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Bischof Ipolt: „Was macht die Stärke und die Größe der heiligen Hedwig aus?“

27. Oktober 2022 in Spirituelles, keine Lesermeinung
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Ipolt: „In ihrer Heiligsprechungsurkunde steht der Ausdruck ‚mulier fortis‘. Man könnte das übersetzen mit ‚ein starkes Weib‘ – so auch der Titel des historischen Romans von Renata Schumann, aus Oberschlesien stammend.“


Görlitz (kath.net/pbg)kath.net dokumentiert die Predigt von Bischof Wolfgang Ipolt/Görlitz am Hochfest der heiligen Hedwig, Sonntag, dem 16.10.2022 in der St. Jakobuskathedrale in voller Länge und dankt für die freundliche Erlaubnis zur Veröffentlichung.

Liebe Schwestern und Brüder im Herrn!
Wir leben schon länger in einer Zeit, in der über die Rolle der Frau ausgiebig diskutiert wird. Das ist in der Gesellschaft so, aber eben auch in der Kirche. Die Diskussion über „Geschlechtergerechtigkeit“ (was damit auch immer gemeint sein mag…?!) ist in vollem Gang und berührt uns als Christen natürlich auch.

In einer solchen Zeit feiern wir unsere Bistumspatronin – eine Frau des 12./13. Jahrhunderts, die –gestatten Sie die etwas saloppe Ausdrucksweise – „mit allen Wassern gewaschen“ war. In ihrer Heiligsprechungsurkunde steht der Ausdruck „mulier fortis“. Man könnte das übersetzen mit „ein starkes Weib“ – so auch der Titel des historischen Romans von Renata Schumann, aus Oberschlesien stammend – (*1934) - einer Schriftstellerin, die 2012 verstorben ist. Und einer der Zeitgenossen der heiligen Hedwig, der Zisterziensermönch Caesarius von Heisterbach, bezeichnet sie als „femina per omnia laudabilem“ – eine in jeder Hinsicht vorzügliche Frau.1 Es scheint also nicht ganz zu stimmen, dass Frauen früher nichts zu sagen hatten oder in allem unterdrückt waren. Von der hl. Hedwig kann man es jedenfalls nicht sagen.

Was macht die Stärke und die Größe der heiligen Hedwig aus?

Ich würde es so zusammenfassen: Sie war eine Frau, die ihr ganzes Leben mit Spannungen leben musste – und diese anzunehmen und zu überbrücken verstand. Aber diese Spannungen waren nicht nur äußerer Art, sie gingen mitten durch ihr gläubiges Herz.


(1) Die Spannung zwischen Heimat und einem fremden Land, in das sie verheiratet wurde. Bereits mit 13 Jahren verließ Hedwig Andechs und wurde mit dem schlesischen Herzog Heinrich vermählt. So kam sie in eine neue, fremde Umgebung, mit anderen Sitten und Gebräuchen und nicht zuletzt mit einer anderen Sprache, die sie selbst erlernen musste. In einer Klosterschule erzogen und ausgebildet war Hedwig eine gebildete Frau, die lesen und schreiben konnte – im Gegensatz zu Ihrem Mann.

Das eigene Zuhause verlassen müssen – irgendwo neu anfangen müssen oder wollen – wie viele Menschen haben gerade in unseren katholischen Gemeinden einen Migrationshintergrund“! Bis heute spüren wir an noch an vielen Orten, dass die durch den Krieg Vertriebenen „ihre Heilige“ mitgenommen haben, ihre Patronin und Fürsprecherin. Heute rücken uns durch die Medien die gegenwärtigen Migrationsbewegungen in der Welt näher – wir sehen Bilder von Menschen auf der Flucht und wir erleben sie in unserer unmittelbaren Umgebung. Sie alle teilen diese Spannung zwischen Heimat und einer fremden Welt, in der sie sich zurechtfinden und neu einleben müssen.

