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"Wir gehen zur Mutter der Kirche"

3. Juni 2021 in Spirituelles, 3 Lesermeinungen
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Ein Blick auf die Wallfahrt nach Kevelaer - Gedanken aus aktuellem Anlass von Franz Norbert Otterbeck


Kevelaer (kath.net)

Am 1. Juni 1642 setzte der Pfarrer von Kevelaer ein kleines Marienbild in die von den Eheleuten Bussmann gestiftete Kapelle ein. Der Pilgerstrom zu dem wundertätigen Bild der "Trösterin der Betrübten" riss seither nicht ab, auch nicht vollends unter "Corona-Bedingungen". Aber die derzeitige Zäsur wird Folgen haben. Seit meiner Erstkommunion in St. Marien Kevelaer hatte ich einen "guten Draht" zum Gnadenbild. Als Abiturient bedrängte mich die Frage, warum die damalige Jugend der "Marienstadt" am Niederrhein sich vom Gnadenort zu entfremden begann. Ich sah den Niedergang der Wallfahrt kommen, der allerdings durch zahlreiche Initiativen des Wallfahrtspastors Schulte Staade noch erfolgreich aufgeschoben werden konnte. Seit dem Jubiläum von 1992 begann die Dynamik allmählich zu erlahmen. Die damals tonangebende Generation ist weitgehend abgetreten und nur wenig Nachwuchs engagierte sich. Inzwischen mehren sich Anzeichen dafür, dass die Bistumsspitze in Münster nicht mehr so sehr an der Förderung herkömmlicher Marienverehrung interessiert ist. Diese hat immer mit dem Bewusstsein der Menschen für ihre Schwächen und Sünden zu tun. Wir gingen zur Mutter der Kirche, weil dort der Ort der Gottesgeburt für uns ist. Wir flehten um Vermittlung der Gnade, von der die moderne Theologie schweigt. Kardinal Marx versuchte vor Grabesrittern in Speyer wieder, den "Nationalen Synodalismus" als Methode anzupreisen, den Schatz des Evangeliums neu zu finden. Was soll man aber von einer Weggemeinschaft denken, die in Sälen palavert (oder nur "digital"), ohne je einen wirklichen Pilgerweg zu gehen? Denn eine Demonstration für bestimmte, vorab fixierte Ziele hat nichts gemeinsam mit dem mühsamen Aufstieg zum Heiligtum. Zum "Schatz des Evangeliums" zählen jedenfalls die Evangelischen Räte. Der Protestantismus verachtet sie, aber sie gehören mitten ins Evangelium: Armut, Gehorsam, Keuschheit. Sie sind nicht zu ersetzen durch Gier, Aufruhr und Wollust. Eine im ehrlichen Sinn synodale Kirche wird immer den Weg demütiger Pilgerschaft gehen, an der Hand Mariens.


In diesem Sinne ist die Marienverehrung notwendig konservativ. Sie zeichnet das Bild einer Humanität der Hingabe und des Verzichts. Das gilt auch dann noch, wenn man das Magnificat in revolutionärer Absicht zitiert: "Er stürzt die Mächtigen vom Thron ..." Er - und nicht wir. Seit Jahrzehnten beschäftigt sich die "deutsche Kirche" im Übermaß damit, papstnahe und marienfromme Tendenzen zu beschneiden, zu demütigen, zu unterdrücken. Man muss befürchten, dass etliche deutsche Bischöfe spontan außerstande wären, einen Aufsatz über ein Mariendogma oder den Jurisdiktionsprimat des Papstes zu schreiben. Bei der nächsten Vollversammlung könnte Bätzing ja mal spaßeshalber ein Klausurthema stellen. Am Anfang war das Wort. Dann kam das Bischofswort. Der Rest ist Schweigen?

Wie die Mutter der Kirche so hat auch die Kirche insgesamt ihre notwendig konservative Seite. Es muss immer wieder eine Zurückweisung von gefährlichen Neuerungen geben. Ohne Abgrenzung von den Irrwegen ist kein Pilgerziel zu erreichen. Auf dem Weg zum Gnadenort muss es dann selbstverständlich auch Fortschritt geben, Fortschritte in der Tugend, nicht aber hin zur Raserei.

