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| ![]() Fronleichnam – Die Sehnsucht nach der bleibenden Gegenwart Gottesvor 7 Stunden in Aktuelles, 2 Lesermeinungen „Hier liegt die stille Größe des Fronleichnamsfestes: Gott kommt nicht überwältigend, nicht laut, nicht zwingend, sondern…“ Ein geistlicher Essay über Eucharistie, Kirche und christliches Leben. Von Archimandrit Dr. Andreas-Abraham Thiermeyer Eichstätt (kath.net) I. Die Sehnsucht des Menschen nach einer Gegenwart, die bleibt Das Wort „Fronleichnam“ stammt aus dem Mittelhochdeutschen. Vrôn bedeutet „dem Herrn gehörig“, licham bezeichnet den lebendigen Leib. Fronleichnam ist somit das Fest des Leibes des Herrn, das Fest der eucharistischen Gegenwart Christi mitten unter seinem Volk. Damit berührt dieses Fest eine der tiefsten Sehnsüchte des Menschen: die Sehnsucht nach einer Gegenwart, die bleibt. - Vieles im Leben ist vergänglich. Gesundheit kann schwinden, Beziehungen zerbrechen, Sicherheiten verloren gehen. Menschen erfahren immer wieder, wie brüchig vieles ist, worauf sie ihr Vertrauen gesetzt haben. Hinter allen Erfolgen und Enttäuschungen lebt jedoch eine tiefere Sehnsucht: die Sehnsucht nach einer Liebe, die nicht vergeht; nach einem Halt, der trägt; nach einem Du, das bleibt. Der Mensch lebt nicht allein von dem, was er besitzt. Er lebt von Sinn, von Vertrauen, von Hoffnung und von Liebe. Die Eucharistie ist die Antwort Christi auf diesen Hunger des menschlichen Herzens. Sie ist nicht zuerst eine Idee, kein bloßes theologisches Lehrstück und keine Erinnerung an Vergangenes. Sie ist Gabe. Christus schenkt nicht etwas von sich. Er schenkt sich selbst. Er bleibt gegenwärtig – verborgen und doch wirklich, unscheinbar und doch wahrhaft gegenwärtig. Nicht nur im Gedächtnis der Kirche, nicht nur in seinem Wort, nicht nur im Vorbild seines Lebens. Er bleibt im Sakrament seines Leibes und Blutes. Hier liegt die stille Größe des Fronleichnamsfestes: Gott kommt nicht überwältigend, nicht laut, nicht zwingend. Er kommt als Brot. Er kommt in jener Gestalt, die den Menschen seit jeher nährt und am Leben erhält. So wird die Eucharistie zum Zeichen einer göttlichen Nähe, die nicht bedrängt, sondern trägt; nicht beschämt, sondern heilt; nicht erniedrigt, sondern aufrichtet. II. Aus der Sehnsucht der Kirche geboren Bemerkenswert ist, wie dieses Fest entstand. Es war nicht das Ergebnis kirchlicher Strategie oder institutioneller Planung. Es entstand aus dem Gebet einer Frau, die im Verborgenen lebte und doch etwas Wesentliches erkannte. Aus dieser geistlichen Intuition erwuchs schließlich ein Fest für die ganze Kirche. Papst Urban IV. (+1264), selbst mit dem Raum von Lüttich verbunden, führte Fronleichnam im Jahr 1264 für die Gesamtkirche ein. Den Auftrag zur Gestaltung der liturgischen Texte erhielt Thomas von Aquin (+1274). So entstanden einige der schönsten Texte der christlichen Tradition: Pange lingua, Tantum ergo, Lauda Sion und Adoro te devote. Sie erklären die Eucharistie nicht bloß. Sie führen in das Staunen hinein. Wenn Thomas betet: Adoro te devote, latens Deitas – „Ich bete dich an, verborgener Gott“, dann ist darin die ganze Spiritualität des Fronleichnamsfestes enthalten. Gott ist da – und bleibt doch Geheimnis. Er macht sich klein – und bleibt der Unendliche. Er wird greifbar – und bleibt der Heilige. III. Die Eucharistie im Glauben der frühen Kirche Der heilige Ignatius von Antiochien (+ um 107) nennt die Eucharistie die „Arznei der Unsterblichkeit“. In diesem Ausdruck verdichtet sich der ganze österliche Glaube der Kirche. – Die Eucharistie nimmt dem Menschen nicht die biologische Sterblichkeit. Aber sie schenkt Anteil an jenem Leben Christi, das den Tod überwunden hat. Der heilige Cyrill von Jerusalem (+386) lehrt die Neugetauften mit großer Klarheit, dass das, was äußerlich Brot und Wein erscheint, in Wahrheit Leib und Blut Christi ist. Augustinus (+430) führt noch tiefer. Für ihn ist die Eucharistie nicht nur Gabe, sondern Verwandlung. Christus tritt nicht in unser Leben ein, um ein Teil unseres Lebens zu werden. Vielmehr zieht er uns in sein Leben hinein. Die Eucharistie macht aus vielen Menschen einen Leib, wie aus vielen Körnern ein Brot wird. Darum gehört Eucharistie und Kirche untrennbar zusammen. Die Gemeinschaft der Kirche entsteht nicht zuerst durch Sympathie, Organisation oder gemeinsame Interessen. Sie entsteht aus dem einen Brot, das Christus selbst ist. IV. Christus zieht durch unsere Straßen Die Kirche trägt Christus hinaus auf die Straßen der Welt. Sie geht dorthin, wo Menschen leben, arbeiten, lieben, leiden, hoffen und sterben. - Vorbei an Häusern und Geschäften, Schulen und Krankenhäusern, Rathäusern