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Gesellschaft ohne christliche Identität. Die Orientierung fehlt

9. Jänner 2021 in Buchtipp, 8 Lesermeinungen
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Burkhardt Gorissen beschreibt den momentanen Ist-Zustand der Welt, die durch ungesteuerte Migration und die Corona-Krise vor einer enormen Belastungsprobe steht. Leseprobe Teil 1


Linz (kath.net)

Leseprobe 1

Als mit der Französischen Revolution die Souveränität auf das Volk überging, führten die Revolutionäre den Ehrentitel „Citoyen“ ein. Es war fortan das Synonym für den stolzen und freien Bürger. Seither sind mehr als zwei Jahrhunderte vergangen, nicht viel im Hinblick auf alle Epochen der Menschheitsgeschichte, doch mit Blick auf die rasante Entwicklung leben wir heute in einem anderen Äon. Das Paris von 1789 war die Weltstadt des Fortschritts, das Paris von heute ist eine Metropole unter vielen im globalen Dorf Erde.

Keiner kann leugnen, dass die Jahrzehnte um 1800 einen außerordentlichen Wendepunkt darstellen. In allen Lebensbereichen kommt es zu nachhaltigen Veränderungen: Wirtschaftlich durch die industrielle Revolution, die völlig neue Arbeitsbedingungen schaffte. Politisch durch die Deklaration der Menschenrechte 1776 in der Neuen Welt, und im alten Europa durch die Französische Revolution 1789. Die Ereignisse dieser wenigen Jahrzehnte markieren den wirkungsstärksten Wendepunkt zu einer neuen Zeit. Erfindungen und kapitalistisch-rationales Wirtschaften wurden zu den Motoren der neuen Entwicklung. An die Stelle des feudalen Staates trat der bürgerliche Staat. Die aufklärerischen Ideen verbreiteten sich in Windeseile. Zu denen, die um den Altar des Fortschritts tanzten und den Fortschrittsglauben mit messianischem Ehrgeiz verkündeten, gehörten Rousseau und Voltaire. Illuminiert durch freimaurerische oder rosenkreuzerische Rituale, lebten die Prediger der Aufklärung in der saumseligen Gewissheit, dass mit dem Geist des Fortschritts das alte Christentum auf ewig vertrieben sei. Religiöse Lehren wurden als simple Gebote gedeutet, die keinen Raum für Ambivalenz, für Zweifel lassen und damit die menschliche Freiheit einschränken. Stattdessen bot die Aufklärung einen Lebensplan von hinreißender Schlichtheit: Der Glaube an Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit wird den Menschen retten. Dieser Irrtum besteht bis heute im Kreis linksliberaler und linksalternativer Ideologen. Freiheit und Gleichheit aber sind Gegensatzpaare. Die totale Gleichheit hindert beispielsweise den Höherbegabten an der freien Entfaltung, die totale Freiheit begünstigt ihn, weil sie ihm erlaubt, seine Überlegenheit auszuspielen. Erst durch das versöhnende Element der Brüderlichkeit wird ein gemeinverträglicher Ausgleich geschaffen.


Die unumstößliche Gewissheit der Aufklärung gedieh auf dem Humus der Ideen von Francis Bacon und John Locke. Doch wenn man vorgab, areligiös zu sein, warum beschwor man das Religiöse im Rückgriff auf die Antike? Offenbar musste so viel Kult bei aller Religionsfeindlichkeit sein. Steckte dahinter eine Sichtweise, die den Okkultismus im Wesentlichen durchströmt und als wahre und reine philosophische Religion den Glauben an Luzifer sieht und in Luzifer den Gott des Lichtes? 1793 stürmte die vom Revolutionsgeist gepackte Menge in die Kathedrale von Notre-Dame. Dort sprang eine Sängerin aus dem Pariser Opernhimmel (andere Quellen sprechen von einer Prostituierten) auf den Altar und mimte bei einer grotesken Zeremonie unter Johlen und Gelächter der übermütigen Citoyens die „Göttin der Vernunft“ – sexuelle Penetration inbegriffen. Nach vollzogener Lästerung verbündete sich die „Göttin der Vernunft“ mit dem Tod. Ein Bündnis von Staat und Verderben, das sich bis heute als stabil erweist. Auch die heutigen Befürworter von Abtreibung und Euthanasie berufen sich, nicht anders als ihre progressiven Vordenker, auf die Vernunft. Nur die Wahl der Waffen hat sich geändert. Das Mordwerkzeug der Französischen Revolution war eine Erfindung des Arztes Joseph-Ignace Guillotin. Guillotin erklärte der Nationalversammlung, seine Erfindung sei rationaler und humaner als das bisher verwendete Richtschwert. Überdies, so führte Guillotin aus, könnten mehr Menschen in kürzerer Zeit getötet werden. Der Todgeweihte spüre in seinem Nacken nur das Zischen kühlen Metalls – an dieser Stelle verzeichnet das Parlamentsprotokoll „Gelächter“.

Die großen Verheißungen auf unbegrenzten Fortschritt, die die Revolutionäre vollmundig verkündeten, erwiesen sich bereits zur Revolutionszeit als haltlos. Stattdessen zeigte sich, wie grau alle Theorie ist, sobald Gewalt und Terror die Realität bestimmen. Chefrevoluzzer Robespierre war, wie Heinrich Heine später spottete, „nichts als die Hand von Jean-Jacques Rousseau, die blutige Hand, die aus dem Schoße der Zeit den Leib hervorzog, dessen Seele Rousseau geschaffen“[1] hat. Als Großinquisitor der Revolution ließ Robespierre lustvoll so viele Menschen hinrichten, wie er nur konnte. Auf Gesinnungsgenossen und Freimaurerfreunde nahm er dabei ebenso wenig Rücksicht wie auf die zum Plebs erklärten Adeligen. Die Tragik der Geschichte wollte, dass auch er auf dem Schafott endete.

 

kath.net Buchtipp
Gesellschaft ohne christliche Identität. Die Orientierung fehlt
Von Burkhardt Gorissen
Media Maria 2020 
176 Seiten 
ISBN: 9783947931231
Preis: Euro 17,50


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