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Werteverlust – Im Zeitgeist zuhause

26. Jänner 2016 in Kommentar, 4 Lesermeinungen
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Sie sind irgendwo zwischen bürgerlich, konservativ und liberal einzuordnen? Sie haben eher traditionelle Vorstellungen von Leistung, Familie, Staat? Und Sie sind Christ? Dann seien Sie vorsichtig. Eine Kolumne von Dr. Marcus Franz


Wien (kath.net) Sie sind irgendwo zwischen bürgerlich, konservativ und liberal einzuordnen? Sie haben noch immer eher traditionelle Vorstellungen von Leistung, Arbeit, Familie, Gesellschaft und Staat? Und Sie sind vielleicht auch noch Christ dazu? Dann seien Sie vorsichtig, denn mit dieser klassischen Haltung gelten Sie als völlig unmodern, wenn nicht gar als gefährlicher Reaktionär. Wenn Sie dann noch Elitenbildung gutheißen und wirtschaftsliberalen Ideen etwas abgewinnen können, gehören Sie ohnehin endgültig zu den Zerstörern des Wohlfahrtsstaates, vor denen man sich in den Zeiten der Krise hüten muss. Und wenn Sie zu allem Überfluss der Meinung sind, dass Kultur etwas wertvolles und grundsätzlich nur durch die Bewahrung der Unterschiede zwischen den Sozietäten zu entwickeln und zu erhalten ist, dann geraten Sie automatisch in bedenkliche Nähe zu Rechtsaußen-Positionen, die a priori und ohne Differenzierung abzulehnen sind.

Kurzum: Traditionelle rechtsliberale Wertvorstellungen, die über Jahrhunderte zum Selbstverständnis des freien Bürgers gehörten, sind heute nicht mehr passend. So will es der Mainstream der politischen Korrektheit. Alles offiziell Politische drängt, sofern es als gut und legitim perzipiert werden will, zur gesichtslosen Mitte. Dort kann man sich hinter leeren und gutmenschlichen Phrasen verstecken und seine politische Nicht-Positionierung mit Toleranzbekenntnissen trefflich verbergen. Was neben der Mitte im politischen Spektrum noch erlaubt, wenn nicht sogar gewünscht ist, sind aufgeweichte und schwammige, will heißen: moderne linksideologische Ansichten aller Art, denn diese gelten als prinzipiell in Ordnung und sind für jede Kritik sakrosankt. (Vor nicht allzu langer Zeit besaßen österreichische Linksideologen übrigens noch durchaus konturierte Wertvorstellungen, diese sind heute den Inseraten in diversen Medien gewichen).


Diese neue Art des Politikverständnisses führt keineswegs zu einer Besserstellung des Einzelnen, wie dies oft behauptet wird, sondern lässt nur die Beliebigkeit wuchern. Niemand muss sich mehr an die traditionellen Werte halten, alle dürfen alles und allen steht alles zu. Der Clou dabei: Geht einmal etwas schief, erklären sich die Betroffenen zum Opfer und werden dadurch immun gegen althergebrachte und bewährte Pflichten wie Selbstverantwortung und Eigenständigkeit.

Der viktimisierende Gestus ist durch den politischen Werteverlust zum Kennzeichen der öffentlichen Debatte geworden: Jeder ist eine unterdrückte Minderheit und jeder kommt deswegen zu kurz. Die Wohlstandsgesellschaft ist zwar für alle da, das aber ständig zu wenig. Alle sind wir daher Opfer. Die Politik der Mitte, die sich zu nichts bekennt, es jedem recht machen will und keine Werte mehr besitzt, steht deswegen unter permanentem Zugzwang und muss alle diese Opfer ständig betreuen, bedienen und befriedigen. Traditionelle Werte wie Verantwortungsgefühl, Ehre, Disziplin, Anstand, Fairness und Verlässlichkeit, aber auch die Fähigkeit zum Verzicht und der Wille zur Anstrengung gelten als obsolet. Und wenn es schon Werte geben soll, dann bitte nur für die anderen, die sind dann selber schuld an ihren verstaubten Vorstellungen.

Die vor nicht allzu langer Zeit von zwei großen und eindeutig zeitgemäß agierenden Elektronik-Märkten geprägten Werbe-Slogans „Ich bin doch nicht blöd, Mann“ und „Geiz ist geil“ können als Sinnsprüche für die postmoderne wertefreie Grundhaltung gelten: Wer ist schon so blöd und wird traditionelle Werte als Leitmotive für sein Leben wählen? Mit ein bisschen Geschick und Gewitztheit kann man sich doch alles nehmen, was das Leben so zu bieten hat, die Letztverantwortung für jedes Tun und Handeln liegt sowieso beim Staat. Und Geiz wird deswegen als geil empfunden, weil der Geiz eine egozentrische gesellschaftliche Haltung darstellt und damit gut ins Konzept der Beliebigkeit passt: Nimm Dir, was du brauchst! Zuerst kommst Du, dann erst die anderen. Und wenn die anderen besser bedient werden, dann schrei und werde zum Opfer, siehe oben.

Werteverlust führt zu unstillbarem materialistischen Anspruchsdenken und zu einer daraus resultierenden ständigen Enttäuschung. Ohne Orientierung an den traditionellen Grundwerten entstehen dumpfe Ressentiments und Frustrationen, die wiederum die Aggressionspotenziale steigern. In einer Gesellschaft ohne Werte regiert die politische Armseligkeit, welche einen allgemeinen Niedergang erzeugt und diesen danach stetig fördert. Wer das nicht erkennt und wacker die Errungenschaften der politischen Postmoderne preist, ist zwar im Zeitgeist zuhause, in Wirklichkeit aber ein Wegbereiter des Zerfalls.

Dr. Marcus Franz ist Nationalratsabgeordneter der ÖVP und ab sofort regelmäßiger Kolumnist auf kath.net.




Foto Nationalrat Franz © Österreichisches Parlament/Parlamentsdirektion / Photo Simonis


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