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Geschichte eines Widerstands gegen Angst und Hoffnungslosigkeit

9. Juli 2023 in Chronik, keine Lesermeinung
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«Es gab nichts, was dazu geführt hätte, dass man Gott, dem Herrn, nicht vertrauen könnte.» Interview mit dem Basilianerpater Ihnatij Moskalyuk OSBM aus Cherson von Maria Lozano.


Cherson/Luzern (kath.net/ KiN)
Russische Truppen eroberten Anfang März 2022 die südukrainische Stadt Cherson. Neun Monate lang stand die Stadt unter russischer Besatzung, bis eine ukrainische Gegenoffensive die Russen Anfang November zum Rückzug aus dem Gebiet um Cherson zwang. Aufgrund des Mangels an Strom und Heizung sowie des nahenden Winters evakuierte der ukrainische Staat im November 2022 alle Ausreisewilligen. Russische Truppen bezogen Stellungen auf der gegenüberliegenden Seite des Dnjepr. Ende Januar 2023 lebten in der Stadt Cherson schätzungsweise noch 40 000 Einwohner. Monatelang wurde die Stadt täglich mit Artillerie und Raketen bombardiert. Am 6. Juni 2023 wurde der nahegelegene Kachowka-Staudamm zerstört.

Maria Lozano von «Kirche in Not (ACN)» sprach mit Projektpartner Pater Ihnatij Moskalyuk OSBM vom Basilianerkloster St. Josef, der die ganze Zeit mit seinem Mitbruder Pio in Cherson geblieben ist, um den Menschen zu helfen.

Wie hat sich Ihr Leben seit Februar 2022 verändert?
Wie sich mein Leben seit dem 24. Februar 2022 verändert hat, kann man kaum beschreiben. Seit Beginn des Krieges kann jeder Tag der letzte Tag in meinem Leben sein. Und wenn ich mich schlafen lege, weiss ich nicht, ob ich den nächsten Morgen erleben werde. Und so ist es jeden Tag.

Von der Psyche her war es schwer für mich, damit umzugehen. Dann begann ich, den Herrn im Allerheiligsten Sakrament anzubeten, und bat Ihn darum, mir eine Antwort zu geben. Und dann erhielt ich in meinem Herzen so etwas wie Mut, und ich sagte zu Bruder Pio, der während der Besatzung mit mir hiergeblieben ist, dass wir von da an wie vor dem Krieg leben würden: im Gebet und im Dienst an den Menschen, die noch in Cherson geblieben waren. Und es sind gerade die älteren Leute geblieben, die Kranken und auch junge Leute, die nirgendswo hingehen können und die in Cherson vom Krieg überrascht worden sind. Man kann diese Menschen nicht alleinlassen.

Welche Auswirkungen hat die Zerstörung des Nowa-Kachowka-Staudamms auf Sie und Ihr Umfeld?
Als wir aus den Medien erfuhren, dass der Nowa-Kachowka-Damm zerstört worden sei und das Wasser in Cherson bis zu drei oder vier Meter steigen könnte, haben alle Angst bekommen. Was wird geschehen? Welche Folgen wird das Hochwasser haben? Aber so, wie es am Anfang des Krieges war, ist es auch jetzt: Es gab nichts, was dazu geführt hätte, dass man Gott, dem Herrn, nicht vertrauen könnte. Und so begannen wir, wirklich auf Gott zu vertrauen, und legten in Seine Hände alles, was jetzt geschehen und was nach dem Hochwasser sein würde.


Wirklich, es war schrecklich mit eigenen Augen mitanzusehen, wie Gebäude weggespült wurden, wie Tiere versanken, wie Menschen gerettet werden mussten, die in ihren Häusern geblieben waren. Das war schrecklich, aber das Vertrauen auf Gott blieb bestehen, dass das Böse nicht siegen kann, dass der Herrgott uns die Kraft gibt, es auszuhalten, wie wir unter der Besatzung durchhielten. Deshalb war mein Herz ruhig.

Haben Sie darüber nachgedacht, Cherson zu verlassen?
Ich erinnere mich daran, wie nachdem die neunmonatige Besatzung endete, ich physische und geistliche Erholung benötigte und ich den Menschen in Cherson erzählte, dass ich in die Westukraine fahren würde, um meine Gesundheit wiederherzustellen. Die Gläubigen schauten mir in die Augen und fragten: „Werden Sie zu uns zurückkehren, Pater?“ Ich sah die Gesichter, sah die Tränen in den Augen dieser Menschen und sagte ihnen: „Ja! Ich lasse euch nicht im Stich. Ich werde bis zum Ende bei euch bleiben, solange der Herrgott das will. Solange es Sein Wille ist, werde ich bei euch sein.“  

