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Türkisches Gericht annulliert Museumsstatus der Hagia Sophia

10. Juli 2020 in Aktuelles, 11 Lesermeinungen
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Im 6. Jahrhundert als größte Kirche des Christentums errichteter Kuppelbau in Istanbul kann damit wieder als Moschee genutzt werden


Istanbul  (kath.net/KAP) Das Oberste Verwaltungsgericht der Türkei hat den Weg zur Nutzung der weltberühmten Hagia Sophia in Istanbul als Moschee freigemacht. Wie die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu am Freitagnachmittag meldete, annullierten die Richter des Staatsrats (Danistay) den seit den 1930 Jahren bestehenden Status eines Museums für den Kuppelbau aus dem 6. Jahrhundert. Stattdessen könne die Hagia Sophia, die zum Unesco-Weltkulturerbe zählt, wieder für religiöse Zeremonien genutzt werden, hieß es in der Gerichtsentscheidung.

 

Seit 2004 versucht eine nationalistische Vereinigung für Denkmalschutz, die Hagia Sophia wieder als islamisches Gotteshaus zu nutzen, scheiterte damit jedoch wiederholt. Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan forcierte zuletzt vehement eine Umwidmung und bezeichnete den von Republikgründer Mustafa Kemal "Atatürk" 1934 getroffenen Beschluss für den Museumsstatus als "großen Fehler". Die säkulare türkische Opposition, Russland und die USA sowie die Europäische Union sind allerdings gegen eine Nutzung als Moschee. Noch am Freitag hatte sich EU-Kommissionsvize Margaritis Schinas gegen die Pläne Erdogans ausgesprochen. Der aktuelle Status der Hagia Sophia müsse beibehalten werden, sagte er im Europaparlament in Brüssel. Die Hagia Sophia sei ein Symbol des glaubensübergreifenden und interkulturellen Dialogs, betonte Schinas.


 

Ähnlich äußerte sich EU-Kommissionssprecher Eric Mamer. Er betonte laut italienischer katholischer Nachrichtenagentur SIR, dass für die europäische Politik die Hagia Sophia ein "Symbol der gemeinsamen Geschichte" darstelle. Noch vor Veröffentlichung des Gerichtsentscheids forderte auch die Unesco die Türkei wegen der möglichen Umwandlung der Hagia Sophia in eine Moschee zu Gesprächen auf. Jegliche Änderung müsse vorher mitgeteilt und gegebenenfalls überprüft werden, hieß es laut Agenturberichten in einer Mitteilung der UN-Organisation vom Freitag. Die Unesco forderte das Land zu Gesprächen auf, bevor eine Entscheidung getroffen werde. Wie der Pro-Oriente-Informationsdienst (Freitag) berichtete, soll sich auch die russische Staatsduma mit einem Appell an die Mitglieder der türkischen "Großen Nationalversammlung" (Parlament) gewandt haben.

 

Wörtlich heißt es in dem Appell vom 7. Juli: "Der Museums-Status, der dem Kirchen-Ensemble der Hagia Sophia durch die Entscheidung des ersten Präsidenten der Türkischen Republik, Mustafa Kemal Atatürk, zuerkannt wurde, hat den Zugang zur Kirche für so viele Menschen wie möglich gesichert." Auch der russisch-orthodoxe Patriarch Kyrill I. sprach sich kategorisch gegen eine Nutzung der Hagia Sophia in Istanbul als Moschee aus. "Jeder Versuch, das tausendjährige geistige Erbe der Kirche von Konstantinopel zu entwürdigen oder zu verletzen, wurde und wird vom russischen Volk - sowohl früher als auch jetzt - mit Bitterkeit und Empörung wahrgenommen", betonte das Kirchenoberhaupt schon am vergangenen Montag in einer schriftlichen Erklärung in Moskau. Eine Bedrohung der Hagia Sophia stelle eine "Bedrohung für die gesamte christliche Zivilisation dar, also für unsere Spiritualität und Geschichte".

 

Auch der rumänisch-orthodoxe Patriarch Daniel hat in einem Brief an den Ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel Bartholomaios I. betont, dass die rumänisch-orthodoxe Kirche die Beibehaltung des gegenwärtigen Status "der Hagia Sophia-Kathedrale als Museum" unterstütze. Bartholomaios selbst sprach sich zuletzt Ende Juni deutlich gegen eine Statusveränderung aus. Die Hagia Sophia sei eines der bedeutendsten Baudenkmäler der menschlichen Zivilisation und gehöre nicht bloß ihren unmittelbaren Eignern, sondern "der ganzen Menschheit", sagte der Patriarch bei einem Gottesdienst in Istanbul. Das türkische Volk trage die Verantwortung, diese Universalität hervorzuheben, fügte der Patriarch laut seinem vom Ökumenischen Patriarchat von Konstantinopel veröffentlichten Predigttext hinzu. Als Museum könne die Hagia Sophia als "Ort und Symbol der Begegnung, des Dialogs und des friedlichen Zusammenlebens der Völker und Kulturen, des gegenseitigen Verständnisses und der Solidarität zwischen Christentum und Islam" fungieren, betonte Bartholomaios.

 

Eine Umwandlung der Hagia Sophia in eine Moschee hingegen würde "Millionen Christen in aller Welt enttäuschen" und zu Brüchen führen. Dies genau in einer Zeit, fügte der Patriarch hinzu, "in der die geplagte und leidende Menschheit aufgrund der tödlichen Pandemie des neuen Coronavirus Einheit und gemeinsame Orientierung braucht". Die Hagia Sophia ("Göttliche Weisheit") wurde im Jahr 537 als Reichskirche des griechisch-orthodoxen Kaiserreichs Byzanz geweiht und war die größte Kirche des Christentums. Nach der Eroberung Konstantinopels, des heutigen Istanbul, durch die türkischen Osmanen wurde sie 1453 zur Moschee und mit Minaretten versehen. Republikgründer Mustafa Kemal "Atatürk" machte sie 1934 zu einem Museum. Seit 1985 stehen die Hagia Sophia und andere historische Bauwerke Istanbuls auf der Unesco-Liste für das Weltkulturerbe. 

 

Copyright 2020 Katholische Presseagentur KATHPRESS, Wien, Österreich


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