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„Er befiehlt seinen Engeln, dich zu behüten auf all deinen Wegen“ (Psalm 91)

vor 42 Minuten in Spirituelles, keine Lesermeinung
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„Wo Engel nur noch als niedliche Glücksbringer oder beliebig verfügbare Schutzmächte erscheinen, verdunkelt sich ihr biblischer Auftrag.“ Gedanken zum Schutzengel-Fest (2. Oktober). Von Archimandrit Dr. Andreas-Abraham Thiermeyer


Eichstätt (kath.net/pl) Einleitung
Engel beschäftigen viele Menschen. Sie begegnen uns in Kirchen und Wohnungen, auf Bildern und Grußkarten, in Gebeten, Büchern und Gesprächen. Auch Menschen, denen der kirchliche Glaube fremd geworden ist, verbinden mit ihnen die Hoffnung, begleitet, beschützt und in den Unsicherheiten des Lebens nicht allein gelassen zu sein. Dieser Essay möchte dazu eine kleine Orientierung bieten: Was meint der christliche Glaube, wenn er von Engeln spricht? Was unterscheidet seine Hoffnung von Vorstellungen, die Engel aus ihrer Beziehung zu Gott herauslösen?

Die gelegentlich wiederholte Behauptung, mehr Menschen glaubten an Engel als an Gott, ist ohne nähere Angaben zu Erhebungszeitraum und Fragestellung wenig aussagekräftig. Denn unter „Engeln“ werden sehr unterschiedliche Dinge verstanden: persönliche Boten Gottes, Bilder menschlicher Geborgenheit, unsichtbare Schutzmächte oder kosmische Energien. Die Übereinstimmung im Wort bedeutet noch keine Übereinstimmung im Glauben. Hinter dem Interesse aber steht häufig eine ernst zu nehmende Sehnsucht: Das Leben soll mehr sein als das, was wir selbst sichern, erklären und beherrschen können.

Wie lässt sich diese Entwicklung verstehen? Im besonders „engelfreudigen“ Barock gehörten Engel und ihre Verehrung selbstverständlich zur christlichen Frömmigkeit. Sie waren eingebunden in den Glauben an den Schöpfer, in die Verkündigung der Erlösung und in das Gebet der Kirche. Seit der Aufklärung, verstärkt im 19. und 20. Jahrhundert, veränderte sich diese religiöse Vorstellungswelt. Rationalistische Kritik, Säkularisierung und die Abkehr von manchen barocken Ausdrucksformen ließen auch die Engelverehrung fragwürdig erscheinen. Dabei verliefen die Entwicklungen regional und konfessionell unterschiedlich. Die reformatorischen Kirchen hielten grundsätzlich am biblischen Engelglauben fest; eine pauschale Ableitung seiner Zurückdrängung aus „der protestantischen Sichtweise“ würde ihrer Überlieferung nicht gerecht.

Auch innerhalb der katholischen Kirche wurden überlieferte Bilder und Frömmigkeitsformen einer kritischen Prüfung unterzogen. Das konnte helfen, Sentimentalität und Aberglauben zu überwinden. Wo jedoch mit fragwürdigen Vorstellungen zugleich die geistliche Wirklichkeit beiseitegeschoben wurde, entstand eine Verarmung. Manche Menschen verloren mit den vertrauten Schutzengelbildern auch eine Sprache für Gottes Nähe. Eine Verkündigung, die vorwiegend erklärt und organisiert, aber das Staunen, die Anbetung und das Vertrauen kaum noch nährt, erreicht nicht alle Tiefen menschlicher Erfahrung. Allerdings ist die christliche Theologie auch in der Moderne nicht insgesamt einem Weltbild gefolgt, das nur gelten lässt, was messbar und berechenbar ist.

Wo kirchliche Sprache an Überzeugungskraft verliert, können andere Deutungsangebote an ihre Stelle treten. In Teilen der Esoterik, der Anthroposophie und einer naturreligiös geprägten Spiritualität werden Engelvorstellungen in neue Zusammenhänge gestellt. Dabei können christliche Motive fortleben, während ihre ursprüngliche Mitte verloren geht: Engel erscheinen dann als selbstständige Heilsmächte oder als göttliche Energien; Gott wird mitunter zur unpersönlichen Bezeichnung für das Universum. Das ist vom biblischen Verständnis zu unterscheiden. Die christlichen Engel weisen über sich hinaus auf den lebendigen Gott, von dem sie geschaffen und gesandt sind.

Augustinus bringt diese Ausrichtung auf den Punkt: „Engel“ bezeichnet den Dienst, während „Geist“ die Natur des so Bezeichneten benennt. Die Engel sind wirkliche Geschöpfe Gottes; ihr Name sagt zugleich, wozu sie gesandt werden. Sie behüten, helfen und verkünden. Wer von ihnen spricht, spricht deshalb auch von Gottes Zuwendung zu seiner Schöpfung (vgl. Augustinus, Enarrationes in Psalmos 103,1,15; Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 329).

Diese Zuwendung hat eine sehr konkrete menschliche Entsprechung. Der Hebräerbrief mahnt: „Vergesst die Gastfreundschaft nicht; denn durch sie haben einige, ohne es zu ahnen, Engel beherbergt!“ (Hebr 13,2). Und die Aufforderung Jesu, ihn im Hungernden, Fremden und Bedürftigen aufzunehmen, führt jede geistliche Betrachtung zurück zur tätigen Liebe (vgl. Mt 25,35–40). Wer Gottes Nähe sucht, darf den Menschen vor seiner Tür nicht übersehen. In diesem übertragenen Sinn können auch wir füreinander „Engel“ werden: Boten einer Hilfe, die aufrichtet, tröstet und neues Vertrauen schenkt.

