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„Die Ursache der Kirchenkrise und ihre Überwindung“vor 19 Stunden in Kommentar, 6 Lesermeinungen Druckansicht | Artikel versenden | Tippfehler melden
„Die größte Gefahr für die Neuevangelisierung im Westen, gerade auch in Deutschland, sehe ich in der Wiederkehr der Lehre von der doppelten Wahrheit. Sie ist gnostischen Ursprungs.“ Von Gerhard Card. Müller, Roma
Rom (kath.net) Die ganze Kirche dankt Papst Leo XIV. für seine Christo-zentrische Verkündigung, in der er als Nachfolger Petri alle Bischöfe und Gläubigen vereint im Bekenntnis zu Christus, dem Sohn des lebendigen Gottes (Mt 16,16).
Die größte Gefahr für die Neuevangelisierung im Westen, gerade auch in Deutschland, sehe ich in der Wiederkehr der Lehre von der doppelten Wahrheit. Sie ist gnostischen Ursprungs. Schon Irenäus von Lyon hat ihr die katholische Hermeneutik entgegengestellt. Die Einheit und Ganzheit der Offenbarung ist gegenwärtig in der Kirche vermittels der Heiligen Schrift, der Apostolischen Tradition und des Lehramtes der Bischöfe besonders in der römischen Kirche. Das II. Vatikanum hat in Dogmatischen Konstitution über die Göttliche Offenbarung „Dei verbum“ 1-10 in diesem Sinne gegen die Immanentisierung des Glaubens und die Säkularisierung der Kirche die Übernatürlichkeit des Glaubens und die Sakramentalität der Kirche herausgearbeitet sowohl gegen den Rationalismus der Aufklärung mit der Reduktion des Christentums auf eine natürliche Moral (Kant) als auch gegen den Irrationalismus der Romantik mit Verfälschung des vernunftgemäßen Glaubens in einen mystischen Sentimentalismus (Rousseau). Populär gesagt: Die Religion sei Sache des individuellen und kollektiven Gefühls und darum seien alle historischen Religion nur ihr kulturbedingter Ausdruck. Keine Religion habe allein Anspruch auf die Wahrheit, selbst wenn die Kirche sich als die von Gott eingesetzte Lehrerin der in Christus ein für alle Mal ergangenen Offenbarung, also als Sakrament des Heils in Christus versteht. Der neuen Kirchenlehrer John Henry Newman hat in seinem letzten großen Werk, „Entwurf einer Zustimmungslehre“ (An Essay in Aid of a Grammar of Assent) der katholischen Hermeneutik nach dem Naturalismus der Aufklärung eine zeitgenössische Gestalt gegeben. 
Die Lehre von der Doppelten Wahrheit kleidet sich heute in den Slogan von Paradigmenwechsel. Das mag für die Theoriebildung in den Naturwissenschaften gültig sein. Für die Theologie, die sich auf die Fülle der Wahrheit und Gnade in Christus stützt, ist sie ein Verhängnis. Es ist nicht wie bei Nietzsche, der die Wahrheit abhängig macht von der Perspektive oder wie bei Heidegger, der die Wahrheit des Seins abhängig macht von ihrer Enthüllung in der jeweiligen Epoche. Die Wahrheit ist also zeitbedingt.
Christus ist jedoch in seiner Person die Wahrheit in der Fülle der Zeit. Und er verbindet alle Epochen der Heils- und Kirchen- und Dogmengeschichte in der Einheit des Glaubensbewusstsein der Kirche in ihrer Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Der Sohn Gottes vermittelt kraft seiner angenommen menschlichen Natur jeden Glaubenden und die ganze Kirche in die Unmittelbarkeit zu dem einzigen und wahren Gott, der in der Gottheit und Menschheit seines Sohnes alle Zeiten umfasst.
