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Das Epiphanie-Fest – Erscheinung Gottes in der Zeit

vor 2 Tagen in Spirituelles, 1 Lesermeinung
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„Ein vertrautes Fest mit verborgener Tiefe“. Dreikönig und Taufe Jesu - Ein Essay von Archimandrit Dr. Andreas-Abraham Thiermeyer


Eichstätt (kath.net) I. Epiphanie und Theophanie als Grundformen christlicher Festtheologie
1. Erscheinung als theologischer Schlüsselbegriff
Das Christentum ist von seinem Ursprung her eine Religion der Erscheinung. Nicht ein fernes Prinzip, sondern der Gott, der sich zeigt, steht im Zentrum des Glaubens. Diese Grundüberzeugung prägt nicht nur die Dogmatik, sondern in besonderer Weise die Liturgie. In ihr wird an Gottes Offenbarung nicht bloß erinnert, sondern in der Zeit gefeiert.

In diesem Horizont stehen die Begriffe Epiphanie (ἐπιφάνεια) und Theophanie (θεοφάνεια). Beide entstammen dem religiösen Wortfeld der Spätantike und bezeichnen das Hervortreten göttlicher Wirklichkeit in der Geschichte. In der frühen christlichen Rezeption werden sie zunächst nicht streng unterschieden, sondern vielfach synonym oder kontextabhängig gebraucht – in der biblischen Auslegung ebenso wie in der patristischen Theologie.

Erst im Zuge der Ausbildung des liturgischen Jahres erhalten diese Begriffe ein deutlicheres, konturiertes Profil. Entscheidend ist dabei: Die Differenz zwischen Epiphanie und Theophanie ist nicht primär begriffsgeschichtlich, sondern festtheologisch. Sie entsteht nicht am Schreibtisch, sondern im Vollzug der Feier. Die Liturgie wird zum Ort, an dem sich entscheidet, wie Gottes Erscheinung verstanden und gedeutet wird.

2. Theophanie im Osten: Offenbarung des dreifaltigen Gottes
In den Kirchen des Ostens konzentriert sich das Fest am 6. Januar früh auf ein zentrales Ereignis: die Taufe Christi im Jordan. Dieses Geschehen wird nicht als biographisches Detail gelesen, sondern als Offenbarung Gottes selbst. In der Taufe tritt Christus öffentlich hervor – und mit ihm die Trinität: die Stimme des Vaters, der Sohn im Wasser, der Geist in der Gestalt der Taube.

Klassisch formuliert wird diese Deutung bei Gregor von Nazianz, der den Festtag programmatisch als τὰ Φῶτα, als „Fest der Lichter“, bezeichnet. Die Taufe Christi erscheint hier als Theophanie der Trinität. Offenbarung ist kein abstrakter Gedanke, sondern ein geschichtliches Ereignis mit sakramentaler Tiefe.

Diese ostkirchliche Theophanie ist jedoch nicht auf das Taufgeschehen im engeren Sinn beschränkt. Sie besitzt eine kosmische Dimension. Wenn Christus in die Wasser des Jordan hinabsteigt, wird nicht nur dieses Wasser, sondern die gesamte Schöpfung geheiligt. Wasser erscheint als Ur-Medium des Lebens und als Ort der Neuschöpfung. Diese theologische Weite erklärt, warum die spätere byzantinische Tradition die Große Wasserweihe zu einem integralen Bestandteil des Festes macht. Der Ritus ist keine folkloristische Zugabe, sondern rituelle Verdichtung der Festtheologie: Verwandlung des ganzen Kosmos.

3. Epiphanie im Westen: Erscheinung Christi vor den Völkern
Im lateinischen Westen verschiebt sich der Akzent. Zwar bleibt auch hier die Taufe Christi theologisch präsent, doch das Festprofil der Epiphanie wird zunehmend durch ein anderes Motiv bestimmt: die Anbetung der Magier. Christus erscheint vor den Völkern. Die Magier werden zu Repräsentanten der gentes, die zum Licht Christi geführt werden.