(2) Die Spannung zwischen herzoglicher Macht und der Liebe zu den Armen. Einerseits war sie in die Regierungsaufgaben ihres Mannes voll mit einbezogen. Aber Hedwig wollte trotz allem Abstand, den ihr Amt mit sich brachte, die Nähe und den Blick für die Armen und Benachteiligten nicht verlieren. Von ihr wird berichtet, dass sie ständig 13 Arme und Bedürftige an ihrem Hof als Gast hatte und diese auch auf ihre Reisen mitnahm. Diese 13 Armen sollten für Jesus und die Apostel stehen. Sie sollten für Hedwig eine Repräsentanz der Kirche sein und für sie selbst eine ständige und lebendige Herausforderung. Sie wollte nie auf Distanz zu den Armen und Schwachen gehen, sondern sie direkt bei sich und um sich haben –und ihnen damit auch Würde und Ansehen geben.

(3) Die Spannung zwischen Weltdienst und Gottesdienst. Hedwig wusste immer, wo die Quelle allen ihren Tuns war. Sicher, manche ihrer Frömmigkeitsübungen sind uns heute fremd –besonders die strengen Bußübungen, die aber zu ihrer Zeit selbstverständlich waren. Alles hatte damals einen Bezug zur Ewigkeit und zu Gott. Die Menschen waren orientiert auf das ewige Leben. Hedwig hat die vielen weltlichen Aufgaben immer in dieser Orientierung auf Gott gelebt. Die Feier der Hl. Messe, der Empfang der Sakramente war ihr jeden Tag, so es möglich war, wichtig. Ihr spiritueller Mittelpunkt blieb aber das Kloster Trebnitz, das sie mit ihrem Mann gemeinsam gegründet hatte und in dem sie ja auch begraben wurde.

Es ist für jeden Christen eine bleibende Aufgabe, diese Spannung auszuhalten: zwischen unserer Alltagsarbeit, allen möglichen Sorgen und Beschäftigungen und dem Gebet und dem ausdrücklichen Raum für Gott. Es geht ja letztlich darum, unsere Arbeit immer zu durchdringen und zu füllen mit dem Licht Gottes. Spannung in diesem Sinn kann nicht bedeuten, dass Weltdienst und Gottesdienst zwei getrennte Bereiche sind – beides darf sich und muss sich gegenseitig durchdringen und bereichern. Das hat die hl. Hedwig uns vorgelebt.

Liebe Schwestern und Brüder,
am Fest unserer Bistumspatronin möchte ich an das Ende der Predigt einige Sätze aus dem Versöhnungsbrief stellen, den die polnischen Bischöfe im Jahre 1965 (am Ende des Konzils) an die deutschen Bischöfe geschrieben haben und der dann von den deutschen Bischöfen beantwortet wurde. In diesem Brief gibt es einen längeren Abschnitt über die hl. Hedwig. Dort heißt es: Nach ihrem (der hl. Hedwig) Tode und ihrer baldigen Heiligsprechung strömten ohne Unterlass Scharen des polnischen und deutschen Volkes zu ihrer Grabstätte in Trzebnica – später Trebnitz genannt…Niemand macht unserer großen Landesheiligen den Vorwurf, dass sie deutschen Geblütes war; im Gegenteil, man sieht sie allgemein – von einigen nationalistischen Fanatikern abgesehen – als den besten Ausdruck eines christlichen Brückenbaues zwischen Polen und Deutschland an…(…) Brücken bauen zwischen Völkern können eben am besten nur heilige Menschen, nur solche, die eine lautere Meinung und reine Hände besitzen. Sie wollen dem Brudervolke nichts wegnehmen, weder Sprache noch Gebräuche, noch Land, noch materielle Güter; im Gegenteil: Sie bringen ihm höchst wertvolle Kulturgüter, und sie geben ihm gewöhnlich das Wertvollste, was sie besitzen: sich selbst, und werfen damit den Samen ihrer eigenen Persönlichkeit in den fruchtbaren Boden des neuen Missionsnachbarlandes; dieser trägt dann gemäß dem Heilandswort hundertfache Früchte, und zwar Generationen hindurch.

Dass diese Brücken fester geworden sind, dürfen wir dankbar im vereinten Europa jetzt erleben. Die Seele Europas ist unser Glaube, der uns helfen kann, die heutigen Spannungen im Geist des Evangeliums zu tragen und zu gestalten.

Święta Jadwiga Śląska, módl się za nami, za naszą diecezję i za naszych polskich sąsiadów.
Amen

1 Vgl. Renata Schumann, Hedwig von Schlesien – eine Frau für Europa, Bergstadtverlag 2012, 15

Archivfoto Bischof Ipolt (c) Bistum Görlitz


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