***
ENGEL – DIE BOTEN GOTTES

Während das Thema in Teilen der theologischen Diskussion zurückhaltend behandelt wird, besitzt es in der Volksfrömmigkeit und in der allgemeinen religiösen Vorstellungswelt eine beträchtliche Anziehungskraft. Diese reicht vom schlichten Schutzengelgebet bis zu kitschigen Darstellungen und esoterischen Spekulationen. Auch in manchen naturspirituellen Strömungen begegnen Vorstellungen von Engeln oder engelähnlichen Wesen. Daraus lässt sich jedoch keine allgemeine Aussage über die Ökologiebewegung ableiten. Verantwortung für die Schöpfung und der Glaube an eine Beseeltheit aller Natur sind unterschiedliche Dinge.

In einer über Jahrhunderte vom Judentum und Christentum geprägten Kultur haben Engel, ebenso wie die Vorstellung widergöttlicher Mächte, deutliche Spuren in Kunst, Sprache und Brauchtum hinterlassen. Ihre Darstellungen wandelten sich mit den religiösen und ästhetischen Vorstellungen der jeweiligen Zeit. Umso wichtiger ist es, die biblische und kirchliche Überlieferung von ihren wechselnden bildhaften Ausdrucksformen zu unterscheiden.

1. Begriff
Das hebräische Wort malʾākh, im Plural malʾākhîm, bedeutet „Bote“; ebenso das griechische ἄγγελος (ángelos), aus dem das lateinische angelus hervorgegangen ist. Das Wort kann zunächst auch einen menschlichen Boten bezeichnen. Im hier behandelten Sinn meint es jene himmlischen Geschöpfe, die Gott dienen und seinen Willen kundtun. Die Bezeichnung verbindet somit Herkunft und Auftrag: Ein Engel spricht und handelt nicht aus eigener Vollmacht, sondern als Gesandter Gottes.

In der jüdisch-christlichen Überlieferung stehen die Engel vor Gottes Thron, beten ihn an und preisen seine Herrlichkeit. Augustinus und Gregor der Große betonen den Dienstcharakter ihres Namens. Damit wird ihre Wirklichkeit nicht auf eine bloße Funktion oder ein dichterisches Bild reduziert. Nach christlichem Verständnis sind sie geistige, mit Erkenntnis und Willen begabte Geschöpfe; sie besitzen keinen Leib wie der Mensch. Ihre bildhafte Erscheinung in menschlicher Gestalt macht ihren Dienst erzählbar und sichtbar, ohne ihre geistige Natur erschöpfend darzustellen (vgl. Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 328–330).

In biblischen Erzählungen begleiten Engel die Offenbarung und das rettende Handeln Gottes. Sie bezeugen seine Doxa, seine Herrlichkeit, und dienen ihm im himmlischen Gottesdienst. Die Rede von gefallenen Engeln bezeichnet demgegenüber die schuldhafte Abwendung geschaffener Geister von Gott. Sie begründet keinen gleichmächtigen Gegenpol zum Schöpfer: Auch das Böse bleibt begrenzt und vermag Gottes Herrschaft nicht aufzuheben.

2. Quellen
Die Heilige Schrift spricht an zahlreichen Stellen von Engeln. Ihre genaue Zahl hängt davon ab, welche Bezeichnungen, Übersetzungen und biblischen Bücher berücksichtigt werden. Entscheidend ist ihre Stellung in der Heilsgeschichte: Die biblischen Schriften entfalten keine durchgehende Systematik der Engelwelt, sondern erzählen vom Handeln Gottes und vom Dienst seiner Boten.

1) Altes Testament: Engel rufen vom Himmel her und greifen im Auftrag Gottes in menschliche Lebenswege ein (vgl. Gen 21,17; 22,11). Die himmlischen Heerscharen stehen vor seinem Thron (vgl. 1 Kön 22,19); das Buch Ijob spricht in bildhafter Sprache von einer himmlischen Ratsversammlung (vgl. Ijob 1,6–12). Der Engel des Herrn begegnet Mose im brennenden Dornbusch (vgl. Ex 3,2). Weitere Texte schildern Engel als Überbringer göttlicher Weisungen, Helfer, Bewahrer und Deuter von Visionen (vgl. 1 Chr 21,18; Tob 3,17; 2 Makk 11,6; Dan 14,33–39; Sach 1,8–14). In Ezechiels Tempelvision erscheint ein menschenähnlicher himmlischer Führer (vgl. Ez 40,3–4).

1) Besonders die Rede vom „Engel des Herrn“ verlangt Aufmerksamkeit: In manchen Erzählungen gehen die Erscheinung des Boten und die Selbstmitteilung Gottes eng ineinander über. Diese Texte wollen Gottes wirksame Gegenwart bezeugen; sie lassen sich nicht ohne Weiteres in eine spätere, vollständig ausgearbeitete Engellehre einordnen.

