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Sexuelle Übergriffe - Attacken auf die Seele

11. Mai 2018 in Kommentar, 2 Lesermeinungen
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„Etwas erstaunt mich bei dieser Geschichte: Der Mann war apriori nicht religiös, trotzdem beugte er sich der Macht seines Gewissens.“ Gastkommentar der Religionspsychologin Martha von Jesensky


Zürich (kath.net) Im Piper Verlag erschien vor kurzem ein Buch der Publizistin und Redakteurin Gina Bucher (Zürich) mit dem Titel: „Der Fehler, der mein Leben veränderte“ (2018). In diesem Buch beschreibt sie die Lebenssituation von Menschen, die eine ganz persönliche Niederlage erlitten haben, deren Leben einen schweren persönlichen Riss bekommen hat, und was sie daraus gemacht haben. Auch ein ehemaliger Bankräuber ist darunter, der sich nach seinem fünften Bankraub selber der Polizei gestellt hat. Er sagt: „Das erste Mal war ich ganz entspannt, da war das auch alles so weit in Ordnung. Aber ausschlagend war das letzte Mal, der Angestellte dort: Er war so verängstigt, dass er einen Brechanfall bekam…Ich sagte zu ihm: ‚Um Gottes willen, beruhigen Sie sich, ich tue Ihnen doch nichts.‘ Er erzählte mir von seinen Kindern. Da riss mir die Geduld: Behalten Sie Ihr Geld, ich will das alles gar nicht, und bin gegangen“. (S. 56) Was ihm bei diesem Überfall klar geworden ist, formuliert er so: „Es gibt im Leben eine Schwelle. Wenn man die überschreitet, gibt’s nur zwei Möglichkeiten. Entweder man versucht wiedergutzumachen, was man getan hat - auf irgendeine Weise, und sei es noch so schlimm. Oder aber man geht dabei selber darauf….Ich glaube, wenn eine Sache wieder einigermaßen gut werden soll, dann muss es wehtun und unter die Haut gehen, sonst wird das nichts.“ (S. 58)

Etwas erstaunt mich bei dieser Geschichte. Der Mann war apriori nicht religiös, trotzdem beugte er sich der Macht seines Gewissens.

Im Matthäusevangelium (21,12-14) geht es um die Tempelreinigung, wo wir vernehmen: „Jesus ging in den Tempel und trieb alle Händler und Käufer aus dem Tempel hinaus; er stieß die Tische der Geldwäscher und die Stände der Taubenhändler um und sagte: In der Schrift steht: Mein Haus soll ein Haus des Gebetes sein. Ihr aber macht daraus eine Räuberhöhle.“


Weiter sagte Jesus, dass der gute Hirt das Gegenbild der Räubern und Dieben ist: „Wer in den Schafstall nicht durch die Tür hineingeht, sondern anderswo einstiegt, der ist ein Dieb und ein Räuber…Der Dieb kommt nur, um zu stehlen, zu schlachten und zu vernichten.“ (Johannes, 10,1-10)

Auch im 1. Brief an die Korinther (6,12-20) wird eine Erklärung zum Tempelbegriff gegeben, den wir aber oft vergessen: „Oder wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch wohnt und den ihr von Gott habt?“

Aus dem Gesagten geht klar hervor, dass die Seele ein Werk des Heiligen Geistes ist, der unter den „Menschenkindern“ wohnt –, genannt auch Geist der Wahrheit und des Lichtes. (Vgl. Johannes 14. Kapitel und Psalm 42,3) Darum redet Augustinus, wenn er in den Selbstgesprächen auf den Heiligen Geist zu sprechen kommt, den Heiligen Geist selbst an: „…wahrlich Feuer Gottes und Meister der Geister, der du durch deine Salbung uns alle Tugend und Wahrheit lehrst. Du Geist der Wahrheit, abseits von dir kann keiner Gott gefallen.“

Da Gott Licht ist (1Joh 1,5) – so der bekannte Mystiker Johannes von Kastl (siehe hierzu „Traktat vom ungeschaffenen Licht“, abgefasst im Jahre 1410) –, kann keine Dunkelheit (der Sünde), der Falschheit und des Irrtums in ihm sein, auch nicht über irgendwelche Umwege.

Nun, nicht wenige Menschen aus allen Bereichen des Lebens, wie Lehrer, Sportler, Kulturschaffende, Politiker – aber auch manche Priester –, sind so sehr durch ihre Triebbedürfnisse und Fantasiebildern „benebelt“, dass ihnen die Kraft der Erinnerung, nämlich, dass das Opfer ihrer Sexualfantasien auch eine Seele hat, die geschädigt werden kann (und meistens auch geschädigt wird!), komplett verloren geht. Die Einsicht zu dem, so meine Erfahrung mit diesen Menschen, vor allem mit Priestern, könnte zu einer heilsamen Ernüchterung führen. Es braucht aber einen „Kampf“ dazu.

Die Mönche und Eremiten in der ersten Epoche des Christentums nahmen beispielsweise den Kampf gegen diese, wie sie sagten, „inneren „Dämonen“, bewusst auf. Sie erfuhren das „Dämonische“ vor allem in ihren Gedanken, Gefühlsregungen, Vorstellungen, Triebleben und ichbezogene Leidenschaften. Viele moderne Psychologen und Analytiker versuchen diese dunkle Seite ihrer Klienten in die Gesamtpersönlichkeit zu intergieren, statt sie schrittweise kontinuierlich zu bekämpfen. Auf diese Weise können aber Charakterfehler nicht durch die Schönheit der Tugenden „ersetzt“ werden, was eigentlich das Ziel der Therapie wäre.

Während bei den Weltleuten – so der Altvater Evragius Ponticus – Gegenstand des Kampfes Dinge sind, an denen sie hängen, so dass sie Gott vergessen, sind es bei den Mönchen meist triebgesteuerte Gedanken, die zu schlechten Taten verführen.

Übereinstimmend mit dem tiefenpsychologischen Gedankengut gilt es bis heute, was Gisbert Greshake (2002) in diesem Zusammenhang feststellt:
Die inneren Kämpfe vollziehen sich auf ganz unterschiedliche Weise: Versuchungen können erwachsen aus Zweifel und Misstrauen gegen Gott, bis hin zur Verzweiflung, aus der eignen Triebhaftigkeit mit ihren ungezügelten Vorstellungen und Projektionen, aus Allmachtsfantasien und Selbstbestätigung suchenden Vergleichen mit anderen. Ja, in der Gedankenwelt spielt sich sozusagen ein Vorentwurf dessen ab, was danach in der Praxis umgesetzt wird oder wenigstens umgesetzt werden könnte. (S. 82-83)

Natürlich kann sich die Seele nicht vollständig von ihren Trieben und Plagen befreien, um, wie Bonavertura in seinem „Wegbuch zu Gott“ sagt, sich ganz auf „das Licht der ewigen Wahrheit“ zu konzentrieren, wenn nicht Christus selbst, das Licht, das die menschliche Gestalt angenommen hat, der Seele beisteht. Das wissen auch die Priester, die entweder einen sexuellen Übergriff vollzogen haben oder tendenziell dazu neigen. Aber die Bewusstwerdung von dem, was sie damit in ihrer eigenen Seele und in der des Opfers bewirken, könnte einen heilsamen Schock bei ihnen auslösen.

Dr. phil. Martha von Jesensky (Foto) ist Religionspsychologin und praktizierende Katholikin. Die Schweizerin führte lange eine eigene Praxis in Zürich, ihren (Un-)Ruhestand verbringt sie in Matzingen TG.

Foto (c) Martha von Jesensky


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