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| ![]() 'Wir sprechen deshalb zurecht hier nicht von Neuevangelisierung, sondern von Erstevangelisierung'vor 30 Minuten in Deutschland, keine Lesermeinung Berliner Bischof Heiner Koch bei Predigt in Fulda: In Berlin werden nur 35 Prozent der Kinder, selbst aus katholischen Familien, getauft. Dieses Faktum ist auf die Länge der Zeit erheblich bedrohlicher als viele kirchlichen Problemfelder und -fragen. Berlin (kath.net) kath.net dokumentiert die Predigt von Erzbischof Heiner Koch (Berlin) bei der heutigen Eucharistiefeier zur Herbst-Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz in Fulda: Mit großer Freude habe ich in den vergangenen Tagen die Bilder gesehen von der Reise des Heiligen Vaters Papst Leo XIV. nach Frankreich: Achthunderttausend Mitfeiernde allein bei der Eucharistiefeier in Paris. Solche großen und großartigen Gottesdienste haben wir in Deutschland zum letzten Mal beim Weltjugendtag 2005 gefeiert und das vor allem mit der Hilfe von jungen Christen aus der ganzen Welt. Nun weiß ich, dass sich die Situation von Kirche und Glauben und ihrer Beziehung zu Staat und Gesellschaft in Deutschland und in Frankreich weder geschichtlich noch aktuell einfach übertragen läßt. Als ich aber die Bilder von Paris sah, wurde ich ziemlich „unandächtig“, weil mir die Frage in den Sinn kam: Sollte der Heilige Vater vielleicht einmal nach Berlin kommen, wie viele Menschen werden dann mit ihm in Berlin die Eucharistie feiern und wie viele Demonstrationen, nicht nur aus den politischen Randgruppen, wird es dann wie beim Besuch von Papst Johannes Paul II. vor genau 20 Jahren geben. Natürlich bin ich dabei fest davon überzeugt, dass diese Frage nicht nur für Papst Leo XIV. kein Grund gegen seinen Besuch in Berlin wäre, eher ein dringendes Argument für eine solche Reise: Zu helfen, die Frage nach Gott in dieser unserer Gesellschaft wachzuhalten und immer wieder neu zu stellen. Dabei steht uns die unterschiedliche Situation des Glaubens und der Kirche im Osten Deutschlands, aber nicht nur dort, und in Frankreich vor Augen: Die meisten Menschen hier bei uns haben noch nie einen persönlichen Kontakt zum Glauben und zur katholischen Kirche erlebt. Wir sprechen deshalb zurecht hier nicht von Neuevangelisierung, sondern von Erstevangelisierung und fragen uns, wie wir als Kirche und als Christen mit den Menschen in unserer Umgebung so in Kontakt treten können, dass auch über unser Leben und über unseren Glauben der Funke des Geistes Gottes auf sie überspringen würde. Die Familie fällt als Ort der Erfahrung und der Weitergabe des christlichen Glaubens im Leben vieler Menschen völlig aus. Sie nehmen als Familie oftmals schon seit Generationen nicht mehr am kirchlichen Leben teil, das sie nicht kennen und nicht teilen. Das gilt nicht nur für Familien, wo sich niemand als Christ bekennt, sondern auch in Familien, in denen zumindest Einzelne getauft worden sind. Da kann es dann nicht erstaunen, dass in Berlin nur 35 Prozent der Kinder, selbst aus katholischen Familien, wo mindestens einer der Elternteile katholisch ist, getauft werden. Dieses Faktum ist auf die Länge der Zeit erheblich bedrohlicher als viele kirchlichen Problemfelder und -fragen. Für viele Menschen kommt Gott in ihrem alltäglichen Leben nicht vor. Überall begegnen sie der „Macht des Menschen“, auch der Macht zu Zerstörung und zu Kriegen, vielleicht sogar zum Untergang der Welt. Der Mensch als die offensichtlich treibende Kraft dieser Welt: „Ich sehe keinen Gott. Für ihn gibt es da keinen Platz mehr“, so denken nicht wenige. Die Frage nach dem christlichen Gottesbild und dem Leid, gerade das nicht vom Menschen verschuldete Elend. „Wer kann da noch beten: Wer nur den lieben Gott lässt walten“, fragte mich einmal ein Atheist auf einer Podiumsdiskussion. Zumindest in diesem dritten Grund sind viele Menschen in einer ähnlichen Situation wie