2) Neues Testament: Engel gehören zur himmlischen Welt und stehen im Dienst Christi und seines Heilswerkes (vgl. Mt 22,30; Lk 12,8–9; Hebr 12,22; 1 Petr 3,22). Sie verkünden die Geburt Johannes des Täufers und Jesu, begleiten die Weihnachtsbotschaft und weisen auf die Auferstehung hin (vgl. Lk 1,11–20.26–38; 2,9–14; Mk 16,5–7; Joh 20,12–13). Sie dienen Jesus nach der Versuchung; Lukas berichtet von einem Engel, der ihn am Ölberg stärkt (vgl. Mt 4,11; Lk 22,43). Auch im Leben der jungen Kirche begegnen sie als Wegweiser und Helfer (vgl. Apg 8,26; 10,3–6; 12,7–11; 27,23–24).
Dabei wahrt das Neue Testament eine klare Rangordnung: Christus steht über den Engeln. Besonders der Hebräerbrief stellt heraus, dass sie ihm dienen und zum Dienst an denen ausgesandt sind, die das Heil empfangen sollen (vgl. Hebr 1,4–14).


3) Patristik: Die Kirchenväter erschließen die biblischen Aussagen im Zusammenhang von Schöpfung, Erlösung, geistlichem Leben und Liturgie. Für die spätere Überlieferung wurde die Schrift Über die himmlische Hierarchie des sogenannten Pseudo-Dionysius Areopagita besonders einflussreich. Ihr Verfasser schrieb um die Wende vom 5. zum 6. Jahrhundert unter dem Namen des in Apg 17,34 genannten Dionysius; er ist mit diesem nicht gleichzusetzen. Die dionysische Tradition ordnet die biblischen Bezeichnungen zu neun Chören in drei Gruppen: Seraphim, Cherubim und Throne; Herrschaften, Kräfte und Gewalten; Fürstentümer, Erzengel und Engel.

Diese Ordnung ist eine theologische Auslegung der Überlieferung und keine vollständige Beschreibung der unsichtbaren Welt. Auch Gregor der Große behandelt die neun Engelordnungen, setzt jedoch teilweise andere Akzente. In beiden Traditionen führt die Betrachtung der Engel zum Lob Gottes und zur Frage nach dem eigenen Dienst. Vgl. Pseudo-Dionysius, De caelesti hierarchia, besonders Kap. 6–9; Gregor der Große, Homiliae in Evangelia II,34; zur historischen Einordnung (vgl. Benedikt XVI., Katechese vom 14. Mai 2008).

4) Verehrung: Die Kirche unterscheidet die Verehrung der Engel von der Anbetung, die allein Gott gebührt. Kol 2,18 warnt vor einem engelbezogenen Kult im Zusammenhang mit einer Lehre, die von Christus wegführt; die genaue Auslegung der Stelle ist umstritten. In Offb 22,8–9 weist der Engel die Anbetung durch Johannes ausdrücklich zurück und bezeichnet sich als Mitknecht. Diese Texte wenden sich gegen eine religiöse Überhöhung der Geschöpfe.

Auch die Synode von Laodizea im 4. Jahrhundert verurteilt in Kanon 35 Zusammenkünfte, bei denen Christen die Kirche verlassen und sich einer als Götzendienst bezeichneten Engelanrufung zuwenden. Ihr Wortlaut darf nicht einfach mit späteren begrifflichen Unterscheidungen gleichgesetzt werden; sein entscheidender Maßstab ist die Treue zu Christus. Die kirchliche Bitte um den Beistand und die Fürsprache der Engel versteht sich innerhalb dieser Christusgemeinschaft. Biblische Anknüpfungspunkte bieten die Fürbitte des Engels in Sach 1,12 und Rafaels Dienst in Tob 12,12 (vgl. Synode von Laodizea, Kanon 35).

Für die theologische Unterscheidung sind vor allem latreía, die Gott allein zukommende Anbetung, und timētikḕ proskýnēsis, die ehrende Verehrung, maßgeblich. Das griechische proseúchomai bedeutet dagegen „beten“ und bildet kein entsprechendes begriffliches Gegenstück zu proskynéō. Das Zweite Konzil von Nizäa von 787 unterscheidet die ehrende Verehrung heiliger Bilder von der allein Gott gebührenden Anbetung und nennt ausdrücklich auch die Bilder der Engel (vgl. Zweites Konzil von Nizäa, Glaubensdefinition).

Bereits das Bekenntnis von Nizäa 325 bekennt Gott als Schöpfer alles Sichtbaren und Unsichtbaren. Eine gesonderte Definition über den Zeitpunkt der Engelerschaffung wurde dort jedoch nicht verkündet. Ausdrücklich spricht das Vierte Laterankonzil 1215 von der Erschaffung der geistigen und der körperlichen Welt durch den einen Gott (vgl. Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 327).

Die Engelverehrung entwickelte sich in Ost und West; besonders ausgeprägte Formen begegnen unter anderem in den byzantinischen, koptischen und äthiopischen Traditionen. Sie darf nicht mit gnostischen Vorstellungen gleichgesetzt werden. Eine herausragende Stellung nimmt Michael ein: Im Danielbuch erscheint er als Beschützer des Gottesvolkes, in der Offenbarung als Anführer der Engel im Kampf gegen den Drachen (vgl. Dan 10,13.21; 12,1; Offb 12,7–9). In der kirchlichen Überlieferung wird er als Beschützer der Kirche und als Begleiter der Seelen angerufen. Das Tagesgebet fasst den Sinn dieser Verehrung zusammen: „Gott, in deiner Vorsehung sorgst du für alles, was du geschaffen hast. Sende uns deine heiligen Engel zu Hilfe, dass sie uns behüten auf allen unseren Wegen, und gib uns in der Gemeinschaft mit ihnen deine ewige Freude.“ Die Bitte richtet sich an Gott; Schutz und Gemeinschaft mit den Engeln werden als Gaben seiner Güte erbeten.

