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'Benedikts große Einsicht'

4. August 2016 in Interview, 1 Lesermeinung
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Ein Gespräch zehn Jahre nach der «Regensburger Rede» des Papstes Von Christoph Renzikowski (KNA)


Regensburg (kath.net/KNA) Bei seinem Besuch in der bayerischen Heimat hielt Papst Benedikt XVI. vor zehn Jahren nur eine große Rede, die über den Tag hinaus nachhallte, und zwar in der Regensburger Universitätsaula. Die Katholische Nachrichten-Agentur (KNA) befragte den heutigen Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer zu seinen damaligen Wahrnehmungen und der Aktualität dieser Ansprache.

KNA: Herr Bischof, wo waren Sie am 12. September 2006?

Voderholzer: In München. Mit einem Freund habe ich ein Buch über unseren gemeinsamen Religionslehrer vorbereitet. Wir saßen im Pfarrhaus von Sankt Peter und arbeiteten letzte Korrekturen ein, der Fernseher lief. Nebenher verfolgten wir mit halbem Ohr, was da in Regensburg geschah.

KNA: Wann haben Sie die Brisanz der Aussagen des Papstes erfasst?

Voderholzer: Ich erinnere mich, dass das umstrittene, gut 500 Jahre alte Zitat der Aussage eines oströmischen Kaisers über den Propheten Mohammed noch zwei Tage später in Freising überhaupt kein Thema war. Abends habe ich dann den Medien entnommen, dass es in Ägypten und einigen arabischen Ländern Proteste, sogar gewalttätige Ausschreitungen gab. Beim nochmaligen Lesen ist mir schon aufgegangen, dass man das Zitat missverstehen kann, wenn man will.

KNA: Eigentlich ging es in der Ansprache um Benedikts Lebensthema, das Verhältnis von Glaube und Vernunft.


Voderholzer: Ja, und man kann das Zitat auch gar nicht einordnen ohne diesen Kontext. Benedikts große Einsicht besteht darin, dass Glaube und Vernunft aufeinander angewiesen sind. Ich finde, sie wird von Jahr zu Jahr aktueller. Ohne Vernunft droht der Glaube fanatisch zu werden, und ohne Glauben schrumpft die Vernunft, legt sie sich Fesseln an und beraubt sie sich ihrer eigenen Würde.

KNA: Trotzdem verfestigte sich der Eindruck, der Papst habe vor allem
das Thema Islam und Gewalt ansprechen wollen.

Voderholzer: So sind eben die Gesetzmäßigkeiten öffentlicher Kommunikation. Wenn sich irgendwo etwas Konfliktives zeigt und das dann auch noch zu Konflikten führt, engt das die Wahrnehmung ein. Das ist nur schwer zu verhindern, hat der Gesamtrezeption der Rede aber nicht gut getan.

KNA: In der islamischen Welt war zunächst die Empörung groß. Der Papst wurde zu einer Korrektur, mindestens zu einer Entschuldigung aufgefordert. Kirchenintern war immerhin von einer vermeidbaren diplomatischen Ungeschicklichkeit die Rede.

Voderholzer: Ich finde all diese Reaktionen nicht gerecht. Natürlich hat der Papst ein Zitat mit einer gewissen provokativen Kraft gewählt, aber er hat es sich in keiner Weise zu eigen gemacht. Von gebildeten Leuten muss man erwarten, dass sie eine solche Verwendung richtig einordnen und wiedergeben.

KNA: Wenn man sich die heute vom Vatikan zur Verfügung gestellte Fassung ansieht, zeigt sich, dass Benedikt XVI. nachträglich in zwei Fußnoten Verdeutlichungen eingefügt hat.

Voderholzer: Aber wer sein Gesamtwerk kennt, weiß auch, dass Joseph Ratzinger mit Blick auf die geistige Identität Europas eine Gemeinsamkeit von Christen und Muslimen formulieren konnte, nämlich den Respekt vor dem Heiligen. Nur wer das ausgeblendet hat oder es einfach nicht anders wusste, konnte das Zitat als eine aggressive Note gegen den Islam werten.

KNA: Einige Zeit später meldeten sich mehr als 100 muslimische Gelehrte zu Wort - es kam zu einer neuen katholisch-islamischen Gesprächsinitiative. Was ist daraus geworden?

Voderholzer: Ich weiß aus dem Vatikan, dass da sehr viel im Verborgenen geschieht. Aber wie im christlich-islamischen Dialog stellt sich auch da die Frage nach repräsentativen Gesprächspartnern. Wie lassen sich die großen geistlichen Autoritäten, die Universitäten einbeziehen? Und es zeigt sich, dass der innerislamische Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten wesentlich dramatischer ist als die Spannungen zwischen Christen und Muslimen. Es wäre schön, könnten die christlichen Kirchen auf der Basis ihrer gemeinsamen historischen Erfahrung miteinander eine Hilfestellung für die innerislamische «Ökumene» leisten.

KNA: Terroristische Gewalt im Namen Allahs erschüttert nicht mehr nur den Orient und Nordafrika. Sie wird in Europa verübt, von jungen Menschen, die hier aufgewachsen oder als Flüchtlinge zu uns gekommen sind. Welche Fingerzeige lassen sich der zehn Jahre alten Ansprache des einstigen Kirchenoberhaupts für die heutigen Probleme entnehmen?

Voderholzer: Ich wünschte mir zunächst, dass islamische Autoritäten sich noch deutlicher als ich das bisher wahrnehme distanzieren und eine spirituelle Deutung der entsprechenden Koranverse als verbindlich vortragen, die häufig zur Legitimation terroristischer Gewalt benutzt werden. Für mich stellt sich die Frage, wie sich der Koran selbst versteht, woher er seine Autorität bezieht. Und auch wir Christen sind herausgefordert, zu klären, wie wir unsere Heilige Schrift verstehen. Unser Glaube stützt sich nicht zuerst auf ein Buch oder eine abstrakte Idee, sondern auf eine Person, die sich in einem geschichtlichen Ereignis geoffenbart hat. Darüber, auch über das Gottesbild, sollten wir einen fundamentalen Religionsdialog führen.

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