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Kirchenträume – die selbstgemachte Kirche und ein Gespräch

19. November 2021 in Aktuelles, 5 Lesermeinungen
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Die Integrierte Gemeinde war der Laborversuch einer selbstgemachten Kirche, in der viele Forderungen des Synodalen Weges schon vor Jahrzehnten verwirklicht wurden. Ein sehr deutsches Lehrstück. Ein Gespräch. Von Paul Badde


Rom (kath.net/as/pb/Vatican Magazin) Nachdem vor einem Jahr ein Gespräch Rudolf Gehrigs mit Benjamin Leven veröffentlicht wurde, der bisher wie kein zweiter in seinen Berichten für die Herder-Korrespondenz über die Integrierte Gemeinde aufgeklärt hat, veröffentlichen wir nun den redigierten Auszug eines Gesprächs Benjamin Levens mit dem Theologen und Journalisten Fabian Maysenhölder aus dessen Podcast „Secta“, weil die Geschichte noch lange nicht zu Ende erzählt worden ist. Wir werden weiter berichten. Jetzt aber zuerst aus diesem Gespräch:

Fabian Maysenhölder: Wie ist die Integrierte Gemeinde entstanden?

Benjamin Leven: Es war eine Gruppe, die unglaublich viele Texte erzeugt hat, in Broschüren, Zeitschriften, Büchern. Darin haben sie auch immer wieder ihre eigene Geschichte erzählt – interessanterweise in abweichenden Versionen. Sie ist in der Nachkriegszeit aus einem Kreis hervorgegangen, den Aloys Goergen um sich versammelt hatte. Er war eine charismatisch intellektuelle Priestergestalt, der Leute unterschiedlicher Prägung anzog, viele aus der Jugendbewegung, die sich zu geistlichen Vorträgen, zum Einstudieren von Theaterstücken oder der Lektüre existentialistischer Schriftsteller versammelten. 1953 begannen sie, sich zu Festen des Kirchenjahres in einem angekauften Haus in Urfeld am Walchensee zu treffen und dort nicht nur die Liturgie zu feiern, sondern auch zusammen zu essen, Musik zu machen oder zu tanzen. Relativ schnell tauchte neben Goergen eine junge Frau namens Traudl Wallbrecher auf, die neben ihm zur zweiten charismatischen Autorität wurde. 1968 verließ Goergen diese Gruppe im Streit. Damit wurde Traudl Wallbrecher zur Leiterin und die Gruppe immer geschlossener. Weitere Immobilien wurden erworben und Festhäuser errichtet, um Feste des Kirchenjahres gemeinsam zu feiern. Angeregt durch die Kibbuzim in Israel kam Ende der 60er Jahre die Idee auf, dass man auchzusammenwohnen sollte – als Gemeinde. „Wir müssen in die Integration gehen“, hieß das in ihrem Jargon. Die gemeinsamen Wohnungen hießen „Integrationshäuser“, wo Mitglieder in Hausgemeinschaften zusammenlebten: Familien, Alleinstehende, Arbeiter, Akademiker, Frauen, Kinder, Erwachsene, Priester! Schließlich wurden auchgemeinsame wirtschaftliche Unternehmungen gegründet, eine Firma gekauft, ein kleines Krankenhaus eröffnet, und 1972 eine Genossenschaftsbank.

Wie viele Mitglieder hatte die IG?

Am Anfang in München waren es etwa 150. Das dehnte sich aber aus. Neue Standorte wurden gegründet. Vor 15 Jahren sprach man von 1000 Mitgliedern. Genau war das nie festzustellen, weil immer alles im Fluss war: Organisationform und Statuten änderten sich ständig. Manche verstanden sich als „Freunde“, andere lebten eine Weile als Gast dabei. Dann kamen ganze Familie hinzu – mit Kindern. Anfang der 80er Jahre hatte sich die IG einen gewissen elitären Stellenwert im deutschen Katholizismus erworben. Noch in jüngster Zeit wurde die IG in einem Schulbuch für den katholischen Religionsunterricht als vorbildliche Form christlichen Zusammenlebens porträtiert.

