber Frauen stecken in ‚Alice‘».


Ausgerechnet ein Bistum, das sich mit einem bizarren «Verhaltenskodex» als Vorreiter gegen Übergriffe und spirituellen Missbrauch positionieren wollte, bejubelt den Missbrauch der Kirche für kommerzielle Zwecke. Und die Kirchenleitung verkennt in grotesker Art und Weise die Aussage eines Songs, der gerade das Gegenteil von dem thematisiert, was naive Christen darin zu sehen meinen.

Diesen peinlichen Vorgang kann man als Einzelfall abtun, als Fehlleistung einer überforderten Person. Gleichwohl zeigt er beispielhaft, dass die Kirche in der Schweiz, im Bistum Chur im Besonderen, nicht mehr zu verstehen vermag, in welcher Welt sie lebt. Sie gibt sich seit fünf Jahren krampfhaft weltoffen und lebt dabei in einer Traumwelt.

Die unfassbar inkompetente Art und Weise, wie das Thema der sexuellen Übergriffe unter der Federführung des Bistums Chur in der Schweiz angegangen wurde, zeigt es dramatisch. Anstatt einem gesamtgesellschaftlichen Problem gesamtgesellschaftlich zu begegnen, wurde mit dem Röhrenblick auf die Kirche allein Letztere ins Licht der Medien gezerrt. Unkenntnis des Mediensystems und Unverständnis für das weltanschauliche Umfeld, in dem sich die Kirche bewegt, haben einen kolossalen Schaden angerichtet. Selbst die Jubelmeldung, man habe kürzlich Assessments unter beruflichen Neulingen durchgeführt, geriet deshalb zum medialen Desaster. Weil die Staatskirchen keinen Einblick in die Dossiers erhalten sollten, wurde ein Trommelfeuer auf die Bischöfe inszeniert, die neuerlich als Vertuscher dastanden. Einmal mehr hat sich gezeigt: Der einäugige Blick auf Kirche und Gesellschaft verhindert, dass man versteht, um was es wirklich geht und wo die Interessen der Mainstreammedien tatsächlich liegen.

Nach fünf Jahren der Herrschaft eines Einzigen liegt die Kirche in Trümmern, nicht nur was ihre Bedeutung für die Gesellschaft betrifft, sondern auch im Hinblick auf sie selbst. Das letzte Priesterseminar der Deutschschweiz wurde durch die Umwandlung in ein Studentenheim zerstört und geleert. Von einem einzigen Seminaristen des Bistums war noch die Rede in jüngster Zeit. Über ein halbes Dutzend junge Menschen sind in dieser Zeit in Gemeinschaften der ordentlichen und ausserordentlichen Form der Liturgie eingetreten, weil sie spüren, dass sie im Bistum unerwünscht sind. Denn das sakramentale Wesen der Kirche ist in den letzten Jahren so weit eingeebnet worden, wie es nur geht. Der ungetreue Verwalter verschleudert die Substanz seines Herrn, um sich persönlich Vorteile zu verschaffen (Lukas 16, 1‒13). In diesem Sinn sollte in den letzten fünf Jahren die persönliche Akzeptanz bei den Staatskirchen sowie bei linken Aktivisten erworben werden durch den Ausverkauf der sakramentalen und lehrmässigen Substanz der Kirche. Von der Beachtung des 6. Gebots wurden die Gläubigen dispensiert. Privates ist ja privat. Zum christlichen Proprium wurde derweil geschwiegen zugunsten esoterisch verpackter links-grün-woker Mainstreamthemen. Die Pfarrer wurden mit bischöflicher Zustimmung inzwischen auch in Graubünden periodischen Plebisziten seitens ihrer Gläubigen (obligatorische Wiederwahl durch die «Kirchgemeinden») unterworfen, so dass auch dort von mutiger Glaubensverkündigung nicht mehr die Rede sein kann.

Aber ja: Die vom Apostolischen Stuhl gewünschte Ruhe ist dadurch eingekehrt. Es ist die Friedhofsruhe, der Weg in die Irrelevanz. Wir haben jetzt eine Kirche, die still und unbeachtet von einer Gesellschaft, der sie sich anbiedern möchte, ausblutet. Dabei meint die aktuelle Leitung der Kirche in ihrem napoleonischen Wahn, noch eine Aufmerksamkeit seitens einer postchristlichen Gesellschaft zu erkennen, wenn Kirchgebäude und Sakramente instrumentalisiert werden, um zeitgeistige Botschaften zu vermarkten.

Am 19. März 2021 wurde dem Bistum Chur despotisch ein Bischof aufoktroyiert, den das Domkapitel synodal abgelehnt hatte. Der 19. März 2026 wird ein trauriges Jubiläum sein, ein Fanal der anbiederischen Selbstaufgabe einer Kirche, deren Gründer einmal gesagt hatte, er sei der Weg, die Wahrheit und das Leben. Man kann es den Menschen in der postchristlichen Gesellschaft nicht verübeln, wenn sie zu wittern meinen, dass diejenigen, welche in der Kirche aktuell das Sagen haben, selbst nicht mehr daran glauben.


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