Im katholischen biblischen Kanon werden drei heilige Engel mit Namen genannt: Michael, Gabriel und Rafael (vgl. Dan 8,16; 9,21; 10,13; Lk 1,19.26; Tob 12,15). Weitere Namen, etwa Uriel, begegnen in anderen jüdischen und christlichen Überlieferungen. Ihre Bedeutung ist unter Berücksichtigung der unterschiedlichen biblischen Kanones zu beurteilen; so gehört das Erste Henochbuch zum äthiopisch-orthodoxen Kanon. Uriel, Ariel, Phanuel und Suriel sind keineswegs ohne Weiteres austauschbare Namen. Für die römisch-katholische Frömmigkeit hält das Direktorium über Volksfrömmigkeit und Liturgie an den drei biblisch bezeugten Namen Michael, Gabriel und Rafael fest (vgl. Direktorium, Nr. 217).

5) Das Schutzengelfest und seine Entstehung setzt nicht bei einer ursprünglich eigenständigen Feier an, sondern bei der älteren römischen Engelverehrung im Umfeld des Michaelsfestes am 29. September. Dieses Fest ging auf das Gedächtnis einer Michaelsbasilika an der Via Salaria zurück; mit dem Erzengel Michael wurden zugleich die übrigen Engel und ihr Schutz- und Fürbittedienst verehrt. Bereits ältere römische Gebetstexte bezeugen diesen Glauben, sodass die Einführung eines eigenen Tages eine liturgische Akzentsetzung innerhalb einer älteren Überlieferung darstellt. Die Entwicklung zu einer eigenen Kalenderfeier vollzog sich schrittweise und ging zunächst von regionalen Initiativen aus. 1579 bat Córdoba um die Zulassung eines Schutzengelfestes, und 1582 erhielt Valencia ein entsprechendes Offizium. Paul V. gestattete 1608 eine weitergehende Feier, die in manchen Gebieten fakultativ, im Herrschaftsbereich Ferdinands von Österreich jedoch verbindlich war. Clemens X. schrieb die Feier 1670 für die römische Kirche am 2. Oktober allgemein vor. Leo XIII. erhöhte 1883 ihren damaligen liturgischen Rang. Die Angaben zur frühen römischen Einführung sind nicht ganz einheitlich, da manche Darstellungen das Jahr 1615 nennen; dabei sind örtliche Zulassung, allgemeine Erlaubnis und spätere Verpflichtung sorgfältig zu unterscheiden. Im heutigen römischen Generalkalender wird der 2. Oktober als gebotener Gedenktag der heiligen Schutzengel begangen, weshalb „Schutzengelfest“ hier eine verständliche volkstümliche, nicht jedoch die korrekte liturgische Rangbezeichnung ist (vgl. Catholic Encyclopedia, „Feast of Guardian Angels“; J. Duhr SJ, „Anges gardiens“, in: Dictionnaire de spiritualité ascétique et mystique, Bd. I (1933), Sp. 580–625). 

3. Darstellung der Engel
Seit der frühchristlichen Zeit werden Engel in unterschiedlichen Zusammenhängen dargestellt. Ihre Bilder erschließen biblische Erzählungen, bezeugen die himmlische Liturgie und veranschaulichen Schutz und Begleitung. Im Wandel der Jahrhunderte verbinden sich dabei bleibende Glaubensinhalte mit wechselnden künstlerischen Ausdrucksformen.

Die Alte Kirche in Ost und West: Frühchristliche Fresken, Mosaiken und später auch Ikonen erschöpfen sich nicht in ästhetischer Gestaltung. Im kirchlichen Gebrauch dienen sie der Verkündigung, der Erinnerung und der betenden Hinwendung zu der dargestellten Wirklichkeit. Die spätere, im Bilderstreit geklärte Ikonentheologie versteht das Bild in Beziehung zu seinem Urbild: Die erwiesene Ehre gilt letztlich dem Dargestellten. Dabei bleiben Bild und Urbild unterschieden; das Bild ist weder mit seinem Urbild identisch noch besitzt es eine eigenständige göttliche Macht.

In der Ikonographie nehmen Engel als Boten, himmlische Liturgen und Begleiter der Menschen einen breiten Raum ein. Sie erscheinen als Diener Christi, des Pantokrators, und als Zeugen seiner Herrlichkeit. Ihre Heiligkeit ist empfangene Teilhabe am göttlichen Leben durch Gnade. Sie sind nicht aus Gottes Wesen hervorgegangen, sondern von ihm geschaffen.

Gewänder, Farben und Licht verdeutlichen ihre Würde und ihren Dienst. Purpur kann königliche Hoheit anzeigen, Gold den überirdischen Glanz, Weiß Reinheit und himmlisches Licht. Auch Blau besitzt unterschiedliche Bedeutungen. Einen überall und zu allen Zeiten verbindlichen byzantinischen Farbcode, der jeder Farbe genau einen theologischen Begriff zuordnet, gab es jedoch nicht. Die Deutung muss das konkrete Bild, seine Entstehungszeit und seinen Zusammenhang berücksichtigen. Wie Liturgie und Väterpredigt können diese Darstellungen den Glauben erschließen und zur Anbetung Gottes hinführen.