Wie hat sie das geschafft?

Bei allem avantgardistischen Anstrich lehnte sie sich doch stark an die Hierarchie an. Und dass in ihren Veranstaltungen anspruchsvoll über Theologie diskutiert wurde, fanden manche Theologen und Bischöfe so ansprechend, dass sie schließlich sagten: „Ah ja, so könnte das zukünftige Gemeindeleben in einem modernenKatholizismus aussehen, begründet sogar direkt aus der Bibel.“ Dazu gab es ein großes Interesse am Judentum. Die Gemeinde engagierte sich stark im jüdisch-christlichen Dialog. Es gab einen Gesprächskreis mit Kibbuzniks. Auch der egalitäre Zug wird von vielen hervorgehoben. Und dass alle gemeinsam mit anpackten und vorangingen, hat viele fasziniert. Schließlich wurden auch einige prominente Theologen Mitglieder der IG, die durch diese Namen noch attraktiver wurde. Klar, dass auch Professor Ratzinger auf der akademischen Ebene von ihrer Selbstdarstellung angezogen war. Diese Kontakte wurde sehr planvoll kultiviert.

Wie in Scientology, die ihre Position auch erfolgreich mit ihren Prominenten festigen?

Das kann man so sagen. Auch hier wurde jedenfalls erfolgreich versucht, Künstler, Schriftsteller, Journalisten zu vereinnahmen. Die wurden Mitglied oder machten im Freundeskreis Propaganda. Ehemalige Mitglieder berichten, dass ein großer Aufwand für die Außendarstellung betrieben wurde, als PR-Arbeit in eigener Sache. Dazu zählten auch die Feste und selbst die Gottesdienste, mit anschließenden „Agape-Mahlen“. Das waren verzauberndeBankette mit gutem Wein und Streichern und Gesangdarbietungen und so weiter. In der ersten Reihe saßen die prominenten Gäste und die Führungsschicht der IG, im Hintergrund schufteten die einfachen Mitglieder für den angenehmen Verlauf.


Wie kam es zum Niedergang?

Bei aller Prominenz und dem Glanz als katholische Avantgarde, den die Gruppe verströmte, gab es immer auch schon Berichte in den Medien, die vor dem sektiererischen Charakter der Gruppe warnte. Anfang der 70er Jahre gingen beim Erzbistum München-Freising erste Beschwerden ein. Bei aller gelungenen Außendarstellung konnten Beobachter das Gefühl haben, dass mit dieser Gemeinschaft etwas nicht stimmte, zumal es in den 70er und 80er Jahren ein gesteigertes Bewusstsein für die sogenannte Sektenproblematik gab. Traudl Wallbrecher warirgendwann nicht mehr im Vollbesitz ihrer Kräfte. Spätestens seit dieser Zeit gab es starke Desintegrationserscheinungen. Der endgültige Niedergang der Gruppe dürfte mit dem Tod der Gründerin 2016 zusammenhängen.

Aber was wollte die IG? Was war ihre Besonderheit innerhalb der katholischen Kirche?

