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„Wenn wir Eucharistie feiern, dürfen wir mit allem zu ihm kommen, was in uns unvollendet ist“

vor 42 Minuten in Spirituelles, keine Lesermeinung
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„Wir müssen ihm keine makellose Lebensgeschichte vorweisen, um uns an ihn wenden zu dürfen. Wir dürfen mit dem kommen, was in uns ungeordnet und unversöhnt ist.“ Predigt von Archimandrit Dr. Andreas-Abraham Thiermeyer


Eichstätt (kath.net/pl) Predigt zum 26. Sonntag im Jahreskreis A: Umkehr und die Freude am neuen Anfang (Ez 18,25–28; Phil 2,1–11; Mt 21,28–32)

Liebe Schwestern und Brüder,
manchmal sind wir unseres eigenen guten Willens müde und leid. Wir wollten doch geduldiger sein, und wieder ist uns ein ungeduldiges oder hartes Wort entfahren. Wir wollten uns längst melden, und wieder ist eine Woche vergangen. Wir wollten Gott mehr Raum geben, und doch blieb das Gebet wieder vergessen liegen. So kann sich immer mehr der Gedanke einschleichen: Bei mir wird sich wohl nichts mehr ändern.

In diese Müdigkeit hinein erzählt Jesus heute von zwei Söhnen. Der eine sagt Ja und geht nicht in den Weinberg. Der andere sagt Nein, besinnt sich aber und geht doch. Jesus lässt uns auf diesen Menschen schauen, der sich noch einmal bewegen lässt. An ihm zeigt er uns: Auch nach einem versäumten Ja kann ein neuer Weg beginnen.

1. Der Vater ruft uns als seine Kinder
Bevor wir auf die Antworten der Söhne hören, sollten wir auf die Anrede des Vaters achten: „Mein Kind.“ Noch ehe der Sohn etwas geleistet hat, ist er angesprochen als einer, der dazugehört. Der Vater vertraut ihm eine Aufgabe an. Er möchte ihn in seinem Weinberg haben.

Darin dürfen wir etwas von Gottes Zuwendung erkennen. Er kennt unser zögerndes Herz und ruft uns dennoch. Wir müssen ihm keine makellose Lebensgeschichte vorweisen, um uns an ihn wenden zu dürfen. Wir dürfen mit dem kommen, was in uns ungeordnet und unversöhnt ist.

Beide Söhne sind uns vertraut. Wir kennen das schnelle Versprechen, hinter dem unser Leben zurückbleibt. Und wir kennen den Widerstand, der sich später löst: Vielleicht kann ich doch helfen. Vielleicht sollte ich den ersten Schritt machen. Gott kann uns auch dort erreichen, wo wir uns zunächst verschlossen haben.

2. Unser Nein muss nicht das letzte Wort bleiben
Vom widerspenstigen Sohn heißt es: „Später aber reute es ihn, und er ging doch.“ Die Reue führt ihn aus seinem Nein heraus. Er erkennt, dass er anders handeln kann, und macht sich auf den Weg. 

Darin liegt die Hoffnung der Umkehr. Geschehenes lässt sich nicht ungeschehen machen. Aber wir können Verantwortung übernehmen, um Vergebung bitten und wiedergutmachen, was noch möglich ist. Die Vergangenheit muss unsere Zukunft nicht vollständig bestimmen. Schon Ezechiel verkündet in der ersten Lesung: Wer von seinem Unrecht umkehrt, findet zum Leben.


Deshalb spricht Jesus auch von den Zöllnern und den Dirnen. Sie hatten Johannes geglaubt und sich zur Umkehr bewegen lassen. Die Hohenpriester und Ältesten dagegen hielten an ihrer Ablehnung fest. Gerade ihnen gilt aber noch Jesu Ruf.

Johannes Chrysostomos entdeckt darin einen tröstlichen Zug: Wenn Jesus sagt, jene Menschen gingen ihnen voraus in Gottes Reich, bleibt auch für die Angesprochenen Hoffnung, sofern sie umkehren wollen. Selbst diese ernste Mahnung will sie noch gewinnen (Homilien zum Matthäusevangelium 67,3).

Das dürfen wir auf uns beziehen: Wer sich weit von Gott entfernt fühlt, darf zurückkehren. Und wer schon lange glaubt, darf sich neu ansprechen lassen.

3. Den Anfang mit Gott wagen
Vielleicht spüren wir diesen Ruf und erschrecken zugleich: Werde ich es diesmal schaffen? Ich habe doch schon so oft angefangen. Es ist immer nicht viel daraus geworden.

Der heilige Augustinus kannte dieses Zögern. In seinen Bekenntnissen beschreibt er, wie er sich nach einem Leben mit Gott sehnte und doch an alten Gewohnheiten festhing. Er wollte sich ändern und fürchtete zugleich, die Kraft dazu nicht zu haben. In der Schilderung seines inneren Ringens begegnet uns dieser Zuspruch: „Wirf dich auf ihn! Fürchte dich nicht!“ Und weiter: „Er wird dich auffangen und heilen“ (vgl. Confessiones VIII,11,27).

Das ist ein kostbares Wort für unsere zaghaften Anfänge. Wir dürfen uns Gott anvertrauen, während wir noch schwach sind. Seine Gnade ist bereits am Werk, wenn in uns die Sehnsucht wächst, ehrlicher zu werden oder uns zu versöhnen.

Vielleicht beginnt unsere Umkehr deshalb mit einem schlichten Gebet: Herr, du siehst, wie schwer ich mich tue. Ich möchte diesen Weg mit dir gehen. Hilf mir, heute und immer wieder anzufangen.

