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Die Kirche mitten in der Welt

vor 11 Minuten in Aktuelles, keine Lesermeinung
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Leo XIV.: ‚Gaudium et spes‘. Die Nähe zur Menschheit, die Zeichen der Zeit und Christus als Mitte der Geschichte. Der Auftrag des Konzils, die Welt im Licht des Evangeliums zu lesen. Von Armin Schwibach


Rom (kath.net/as) „Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren geht, sondern ewiges Leben hat. Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, damit er die Welt richtet, sondern damit die Welt durch ihn gerettet wird“ (Joh 3,16-17).

Bei der Generalaudienz auf dem Petersplatz - die zweiundsechzigste des Pontifikats -  begann Papst Leo XIV. eine neue Reihe von Katechesen über die Pastoralkonstitution Gaudium et spes des Zweiten Vatikanischen Konzils. Im Mittelpunkt stand das Verhältnis der Kirche zur Welt von heute. Leo XIV. erinnerte daran, dass das Konzil mit dieser Konstitution ein grundlegendes Thema vertieft habe: die Beziehung der Kirche zur zeitgenössischen Welt. Ausgangspunkt seiner Betrachtung war die Eröffnungsansprache des heiligen Johannes XXIII. vom 11. Oktober 1962.

Johannes XXIII. habe sich bereits bei der Eröffnung des Konzils gegen jene Stimmen gewandt, die er als „Unglückspropheten“ bezeichnet hatte. Diese seien, so der damalige Papst, Personen, „die zwar von religiösem Eifer brennen, aber nicht genügend Sinn für die rechte Beurteilung der Dinge noch ein kluges Urteil walten lassen. Sie meinen nämlich, in den heutigen Verhältnissen der menschlichen Gesellschaft nur Untergang und Unheil zu erkennen. Sie reden unablässig davon, daß unsere Zeit im Vergleich zur Vergangenheit dauernd zum Schlechteren abgeglitten sei. Sie benehmen sich so, als hätten sie nichts aus der Geschichte gelernt, die eine Lehrmeisterin des Lebens ist“ (Gaudet Mater Ecclesia).

Dem habe Johannes XXIII. eine andere Weise der Betrachtung der Gegenwart entgegengestellt. Im gegenwärtigen Zustand der menschlichen Ereignisse, in dem die Menschheit in eine neue Ordnung der Dinge einzutreten scheine, seien vielmehr die Pläne der göttlichen Vorsehung zu erkennen. Der Papst habe formuliert: „In der gegenwärtigen Entwicklung der menschlichen Ereignisse, durch welche, die Menschheit in eine neue Ordnung einzutreten scheint, muss man viel eher einen verborgenen Plan der göttlichen Vorsehung anerkennen. Dieser verfolgt mit dem Ablauf der Zeiten, durch die Werke der Menschen und meist über ihre Erwartungen hinaus sein eigenes Ziel, und alles, auch die entgegengesetzten menschlichen Interessen, lenkt er weise zum Heil der Kirche“.


Drei Jahre später habe die Promulgation von Gaudium et spes diese Unterscheidung als einen Bestandteil des kirchlichen Wesens aufgenommen. Die Bezeichnung „Pastoralkonstitution“ habe darauf verwiesen, dass die pastorale Dimension zur Natur der Kirche gehöre. Leo XIV. stellte zugleich klar, dass es dabei nicht um einen Optimismus gegenüber der Welt gegangen sei, sondern um eine erneuerte Treue zum Geheimnis Christi. Christus habe durch seine Menschwerdung entschieden, das menschliche Leben zu teilen. Er sei „in allem den Brüdern gleich“ geworden und habe die Folgen der Sünde auf sich genommen, indem er „sich als Lösegeld für alle“ hingegeben habe. Diese Teilhabe am Leben der Menschheit sei auch der Weg, den Christus der Kirche aufgegeben habe. Deshalb habe Gaudium et spes mit der Feststellung begonnen: „Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi. Und es gibt nichts wahrhaft Menschliches, das nicht in ihren Herzen seinen Widerhall fände“.

Leo XIV. verband diese Haltung mit einer Absage an Passivität und Gleichgültigkeit gegenüber den Ereignissen, der Geschichte und dem Leben der Menschen. Angesichts der schnellen und tiefgreifenden Veränderungen der Gegenwart könne die Kirche nicht bei einer bloßen Beobachtung stehen bleiben: „Es ist nicht möglich, uninteressierte Zuschauer zu bleiben; vielmehr müssen wir mit dem Herzen zuhören, uns ansprechen lassen, uns einbeziehen lassen“. Die Gläubigen seien mit Christus und getragen von der Kraft seines Geistes dazu berufen, die Schwierigkeiten ihrer Brüder und Schwestern mitzutragen, insbesondere die Lasten jener Menschen, die unter Ungerechtigkeit, Diskriminierung und Gewalt litten. Nur durch Anteilnahme und Engagement könnten angemessene Antworten gefunden werden. Dabei bleibe die Hoffnung auf die kommende Herrlichkeit der Maßstab: „Ich bin nämlich überzeugt, dass die Leiden der gegenwärtigen Zeit nichts bedeuten im Vergleich zu der Herrlichkeit, die an uns offenbar werden solll“ (Röm 8,18).