Die Wallfahrt nach Kevelaer ist weniger spektakulär als zu anderen Wallfahrtsorten, auch längst viel unbedeutender als Altötting. Sie war im Brauchtum verwurzelt und in der Volksfrömmigkeit. Sie lief "von selbst", weil ihre großen Prozessionen von vielen Orten im Rheinland aus, in Westfalen und "Benelux" auf stabiler lokaler Tradition beruhten. Die Teilnehmerzahlen sanken schon "vor Corona" und bislang ist nicht zu erkennen, ob durch bewusste Aktion wieder etwas "angekurbelt" werden kann, wenn das eigentlich religiöse Motiv entschwindet. Die marianische Dimension der wahren Religion zu vermitteln, das dürfte in der "deutschen Kirche" seit langem die geringste Priorität haben, mit allen sichtbaren Folgen. Vor 35 Jahren stellte ich in Kevelaer die verwegene Forderung auf "Jugend und Maria heißt: Kirche hat Zukunft". Die Kapläne, es gab damals noch drei, empfanden das als einigermaßen lächerlich. Beim zweiten Papstbesuch in Deutschland war 1987 aber keine Begegnung von Johannes Paul II. mit der Jugend vorgesehen, die in Kevelaer hätte stattfinden können. Erst zum Weltjugendtag 2005 kam mit der "Gemeinschaft Emmanuel" erstmals eine große Zahl junger Leute an meinem Heimatort zusammen. Die "Vision" eines Abiturienten empfand ich zwanzig Jahre später als wunderbar übererfüllt, auf dem "Marienfeld" bei Köln dann erst recht. Doch gingen auch von diesem Ereignis keine nachhaltigen Wirkungen aus. Der deutschkirchliche Apparat ist derartig mit seiner Binnenverwaltung und Selbstbeschäftigung ausgelastet, dass Fügsamkeit gegenüber dem Heiligen Geist sich selten regt.

 

Vereinzelt haben junge Leute auch heute wieder dieselben "frommen Gedanken", die mir schon in den Achtzigern ausgetrieben werden sollten. Zwischen 2005 und 2009 sah es nach einer Chance für die katholische Erneuerung auch in Deutschland aus, bevor das Stichwort "Williamson" der Einheitspartei deutscher Christen den Anlass lieferte, mit Papst Benedikt zornig zu brechen. Seither ist aber nichts besser geworden in der spirituellen Wüste an Rhein und Donau, auch nicht am Niederrhein. Die "Würzburger Synode" (1971-75) hatte sich schon von Papst Paul VI. distanziert, weil man seine Reformen für noch zu zaghaft erachtete. Seit dem "Fall Küng" (1980/81) konnte Johannes Paul II. nicht mehr auf deutsche Unterstützung zählen. Aber man folgt auch Papst Franziskus nur hinsichtlich einiger Schlagworte. Seine eigentlichen Ziele von 2013, die man durchaus als radikalere Praxis des Evangeliums zusammenfassen darf, stießen hierzulande wieder nur auf taube Ohren. Die in jüngster Zeit gehäufte Bezugnahme auf das Evangelium, oder auch auf die 'Frohe Botschaft Jesu', seitens einiger Bischöfe hat nichts mit dessen Inhalten zu tun. Es ist ein bloßes Signalwort nach innen, das dem Apparat zuruft, dass man auf "Reformkurs" bleibt. 'Evangelium' steht hier gegen Disziplin und für Bequemlichkeit, nicht aber für das Gotteswort.

Dem wäre "mit Maria" zu antworten. Mit ihrer Hilfe ist der Schatz des Evangeliums immer auffindbar. Doch die eigentlich religiöse Verkündigung ähnelt in der "deutschen Kirche" den Werbepausen des Privatfernsehens, die ins laufende Programm eingeblendet werden. Die alltäglichen Geschäfte werden kurz unterbrochen, für ein Hirtenwort oder einen Gottesdienst. Inmitten der Kirche heute kann man leben als ob es Gott nicht gäbe. Mit Maria auf dem Weg wären wir, wenn Jesus Christus unser ein und alles, also Weg, Wahrheit und Leben wäre, und nicht nur eine dünne, esoterische Suppe ausgereicht würde, anstatt das Hochzeitsmahl zu feiern, zu dem der Bräutigam seine Kirche eingeladen hat. Der Rückblick auf Jahrzehnte diözesaner Selbstverschrottung zeigt, dass ungezählte Chancen verspielt wurden, viele Menschen verprellt, Christen gedemütigt und ausgegrenzt, weil die Verantwortungsträger lieber das "Noch" an Kirchlichkeit im Blick behalten, sich aber dem "Noch nicht" katholischer Erneuerung nicht aussetzen möchten. Diese beginnt nicht mit den Themen der Synodalforen, sondern mit einem Blick auf die Anfänge der Kirche, im Haus Mariens zu Nazareth. Soll die christliche Existenz auf deutschem Boden wieder eine Zukunft haben, so wird dies nicht gelingen ohne Wege zu finden zur immerwährenden Jungfrau und Gottesmutter und mit ihr zu Christus, dem einzigen Erlöser der Menschheit. Also ziehen wir immer wieder zu Maria, der Mutter der Kirche.

 

 

Foto: (c) wikipedia; Von unbekannt - unbekannt, PD-alt-100, https://de.wikipedia.org/w/index.php?curid=616985

 


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