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Das Grundproblem ist ein Verdunsten des Glaubens in den Herzen vieler

5. Juli 2011 in Interview, 11 Lesermeinungen
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In Deutschland überproportionaler Platz für Strukturfragen. Sie erfordern viel Zeit und Kraft und überdecken, ja verhindern teilweise die tiefere geistliche Dimension. - KATH.NET-Interview mit Kardinal Kasper - Von Petra Lorleberg


Rom (kath.net/pl) Wir brauchen „radikale Zeugen des Glaubens“, forderte der emeritierte Kurienkardinal Walter Kasper im KATH.NET-Exklusiv-Interview über sein neuerschienenes Buch „Katholische Kirche: Wesen – Wirklichkeit – Sendung“. Kasper, der bis 2010 Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen und zuvor Dogmatikprofessor in Münster und Tübingen, dann Bischof von Rottenburg-Stuttgart gewesen war, nannte die Kirche in Deutschland zwar „hoch organisiert“, doch die Strukturfragen überdeckten „die tiefere geistliche Dimension“ wie „Gebet und Anbetung“, „persönliche Heiligung“, „christliches Zeugnis im Alltag“.

Die Grundfragen der Kirche, urteilte der Kardinal, seien „nicht allein sozio-psychologisch und pragmatisch“ lösbar, sondern müssten „im Licht des Glaubens beurteilt“ und angegangen werden. Das Grundproblem der Kirche in Westeuropa sei "das dramatische Schwinden des Glaubens. In dieser Situation" könnten "nur Zeugen" überzeugen.


kath.net: Herr Kardinal Kasper, Eminenz, jetzt, wo Sie aus der Fülle der Erfahrungen eines langen und vielfältigen Lebens schöpfen können, schreiben Sie ein Buch über die katholische Kirche. Ein Kapitel darin lautet: „Kirche – schwarz, aber schön“. Möchten Sie dazu etwas sagen?

Kardinal Kasper: Das Wort von der Kirche, die schwarz aber schön ist, stammt aus dem Hohen Lied im Alten Testament. Wie man weiß, handelt es sich ursprünglich um ein profanes Liebeslied, das aber in der mystischen Tradition vor allem seit Bernhard von Clairvaux sehr oft auf die Kirche übertragen wurde. Aus dem profanen Liebeslied wurde ein Liebeslied an die Kirche. Vielleicht können wir es heute so verstehen: Die empirische Kirche hat zwar einige schwarze Flecken – sowohl in der Vergangenheit wie in der Gegenwart. Die traurige Missbrauchsgeschichte ist ja nur ein Beispiel.

Aber die Kirche als Braut Christi ist von überwältigender Schönheit, wenn man sie mit den Augen eines Liebenden betrachtet und wenn man die Kirchengeschichte als Geschichte vieler heiliger Männer und Frauen betrachtet, nicht zuletzt der unzähligen Märtyrer im letzten Jahrhundert, die ein leuchtendes Zeugnis ihres Glauben gegeben haben.

kath.net: Sie gehen in Ihrem Buch auch auf die heißen Eisen aktueller Kirchenpolitik ein. Ich möchte davon eines herausgreifen. Dieses Jahr wurde in Deutschland erneut über das „Dauerthema“ Priesterzölibat diskutiert. Sehen Sie in der Weihe von viri probati zu Priestern eine Lösung für pastorale Notsituationen?

Kardinal Kasper: Die Kirche hat in einzelnen Fällen immer wieder sogenannte viri probati zugelassen. Trotzdem halte ich diesen immer wieder wiederholten Vorschlag nicht für eine Lösung in der gegenwärtigen pastoralen Situation, nicht nur in Deutschland, sondern ebenso in vielen anderen Ländern Westeuropas.

Wir müssen das Problem an der Wurzel angehen: das dramatische Schwinden des Glaubens. In dieser Situation brauchen wir radikale Zeugen des Glaubens; nur Zeugen können überzeugen. Priester, welche die freiwillige Ehelosigkeit als eine Gestalt der Nachfolge Christi wählen und glaubwürdig leben, sind dieser Situation von besonderer Bedeutung. Eine „flächendeckende“ Einführung von viri probati würde dieses Zeugnis eher verdunkeln und wahrscheinlich praktisch weitgehend zum Verschwinden bringen. Das wäre ein großer Verlust.

Ich könnte auch sagen: Wir brauchen gerade heute heiligmäßige Priester.

kath.net: Es gibt ja noch einige weitere Reizworte und -themen, über welche in der deutschsprachigen katholischen Kirche gestritten wird: worum geht es bei diesen Fragen, was ist das grundlegende Problem?