Ein solches Gebet dürfen wir auch dann sprechen, wenn wir über uns selbst enttäuscht sind. Wir wenden uns an einen Herrn, der uns kennt und uns helfen will.

4. Dem leisen Wirken Gottes vertrauen
Diese Hilfe wirkt oft unscheinbar. Manche Gewohnheit hat tiefe Wurzeln. Wir hören das Evangelium und fragen uns: Warum ist mein Herz noch immer so unbeweglich?

Abba Poimen, einer der großen Wüstenväter, gebraucht dafür ein einfaches Bild: Wasser ist weich, der Stein ist hart. Doch wenn Wasser immer wieder auf dieselbe Stelle tropft, verändert es den Stein. So, sagt er sinngemäß, kann das oft gehörte Wort Gottes auch unser hartes Herz öffnen (Apophthegmata Patrum, alphabetische Sammlung, Poimen 183).

Was für eine Ermutigung, dem Wort Gottes weiter Raum zu geben! Vielleicht nehmen wir heute nur diesen einen Satz mit: Der Vater ruft auch mich. Wir lassen ihn in uns nachklingen, beim Heimgehen, in einer stillen Minute, vor dem Einschlafen.

Mit der Zeit bemerken wir vielleicht eine kleine Veränderung: Wir hören einem Menschen länger zu. Wir müssen uns nicht mehr sofort rechtfertigen. Wir können einen Fehler eingestehen, ohne uns deshalb ganz zu verwerfen. So kann Gottes Wort in unserem Leben Frucht tragen.

Und diese Geduld dürfen wir einander schenken. Wer einen Fehler zugibt, braucht Menschen, die ihm helfen, neu anzufangen. Es tut gut, wenn jemand uns zutraut, dass wir neu anfangen und wachsen können.

5. Unser Ja – getragen von Christi Liebe
Der Vater sagt zu seinem Sohn: „Mein Kind, geh und arbeite heute im Weinberg!“ In diesem Ruf liegt eine tröstliche Zusage: Du gehörst zu mir. Auch nach deinem Nein steht dir der Weg offen. Dieses „Heute“ ist ein Geschenk Gottes. Wir dürfen noch einmal anfangen – mit unserer Lebensgeschichte, mit unseren Wunden und mit dem Glauben, der manchmal nur eine leise Sehnsucht ist.

Die Kraft zu diesem Anfang wächst aus der Gemeinschaft mit Jesus Christus. Der Philipperbrief führt uns heute in das Geheimnis seiner Liebe: Er hat sich erniedrigt und ist gehorsam geworden bis zum Tod am Kreuz. Sein Ja zum Vater führt ihn mitten hinein in unsere menschliche Armut. Er kennt die Angst, die Einsamkeit und die Last des Leidens. Gerade dort dürfen wir uns von ihm verstanden und getragen wissen. Und seine Auferstehung eröffnet uns die Hoffnung: Auch durch Schuld und Versagen hindurch kann ein Weg ins Leben führen.

Deshalb dürfen wir Christus unser noch so zaghaftes Ja anvertrauen. Er kann darin wachsen lassen, was wir aus eigener Kraft kaum vermögen. Wo wir uns seiner Barmherzigkeit öffnen, kann sich Verhärtetes lösen, kann Versöhnung beginnen, kann Liebe wieder aufleben. Im Sakrament der Versöhnung wird diese Hoffnung persönlich: Gottes Vergebung gilt mir. Ich darf aufstehen und weitergehen.

Auch wer krank ist, erschöpft oder auf die Hilfe anderer angewiesen, bleibt in dieser Liebe geborgen. Unser Leben ist vor Gott kostbar, selbst wenn unsere Kräfte schwinden. Manchmal besteht unser Ja darin, uns ihm zu überlassen: Herr, ich kann heute wenig tun. Aber ich bin dein. Halte mich in deiner Liebe.

Wenn wir gleich Eucharistie feiern, dürfen wir mit allem zu ihm kommen, was in uns unvollendet ist. Christus schenkt uns sich selbst. Er verbindet unser schwaches Ja mit seiner Hingabe und nährt in uns das Leben, das aus Gott kommt. Aus dieser Gemeinschaft wächst die Zuversicht, dass seine Gnade auch in unserem Alltag Frucht tragen kann.

Liebe Schwestern und Brüder, darin liegt die stille Freude der Umkehr: Wir dürfen zu dem zurückkehren, der uns liebt. Wir dürfen ihm zutrauen, dass er mit uns einen Weg findet, auch wo wir selbst noch keinen sehen.

So können wir beten: Herr Jesus Christus, du kennst mein zögerndes Herz. Ich vertraue es dir an. Stärke in mir die Freude, zu dir zu gehören. Lass aus deiner Liebe mein Ja wachsen – heute und jeden neuen Tag.
Amen.

Archimandrit Dr. Andreas-Abraham Thiermeyer ist der Gründungsrektor des Collegium Orientale in Eichstätt. Er ist Theologe mit Schwerpunkt auf ökumenischer Theologie, ostkirchlicher Ekklesiologie und ostkirchlicher Liturgiewissenschaft. Er studierte in Eichstätt, Jerusalem und Rom, war in verschiedenen Dialogkommissionen tätig. Er veröffentlicht zu Fragen der Ökumene, des Frühen Mönchtums, der Liturgie der Ostkirchen und der ostkirchlichen Spiritualität. Weitere kath.net-Beiträge von ihm: siehe Link.
 


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