Das II. Vatikanische Konzil 1962-1965 hatte sich das „Aggiornamento“, die „Verheutigung“, der Katholischen Kirche auf die Fahne geschrieben. Vieles war nicht mehr selbstverständlich. Es war ungeklärt, wie die Kirche in Zukunft aussehen sollte. So entstanden auch die sogenannten neuen geistlichen Bewegungen, die auf diese Frage antworten wollten. Bei der IG aber war die Herangehensweise besonders anspruchsvoll. Deshalb hat sie besonders auch Theologen fasziniert. Man schaute sich die Texte des Neuen Testaments an und las sie als Ausdruck von Erfahrungen der ersten Gemeinden. Genauso las man das Alte Testament als Erfahrungsausdruck des alten Israel. Das interpretierte man jetzt „strukturkongruent“ zu den eigenen Erfahrungen als Gruppe. Das hieß konkret aber auch: als Aloys Goergen die Gruppe im Streit verließ, wurde er als „Judas“ verstanden, als Verräter! - Wer aber biblische Gemeindeerfahrungen mit den eigenen Gruppenerfahrungen kurzschließt, setzt damit die Gemeinschaft in den theologischen Fokus, und nicht mehr das Individuum. Und damit auch nicht mehr das Jenseits und die Frage: Wie kann ich die ewige Seligkeit erlangen? Stattdessen galt das Hier und Jetzt der Gemeinde gewissermaßen als Himmel auf Erden. Selbstverständlich gingen große Teile der Freizeit in die Gemeindeaktivität ein. Viele ehemalige Mitglieder sprechen auch von finanziellem Missbrauch. Was man mit seiner Arbeit erwirtschaftete oder erbte, brachte man in gemeinsame Aktivitäten ein – in der Überzeugung, dass es zum Wohle des großen Ganzen war. Später gab es dann sogenannte Vorhalte-Leistungen. Das waren große Summen, die neue Mitglieder bei Eintritt hinterlegen mussten. Viele, die die IG verlassen haben, sagen, dass sie das Geld nie wiedergesehen haben.

Wurde wirklich bei Hochzeiten die Geschichte von Hananias und Saphira aus der Apostelgeschichte vorgelesen, die den Aposteln ihr wirkliches Vermögen verheimlichten und daraufhin tot umfielen?

Ja. Das ist geradezu paradigmatisch für die Gruppe: Es sollte dort keine Geheimnisse geben. Alles wurde in Versammlungen oder ständigen Synoden besprochen: Berufswahl, Partnerwahl, Wohnort. Auch die Sünden der Mitglieder! Es gab keine Beichte – und damit auch kein Beichtgeheimnis. In so genannten „brüderlichenZurechtweisungen“ wurden eigene Sünden von und vor allen anderen besprochen, oder das, was für Sünden gehalten wurde.

Klingt hochproblematisch. Was kritisieren denn die Aussteiger?

Die ältere Generation Ehemaliger spricht von einem Führerinnen-Kult und macht die Problematik an Traudl Wallbrecher fest, die in einer extrem manipulativen Form die IG zusammengehalten habe und innerhalb der verschiedenen Gruppen und Versammlungen immer die Fäden in der Hand hielt. Redet man mit Jüngeren, die in die Gemeinde hineingeboren wurden oder als Kinder dazu kamen, hört man, dass sie das Ganze eher als System mit seiner Eigendynamik wahrgenommen haben. Erst später, in Schule, Ausbildung und Studium, merkten sie, dass das Leben auch ganz anders sein kann. Vorher gab es, vor allem wegen der ständigen Umzüge, kaum feste Kontakte nach außen.

Was war der Grund für diese Umzüge?

Wurden neue Häuser und Niederlassungen gegründet, sagte man: Da wird einer gebraucht, um die Hauswirtschaft zu machen, um die Gemeinde zu leiten oder um anderen Mitgliedern, die Probleme hatten, zu helfen. Und weil alles in Gärung war, hat man ständig umdisponiert. Es war wohl auch ein Mittel, um Einzelne imGruppenzusammenhang zu halten und Kontakte nach außen zu unterbinden.

Gab es einen Exklusivitätsanspruch der IG, nach dem Motto: Wir sind die Einzigen, die den wahren Weg haben?

Der Anspruch, jetzt erkannt zu haben, wie das Neue Testament richtig auszulegen ist, was es für das Kirche-Sein heute bedeutet, ist der Theologie sowieso inhärent. In den Texten der IG klingt das aber absoluter; etwa so, dass die Probleme der Kirche, aber auch die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Probleme, verschwänden, wenn man Kirche ganz anders verstehen und eine ganz andere Form der Gemeinde – nämlich die der IG – leben würde. Aloys Goergen schrieb schon 1968, vor seinem Ausscheiden, die IG sei der „sichtbare Ort Seiner unmittelbaren Anwesenheit“!