Die Nähe zur Menschheit ermögliche nach den Worten des Papstes zugleich eine tiefere Deutung der Ereignisse und der Offenbarung selbst. In diesem Zusammenhang verwies der Papst auf die Forderung von Gaudium et spes, die Kirche müsse ihre Umwelt und ihre Zeit aufmerksam betrachten. Die Konstitution spreche von „der Pflicht der Kirche, nach den Zeichen der Zeit zu forschen und sie im Licht des Evangeliums zu deuten“ (GS 4). Damit habe das Konzil die Kirche zu einer dauernden Umkehr aufgerufen. Sie müsse bezeugen, dass sie nicht von „irgendeinem irdischen Ehrgeiz“ bewegt werde, sondern nur ein Ziel habe: „Unter Führung des Geistes, des Trösters, das Werk Christi selbst weiterzuführen, der in die Welt kam, um der Wahrheit Zeugnis zu geben; zu retten, nicht zu richten; zu dienen, nicht sich bedienen zu lassen“ (GS 3). Leo XIV. ordnete diese kirchliche Haltung auch in die Lehre seines Vorgängers Franziskus über die Armen ein. Franziskus habe daran erinnert: „Für die Kirche ist die Option für die Armen in erster Linie eine theologische Kategorie und erst an zweiter Stelle eine kulturelle, soziologische, politische oder philosophische Frage […] Wir sind aufgerufen, Christus in ihnen zu entdecken, uns zu Wortführern ihrer Interessen zu machen, aber auch ihre Freunde zu sein, sie anzuhören, sie zu verstehen und die geheimnisvolle Weisheit anzunehmen, die Gott uns durch sie mitteilen will“ (Evangelii Gaudium 198).

Die christliche Teilhabe an der Wirklichkeit bedeute auch, die Widersprüche des persönlichen und gesellschaftlichen Lebens wahrzunehmen. Leo XIV. nannte dazu mehrere Beispiele, die bereits Gaudium et spes angesprochen habe. Der wissenschaftliche und technische Fortschritt eröffne immer neue Möglichkeiten, komme aber nur einigen Menschen zugute und könne nicht immer vom Menschen „in seinen Dienst“ gestellt werden. Zugleich habe die Menschheit eine klarere Erkenntnis der „Gesetze des gesellschaftlichen Lebens“ gewonnen, sei aber unsicher geblieben, „welche Richtung ihm gegeben werden soll“. Auch die größere Verfügbarkeit von Reichtum, Möglichkeiten und wirtschaftlicher Macht habe nicht verhindert, dass „noch ein ungeheurer Teil der Bewohner unserer Erde Hunger und Not leider“ (GS 4). Hinzu komme das gemeinsame Bewusstsein, dass die Zukunft des Planeten auf dem Spiel stehe, während zugleich die Bereitschaft fehle, auf egoistischen Konsum und die Vorstellung zu verzichten, Krieg könne ein wirksamer Weg zum Aufbau des Friedens sein. In einer Zeit tiefgreifender Veränderungen und daraus entstehender Ungleichgewichte sei die Kirche daher zum Dienst am Menschen berufen. Sie müsse auf die tiefsten Fragen seines Herzens und auf seine Sehnsüchte hören und sie aufnehmen. Dabei müsse sie auf Christus verweisen, den Gaudium et spes als „Schlüssel, Mittelpunkt und Ziel der ganzen Menschheitsgeschichte“ bezeichnete.

Aus diesem christologischen Mittelpunkt leitete Leo XIV. schließlich auch die Gestalt kirchlichen Handelns ab. Auf jeder Ebene und in jeder Epoche müsse sich die „barmherzige Kenosis Christi“ verwirklichen. Christus, so erinnerte der Papst anhand des Philipperbriefes, „war Gott gleich, / hielt aber nicht daran fest, Gott gleich zu sein, sondern er entäußerte sich / und wurde wie ein Sklave / und den Menschen gleich. / Sein Leben war das eines Menschen; er erniedrigte sich / und war gehorsam bis zum Tod, / bis zum Tod am Kreuz“ (Phil 2,6-8). Die Kirche könne ihren Auftrag gegenüber der Welt daher nicht unabhängig vom Geheimnis Christi verstehen. Ihre Nähe zum Menschen gründe in der Nähe Gottes, die in der Menschwerdung des Sohnes sichtbar geworden sei. Das pastorale Wesen der Kirche bedeute, die Wirklichkeit der Menschen wahrzunehmen, ihre Fragen aufzunehmen, die Zeichen der Zeit im Licht des Evangeliums zu deuten und Christus als Mitte der Geschichte zu bezeugen.

Zum Abschluss seiner ersten Katechese über Gaudium et spes richtete Leo XIV. den Blick auf die beiden Begriffe, die dem Dokument seinen Namen gegeben hatten: Freude und Hoffnung: „Die Freude und die Hoffnung – Gaudium et spes – sollen die charakteristischen Merkmale einer Kirche sein, die das Evangelium verkündet und bezeugt, indem sie den Frauen und Männern unserer Zeit nahe ist“.

Die Pilger und Besucher aus dem deutschen Sprachraum begrüßte der Heilige Vater mit den folgenden Worten:

Herzlich grüße ich die Pilger deutscher Sprache. Nehmen wir mit Freude und Hoffnung am Evangelisierungswerk der Kirche teil, damit das Licht Christi in den Herzen aller Menschen erstrahlen möge.

Foto (c) Vatican Media

 


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