Frühes Christentum und Mittelalter: Frühe Engelsbilder zeigen häufig menschenähnliche, jugendliche Gestalten ohne Flügel. Ihr Botendienst wird vor allem aus dem dargestellten Geschehen erkennbar. Eine bekannte, häufig als Verkündigung gedeutete Szene in den Priscilla-Katakomben in Rom gehört in diesen frühen Zusammenhang. Seit dem späten 4. Jahrhundert verbreiten sich geflügelte Engelsgestalten. Dabei werden auch Bildformen der antiken Kunst aufgenommen und christlich umgedeutet. Eine grundsätzlich durchgehaltene Vermeidung jeder Ähnlichkeit mit antiken Flügelwesen lässt sich daher nicht behaupten.

Die Flügel veranschaulichen die Zugehörigkeit zur himmlischen Welt und die Bereitschaft zum Dienst. Sie sind keine anatomische Beschreibung geistiger Wesen. In den Mosaiken von Santa Maria Maggiore in Rom aus dem 5. Jahrhundert treten Engel in würdevoller, teils höfisch geprägter Gestalt auf. Ihre Gewänder, ihre Haltung und ihre Stellung im Bild verkünden die Größe dessen, der sie sendet. Solche Bilder können zugleich Nähe und heilige Scheu wecken: Die sichtbare Welt ist offen für eine Wirklichkeit, über die der Mensch nicht verfügt.

Gotik:In der gotischen Kunst gewinnen Bewegung, persönlicher Ausdruck und menschliche Zugewandtheit an Gewicht. Diese Entwicklung bedeutet nicht einfach einen Abschied vom gemeinsamen Glauben zugunsten bloßer Subjektivität. Vielmehr werden überlieferte Inhalte in einer veränderten Bildsprache erschlossen. Engel erscheinen als jugendliche Gestalten, häufig in liturgischen Gewändern, etwa als Diakone; sie tragen Leuchter und Rauchfässer, musizieren und begleiten das Heilsgeschehen.

Flügel und Heiligenschein zeigen ihre himmlische Sendung an. In Darstellungen des Weltgerichts wirken sie als Diener des richtenden Christus. Michael erscheint als Kämpfer gegen das Böse und mit der Seelenwaage; zunehmend trägt er zeitgenössische Rüstung. Um die Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert stehen feierliche, machtvolle Engelsgestalten neben innigen und idyllischen Bildern. Beide Ausdrucksweisen müssen vom jeweiligen Werk her verstanden werden.

Renaissance:In der Renaissance verbreiten sich die Putten, vom italienischen putto, „kleiner Knabe“. Ihre Vorbilder liegen unter anderem in den antiken Eroten und kindlichen Begleitfiguren mythologischer Szenen. Als kunstgeschichtlicher Figurentyp ist eine Putte nicht notwendig ein Engel; innerhalb eines christlichen Bildprogramms kann sie jedoch als Engelsgestalt verwendet werden.

Daneben begegnen geflügelte Engelsköpfe und kindliche Gestalten in Wolken. Raffaels berühmte Putten am unteren Rand der Sixtinischen Madonna sind geflügelte Kindergestalten, die ihre Arme auf die gemalte Brüstung legen. Ihre heutige Verwendung als selbstständige Schmuckmotive löst sie häufig aus dem Zusammenhang des Altarbildes. Gerade daran wird deutlich, wie sich die Bedeutung eines religiösen Bildes durch seine Verwendung verändern kann.

Barock:Die Kunst des 17. und 18. Jahrhunderts entfaltet eine reiche Engelswelt. Engel begleiten Verkündigung, Geburt, Passion und Auferstehung Christi; sie beten an, musizieren und öffnen in Deckenbildern den Kirchenraum gleichsam auf den Himmel hin. Ihre Bewegung und ihr Lichtglanz sollen die Feiernden in den Lobpreis hineinnehmen.

Zugleich gewinnen Putten und geflügelte Köpfe eine starke dekorative Funktion. Wo das Bildprogramm nicht mehr verstanden wird, kann ihre geistliche Aussage hinter dem Schmuck zurücktreten. Dennoch wäre es verkürzend, die barocke Engelswelt insgesamt als bloße Dekoration zu beurteilen. In vielen Kirchen bringt sie eindrucksvoll die Gemeinschaft des irdischen und himmlischen Gottesdienstes zum Ausdruck.

Ab dem 19. Jahrhundert: Bibelillustrationen, Katechismen, Andachtsbilder und besonders Schutzengelbilder vermitteln nun häufig eine betont innige und häusliche Vorstellung. Viele Menschen verbinden damit Kindheitserinnerungen und erste Erfahrungen des Gebets. Solche Bilder können Vertrauen wecken; sie können aber auch die biblische Größe und Fremdheit der Engel auf eine gefällige Harmlosigkeit reduzieren.

Auch Dichtung und Musik der Romantik greifen diese Vorstellungen auf. In Engelbert Humperdincks Märchenoper Hänsel und Gretel werden im „Abendsegen“ vierzehn Engel als nächtliche Beschützer angerufen. Im durch Johannes Brahms’ Vertonung von 1868 berühmt gewordenen Wiegenlied begegnet die Wendung „von Engeln bewacht“. Die erste Strophe ist durch „Des Knaben Wunderhorn“, herausgegeben von Achim von Arnim und Clemens Brentano, überliefert; die später hinzugefügte zweite Strophe wird Georg Scherer zugeschrieben und stammt nicht aus dieser Sammlung (vgl. zur Textgeschichte „Guten Abend, gut’ Nacht“).

Die dichterische Sprache darf ihren eigenen Wert behalten. Ein Wiegenlied muss keine vollständige Engellehre enthalten. Entscheidend ist, dass die tröstliche Bildwelt den Zugang zur Glaubenswirklichkeit offenhält. Wo Engel nur noch als niedliche Glücksbringer oder beliebig verfügbare Schutzmächte erscheinen, verdunkelt sich ihr biblischer Auftrag.