Was sind nach Ihrer Sicht die problematischsten Züge der IG?

Auf den ersten Blick der totale Durchgriff auf die Biografie der Mitglieder, der Absolutheitsanspruch. Vor allem die Kontrolle, diese vollkommene Lebenskontrolle bis dahin, dass die IG Ehen angebahnt und Scheidungen vorgegeben hat. Schaut man genauer hin, ist die Frage nicht so einfach zu beantworten. Wenn Sie Mitglied eines katholischen Ordens werden, dann geben Sie ja auch Ihren ganzen Besitz auf. Sie verpflichten sich zum Leben in Armut, Ehelosigkeit und Gehorsam. Dass Menschen sich dazu entschlossen haben, freiwillig einen Großteil ihrer Autonomie aufzugeben, hat es also immer gegeben. Der entscheidende Punkt ist aber die wirklich freie Entscheidung zu diesem Schritt, mit dem Wissen, was einen tatsächlich erwartet. In einem Orden gibt es Jahrhunderte alte, feststehende Ordensregeln, in die man während einer Probezeit eingeführt wird, um sich dann für ein dauerhaftes Ordensleben entscheiden zu können, während in der IG die Rahmenbedingungen in ständigen Manövern verändert wurden, um wesentliche Fragen zu umgehen. - Hinzu kommt, dass man nicht als Familie in einen Orden eintritt. Zumindest die Kinder haben sich niemals frei entscheiden können zu diesem integrierten Leben.

Wo steht die IG heute – gibt es Nachfolgerorganisationen?

Die IG ist aufgelöst worden. Jedoch nur durch das Erzbistum München und Freising im Zuge einer Visitation. Eine Visitation ist eine Möglichkeit für einen Ortsbischof, seine Aufsichtspflicht über kirchlich anerkannte Gemeinschaften wahrzunehmen: Er schickt eine Gruppe von Ermittlern dorthin, um sich ein Bild von der Situation zu machen. Diese Visitatoren haben mit vielen ehemaligen Mitgliedern der IG gesprochen. Sie haben auchDokumente ausgewertet, aber keine Möglichkeit gehabt, mit aktuellen Vertretern zu sprechen, weil diese sich einer Teilnahme an der kirchlichen Untersuchung verweigerten. Kardinal Marx konnte die IG aber ohnehin nur in seinem Bistum auflösen.

Inwiefern sie im Bistum Rottenburg-Stuttgart, in Münster oder anderswo noch aktiv sind, ist kaum zu sagen. Im Bistum Paderborn bestand jedenfalls noch länger eine kanonisch errichtete Priester-Gemeinschaft, die von Erzbischof Degenhardt zur Betreuung der IG gegründet worden war. Das sind Priester, die bei ihrer Weihe beauftragt wurden, für die Integrierten Gemeinden zu arbeiten. Und diese Gemeinschaft umfasst immer noch etwa20 Mitglieder.