Kardinal Kasper: Ich bestreite nicht, dass den Reizthemen oft auch ernste Probleme zugrunde liegen. Die rasanten gegenwärtigen Umbrüche in der Gesellschaft haben auch Rückwirkungen auf die Kirche und werfen viele Fragen auf, denen man sich ehrlich stellen muss. Wirklich lösbar werden sie in der Kirche jedoch nur, wenn man sie nicht allein sozio-psychologisch und pragmatisch, sondern im Licht des Glaubens beurteilt und angeht.

Das Grundproblem ist ein Verdunsten des Glaubens in den Herzen vieler; man lebt als ob Gott nicht wäre. Man kann dies auch als Gotteskrise in unserer westlichen Welt bezeichnen. Die neue Evangelisierung will hier ansetzen und das Evangelium als nicht alt sondern als stets jung und in seiner nie ausschöpfbaren Neuheit als Licht und Leben zur Geltung bringen.

kath.net: Worin unterscheidet sich die deutschsprachige katholische Kirche von der anderer Länder, was ist ihre größte Herausforderung?

Kardinal Kasper: Die Kirche in Deutschland zeichnet sich in mancher Hinsicht positiv aus, etwa durch ihr weltweites Engagement für die Armen dieser Welt; mich hat die Großzügigkeit, Spendenfreudigkeit und der Einsatz vieler meist „kleiner“ Leute immer sehr beeindruckt.

Ein anderer Zug ist, dass die Kirche in Deutschland hoch organisiert und strukturiert ist. So nehmen Strukturfragen und Strukturdebatten sowohl auf der Pfarrei- wie auf der Diözesanebene einen überproportionalen Platz ein; sie erfordern viel Zeit und Kraft und überdecken, ja verhindern teilweise die tiefere geistliche Dimension, aus der heraus die Strukturen leben und sich allein erneuern können: Hören auf das Wort Gottes, Gebet und Anbetung, Weitergabe des Glaubens, persönliche Heiligung, christliches Zeugnis im Alltag, in der Öffentlichkeit u.a.

kath.net: Sie beklagen die starke Lagerbildung zwischen den liberalen und den konservativen Gruppen. Wird es Zeit, über eine „innerkatholische Ökumene“ nachdenken? Welche „Hausaufgaben“ könnte man den beiden Lagern jeweils empfehlen?

Kardinal Kasper: Dass es in der katholischen Kirche legitime Unterschiede und eine gewisse Breite der theologischen Meinungen und der Spiritualitäten gibt, ist nichts Neues sondern gehört zu ihrer Katholizität. Lagerbildung ist jedoch etwas anderes; sie politisiert die Kirche und macht sie alles andere als glaubwürdig und überzeugend.

Mein Rat ist ähnlich wie in der Ökumene: Herunter von der Barrikaden und verbale Abrüstung, das größere Gemeinsame, d.h. den gemeinsamen Glauben der Kirche sehen, der sich im gemeinsamen Feier des Gottesdienstes ausdrückt, respektvoll miteinander reden und die Anliegen des jeweils anderen zu verstehen suchen, auch dann wenn man sie sich nicht zu eigen machen kann, statt irrealen utopischen Zielen nachzulaufen konkrete Schritte aus dem gemeinsamen Glauben heraus tun u.a.

Das alles ist nur in einer geistlichen Atmosphäre möglich und nicht in einem Pingpong-Spiel von öffentlichen Erklärungen und Gegenerklärungen.

kath.net: Im Buch sprechen Sie von der „ecclesia semper purificanda“. Was bedeutet dies heute und wo sehen Sie geistliche Erneuerungsbewegungen der Gegenwart, die Ihnen Hoffnung für die Zukunft machen?

Kardinal Kasper: Die Formel „ecclesia semper purificanda“ stammt aus der Kirchenkonstitution des II. Vatikanischen Konzils. Sie geht davon aus, dass die Kirche immer auch eine Kirche der Sünder ist und Strukturen der Sünde (Johannes Paul II.) aufweist. So ist Reinigung und Erneuerung stets notwendig. Das bedeutet sowohl innere Umkehr und Erneuerung wie Reform von menschlichen Strukturen.

Ich finde das in Gemeinden und Gemeinschaften, welche sich um geistliche Schriftlesung (lectio divina), um Anbetung, um daraus entspringenden persönlichen karitativen und sozialen Einsatz, um ehrenamtliche Dienste u.a. bemühen, in neueren geistlichen Gemeinschaften wie in vielen älteren Ordensgemeinschaften, in den wieder zunehmenden Wallfahrten, den Weltjugendtagen und vielem anderen.

