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Tocquevilles Liberalismus und das Christentum

vor 2 Stunden in Kommentar, 1 Lesermeinung
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Mit einem Münchhausen-Liberalismus kann das Christentum schwerlich koexistieren. Mit dem, was Alexis de Tocqueville als Liberalismus verstanden hat, ist das aber möglich - Gastkommentar von Martin Grichting


Chur (kath.net)

Viele Menschen im Westen halten die liberale Demokratie für ein «Perpetuum mobile». Wenn es ein solches in der Physik nicht gibt, soll es wenigstens im Reich des Geistes funktionieren: ein politisches System, das sich selbst in Schwung hält.

Ein Blick etwa auf die Türkei belehrt da eines Besseren. Denn dort wurde auf den Trümmern des Osmanischen Reiches in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts ein formell demokratischer Rechtsstaat gegründet. Die Geschichte seither zeigt, dass die Gebräuche sowie die Sitten des Landes und die islamische Religion die rechtsstaatlichen sowie gewaltenteiligen Institutionen nach und nach so sehr untergraben haben, dass inzwischen bloss noch eine demokratisch dekorierte Diktatur besteht.

Vor bald zweihundert Jahren war der Philosoph und Staatsmann Alexis de Tocqueville (1805‒1859) schon realistischer als viele unserer Zeitgenossen, wenn es um die Bedingungen für das Bestehen eines freiheitlichen Staatswesens ging. Er glaubte nicht an das politische Perpetuum mobile, also an das voraussetzungslose Bestehen von Freiheit sowie von demokratischen Institutionen. Er dachte nicht eindimensional, sondern ging von einem dreistöckigen Gebäude aus: Zuoberst wohnen die säkularen demokratischen Institutionen und Prinzipien: die geteilten Gewalten, die Grundrechte des Individuums, der Föderalismus, das allgemeine Wahlrecht, religiöse und weltanschauliche Neutralität, etc.

Darunter sah Tocqueville die «mœurs» angesiedelt, die Sitten. Sie umfassen für ihn jedoch mehr als eine minimalistische Moral. Vielmehr meint er damit Tugenden wie Bürgersinn, Fleiss, Sparsamkeit, Ehrlichkeit, Opferbereitschaft oder Rechtschaffenheit. Wenn diese Tugenden nicht von vielen einzelnen Bürgern selbstlos gelebt werden, hängen die besten staatlichen Institutionen in der Luft.

Von denen, die an das politische Perpetuum mobile glauben, unterscheidet sich Tocqueville dann definitiv dadurch, dass er unter den Sitten liegend die Religion erkennt. Diese trägt die «mœurs», aber mittelbar damit auch die an sich säkularen demokratischen Institutionen.

Postchristen hören solches nicht gerne. Obwohl Tocqueville zu den etablierten Liberalen gehört, sind ihm in diesem Punkt nur wenige gefolgt. Wer von den beiden Richtungen des Liberalismus Recht hat, ist immer noch offen. Denn auch wenn Liberale wie John Stuart Mill oder in jüngerer Zeit John Rawls der Religion für den Bestand der freiheitlichen Demokratie in ihren Theorien keinen wesentlichen Platz zugeschrieben haben, heisst das noch nicht, dass die Religion, die christliche im Wesentlichen, diesen Platz nicht dennoch bisher tatsächlich eingenommen hat. Es war Romano Guardini, der diesbezüglich in seinem Werk «Das Ende der Neuzeit» von «säkularisierten Christlichkeiten» gesprochen hat, die auch nach der Aufklärung im Westen präsent und wirksam geblieben sind. Der in der Gottebenbildlichkeit verwurzelte Gedanke der Würde und Gleichheit aller Menschen ist ein Beispiel dafür. Allerdings meinte Guardini, die «Nutzniessung» an solchen christlichen Restbeständen werde allmählich aufhören. Was noch christlich sei im postchristlichen Westen, werde zusehends als «Sentimentalität» beiseitegeschoben. Und dann werde man sehen.