Inzwischen habe ich gehört, dass Erzbischof Hans-Josef Becker von Paderborn diese „Gemeinschaft der Priester im Dienst an Integrierten Gemeinden per Dekret am 9. September 2021 endgültig aufgelöst hat. Allerdings gibt es immer noch einen zivilrechtlichen Verein mit Sitz in München, der seit letztem Jahr unter dem Namen „collegium scientia e.V.“ firmiert. Das ist auch deswegen bedeutend, weil viele ehemalige IG-Mitglieder behaupten, dass diese Priestergemeinschaft Zugriff auf Vermögenswerte hat. Das ist aber sehr kompliziert, weil es ein ganzes Netzwerk von weltlichen Organisationen, Stiftungen, GmbHs und Vereinen gibt, die ursprünglich auf die IG zurückgehen. Dazu gibt es Immobilienbesitz und sonstiges Vermögen, das von den Integrierten Gemeinden im Laufe der Jahrzehnte angesammelt wurde, obwohl man – und das macht die Lage schwierig – dabei offiziell nie als Gemeinde agierte, weil wirtschaftliche Aktivitäten immer als Aktivitäten von Gemeindemitgliedern galten, die sich zusammentun. Es sind also kirchenrechtliche Reste sowie verschiedene weltliche Rechtsträger, die auf die IG zurückgehen oder mit der IG irgendwie in Verbindung stehen. Und schaut man ins Vereinsregister, sieht man, dass sich in diesem Umfeld in jüngster Zeit Vereine umbenannt oder ihre Satzungen verändert haben. Es muss also noch Menschen geben, die sich nach wie vor mit dem Grundanliegen der IG identifizieren und entsprechend handeln. Das entzieht sich aber dem amtskirchlichen Zugriff.

Warum hat es so lange gedauert, bis es in München zu einer Visitation kam?

Weil die IG sehr geschickt mit der Annahme vieler Verantwortlicher gespielt hat, dass Kardinal Ratzinger, der spätere Papst Benedikt XVI., ihr oberster Protektor sei. Doch nach vielen Jahrzehnten hat sich der emeritierte Papst im letzten Herbst öffentlich und im hohen Alter von der IG distanziert. Mit den Recherchen konfrontiert, die mein Kollege Lucas Wiegelmann und ich für die „Herder Korrespondenz“ zusammengetragen haben, sagte er: „Ich habe mich täuschen lassen. … Dass bei dem Versuch, die Dinge des täglichen Lebens integral vom Glauben her zu gestalten, auch schreckliche Entstellungen des Glaubens möglich war, ist mir nicht bewusst geworden. Ich bedaure es zutiefst, dass so der Eindruck entstehen konnte, alle Aktivitäten der Gemeinde seien vom Erzbischof gebilligt.“

Hinzu kommt, dass die Katholische Kirche im Umgang mit den vielen geistlichen Bewegungen lange Zeit sehr unerfahren war. In den 60er und 70er Jahren hat es zahlreiche Aktivitäten gegeben, die seitens der Kirche anfangs mit Wohlwollen betrachtet wurden, weil man sie in einer Zeit der zunehmenden Säkularisierung als Neuaufbrüche und Hoffnungszeichen verstand. Und insgesamt war es ja auch eine Zeit, in der die Ausübung von Aufsichtspflichten, im Sinne eines strengen, kirchlichen Regiments, nicht mehr so plausibel und zeitgemäß war. Die Zeichen der Zeit standen ja auf Freiheit! Das alles führte dazu, dass sich die IG und andere Gemeinschaften relativunbehelligt entwickeln konnten. Erst in der jüngeren Vergangenheit haben ehemalige Mitglieder vehement begonnen, das Erzbistum München-Freising auf die Missstände hinzuweisen und darauf hinzuarbeiten, dass es zu einer Untersuchung kommt.

Provokant gefragt: War es eine Sekte?

Ja, die Integrierte Gemeinde war eine Sekte. Das zeigt uns, dass es so etwas auch innerhalb in der Katholischen Kirche geben kann: Gruppen, die man in der Alltagssprache als „Sekte“ bezeichnen würde. Und ihre Theologie war eine Irrlehre im Sinn Chestertons, der eine Häresie als „verrückt gewordene Teilwahrheit“ verstand, die für sich beansprucht, eine ganze und umfassende Wahrheit zu sein. Und weil so viele Theologen in der IG aktiv waren, die sich auf höchstem Niveau an diesem Theater beteiligten, war sie auch eine „Professoren- oder Theologen-Sekte“!