4. Engel im Glauben der ungeteilten Kirche – Engel als Ausdruck der Größe und des Heilswillens Gottes
Der gemeinsame Glaube der Alten Kirche bildet die Grundlage, auf der spätere theologische und geistliche Auslegungen aufbauen. Die guten Engel leben aus der Gemeinschaft mit Gott und dienen seinem Heilswillen. Ihre Herrlichkeit verweist auf die Güte ihres Schöpfers. Sie bezeugen, dass die Welt nicht sich selbst überlassen ist und dass das Böse nicht das letzte Wort behält. Dieser Glaube verbindet sich mit Wachsamkeit und Verantwortung: Gottes Hilfe macht menschliches Handeln nicht überflüssig, sondern ermutigt dazu.

Christus und die Engel: Die Engel sind auf Christus hingeordnet und dienen seinem Heilshandeln. Der Hebräerbrief nennt sie „dienende Geister, ausgesandt zum Dienst derer, die das Heil erben sollen“ (Hebr 1,14). Jesus Christus ist Mitte und Haupt, Anfang und Ziel der Schöpfung: „Denn in ihm ist alles erschaffen im Himmel und auf Erden, das Sichtbare und Unsichtbare, Throne und Herrschaften, Mächte und Gewalten; alles ist durch ihn und auf ihn hin erschaffen“ (Kol 1,16).

Christus ist der eine Mittler zwischen Gott und den Menschen (vgl. 1 Tim 2,5). Der Dienst der Engel fügt seiner Heilsmacht nichts Fehlendes hinzu und stellt keine zusätzliche Instanz dar, die zwischen ihn und die Glaubenden treten müsste. Vielmehr lässt Gott seine Geschöpfe an seinem Wirken teilhaben. Wie die Heiligen gehören die Engel zur Gemeinschaft seines Lobes; als geistige Geschöpfe unterscheiden sie sich zugleich von uns Menschen. Ihre Nähe ermutigt die Kirche, sich ganz auf Christus auszurichten.

Engel als Mitliturgen: Nach dem Zeugnis der Heiligen Schrift dienen Engel Gott im himmlischen Gottesdienst (vgl. Jes 6; Offb 4–5). Die Liturgie der Kirche nimmt an diesem Lobpreis teil. Sie ist deshalb mehr als ein menschlicher Versuch, den Himmel nachzubilden. In ihr verbindet Christus seine pilgernde Kirche mit der himmlischen Gemeinschaft. Das Zweite Vatikanische Konzil beschreibt die irdische Liturgie als vorausgenommene Teilnahme an der himmlischen Liturgie (vgl. Sacrosanctum Concilium, Nr. 8).

Die Offenbarung schildert einen Engel, der am himmlischen Altar Weihrauch zusammen mit den Gebeten der Heiligen darbringt (vgl. Offb 8,3–4). Dieses Bild zeigt die Einbezogenheit unseres Gebets in Gottes himmlische Welt. Es bedeutet nicht, dass Gott uns ohne solche Vermittlung nicht hören könnte. Die Gemeinschaft des Himmels trägt unser Beten mit.

Johannes Chrysostomos beschreibt die eucharistische Feier mit den Worten: „Zu dieser Zeit umringen selbst Engel den Priester; das ganze Heiligtum und der Raum um den Altar ist angefüllt mit himmlischen Heerscharen, dem zu Ehren, der auf dem Altare liegt.“ Die Stelle findet sich in seiner Schrift Über das Priestertum VI,4 (vgl.  De sacerdotio VI,4). Auch Ambrosius mahnt: „Zweifle nicht an der Gegenwart des Engels, wenn Christus zugegen ist, wenn Christus geopfert wird“ (Expositio Evangelii secundum Lucam I,12; vgl. den Quellennachweis bei Karl-August Wirth, „Engel“, Abschnitt IV.A).

Die Rede vom „Himmel auf Erden“ beschreibt diese sakramentale Wirklichkeit. Die konkrete Gemeinde wird in eine Gemeinschaft aufgenommen, die ihre sichtbaren Grenzen übersteigt. Das gemeinsame Feiern gewinnt gerade dadurch seine Tiefe: Wir versammeln uns um Christus, der uns mit den Lebenden und Vollendeten verbindet. Der Hebräerbrief spricht vom Zugang zum Berg Zion, zum himmlischen Jerusalem, zu unzähligen Engeln in festlicher Versammlung und zu Jesus, dem Mittler des neuen Bundes, dessen Blut machtvoller spricht als das Blut Abels (vgl. Hebr 12,22–24).

Die Engel und der Lobpreis Gottes: Der heilige Benedikt verbindet diesen Glauben mit einer sehr nüchternen Weisung für das Gebet: „Überall ist Gott gegenwärtig, so glauben wir, und die Augen des Herrn schauen an jedem Ort auf Gute und Böse. Das wollen wir ohne Zweifel ganz besonders dann glauben, wenn wir Gottesdienst feiern. Denken wir daher immer an die Worte des Propheten: ‚Dient dem Herrn in Furcht.‘ ‚Singt die Psalmen in Weisheit.‘ ‚Vor dem Angesicht der Engel will ich dir Psalmen singen.‘ Beachten wir also, wie wir vor dem Angesicht Gottes und seiner Engel sein müssen, und stehen wir so beim Psalmensingen, dass Herz und Stimme in Einklang sind“ (RB 19,1–7).