Guardini steht mit seiner Sichtweise auf der Seite von Tocqueville. Dieser hat im Jahr 1844 vor dem französischen Parlament gesagt: «Ich habe nie freie Völker gesehen, deren Freiheit nicht mehr oder weniger tief in Glaubensüberzeugungen wurzelten. Und ich erkläre es mir so, indem ich denke, dass die Freiheit weniger Tochter der Institutionen als der Sitten ist, und die Sitten Töchter der Glaubensüberzeugungen. (…). Wenn die religiösen Glaubensüberzeugungen für ein freies Volk notwendig sind, sind es noch mehr für eine demokratische Nation wie die unsere. Unsere Gesellschaft setzt sich unablässig und energisch für die Hebung der materiellen und moralischen Lage der Bürger ein. Sie geht bis zuunterst im sozialen Gebäude, um die Unglücklichen zu suchen und ihnen zu helfen. Glauben Sie, für einen solchen Einsatz bräuchten wir die religiösen Glaubensüberzeugungen nicht (...)? Glauben sie, wir könnten uns für ein solch edles Werk der kalten und leeren Philanthropie anvertrauen?». In einem Brief ruft er einmal aus: «Welche Machtlosigkeit der Institutionen, wenn die Meinungen und Sitten sie in keiner Art und Weise nähren!». Und im Zusammenhang mit seinem Werk «Über die Demokratie in Amerika» notiert er einmal: «Wenn die Demokratie einhergeht mit Sitten und Glaubensüberzeugungen, führt sie zur Freiheit. Wenn sie mit moralischer und religiöser Anarchie daherkommt, führt sie zum Despotismus». Einem Brieffreund gegenüber erklärte er einmal: «Kennen Sie meine Ideen nicht genug, um zu wissen, dass ich den Institutionen nur eine zweitrangige Rolle für das Geschick der Menschen zubillige? (…). Ich bin fest davon überzeugt, dass die politischen Gemeinschaften nicht das sind, was ihre Gesetze aus ihnen machen, sondern was die Gefühle, die Glaubenshaltungen, die Ideen, die Gewohnheiten des Herzens und des Geistes der Menschen, die sie bilden, für sie im vorneherein grundlegen».

 

Man versteht aufgrund solcher Aussagen leicht, dass Tocqueville ein Böckenförde avant la lettre gewesen ist. Denn dieser christlich inspirierte deutsche Bundesverfassungsrichter, gestorben im Jahr 2019, ist ja heute auf der ganzen Welt bekannt für sein Diktum: «Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann».

Aber wie sind die Institutionen auf die Sitten gebaut und diese wiederum auf die Religion? Den Zusammenhang zwischen den Sitten und den Institutionen kann man noch relativ leicht verstehen. Wenn alles, was verboten ist, nur deshalb nicht getan wird, weil der Staat es bestraft, kann kein Staat überleben. Denn er wäre ein Polizeistaat. Und er könnte allen Verbrechen gar nicht wehren. Denn so viele Polizisten und Gefängnisse, wie es dann bräuchte, kann es gar nicht geben. Es bedarf der Tugenden, es bedarf des freiwilligen Einhaltens der zehn Gebote bei sehr vielen Menschen. Nur wenn das Verbrechen die Ausnahme bleibt, kann der Staat es noch bekämpfen. Schon Augustinus hat dies in «De civitate dei» erklärt: «Was sind überhaupt Reiche, wenn die Gerechtigkeit fehlt, anderes als große Räuberbanden?» (IV, 4). Und in der Tat: je mehr der moralische Spiegel in einer Gesellschaft absinkt, umso mehr muss der Staat repressiv werden. Ohne ein von breiten Kreisen der Bürger getragenes Ethos wird es keine Freiheit mehr geben.

Schwieriger zu beantworten ist die Frage: Wie hängen Moral und Religion in ihrer Beziehung zur Freiheit zusammen? Hierzu hat Tocqueville einen interessanten Gedanken geäussert. Vor dem Parlament machte er einmal die Bemerkung, in der ganzen Geschichte der Menschheit folgten Skeptizismus und Dekadenz immer sehr nahe aufeinander. Anders formuliert: Wenn der Mensch den geistigen, den religiösen Kompass für Sinn und Zweck seines Daseins verliert, mangelt es ihm an der Kraft zu moralisch gutem Handeln.

Was dann geschieht, hat Tocqueville in «Über die Demokratie in Amerika» eindrücklich beschrieben: «Wird die Religion in einem Volke zerstört, so bemächtigt sich der Zweifel der höchsten Bereiche des Geistes und lähmt alle anderen zur Hälfte. Jeder gewöhnt sich an verworrene und veränderliche Kenntnisse in den Dingen, die seine Mitmenschen und ihn selbst am meisten angehen; man verteidigt seine Ansichten unzulänglich, oder man gibt sie preis, und da man nicht hofft, die grössten Fragen über die Bestimmung des Menschen allein lösen zu können, findet man sich feige damit ab, daran nicht zu denken. Ein solcher Zustand muss unvermeidlich die Seelen zermürben; er schwächt die Spannkraft des Willens und bereitet die Bürger auf die Knechtschaft vor. Es kommt dann nicht nur vor, dass diese sich ihre Freiheit rauben lassen, sondern sie geben sie oft selbst preis. Bleibt weder im Religiösen noch im Politischen eine Autorität bestehen, so erschrecken die Menschen bald ob der unbegrenzten Unabhängigkeit. Die ständige Unrast aller Dinge beunruhigt und ermüdet sie. Da im Bereich des Geistes alles in Bewegung ist, wollen sie, dass zumindest in den materiellen Dingen jegliches gefestigt und dauerhaft sei, und da sie sich ihrem früheren Glauben nicht wieder zuwenden können, schaffen sie sich einen Herrn an». (Alexis de Tocqueville, Über die Demokratie in Amerika, Zürich 1987, Bd. II, S. 36 f. [= II. Buch, I. Teil, 5. Kapitel])