Dadurch war sie wirklich etwas Eigentümliches. Sie übte offenbar einen Reiz für ein akademisches Milieu aus, das zwar katholisch, aber nicht mehr ultra-montan und anti-modern, sondern weltoffen und modern mit einer historisch-kritischen Rückbesinnung auf die Heiligen Schrift sein wollte. Das war für manche höchst verführerisch.Diese Ideen tauchen ja immer wieder auf. Gerade habe ich den Text eines australischen Bischofs gelesen, der sagt: die Kirche muss zu einer egalitären Modell-Gemeinschaft unter der charismatischen Führung des Papstes werden. Utopische Kirchenvorstellungen können, erst einmal umgesetzt, immer wieder zu einer Sekte führen.

Das vollständige Gespräch lässt sich unter https://secta.fm/katholische-integrierte-gemeinde/ anklicken und anhören. Wir danken Fabian Maysenhölder und Benjamin Leven für die freundliche Genehmigung zum Abdruck und Frau Ute Schwidden für die mühsame Abschrift dieses originalen Interviews.

(c) Foto: Hildegard Schuhmann

 


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Lesermeinungen

 Chris2 vor 3 Tagen 
 

Progressive Sekte.

"... Ludwig Weimer, ..., der zusammen mit Gerhard Lohfink und Rudolf Pesch als maßgeblicher theologischer Kopf der Gemeinde bezeichnet wird."
Lohfinks und Peschs Häresien kannte ich schon als Jugendlicher, da das erste theologische Werk, das ich mir kaufte, "Der Glaube in der nachkonziliaren Kirche" von Prof. Georg Mai war. Mai hatte für viele zentrale Glaubensinhalte die Lehre der Kirche, neue Irrlehren in der Kirche und die tendentiösen Veränderungen im Gotteslob analysiert. Lohfink und Pesch gehörten zu den Hauptdarstellern...

de.wikipedia.org/wiki/Katholische_Integrierte_Gemeinde


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 girsberg74 19. November 2021 
 

Zu kommentieren ist der Artkel als solcher nicht,

vielleicht diese IG, doch das bringt nichts, denn sie zeigt sich als ein ständig sich wandelndes Kuddelmuddel.

Er ist aber ein Lehrstück, wie etwas unter hohen Ansprüchen daneben geht. Für die viele Arbeit mit diesem Bericht darf man aber dankbar sein.


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 antony 19. November 2021 

Dank an die Autoren!

Besonders aufschlussreich fand ich den Vergleich mit Orden, deren Mitglieder ja auch bewusst auf Freiheiten verzichten, aber unter einer transparenten festen Regel.


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 Fink 19. November 2021 
 

Apostelgeschichte 2,44-45 - die (wirkliche?) Urgemeinde

"Und alle, die gläubig geworden waren, bildeten eine Gemeinschaft und hatten alles gemeinsam. Sie verkauften Hab und Gut und gaben davon allen, jedem soviel, wie er nötig hatte..." - dieses Idealbild der Urgemeinde hat immer wieder Christen zur Nachahmung angeregt.
"Eine gute Absicht hat noch lange kein gutes Ergebnis zur Folge".
Überall in menschlichen Gemeinschaften besteht die Gefahr, dass sich bestimmte Persönlichkeitstypen durchsetzen. Ich bin bei Menschen mit großer Ausstrahlung ("Charisma") immer skeptisch!


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 Winrod 19. November 2021 
 

Für mich in dieser Hinsicht ein Lehrst+ück,

dass, wenn man sich gemeinschaftlich auf einen falschen Weg begibt, schließlich eine Eigendynamik entsteht, aus der man sich kaum mehr aus eigener Kraft befreien kann.
Auch die Synode hat das Zeug , ein "Selbstläufer" zu werden, der die Teilnehmer, Laien wie Bischöfe, mit sich reißt und sie Gefangene eines Systems werden lässt.
Eine radikale Kehrtwende wäre angesagt.


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