Epiphanie wird damit zum Fest der vocatio gentium, der Berufung der Völker in die Kirche. Offenbarung wird ekklesiologisch gelesen: Was in Bethlehem geschieht, betrifft von Anfang an die ganze Welt. Die Kirche versteht sich selbst als aus den Völkern gerufene Gemeinschaft.

Zugleich bedeutet diese westliche Akzentuierung keinen Ausschluss anderer Motive. In Predigt und Stundengebet bleibt die klassische Trias präsent: Magier, Taufe im Jordan, Hochzeit zu Kana. Doch das leitende Bild bleibt das des Sterns. Die Taufe Christi wird nicht negiert, sondern später eigenständig profiliert.

4. Pluralität als Ursprung, nicht als Problem
Die unterschiedliche Akzentuierung von Epiphanie und Theophanie ist nicht als spätere Entfremdung oder konfessionelle Polarisierung zu deuten. Bereits im 4. Jahrhundert wachsen lokale Festtraditionen auseinander, lange bevor von einer einheitlichen Kalenderordnung gesprochen werden kann.

Jerusalem feiert den 6. Januar zeitweise als Geburtsfest mit Oktav und Stationsliturgie. In Syrien und Kappadokien steht die Taufe Christi im Vordergrund. Im Westen dominiert das Magiermotiv. Diese Vielfalt ist kein Übergangszustand, sondern Ausdruck einer lebendigen Liturgiekultur.

Gerade hier liegt eine zentrale Einsicht der neueren Liturgiegeschichtsforschung: Das liturgische Jahr ist kein statisches System, sondern ein Traditionsraum, in dem Theologie, Bibelauslegung und rituelle Praxis ineinandergreifen. Epiphanie/Theophanie ist ein Schlüsselbeispiel für diese Dynamik.

5. Schluss
Epiphanie und Theophanie sind Grundformen christlicher Selbstdeutung. Im Osten lernt die Kirche, Offenbarung als trinitarisches, baptismales und kosmisches Geschehen zu feiern. Im Westen lernt sie, dieselbe Offenbarung missionarisch und ekklesiologisch zu lesen. Beide Perspektiven sind komplementär. Gerade in ihrer Verschiedenheit bewahren sie die Tiefe des christlichen Offenbarungsglaubens.


II. Der 6. Januar - ein Datum formt die Theologie. Ursprünge und frühe Gestalten des Epiphanie-/Theophaniefestes
1. Datum und Theologie
In der Liturgiegeschichte sind Daten niemals bloße Kalenderangaben. Sie bündeln Erinnerung, Deutung und rituelle Praxis. Dies gilt in besonderer Weise für den 6. Januar, der sich früh, neben der Paschafeier, als einer der bedeutendsten Fixpunkte christlicher Festtheologie erweist.

Methodisch ist Vorsicht geboten: Die Frage nach dem „Ursprung“ dieses Festes führt leicht in Vereinfachungen. Der 6. Januar gewinnt seine Bedeutung nicht aus einer singulären Gründungsentscheidung, sondern aus seiner theologischen Anschlussfähigkeit.

2. Die ägyptische Spur
Die früheste einschlägige Notiz findet sich bei Clemens von Alexandrien. Er berichtet von einer datumsgebundenen Feier der Taufe Jesu, verbunden mit nächtlichen Lesungen. Liturgiegeschichtlich ist dieser Befund als Frühindikator zu verstehen: Er belegt Datumsbewusstsein, vigiliale Struktur und die Wahrnehmung der Taufe Christi als Offenbarungsereignis.

Nicht belegt ist hingegen ein allgemein anerkanntes Hochfest. Gerade diese Differenz ist methodisch wichtig: Die Notiz zeigt Entstehungsbedingungen, nicht fertige Formen.