Es gibt viel mehr positive Samenkörner der Zukunft als die meisten denken.

kath.net: Möchten Sie positiv formulieren, wie für Sie ein katholischer Laie der Mitte aussieht? Wie bringt er oder sie sich in Kirche und Gesellschaft ein? Wie balanciert er/sie das Verhältnis zwischen Wertschätzung des Weiheamtes und Wertschätzung der eigenen Rolle als Laienchrist aus? Und: Was bedeuten ihm/ihr das persönliche Gebet, die Sakramente der Eucharistie und der Beichte?

Kardinal Kasper: Es gibt nicht „den“ typischen katholischen Laien der Mitte; Lebensumstände, Bildung, persönliche Charismen und Berufungen können sehr verschieden sein.

Gemeinsam sind selbstverständlich das Gebet, das Leben aus den Sakramenten, besonders aus Taufe und Firmung, aus der Eucharistie und aus dem Sakrament der Buße, auf die wir alle angewiesen sind.

Er wird deshalb dankbar sein und Hochachtung empfinden für den Dienst des besonderen Priestertums, das ihm das Wort Gottes auslegt, die Sakramente spendet und in Hirtensorge die einzelnen Christen nachgeht, sie ermutigt und die Gemeinden sammelt und zusammenführt.

In diesem Dienst können Priester nur durch Priester ersetzt werden.

kath.net: Die deutsche katholische Kirche bereitet sich auf den Besuch von Papst Benedikt XVI. im September vor. Herr Kardinal, was erhoffen Sie innerkatholisch von diesem Papstbesuch?

Kardinal Kasper: Ich erhoffe und verspreche mir beides: Sammlung und Sendung.

Sammlung auf das Wesentliche wie Sammlung im Sinn der Zusammenführung der unterschiedlichen Gruppen, Sendung im Sinn einer Art Vision wie es weitergehen soll und kann; dabei dürfen die innerkirchlichen Querelen nicht die wirklichen und die großen geistigen Herausforderungen überdecken, vor denen wir heute besonders in Europa stehen.

So kann neue Freude am Glauben und an der Kirche wachsen. Das letztere brauchen wir gegenwärtig besonders.

kath.net: Eminenz, sehr herzlichen Dank!

kath.net-Buchtipp:

Walter Kardinal Kasper
Katholische Kirche: Wesen – Wirklichkeit - Sendung
580 Seiten
Verlag Herder
ISBN-10: 3451304996
31,50 Euro

Für Bestellungen aus Österreich und Deutschland: [email protected]

Für Bestellungen aus der Schweiz: [email protected]


Foto von Kardinal Kasper: (c) Christoph Hurnaus


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Lesermeinungen

 Einsiedlerin 10. Juli 2011 
 

Gottesdienst

Gemeinsam Gottesdienst feiern: Das bedeutet nach meinem Verständnis: Liebe deinen nächsten wie dich selbst, denn unser ganzes christliches Leben soll ja Gottes-Dienst = Nächsten-Liebe sein.
Was aber keiner gemeinsamen Feier einer Heiligen Messe gleichkommen kann. Gemeinsame Anbetung Gottes ist halt doch was anderes.


0
 
 bücherwurm 8. Juli 2011 

Leben aus Eucharistie und Beichte:

Herr Kardinal, ich bin Ihnen dankbar, dass Sie ein christliches Leben aus Eucharistie und Beichte als \"mittig\" empfinden. Wer in unserer Kirche beichten geht, wer die Eucharistie liebt und gern betet, wird INNERKATHOLISCH häufig als stark rechtslastig, als ungenießbar und verschroben verortet. Ich wäre Ihnen äußerst dankbar, wenn Sie diese Fehleinschätzung weiterhin korrigieren könnten!

Es darf nicht sein, dass praktizierende Katholiken der Mitte innerhalb ihrer eigenen Kirche grundsätzlich abgelehnt werden.


2
 
 anninici 6. Juli 2011 
 

Ich staune , hat nicht dieser Kardinal mit seinen

Gesinnungsgenossen für radikalen geistigen Glaubensabbruch gesorgt?


1
 
 diana 1 6. Juli 2011 

Gottesdienst immer nur Gottesdienst

„Der sich im gemeinsamen Feier des Gottesdienstes ausdrückt“

Herr Kardinal, Bischöfe und Priester, nur noch Gottesdienst.?
Ein Gottesdienst hat keine Sonntagpflicht, sagen unsere Bischöfe, Priester,
dass wir es so machen wie die Protestanten. Viele Katholiken sagen egal es ist immer Gottesdienst.
Ein Gottesdienst kann Jeder feiern, eine Heilige Messe kann nur ein geweihter Priester feiern.
Wann feiern unsere Bischöfe, Priester wieder eine Heilige Messe, und laden uns
Katholiken zur Heiligen Messe ein. Auf dieser Erde gibt es nichts größeres und heiligeres
als eine heilige Messe.