Eine zerstörerische Konsequenz der Lehre von der doppelten Wahrheit ist die Forderung, die Pastoral müsse Vorrang haben vor den geoffenbarten Wahrheiten der Glaubens- und Sittenlehre. Was dogmatisch wahr sei, könne pastoral falsch sein und umgekehrt, z.B. die Ehe von Mann und Frau sei zwar im Logos des Schöpfers und Erlösers begründet, in dem alles geworden ist, aber dennoch könne man homosexuelle Paaren aus pastoralen Gründen, d.h. ihres subjektiven Wohlfühlens, in der Illusion wiegen, ihr objektiv sündhaftes Verhältnis sei trotzdem von Gott gesegnet.
Um ein anderes Beispiel zu erwähnen: Man kann nicht einerseits mit dem II. Vatikanum die hierarchisch-sakramentale Verfassung der Kirche als geoffenbarte Wahrheit bekennen (Lumen gentium 18-29) und gleichzeitig die Synode der Bischöfe in ein Symposion von Teilnehmern aus allen Ständen der Kirche verwandeln, deren Ansichten dann – entgegen aller Kollegialität der Bischöfe- vom Papst quasi wie ein absolutistischer Fürst mit der Autorität des ordentlichen Lehramt ausgestattet wird, obwohl mit dem ordentlichen Lehramt die regelmäßige Verkündigung der geoffenbarten Wahrheiten gemeint ist seitens der Bischöfe und des Papstes (also, dass sie an Weihnachten über die Geburt Christi und die Menschwerdung des Sohnes Gottes predigen und nicht von ihren privaten Ideen zur Politik). Auch kann die Kirche in Deutschland sich nicht zugleich katholisch nennen und mit dem Synodalen Rat – als einem von Menschen eingesetzten Entscheidungsgremium – die Lehrautorität und die Jurisdiktion der Bischöfe göttlichen Rechtes (iuris divini) unterlaufen und das Hirtenamt der Bischöfe in einem Kirchenparlament anglikanischer Bauart aufgehen lassen.
Aber man kann nicht Christus als Lehrer der Wahrheit und Christus als guter Hirte neo-nestorianisch voneinander trennen, weil er die eine und selbe göttliche Person ist, die sowohl die göttliche Wahrheit lehrt als auch das göttliche Leben der Gnade, der Umkehr und der Erneuerung im Heiligen Geist seinen Jüngern schenkt. Wir müssen den dualistischen Gegensatz von Dogma und Pastoral, von Wahrheit und Leben überwinden. Wir müssen unser Denken und Urteilen vor den ideologischen Kategorien bewahren, welche den einen und ungeteilten Leib Christi, der die Kirche ist, spalten in Traditionalisten und Progressisten, Konservative und Liberale.
Die apostolische Überlieferung kennt in der Kirche unter dem Beistand des Heiligen Geistes einen Fortschritt im Verständnis der ein für alle Mal ergangenen Offenbarung, besonders auch durch die Verkündigung derer, die mit der Nachfolge im Bischofsamt das sichere Charisma der Wahrheit empfangen haben (vgl. Dei verbum 8). Und nur in dem einen und selben Christus ist die ganze Tiefe der Wahrheit über Gott und das Heil des Menschen erschlossen, weil er „zugleich – in seiner Menschheit – der Mittler und – in seiner Gottheit – die Fülle der ganzen Offenbarung ist.“ (Dei verbum 2).