3. Das 4. Jahrhundert: Epiphanie als Festkomplex
Im 4. Jahrhundert ist Epiphanie/Theophanie als Fest in mehreren Regionen vorausgesetzt, doch sein Inhalt ist variabel. In Kappadokien und Syrien steht die Taufe Christi im Zentrum. In Jerusalem erscheint der 6. Januar zeitweise als Geburtsfest mit ausgeprägter Stationsliturgie und mehrtägigem Festbogen. Im Westen gewinnt das Magiermotiv an Gewicht.

Der entscheidende Befund lautet: Es gibt nicht ein Epiphaniefest mit einem Inhalt, sondern einen Festkomplex mit regionaler Schwerpunktbildung.

4. Gemeinsame Tiefenstruktur: Vigil, Licht, Taufe
Trotz aller Unterschiede verbindet die frühen Epiphanietraditionen eine gemeinsame Tiefenstruktur. Die Vigil als nächtlicher Rahmen, die Lichtsymbolik und die Taufe Christi als hermeneutischer Schlüssel kehren in unterschiedlichen Ausprägungen wieder. Epiphanie ist ein Fest der Offenbarung, nicht der bloßen Erinnerung.

5. Warum gerade der 6. Januar?
Die Durchsetzung des 6. Januar erklärt sich aus der Konvergenz mehrerer Faktoren: ägyptisches Datumsinteresse, theophanische Taufe-Theologie, vigiliale Praxis und regionale Festordnungen. Das Fest „spielt sich ein“ – in Predigt, Lesung, Ritual und Kalender.

6. Schluss
Der 6. Januar ist ein theologischer Resonanzraum. Taufe, Geburt, Magierereignis und kosmische Symbolik stehen nicht in Konkurrenz, sondern bilden ein Spannungsfeld, aus dem spätere Festprofile hervorgehen. Einheit entsteht hier nicht durch Uniformität, sondern durch die Fähigkeit, Vielfalt liturgisch zu tragen.

III. Zwei Daten – ein Geheimnis
Weihnachten (25. Dezember) und Epiphanie/Theophanie im Spannungsfeld von Einheit und Differenz
1. Zwei Daten als Ausdruck liturgischer Reife
Die Entstehung von Weihnachten am 25. Dezember neben dem 6. Januar ist kein Zeichen von Verwirrung, sondern von Ausdifferenzierung. Die Kirche lernt, dass das eine Christusgeheimnis zeitlich entfaltet werden kann.

2. Rom und der 25. Dezember
Der Chronograph von 354 belegt die Feier der Geburt Christi am 25. Dezember in Rom. Er erklärt jedoch nicht die Datumswahl. Liturgiegeschichtlich ist entscheidend: Rom setzt einen Fixpunkt, der andernorts rezipiert und theologisch eingeholt werden muss.

3. Antiochia 386: Einführungssituation
Die Weihnachtspredigt des Johannes Chrysostomus zeigt exemplarisch, dass der 25. Dezember im Osten erklärungsbedürftig ist. Weihnachten wird eingeführt, legitimiert und pastoral vermittelt. Damit wird zugleich deutlich, dass der 6. Januar zuvor ein starker Kristallisationspunkt war.

4. Neuprofilierung des 6. Januar
Mit der Etablierung des Weihnachtsfestes wird der 6. Januar semantisch entlastet. Im Osten profiliert er sich stärker als Theophanie der Taufe. Geburt und Offenbarung werden zeitlich differenziert, ohne gegeneinander ausgespielt zu werden.

5. Drei Modelle der Konsolidierung
Jerusalem entfaltet Epiphanie als stationsliturgisches Geburtsfest mit Oktavlogik. Konstantinopel entwickelt eine duale Ordnung von Weihnachten (25. 12.) und Theophanie (6.1.). Armenien bewahrt bewusst einzig und allein den 6./7. Januar als das Einheitsfest (Geburt und Theophanie). Diese Modelle sind gleichwertige Antworten auf dieselbe Herausforderung.