Die Gegenwart der Engel führt hier zur Sammlung. Wer betet, soll mit dem Herzen bei dem sein, was seine Lippen sprechen. Auch ein müdes, zerstreutes oder angefochtenes Gebet darf sich in den größeren Lobpreis hineingeben. Unser Singen muss nicht aus eigener Kraft die Fülle hervorbringen, an der es teilnimmt. Es darf sich tragen lassen und zugleich immer wahrhaftiger werden.

Die Engel und die Kirche: Die Zusammengehörigkeit von Engeln und Kirche wird in der sakralen Kunst anschaulich: in anbetenden Engeln am Altar und am Tabernakel, in Leuchter tragenden Gestalten und in den himmlischen Chören der Kirchengewölbe. Diese Bilder erinnern daran, dass der Lobpreis Gottes unserer Versammlung vorausgeht. Wenn die Gemeinde zusammenkommt, beginnt sie keinen Gottesdienst, der zuvor nirgends gewesen wäre; sie stimmt in die Verherrlichung Gottes durch seine ganze Kirche ein.

Im Sanctus verbindet sich ihr Gesang mit dem Dreimalheilig der himmlischen Welt. In der byzantinischen Göttlichen Liturgie bringt auch der Cherubimhymnus diese Verbundenheit zum Ausdruck: Die Feiernden stellen auf geheimnisvolle Weise die Cherubim dar und bereiten sich darauf vor, den König des Alls zu empfangen. Damit ist keine Verwandlung des Menschen in einen Engel gemeint, sondern seine Teilnahme am gemeinsamen Dienst vor Gott.

Die Kirche bittet zugleich um den Schutz der himmlischen Mächte. Byzantinische Hymnen rufen Michael und die übrigen Erzengel als Heerführer der himmlischen Scharen an und erbitten durch ihre Fürsprache Bewahrung vor Gefahren. Darin kommt ein Vertrauen zum Ausdruck, das die eigene Schwachheit kennt und sich der Hilfe Gottes öffnet. Die Engelverehrung soll zur Treue, zum Gebet und zur Liebe führen.

Engel als Boten, Retter, Begleiter und Korrektiv: Schon die Namen der drei Erzengel verweisen auf Gott: Gabriel bedeutet sinngemäß „Gott ist meine Stärke“, Rafael „Gott heilt“, Michael „Wer ist wie Gott?“. Ihre Namen sind gleichsam kleine Glaubensbekenntnisse. Sie verkünden die Kraft und heilende Nähe Gottes und erinnern daran, dass kein Geschöpf an seine Stelle treten darf.

Gott sendet seine Engel, um Menschen aufzurichten, zu begleiten und für seinen Willen zu öffnen. Als Elija erschöpft unter dem Ginsterstrauch liegt und sterben möchte, berührt ihn ein Engel und gibt ihm Brot und Wasser. Die Hilfe beginnt mit dem, was der Entkräftete braucht; erst dann kann er weitergehen (vgl. 1 Kön 19,1–8). Darin liegt eine bleibende geistliche Weisheit: Gottes Zuwendung achtet die Grenzen des Menschen und stärkt ihn für den nächsten Schritt.

Abraham und Sara empfangen bei den Eichen von Mamre drei Männer; in dieser Begegnung verheißt der Herr die Geburt eines Sohnes (vgl. Gen 18). Die Erzählung verbindet menschliche Gastfreundschaft mit einer Gottesbegegnung; zwei der Besucher werden anschließend ausdrücklich Engel genannt (vgl. Gen 19,1). Die christliche Bildtradition hat diese Szene zudem als Hinweis auf das Geheimnis der Dreifaltigkeit betrachtet. Mose wiederum begegnet dem Engel des Herrn in der Flamme des Dornbuschs und hört dort Gottes Ruf (vgl. Ex 3,1–6).

Gabriel kündigt Zacharias die Geburt Johannes des Täufers an und bringt Maria die Botschaft von der Menschwerdung des Sohnes Gottes (vgl. Lk 1,11–38). Josef wird im Traum durch einen Engel ermutigt, Maria zu sich zu nehmen; später erhält er den Auftrag, das Kind und seine Mutter nach Ägypten in Sicherheit zu bringen (vgl. Mt 1,20–24; 2,13). Auch die Sterndeuter werden im Traum gewarnt, zu Herodes zurückzukehren; an dieser Stelle wird allerdings kein Engel ausdrücklich genannt (vgl. Mt 2,12).

Den Hirten verkündet ein Engel die Geburt des Retters; die himmlischen Heerscharen stimmen in den Lobpreis ein (vgl. Lk 2,9–14). Am leeren Grab werden die Frauen durch himmlische Boten zur Osterbotschaft geführt. Die Engel der Offenbarung erschließen schließlich in eindringlichen Bildern Gericht, Bewahrung und Vollendung. In all diesen Begegnungen lenken sie den Blick auf das Handeln Gottes.

Ihr Dienst kann auch ein Korrektiv sein: Sie unterbrechen einen Weg, warnen oder stellen eine bisherige Gewissheit infrage. Die Erzählung von Bileam zeigt dies besonders anschaulich (vgl. Num 22,22–35). Gottes Hilfe bestätigt nicht jede unserer Absichten. Sie kann darin bestehen, uns vor einem Irrweg zu bewahren und neu hören zu lehren.