Archivfoto: Kardinal Müller beim Konklave 2025 (c) Vatican Media
VIDEO - Kardinal Müller zelebrierte im Petersdom das Pontifikalamt zum Gedenken an Papst Benedikt XVI. zu dessen dritten Todestag:
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Lesermeinungen| | JP2B16 vor 15 Stunden | | | | Die "Doppelte Wahrheit": Unübersehbare Parallelen in Theologie und Physik Das Analagon zum Dogma in der Physik ist das Axiom, eine erkannte und verfizierte Gesetzmäßigkeit. Das Analogon zur Pastoral ist die Nutzung der Physik im Alltag, die angewandte Physik. Dabei sind Toleranzen unumgänglich. Aber für sie gelten enge Grenzen, wie sie durch die Natur eben vorgegebenen und von der Physik beschrieben sind, zwingend einzuhalten. Werden sie überschritten, folgen Schäden. Die aus großer Unkenntnis und Hochmut eingeleitete, allein romantisierte Energiewende in Deutschland ist ein prominentes Beispiel für die Missachtung dieser engen Grenzen. Die menschliche Eitelkeit sticht den Sachverstand. Mit der seit Jahrzehnten gepflegten Mißachtung des Dogmas ist die kath. Kirche in Deutschland tatsächlich einmal den Physikern und Ingenieuren im Energiewesen in der Zeit voraus, wirft der Zeitgenosse ihr aber doch genau das Gegenteil vor. Das Ergebnis für den Glauben hierzulande durch diese Dogma-ignorierende "Pastoral" ist bereits bekannt, das für die Energie vorhersehbar. |  1
| | | | | heikostir vor 19 Stunden | | | | Ein großartiger Text. Müller in Hochform! |  2
| | | | | Uwe Lay vor 36 Stunden | | | | Doppelte Wahrheiten - ein Irrtum! Befremdlich: Im ganzen Text wird nirgends aufgewiesen, daß die Gnosis irgendetwas mit der Theorie einer zweifachen Wahrheit zu tuen habe und es gibt real auch keinen Zusammenhang. Auch wird jetzt keine zweifache Wahrheit gelehrt, sondern aus "pastoralteologischen Gründen" die dogmatischen Wahrheiten verworfen!Daß alle Religionen gleich wahr seien, wird ja um des weltlichen Friedens willen gelehrt und die dogmatische Wahrheit der Alleinwahrheit der christlichen Religion so reprobiert.
Uwe Lay Pro Theol Blogspot |  2
| | | | | physicus vor 2 Tagen | | | |
Mögen diese Überlegungen auch das bald beginnende Konsistorium bereichern. |  3
| | | | | littlemore vor 2 Tagen | |  | Großartig, wie Kardinal Müller die Wurzeln unserer heutigen Irrwege benennt! Großartig, wie Kardinal Müller die Wurzeln unserer heutigen Irrwege benennt, woher sie kommen und was sie bewirken!
Heute wird in der Ausbildung zum Priester oder zu anderen pastoralen Berufen in vielen Diözesen genau das gelehrt: „die Pastoral müsse Vorrang haben vor den geoffenbarten Wahrheiten der Glaubens- und Sittenlehre. Was dogmatisch wahr sei, könne pastoral falsch sein und umgekehrt … .“
Ebenso werden Geistliche tagtäglich mit dem „dualistischen Gegensatz von Dogma und Pastoral, von Wahrheit und Leben“ konfrontiert.
Mögen viele Verantwortliche lesen und hören, was der Kardinal uns zuruft: „Wir müssen unser Denken und Urteilen vor den ideologischen Kategorien bewahren, welche den einen und ungeteilten Leib Christi, der die Kirche ist, spalten in Traditionalisten und Progressisten, Konservative und Liberale.“ |  4
| | | | | Stefan Fleischer vor 2 Tagen | |  | Ein guter Vorsatz für all unsere Hirten, und natürlich auch für uns einfache Gläubige, wäre die Wiederentdeckung des Stundengebetes der Kirche. Einerseits wäre das ein Band, das die ganze, universelle Kirche zu einen vermöchte. Andererseits würde uns diese Praxis und jeden Tag neu auffordern unseren Glauben, unser Sprechen von Gott und unser Handeln am Glaubens- und Gebetsschatz der Kirche zu messen. Und nicht zuletzt könnte uns dies anleiten den ganzen Tag, unser ganzes Leben, in der Beziehung zu Gott, in der Verbindung mit Ihm zu leben. So wie ich die Entwicklung unserer Kirche seit längerer Zeit beobachte, hat der Verzicht auf diese Form der Frömmigkeit viel Unheil angerichtet. Kehrt um zu ihm, Israels Söhne, / zu ihm, von dem ihr euch so weit entfernt habt. (Jes 31,6) |  3
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