6. Der Westen: Staffelung statt Dualordnung
Der Westen konsolidiert durch zeitliche Staffelung: Epiphanie als Magierfest, Taufe und Kana als theologisch integrierte Nebenachsen. Die Einheit des Geheimnisses bleibt gewahrt, ohne eine strikte Zweiteilung.

7. Schluss
Die Koexistenz von 25. Dezember und 6. Januar ist Ausdruck liturgischer Intelligenz. Unterschiedliche Kirchen entwickeln unterschiedliche Modelle, um dasselbe Geheimnis zu feiern. Differenz erweist sich als Reichtum, nicht als Spaltung.

IV. Offenbarung feiern - Epiphanie/Theophanie heute
Liturgische Tiefenschichten und ökumenische Perspektiven
1. Ein vertrautes Fest mit verborgener Tiefe
Epiphanie gehört zu den vertrauten Festen des Kirchenjahres und wird doch häufig auf einzelne Motive reduziert. Im Westen dominiert das Bild der Magier, im Osten die Feier der Taufe Christi. Eine liturgiegeschichtliche Rückfrage zeigt jedoch, dass hinter diesen vertrauten Gestalten ein weitgespannter theologischer Horizont steht. Epiphanie/Theophanie ist kein Randfest, sondern ein Schlüssel zum Verständnis christlicher Offenbarung insgesamt. Sie konfrontiert die Kirche mit der Frage, wie Gottes Erscheinen in der Zeit liturgisch wahrgenommen, gedeutet und gefeiert wird.

2. Zwei Festgrammatiken – ein Geheimnis
Die heutige Feierpraxis macht deutlich, dass sich im Lauf der Geschichte zwei unterschiedliche, aber komplementäre „Festgrammatiken“ herausgebildet haben.

Die ostkirchliche Theophanie ist trinitarisch grundiert, baptismal geprägt und kosmologisch ausgerichtet. Sie ist nüchtern, vigilial und von der Erfahrung der Erleuchtung her gedacht. Offenbarung ereignet sich hier als göttliches Handeln, das die Schöpfung durchdringt und verwandelt.

Die westkirchliche Epiphanie ist stärker christologisch fokussiert und ekklesiologisch interpretiert. Sie entfaltet Offenbarung als Sendung: Christus erscheint vor den Völkern, und aus dieser Erscheinung geht die Kirche hervor. Beide Deutungslogiken widersprechen einander nicht, sondern beleuchten dasselbe Geheimnis aus unterschiedlichen Perspektiven.

3. Wasser und Licht – liturgische Grundelemente der Offenbarung
Zentral für beide Traditionen sind die Symbole von Wasser und Licht. Wasser steht für die Heiligung der Schöpfung, für Tod und Neuschöpfung, für Teilhabe am Leben Gottes. Licht bezeichnet Erkenntnis, Erleuchtung und Teilnahme an der göttlichen Wahrheit.

Epiphanie erinnert daran, dass Offenbarung nicht bei der Mitteilung von Wahrheit stehenbleibt, sondern auf Verwandlung zielt. Liturgisch gefeierte Offenbarung verändert Wahrnehmung, Existenz und Weltverhältnis. In diesem Sinn ist Epiphanie ein zutiefst „sakramentales“ Fest.

4. Kirche aus Offenbarung
Aus der jeweiligen Festgrammatik ergibt sich auch ein unterschiedliches, aber zusammengehöriges Kirchenverständnis.

Im Westen erkennt sich die Kirche als aus den Völkern gerufene Gemeinschaft, die aus der Offenbarung Christi hervorgeht und in die Welt gesandt ist. Mission und Epiphanie gehören hier untrennbar zusammen.

Im Osten versteht sich die Kirche primär als Gemeinschaft der Erleuchteten und Getauften. Sie lebt aus der Teilhabe an der göttlichen Herrlichkeit und bezeugt diese durch liturgische Präsenz. Beide Sichtweisen benennen Wesensdimensionen der Kirche, die sich gegenseitig korrigieren und ergänzen.