Es ist also der Verlust der Religion, die metaphysische Obdachlosigkeit, wie man das heute nennt, die den Menschen moralisch unter sein Niveau drückt. Wenn er über Sinn und Zweck seines Daseins im Zweifel ist, wird alles relativ, selbst der menschliche Freiheitstrieb. Man findet sich mit der letzten Sinnlosigkeit der menschlichen Existenz ab und versucht dann nur noch, in hedonistischem Geist das Beste daraus zu machen, ohne Hoffnung, ohne wirkliche Überzeugung. Die Menschen wollen dann, dass man ihnen wenigstens ihre kleinen Lüste garantiert. Und dafür sind sie bereit, ihre Freiheit zu opfern. Man kann zwar nicht behaupten, Tocqueville habe mit dem Satz: «dann schaffen sie sich einen Herrn an» einen Hitler vorausgesehen. Aber die Intuition Tocquevilles war richtig. Und sie kann sich, gerade in unserer Zeit, in der auch wieder der metaphysische Zweifel den Mainstream darstellt, von Neuem bewahrheiten. Die insgesamt feige und duckmäuserische Reaktion der Mehrheit der Menschen in den westlichen Demokratien, die sich in der Corona-Krise gezeigt hat, muss man als Fanal dafür betrachten. Denn in diesen Ereignissen ist deutlich geworden, wie religiöse sowie weltanschauliche Erschlaffung auch den Willen zur Freiheit gelähmt und despotischen Tendenzen Vorschub geleistet haben. Insgesamt wird man deshalb dem Westen derzeit leider keine gute Prognose stellen können. Diktatorische Tendenzen in den westlichen Demokratien sind denn auch unübersehbar: in der Ausgrenzung ganzer Wählerschichten, in der zunehmenden Einengung des Meinungskorridors, in staatlicher betriebener Umerziehung zum Wokeismus, in der Zensur sowie in der Verfolgung durch «Verfassungsschützer» und durch regierungsamtlich finanzierte Denunziationsportale.

Tocqueville hat über die freiheitsfeindlichen Folgen des Verlusts der Transzendenz an gleicher Stelle in «Über die Demokratie in Amerika» das Fazit gezogen: «Ich bin geneigt zu denken, dass der Mensch, ist er nicht gläubig, hörig werden, und ist er frei, gläubig sein muss».

Liberalismus ist eine Wette auf die Zukunft. Der vermutlich bedeutendste Liberale des 20. Jahrhunderts, Friedrich August von Hayek, hat es so formuliert: «Unser Vertrauen auf die Freiheit beruht (…) auf dem Glauben, dass sie im Ganzen mehr Kräfte zum Guten als zum Schlechten auslösen wird». Die Frage ist allerdings dabei, welcher Liberalismus gemeint ist: Derjenige von Tocqueville oder derjenige von Rawls? Letzterer gleicht – um nicht noch einmal das Perpetuum mobile bemühen zu müssen – einer abenteuerlichen Geschichte des Baron von Münchhausen. Dieser hat erzählt, er sei einmal mit seinem Pferd in einen Sumpf geritten. Er habe sich nur retten können, indem er sich am eigenen Schopf gepackt und sich so aus dem Sumpf herausgezogen habe.

Mit einem Münchhausen-Liberalismus kann das Christentum schwerlich koexistieren. Mit dem, was Alexis de Tocqueville als Liberalismus verstanden hat, ist das aber möglich. Denn diese Sichtweise erkennt den unverzichtbaren Beitrag an, den die Religion, das Christentum im Besonderen, für die Erhaltung der Freiheit im Diesseits besitzen. Hat Jesus Christus diese Sendung der Christen in dieser Welt nicht vorgezeichnet mit seinem Wort: «Ihr seid das Licht der Welt?».

 

Vom Autor zuletzt erschienen: Religion des Bürgers statt Zivilreligion. Zur Vereinbarkeit von Pluralismus und Glaube im Anschluss an Tocqueville, Schwabe Verlag, Basel, 2024, ISBN 978-3-7965-5060-7

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Lesermeinungen

 Stefan Fleischer vor 33 Minuten 

Dem ist nichts anzufügen!


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