Ijob. Das Buch Ijob, das zur Weisheitsliteratur gehört und zwischen dem sechsten und dem zweiten Jahrhundert vor Christus entstanden ist, handelt vom Leid eines unschuldigen Gerechten. Ausgelöst im literarischen Bild durch einen Streit zwischen Gott und dem Satan wird er der existentiellen Prüfung unterzogen, wie tief sein Glaube wirklich verwurzelt und sein Leben tragend ist. Sein Zweifel an Gott greift tief in seine Seele ein: „ Wollte ich rufen, würde er mir Antwort geben? Ich glaube nicht, dass er auf meine Stimme hört“ (Jjob 9,16), so die letzten Worte der heutigen Lesung. Doch ein Unterschied zeichnet Hiob gegenüber vielen unserer heutigen Zeitgenossen aus: Er, der keine Antwort von Gott auf sein Klagen vernimmt, hört nicht auf, an Gott zu glauben. Er hält die Verbindung mit Gott aufrecht „Der Herr hat gegeben, der Herr hat genommen; gelobt sei der Name des Herrn“ (Jjob 1,21). Ihn zeichnet die Ehrfurcht aus vor der Unbegreiflichkeit Gottes, die kein Mensch erfassen kann. Auch mit unserem geschulten Umgang mit theologischen Begriffen können wir die Wirklichkeit Gottes nicht begreifen. Ein Gott, den wir im Griff hätten, wäre eben nicht mehr der unfassbare und alles übersteigende Gott. Als Christen bekennen wir sicherlich die Nähe Gottes, der gegenwärtig ist in unserem Leben in größter Dichte seit Gottes Sohn Jesus Christus sein Leben bis zum Tod mit uns geteilt hat. Er blieb bei uns wie bei den beiden Schächern am Kreuz, die er nicht allein zurück ließ. Aber Gott ist immer auch der ganz andere. Ijob zieht Gott nicht auf die Ebene des menschlichen Verstehens hinunter. Gott ist immer auch der Größere und über uns Stehende. Vielmehr bekennt er trotz der Unmöglichkeit, Gott zu erfassen, dass dieser Gott ihm nahe ist und sein Erlöser: „Doch ich weiß: Mein Erlöser lebt, als Letzter erhebt er sich über dem Staub. Ohne meine Haut, die so zerfetzte, und ohne mein Fleisch werde ich Gott schauen. Ihn selber werde ich dann für mich schauen; meine Augen werden ihn sehen, nicht mehr fremd. (Ijob 19,25–27a). Der Jakobusbrief fasst dieses gerade auch im Leid und in der Treue der Bedrängnis gewachsene Gottesbild zusammen, wenn es in ihm über Ijob heißt: „Ihr habt von der Ausdauer des Ijob gehört und das Ende gesehen, das der Herr herbeigeführt hat. Denn der Herr ist voll Erbarmen und Mitleid“ (Jak 5,11). Vielleicht ist dies das Glaubenszeugnis, das wir als Christen heute vor der Welt ablegen können und dürfen: Wir stehen zu Gott und glauben uns in ihm geborgen, auch wenn unsere Zweifel und Unsicherheiten bleiben und unsere Unfähigkeit, Gott zu verstehen und ihn unseren Mitmenschen erklären zu können. Sicher ist dies kein triumphales Glaubenszeugnis, aber vielleicht in unseren Tagen umso glaubwürdiger. Vor wenigen Wochen war ich eingeladen in einen Kreis von Eltern sogenannter „Sternenkinder“, also von Kindern, die vor, bei oder nach der Geburt gestorben sind. Ich weiß nicht, ob Eltern aus diesem Kreis Christen gewesen sind. Aber als wir uns verabschiedeten, fragte eine Mutter laut in den Raum hinein: „Ich kann jetzt kein Kind mehr bekommen. Aber, Herr Bischof, ich habe doch ein Kind, auch wenn es nun auf dem Friedhof liegt, und Sie glauben doch daran, dass ich es einmal wiedersehen werde.“ Mir blieb nichts anderes übrig, als stumm mit dem Kopf zu nicken. Lassen wir die Menschen mit ihrem oft so unerklärbaren Leid nicht alleine. Auch das können wir von Ijob lernen. Ihnen hat der Artikel gefallen? Bitte helfen Sie kath.net und spenden Sie jetzt via Überweisung oder Kreditkarte/Paypal! ![]() LesermeinungenUm selbst Kommentare verfassen zu können müssen Sie sich bitte einloggen. Für die Kommentiermöglichkeit von kath.net-Artikeln müssen Sie sich bei kathLogin registrieren. Die Kommentare werden von Moderatoren stichprobenartig überprüft und freigeschaltet. Ein Anrecht auf Freischaltung besteht nicht. 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