5. Ökumenische Perspektive
Gerade Epiphanie/Theophanie macht sichtbar, dass kirchliche Einheit nicht in Uniformität besteht. Die unterschiedlichen Festprofile sind keine Abweichungen von einem verlorenen Ideal, sondern bewahrte Zeugnisse altkirchlicher Vielfalt.

Ökumenisch gelesen wird Epiphanie damit zu einem Lernfeld: Sie lehrt, Differenz nicht als Defizit, sondern als Ausdruck gewachsener theologischer Tiefe zu verstehen. Die gemeinsame Wurzel ermöglicht unterschiedliche liturgische Ausprägungen, ohne das gemeinsame Geheimnis zu verdunkeln.

6. Das Epiphanie-Fest als ein hermeneutischer Schlüssel des Kirchenjahres
Epiphanie erschließt das Kirchenjahr insgesamt als Raum der Offenbarung. Sie zeigt exemplarisch, dass Liturgie nicht nur Theologie ausdrückt, sondern hervorbringt. In der Feier wird sichtbar, wie Gottes Erscheinen in der Zeit wahrgenommen, gedeutet und in rituelle Gestalt übersetzt wird.

Damit wird Epiphanie zu einem hermeneutischen Schlüssel: Sie lehrt, das Kirchenjahr nicht als Abfolge von Gedenktagen, sondern als dynamischen Offenbarungsraum zu lesen.

7. Schluss
Das Epiphanie-Fest ist Einübung in Wachsamkeit für das Erscheinen Gottes in der Zeit. Sie schärft den Blick für eine Offenbarung, die nicht vergangen ist, sondern liturgisch gegenwärtig wird. In der Vielfalt ihrer Ausprägungen bewahrt sie die Einheit des Geheimnisses. Offenbarung wird nicht erklärt, sondern gefeiert – und gerade darin verstanden.
________________________________________

Epiphanie – Heute ist Gott erschienen
Geistliche Lesung zur Vesper oder Vigil
Von Archimandrit Dr. Andreas-Abraham Thiermeyer
Antiphona ad Magnificat, Epiphania Domini, Tria miracula: Stern – Kana- Jordan
Tribus miraculis ornatum diem sanctum colimus:
hodie stella Magos duxit ad praesepium;
hodie vinum ex aqua factum est ad nuptias;
hodie in Iordane a Ioanne Christus baptizari voluit,
ut salvaret nos, alleluia.

Übersetzung: 
Dreier Wunder wegen begehen wir diesen heiligen Tag in festlichem Glanz:
Heute führte der Stern die Weisen zur Krippe;
heute wurde Wasser zu Wein bei der Hochzeit;
heute wollte Christus sich im Jordan von Johannes taufen lassen,
um uns zu erlösen. Halleluja.

Einführung:
Diese alte Magnificat-Antiphon bündelt in dichter Form die dreifache Epiphanie Christi, wie sie insbesondere in der lateinischen Tradition des Hoch- und Spätmittelalters verstanden wurde:
1.    Epiphania ad gentes – die Offenbarung vor den Heiden (Anbetung der Magier),
2.    Epiphania in nuptiis – die Offenbarung seiner schöpferischen Macht (Kana),
3.    Epiphania in Iordane – die Offenbarung seiner messianischen Sendung (Taufe).

Geistliche Auslegung
Heute ist Gott erschienen.
Nicht im Lärm der Mächtigen, - nicht im Glanz vergänglicher Herrlichkeit, - sondern als Licht, das sich schenkt und sich schauen lässt von denen, die wachen.

Heute: Epiphanie. - Heute: Theophanie.
Der Himmel öffnet sich, - und die Erde ist nicht mehr allein.
Die Kirche sagt nicht: „Damals“, sondern das große Wort der Gegenwart: „Heute“.