Engel als Beschützer: Die Überlieferung vom Schutzengel bringt das Vertrauen zum Ausdruck, dass Gottes Sorge dem einzelnen Menschen gilt. „Ich werde einen Engel schicken, der dir vorausgeht. Er soll dich auf dem Weg schützen und dich an den Ort bringen, den ich bestimmt habe. Achte auf ihn und hör auf seine Stimme!“ (Ex 23,20–21). Diese Verheißung gilt im ursprünglichen Zusammenhang dem wandernden Israel. Zusammen mit anderen Schriftstellen wurde sie zu einer Grundlage des kirchlichen Vertrauens auf den Schutz der Engel.

Der Psalmist bekennt: „Der Engel des Herrn umschirmt alle, die ihn fürchten und ehren, und er befreit sie“ (Ps 34,8). Jesus warnt davor, einen der Kleinen zu verachten, und verweist auf ihre Engel, die im Himmel das Angesicht des Vaters schauen (vgl. Mt 18,10). Der heilige Basilius erklärt, jedem Gläubigen stehe ein Engel als Beschützer und Hirte zur Seite, um ihn zum Leben zu führen. Thomas von Aquin entfaltet den Gedanken dahin, dass jeder Mensch auf seinem irdischen Weg unter dem Schutz eines Engels steht. Gottes Fürsorge reicht somit über die sichtbaren Grenzen der Glaubensgemeinschaft hinaus (vgl.  Summa theologiae I, q. 113, a. 4).

Diese Hilfe muss nicht als außergewöhnliche Erscheinung erkennbar werden. Der Mensch kann Gutes empfangen, ohne alle Wege zu durchschauen, auf denen es ihn erreicht. Der Glaube an den Schutzengel ermutigt deshalb zur Dankbarkeit, ohne jedes glückliche Ereignis vorschnell als nachweisbares Eingreifen eines Engels zu erklären.

Ebenso wenig bedeutet Schutz die Zusicherung eines Lebens ohne Unfall, Krankheit, Verlust oder Schmerz. Schon die Versuchung Jesu zeigt, dass die Verheißung von Psalm 91 nicht dazu berechtigt, Gott herauszufordern (vgl. Mt 4,5–7). Wer Leid erfährt, ist deshalb weder weniger geliebt noch von seinem Engel verlassen. Gottes Bewahrung zielt auf den ganzen Menschen und auf seine Vollendung; ihre Wege bleiben unserem Verstehen oft entzogen.

Adalbert Stifter spricht in einem Brief an August Pechwill vom 3. Februar 1853 vom Schmerz als einem „heiligen Engel“, durch den Menschen reifen können. Dieses dichterische Bild verlangt eine behutsame Deutung. Schmerz ist nicht schon an sich heilsam; er kann Menschen auch verwunden und zerbrechen. Christliche Hoffnung besteht darin, dass Gott uns im Leid nicht preisgibt und auch aus Schwerem neues Leben wachsen lassen kann. Deshalb gehören Trost, Linderung und helfender Beistand untrennbar zu einem verantworteten Sprechen vom Leiden.

Wir dürfen Engel für andere Menschen sein: Kardinal John Henry Newman bringt die persönliche Berufung des Menschen so zum Ausdruck: „Ich bin berufen, etwas zu tun oder zu sein, wofür kein anderer berufen ist; ich habe einen Platz in Gottes Ratschluss, auf Gottes Erde, den kein anderer hat. […] Ich bin an meinem Platz so nötig, wie ein Erzengel an dem seinigen.“ In derselben Betrachtung spricht er davon, ein Engel des Friedens und ein Verkünder der Wahrheit am eigenen Ort zu werden. Gemeint ist keine Selbstüberhöhung, sondern die Zuversicht, von Gott für eine konkrete Aufgabe gewollt zu sein (vgl. Newman, Meditations and Devotions, III, „Hope in God—Creator“).

Menschen werden dadurch nicht ihrem Wesen nach zu Engeln. Sie können aber an deren Botendienst erinnern: durch ein Wort, das einen Verzagten erreicht; durch einen Besuch, der Einsamkeit durchbricht; durch eine Hilfe, die den nächsten Tag möglich macht; durch eine wahrhaftige Warnung, die vor Schaden bewahrt. Wer sich von Gott senden lässt, muss dafür weder außergewöhnlich stark noch vollkommen sein. Oft genügt die Bereitschaft, sich einem Menschen aufmerksam und verlässlich zuzuwenden.

So führt der Glaube an die Engel mitten in die Verantwortung des Alltags. Wir dürfen uns behütet wissen und selbst behüten, Trost empfangen und weitergeben, Hilfe annehmen und anderen beistehen. Die Boten Gottes lenken unseren Blick auf den Herrn, dessen Güte größer ist als unsere Angst. Unter seinem Schutz dürfen wir unseren Weg gehen – und füreinander zu Zeichen seiner Nähe werden.

Archimandrit Dr. Andreas-Abraham Thiermeyer ist der Gründungsrektor des Collegium Orientale in Eichstätt. Er ist Theologe mit Schwerpunkt auf ökumenischer Theologie, ostkirchlicher Ekklesiologie und ostkirchlicher Liturgiewissenschaft. Er studierte in Eichstätt, Jerusalem und Rom, war in verschiedenen Dialogkommissionen tätig. Er veröffentlicht zu Fragen der Ökumene, des Frühen Mönchtums, der Liturgie der Ostkirchen und der ostkirchlichen Spiritualität. Weitere kath.net-Beiträge von ihm: siehe Link.
 

Bild: Der „Weiße Engel“ am Grab Christi, Fresko im Kloster Mileševa, Serbien, 13. Jahrhundert.


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