und Altenheimen. Damit bekennt sie: Christus gehört nicht nur in den Innenraum der Kirche. Er ist der Herr der Welt. Sein Segen gilt allen Menschen. Gerade in einer Zeit, in der Religion häufig auf den privaten Bereich beschränkt werden soll, besitzt dieses Zeichen besondere Kraft. - Die Kirche geht nicht mit Parolen durch die Straßen. Sie trägt keine Machtzeichen vor sich her. – Sie trägt den Herrn. Die Prozession ist deshalb kein Triumphzug, sondern ein Segenszug. Sie verkündet nicht die Größe der Kirche. Sie verkündet die barmherzige Demut Gottes zu uns. V. Eucharistie und Anbetung – Die Schule der Gegenwart Gottes Papst Benedikt XVI. (+2022) sprach davon, dass die eucharistische Anbetung gleichsam das geistliche Klima schafft, in dem die Eucharistie ihre ganze Fruchtbarkeit entfalten kann. In der Anbetung lernt der Mensch etwas, das unserer Zeit oft schwerfällt: still zu werden. Er entdeckt, dass nicht seine Leistung die Welt trägt. Nicht seine Sorgen. Nicht sein Erfolg. Nicht seine Kontrolle. Christus ist die Mitte. Gerade deshalb ist Anbetung keine Flucht aus der Wirklichkeit. Sie ist eine achtsame Schule der Wirklichkeit. VI. Die Kirchenväter: Eucharistie und Leben gehören zusammen Der heilige Johannes Chrysostomos (+407) mahnt: „Willst du den Leib Christi ehren? Dann verachte ihn nicht, wenn er nackt ist.“ Die Eucharistie darf nicht am Kirchenportal enden. Wer Christus auf dem Altar verehrt, muss ihn auch im Armen, Kranken und Einsamen erkennen. Der heilige Ambrosius von Mailand (+397) sieht in Christus den Arzt, der sich selbst als Heilmittel schenkt. Und Augustinus erinnert daran, dass die Gläubigen empfangen, was sie werden sollen: den Leib Christi. – So wird Eucharistie zur Lebensform. VII. Lebendige Monstranzen Der Apostel Paulus sagt: „Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir.“ Das ist die eigentliche Berufung des Christen. Christus will durch unsere Hände helfen. Durch unsere Worte trösten. Durch unsere Geduld Frieden schenken. Durch unsere Barmherzigkeit Wunden heilen. Die eigentliche Fronleichnamsprozession beginnt daher erst nach dem Schlusssegen. Dann sollen wir als gläubige Christen Christus in unsere Familien, in unsere Arbeit, in unsere Nachbarschaften und in die Verwundungen dieser Welt tragen. VIII. Das Brot des Lebens für den Hunger unserer Zeit Christus nimmt diesen Hunger ernst. Wenn er sagt: „Ich bin das Brot des Lebens“, dann spricht er den ganzen Menschen an. Die Eucharistie stärkt den Glauben. Sie nährt die Hoffnung. Sie entzündet die Liebe. Sie schenkt Kraft, das Leben nicht resigniert, nicht zynisch und nicht verbittert zu leben. Wer Eucharistie empfängt, wird nicht aus der Welt herausgenommen. Er wird in die Welt hineingesandt. IX. Fronleichnam – Ein Fest der Freude Die Eucharistie ist nicht lebensfeindlich. Sie ist Gabe und Gemeinschaft. Sie ist Dank und Freude. Sie ist Vorgeschmack jenes himmlischen Mahles, zu dem Gott alle Menschen ruft. In jeder Eucharistie leuchtet bereits die Verheißung der Vollendung auf: Gott wird alles in allem sein. Schluss: „Du bist da“ Am Ende lässt sich die Botschaft von Fronleichnam vielleicht in drei einfachen Worten zusammenfassen: Du bist da. Christus ist da. Im Sakrament des Altares. In seiner Kirche. Im Armen und Leidenden. Im Glaubenden. Auf den Wegen der Menschen. Darum zieht die Kirche an Fronleichnam durch die Straßen. Nicht um sich selbst zu feiern. Nicht um Stärke zu demonstrieren. Sondern um Zeugnis zu geben für eine Gegenwart, die größer ist als sie selbst. Fronleichnam ist ein Fest gegen die Gottvergessenheit. Ein Fest gegen die Hoffnungslosigkeit. Ein Fest gegen die Einsamkeit des Menschen. Es verkündet: Die Welt ist nicht gottleer. Der Mensch ist nicht gottverlassen. Christus geht unsere Wege mit – auch unsere Umwege. Und wer ihn empfängt, darf selbst zu einem Zeichen seiner Nähe werden: freundlich, barmherzig, hoffnungsvoll und lebensspendend – wie Brot für andere. Archivfoto (c) Martin Lohmann/Lohmann Media Archimandrit Dr. Andreas-Abraham Thiermeyer ist der Gründungsrektor des Collegium Orientale in Eichstätt. Er ist Theologe mit Schwerpunkt auf ökumenischer Theologie, ostkirchlicher Ekklesiologie und ostkirchlicher Liturgiewissenschaft. Er studierte in Eichstätt, Jerusalem und Rom, war in verschiedenen Dialogkommissionen tätig. Er veröffentlicht zu Fragen der Ökumene, des Frühen Mönchtums, der Liturgie der Ostkirchen und der ostkirchlichen Spiritualität. Weitere kath.net-Beiträge von ihm: siehe Link. Ihnen hat der Artikel gefallen? Bitte helfen Sie kath.net und spenden Sie jetzt via Überweisung oder Kreditkarte/Paypal! ![]() Lesermeinungen
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