Heute.
Heute tritt Gott aus der Verborgenheit hervor.
Heute bleibt er nicht fern.
Nicht als Gedanke, nicht als Lehre allein, - sondern als lebendige Gegenwart.
Was einst sichtbar geschah, will heute im Innersten des Menschen geschehen.

Drei Zeichen – ein Geheimnis
Heute betrachtet die Kirche drei Zeichen,
drei Wunder einer einzigen Offenbarung:
den Stern, - den Jordan, - das Wasser, das zu Wein wird.
Drei Zeichen – ein Christus.
Drei Wege – eine Liebe.
Nicht zum Erklären sind sie gegeben, sondern zum Schauen.

Der Stern
Ein Licht erscheint am Himmel.
Nicht über den Palästen der Macht,
nicht über den sicheren Orten, sondern über dem Weg.
Die Suchenden sehen ihn, nicht die, die meinen, angekommen zu sein.
Wer sich aufmacht, dem kommt Gott entgegen.
Wo ein Mensch sucht, ist Gott bereits nahe.
Der Stern führt nicht zum Besitz, - sondern zur Anbetung.
Er endet nicht im Wissen, - sondern im Staunen vor dem Kind.

Der Jordan
Christus steigt hinab in das Wasser.
Nicht um gereinigt zu werden, - sondern um zu reinigen.
Er berührt das Wasser, -und er berührt unsere Wirklichkeit.
Nichts ist ihm fremd: kein Leib, keine Geschichte, keine Tiefe des Menschseins.
Heute wird die Schöpfung gesegnet. - Heute beginnt die Erneuerung der Welt.

Die Stimme
Der Himmel ist offen. - Nicht schweigend, sondern sprechend.
Eine Stimme erschallt: Du bist mein geliebter Sohn.
Nicht Drohung, nicht Macht, sondern Beziehung.
So ist unser Gott: uns zugewandt, - sprechend, - liebend.

Kana
Ein Fest – und ein Mangel.
Der Wein geht aus, die Lebensfreude droht zu versiegen.
Und Gott handelt nicht kleinlich-streng, sondern überfließend.
Wasser wird zu Wein.
Nicht knapp, -nicht berechnend, sondern reichlich.
Gott will Leben. - Gott will Freude. -Gott will für uns ein Leben in Fülle.
Eine Bewegung – eine Liebe

Der Stern: Gott kommt entgegen.
Der Jordan: Gott steigt hinab.
Kana: Gott verwandelt.
Eine Bewegung – eine Liebe, die den Himmel öffnet und die Welt erneuert.

Heute
Epiphanie ist heute.
Nicht nur im Stern, - nicht nur im Wasser, nicht nur im Wein, sondern auch in meinem Leben:
Heute ist Gott erschienen.

Archimandrit Dr. Andreas-Abraham Thiermeyer ist der Gründungsrektor des Collegium Orientale in Eichstätt. Er ist Theologe mit Schwerpunkt auf ökumenischer Theologie, ostkirchlicher Ekklesiologie und ostkirchlicher Liturgiewissenschaft. Er studierte in Eichstätt, Jerusalem und Rom, war in verschiedenen Dialogkommissionen tätig. Er veröffentlicht zu Fragen der Ökumene, des Frühen Mönchtums, der Liturgie der Ostkirchen und der ostkirchlichen Spiritualität. Weitere kath.net-Beiträge von ihm: siehe Link.
 


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Lesermeinungen

 Fink vor 2 Tagen 
 

Erst mit der Liturgiereform von 1969/70 wurde die Epiphanie aufgeteilt auf den

6. Januar und die folgenden 2 Sonntage (Taufe des Herrn und dann Hochzeit zu Kana), wenn ich es recht weiß.
Bis dahin fielen letztere, wie in der Ostkirche, mit dem 6. Januar zusammen.
Diese Reform von 1969/70 sehe ich positiv.


1
 

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