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Pater Kraschl OFM: „Wozu Gott eigentlich um etwas bitten, was er uns ohnehin geben will?“

25. Mai 2023 in Spirituelles, 5 Lesermeinungen
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Frag den Theologen – „Dank- und Bittgebet verhalten sich dabei zueinander wie zwei Seiten einer Medaille“


Salzburg (kath.net/Antonius) kath.net übernimmt den Beitrag von Pater DDr. habil. Dominikus Kraschl OFM aus dem „Antonius“ in voller Länge und dankt der Zeitschrift der österreichischen Franziskaner für die freundliche Erlaubnis zur Weiterveröffentlichung.

Lieber P. Dominikus: Gott will offenbar, dass wir ihn um das bitten, was er uns […] ohnehin geben will. Wozu eigentlich? (Johann Pöllabauer)

Die Spannung

P. Dominikus: Im Vater Unser lehrt Jesus seine Jünger, um das tägliche Brot zu bitten (Mt 6,11). In der Bergpredigt lehrt er darüber hinaus, dass Gott für alle seine Geschöpfe wie ein guter Vater sorgt (Mt 6,26). Er «lässt seine Sonne aufgehen über Bösen und Guten, und er lässt regnen über Gerechte und Ungerechte» (Mt 5,45). Andererseits sollen wir nicht wie die Heiden beten, die meinen sie werden nur erhört, wenn sie viele Worte machen. Macht es nicht wie sie; denn euer Vater weiß, was ihr braucht, noch ehe ihr ihn bittet» (Mt 6,7f).

Ein Einwand

Da kann man sich schon fragen: Wozu eigentlich um das tägliche Brot und anderes mehr bitten, wenn Gott es uns ohnehin geben will? Dieser Einwand lässt sich in die Form folgenden Arguments bringen:

(1.) Wenn Gott gut ist, dann gibt er den Menschen, was für sie gut ist.
(2.) Was für die Menschen gut ist, ist nicht davon abhängig, ob sie darum bitten oder nicht.
(3.) Gott ist gut.
Aus (1.), (2.), (3.) folgt: (4) Gott gibt den Menschen, was für sie gut ist, ob sie darum bitten oder nicht.


Die Schlussfolgerung wirft zwei Anschlussfragen auf: (A) Welchen Sinn hat es, Gott um etwas zu bitten, wenn er ohnehin allen Gutes gibt? Und: (B) Könnte Gott nicht mitunter gute Gründe haben, Bittende und Nichtbittende ungleich zu behandeln?

Zu (A): Welchen Sinn hat es, Gott um etwas zu bitten, wenn er ohnehin allen Gutes gibt?

Man könnte meinen, es sei Sinn und Zweck des Bittgebets, Gottes Willen zu beeinflussen. Das wäre jedoch eine problematische Vorstellung. Das Bittgebet ist zuerst und vor allem Ausdruck der Einsicht, dass wir das Gute, das wir empfangen, letztlich Gott verdanken. Wir danken Gott für bereits empfangene Gaben und bitten ihn um noch nicht empfangene Gaben, weil er nicht eine dunkle Schicksalsmacht, sondern eine personale Wirklichkeit ist, die sich uns in Freiheit und Liebe zuwendet.

Dank- und Bittgebet verhalten sich dabei zueinander wie zwei Seiten einer Medaille: Das Dankgebet blickt auf Gottes gute Vorsehung zurück, das Bittgebet erhofft sie in der Zukunft. Das eine erfüllt den Beter mit Dankbarkeit, das andere mit Zuversicht. Dank- und Bittgebet sind so gesehen unverzichtbarer Ausdruck einer lebendigen, vertrauensvollen Gottesbeziehung. Von daher gilt: Das Bittgebet hätte auch dann Sinn, wenn Gott Bittende und Nichtbittende gleichbehandelte.

Zu (B): Könnte Gott gute Gründe haben, Bittende und Nichtbittende bisweilen ungleich zu behandeln?

Es gibt zweierlei Arten von Gaben, die wiederum zwei verschiedenen Gestalten des Willens Gottes entsprechen: solche, die Gott uns in jedem Fall geben will; und solche, die Gott uns nur geben will, wenn wir um sie bitten. Das Bittgebet zielt nicht darauf ab, den Willen Gottes zu beeinflussen, sondern es rechnet mit Gottes Vorsehung. Es rechnet damit, dass Gott vorgesehen hat, einige Gaben nur mitzuteilen, wenn sie erbeten werden.

Schon in der Beziehung zwischen Eltern und Kindern kann es einen Unterschied machen, ob die Kinder bitten oder nicht. Zwar werden Eltern ihren Kindern in jedem Fall Gutes geben. Es ist aber denkbar, dass sie ihnen einige Güter (etwa eine teure Ausbildung) nur zuteilwerden lassen, wenn die Kinder darum bitten.

Eltern bringen ihren Kindern schon früh bei, zu bitten, wenn sie etwas wollen, und zu danken, wenn sie etwas erhalten haben. Das hilft nicht nur im späteren Leben, sondern ist ein angemessener Ausdruck der Beziehung zwischen Personen, die sich einander in Freiheit zuwenden.

Unter gewandelten Vorzeichen gilt das auch für die Beziehung zu Gott. Wenn Gott uns einige Güter nur dann gibt, wenn wir um sie bitten, dann deshalb, weil es für uns so besser ist und weil es uns hilft, in eine vertrauensvolle Beziehung mit Gott hineinzuwachsen.

Wenn der Geber zur Gabe wird

«Wer bittet, der empfängt» (Mt 7,8), lehrt Jesus seine Jünger. Wenn wir Gott um seine Gaben bitten, sollen wir jedoch den Geber nicht vergessen. Aus diesem Grund sollen wir vor allem um den Heiligen Geist bitten, in dem der Geber selbst zu Gabe wird:
«Wenn nun schon ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gebt, was gut ist, wie viel mehr wird der Vater im Himmel den Heiligen Geist denen geben, die ihn bitten» (Lk 11,13). Wir sollten Gott also nicht nur um seine Gaben bitten, sondern um Gott selbst! Ja, man kann sagen: Im Heiligen Geist macht sich der Geber aller Gaben für uns zur Gabe!

Wenn Gott Bittende anders behandelt als Nichtbittende, dann nicht, weil er den einen gut ist und den anderen nicht. Vielmehr ist es für unsere Gottesbeziehung oft genug besser, etwas nur dann zu empfangen, wenn es zuvor vertrauensvoll erbeten wurde.

P. Dr. Dr. habil. Dominikus Kraschl OFM lehrt Philosophie an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Benedikt XVI. Heiligenkreuz. Die Zeitschrift "ANONTIUS. Franziskanisches Magazin für Evangelisierung und Leben" erscheint sechsmal jährlich. Sie kann kostenfrei abonniert werden bei: [email protected]

 


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