Wie viele Katholiken leben noch in der Region Cherson?
Vor dem Krieg setzte sich unsere Pfarrei zu 95% aus griechisch-katholischen Gläubigen aus der Westukraine zusammen, die nach dem Zweiten Weltkrieg umgesiedelt worden waren. Dazu zählten ihre Kinder und Enkel und auch diejenigen, die zum Studieren hierhergekommen waren und dann blieben, um zu arbeiten. Nur 5% von diesen Menschen waren in Cherson geboren. Die kommunistische Regierung hatte in den Herzen der Menschen dieser südlichen und östlichen Gebiete der Ukraine das Kostbarste zerstört: den Glauben an Gott. Aber jetzt besteht unsere Pfarrei zu 97% aus Leuten, die aus Cherson stammen, denn der Krieg hat das Denken sehr verändert.

Was ist passiert? Wie erklären Sie sich das?
Dadurch, dass wir den Menschen in unserem Kloster helfen, Hilfe verteilen, den Menschen Aufmerksamkeit widmen, spüren sie, dass wir sie lieben, dass wir sie achten, dass sie uns wichtig sind. Dies alles regt die Menschen dazu an, über ihr Leben nachzudenken und sich zu fragen: „Warum lebe ich hier auf der Erde? Wer ist Gott? Was hat Er für mich getan? Und wie danke ich Gott dafür und welche Schlüsse ziehe ich daraus?“

Die Menschen stellen sich diese Fragen und suchen eine Antwort darauf. Jetzt kommen sehr viele zu unserem Kloster und bitten um die Taufe, um das Sakrament der Ehe oder der Busse; jeden Tag kommen 25 oder sogar 30 Personen zur Messfeier, darunter sind Kinder, Jugendliche… Das erfreut das Herz. Das Opfer, das Bruder Pio und ich zur Zeit der Besetzung gebracht haben, trägt jetzt Früchte.

Was können wir tun, um Ihnen und Ihre Gemeinde zu helfen?
Als Ordensleute in unserem Kloster in Cherson benötigen wir nichts. Gott sei Dank ist das Kloster unbeschädigt, alles funktioniert, wir haben zu essen, wir haben alles. Aber mein Herz schmerzt um der Menschen willen, denen der Krieg die Wohnung genommen hat, die unter freiem Himmel geblieben sind, ohne ein Dach über dem Kopf. Für sie tut mein Herz weh. Es tut mir auch leid für diejenigen, die in ihren Häusern geblieben sind und nicht weggehen konnten, weil sie älter oder schon schwach sind, weil sie durch Krankheit ans Bett gefesselt sind. Sie brauchen zu essen, sie brauchen Hygieneartikel, Windeln, Waschpulver, denn Lebensmittel sind noch irgendwie erhältlich, aber die anderen Sachen fehlen in Cherson.

Ich danke Gott für alles. Manches erhalten wir von Freiwilligen. Jemand gibt etwas, und so können wir ein bisschen was verteilen. Dafür danke ich allen, die ein offenes Herz haben und uns immer helfen. Und ich danke Gott dafür, dass unsere Hände die Hände Gottes sein können, der uns zu denjenigen Menschen schickt, die uns am nötigsten brauchen. «Kirche in Not (ACN)» danke ich dafür, dass es uns den Kauf eines Autos ermöglicht hat. Ein Wagen ist in unserer Seelsorge nötig, besonders jetzt in dieser bitteren Lage.

Ist es nicht besonders schwer zu danken, gerade in dieser Zeit?
In der Zeit der Besetzung und des Krieges habe ich gelernt, noch mehr auf Gott zu vertrauen. Ich habe ihm auch vorher vertraut, aber dieses Vertrauen war vielleicht nicht so stark, wie es jetzt ist. Ich danke Gott jetzt für jeden mir geschenkten Tag, dafür, dass ich für Gott und die Menschen leben darf; dass ich täglich mein Leben aufopfern darf. Das grösste Wunder in dieser Zeit ist, dass ich heil bin und Gott mich vor allem Bösen bewahrt hat. Ein Wunder ist auch, dass unser Kloster und unsere Kirche bewahrt geblieben sind, dass wir einen Ort haben, an dem wir beten können, und dass unsere Kirche nicht leer ist, sondern Menschen dorthin kommen. Und ich danke Gott dafür, dass Er uns den heiligen Josef als Patron gegeben hat, in dessen Hände ich unser Kloster und unsere Stadt lege. Dafür danke ich Gott und dem heiligen Josef, die sich um uns kümmern.

«Kirche in Not (ACN)» unterstützte Projekte in der Ukraine im Jahr 2022 mit rund CHF 10 Mio.

Foto : Basilianerpater Ignatius Moskalyuk bei der Taufe von Erwachsenen. © «Kirche in Not (ACN)» Schweiz

 


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