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"Herr Kardinal Parolin, wieviele zehntausende Tote brauchen Sie noch im Iran, bis Sie aufwachen?"

vor 3 Stunden in Kommentar, keine Lesermeinung
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Die ca. 35.000 ermordeten Regimegegner im Januar waren für den Kardinal erst dann ein Thema, als es bereits deutliche Kritik am Schweigen des Vatikans gab. Ein Kommentar von Roland Noé


Rom (kath.net/rn)
2007 erschien in Deutschland das Buch „Prisoner of Tehran“ der Christin Marina Nemat. Darin schildert sie unfassbare Schreckenserlebnisse in iranischen Gefängnissen. Marina sollte mit 16 Jahren hingerichtet werden, weil sie gegen den Politikunterricht an ihrer Schule protestiert hatte. Ihre Hinrichtung wurde nach einer Zwangsheirat mit einem Gefängniswärter in eine lebenslange Haftstrafe umgewandelt. Nach über zwei Jahren wurde sie freigelassen, weil sich die Familie des Wärters für sie eingesetzt hatte. Heute lebt Marina Nemat in Kanada und berichtet an Universitäten und Schulen von ihren Erlebnissen.

Nemat erzählt in dem Buch auch, wie junge Mädchen vor der Hinrichtung systematisch vergewaltigt wurden. Laut einer pervertierten "Islam-Logik" des Regimes darf eine Jungfrau nicht hingerichtet werden, da angenommen wird, dass diese sonst direkt in den Himmel einginge. Um dies zu verhindern, folgen vor der Exekution Zwangsheirat und Vergewaltigung. Diese Praxis betrifft teilweise sogar erst elfjährige Mädchen und geschieht im Iran seit vielen Jahrzehnten.

Vielleicht sollte sie demnächst auch einmal einen Vortrag im Vatikan halten und dort gewissen Kirchenmännern die Realität schildern. Dort erklärte uns Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin in einem Interview nämlich, dass laut „UN-Charta“ ein Angriff auf den Iran nur erlaubt sei, nachdem alle Instrumente des politischen und diplomatischen Dialogs ausgeschöpft wurden. Parolin meinte zudem, dass die Unterdrückung der Menschenrechte durch das Mullah-Regime aus seiner Sicht kein hinreichender Kriegsgrund sei. Herr Kardinal, wie viele zehntausend Tote und Leichensäcke brauchen Sie denn noch, damit ein Eingreifen legitimiert ist?

Er frage sich, ob wirklich geglaubt werde, dass eine Lösung durch den Beschuss mit Raketen und Bomben herbeigeführt werden könne. Hier könnte man mit dem ehemaligen österreichischen Bundeskanzler Bruno Kreisky sinngemäß antworten: „Lernen Sie Geschichte!“ Einen Hitler konnte man ebenfalls erst mit Bomben und Raketen verjagen.


Mit den Menschen im Iran hat Parolin offensichtlich nicht geredet; deren Wünsche scheinen dem Kardinal völlig egal zu sein. Diese Menschen wollen die Angriffe auf das Regime und die Befreiung von den Mullahs. Sie bejubeln die Schläge der Israelis und der USA. Doch das interessiert den Diplomaten, der theoretisch gerne von der „Einhaltung des internationalen humanitären Rechts“ spricht, in der Praxis offensichtlich nicht. Die ca. 35.000 ermordeten Regimegegner im Januar waren für den Kardinal erst dann ein Thema, als es bereits deutliche Kritik am Schweigen des Vatikans gab. Parolin, der auch für das umstrittene Vatikan-Abkommen mit der chinesischen Diktatur verantwortlich zeichnet, hat offensichtlich wenig Interesse am Schicksal der Menschen vor Ort.

Der SPD-Iran-Experte Danial Ilkhanipour sprach gestern bei WELT TV (https://www.youtube.com/watch?v=dEpKHXwzLJ8) über die angespannte Lage, die Hoffnung auf Demokratie und den Wunsch nach einem Regimewechsel. Der aus dem Iran stammende Politiker teilte mit, dass man der Demokratie im Iran jetzt so nah wie noch nie zuvor sei. Er erinnerte zudem daran, dass die Menschen im Iran geradezu darum gefleht haben, Hilfe von außen zu erhalten. Ilkhanipour betont, dass die Bevölkerung einen Umsturz will und sich darauf vorbereitet. Eine Iranerin auf X bringt es auf den Punkt. "Ich bin Iranerin. 1. Bomben sind beängstigend. 2. Das Regime ist beängstigender als Bomben."

Auch Armin Laschet (CDU) brachte die Völkerrechts-Heuchelei bei „Maischberger“ klar auf den Punkt: „Der Iran ist in allem, was er seit 40 Jahren macht, völkerrechtswidrig, und niemand hat eingegriffen. Jetzt, wo dies passiert und die Menschen im Iran auf den Straßen jubeln, fangen wir Völkerrechtsdebatten an.“

Und ja, jeder leidet unter höheren Benzinpreisen. Doch Bernhard Heinzlmaier bringt es bei „eXXpress“ in einem Kommentar pointiert zum Ausdruck: „Seit Trump die Mullahs bekämpft, kann man endlich Empathie-befreite Ego-Wesen von Menschen unterscheiden. Ersteren ist der Dieselpreis wichtiger als das Leid der Opfer der Mullahs, das deren fanatische und kranke Politik weltweit seit 50 Jahren verursacht. 30.000 Tote in den letzten zwei Monaten, aber der europäische Kleinbürger zerbricht sich den Kopf über den Benzinpreis. ‚Dekadent‘ ist hier nur noch ein Hilfsausdruck.“

Eine Frage an Kardinal Parolin hätte ich zum Abschluss noch: Geht es Ihnen wirklich um die Menschen im Iran?


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