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Zwischen Gebetswort und politischem Urteil. Der Friede und die Ordnung

vor 2 Stunden in Weltkirche, 3 Lesermeinungen
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Leo XIV.: Christliche Mahnung oder moralische Einebnung? Eine kritische Lektüre des päpstlichen Friedensaufrufs. Ein hoher Appell und seine Grenzen. Von Armin Schwibach


Rom (kath.net/as) Papst Leo XIV. hat beim Angelus vom 22. März 2026 erneut seiner tiefen Sorge über den Krieg im Mittleren Osten Ausdruck verliehen. Wörtlich sagte er: „Mit Besorgnis verfolge ich weiterhin die Lage im Nahen Osten sowie in anderen Regionen der Welt, die von Krieg und Gewalt heimgesucht werden“. Weiter sprach er vom Leiden „so vieler wehrloser Menschen“, die Opfer dieser Konflikte seien, und fügte hinzu: „Der Tod und der Schmerz, die diese Kriege verursachen, sind ein Skandal für die gesamte Menschheitsfamilie und himmelschreiend!“. Schließlich erneuerte er den Aufruf, „im Gebet auszuharren, damit die Feindseligkeiten ein Ende finden und sich endlich Wege des Friedens eröffnen, die auf aufrichtigem Dialog und der Achtung der Würde jedes Menschen beruhen“. 

Man wird zunächst die unbestreitbare Wahrheit dieses Appells hervorheben müssen. Der Papst verteidigt das Recht der Opfer, nicht in der Sprache von Strategie, Geopolitik und Schlagkraft ausgelöscht zu werden. Er erinnert daran, dass auch dort, wo Staaten handeln, Raketen fliegen und Militärs kalkulieren, immer der konkrete Mensch im Zentrum bleibt: der Unschuldige, der Schutzlose, das Kind, die Mutter, der Alte, der Verwundete. In diesem Sinn ist die Mahnung nicht sentimental, sondern zutiefst christlich. Das Leiden der Wehrlosen ist kein Kollateralschaden der Geschichte, sondern ein Anruf an das Gewissen. Und doch muss gerade an diesem Punkt eine kritische Rückfrage beginnen. Ein christliches Urteil über Krieg darf sich nicht in der Benennung des Leidens erschöpfen, es muss unterscheiden. Es muss nach Verantwortung fragen. Es muss Schuld benennen. Es muss sagen, ob hier bloß zwei Gewalten aufeinanderprallen oder ob ein verbrecherisches Regime bekämpft wird, das durch Ideologie, Terror, Stellvertreterkrieg, Drohung und systematische Destabilisierung einer Region, ja der Welt selbst zu den Ursachen des Konflikts gehört. Wo diese Unterscheidung nicht erfolgt und benannt wird, entsteht ein moralischer Nebel, in dem eigentliche Täter und Angegriffene, Aggressor und Verteidiger, Terrorregime und bedrohte Bevölkerung sprachlich gefährlich nahe aneinandergerückt werden. Wenn also von „Krieg und Gewalt“ die Rede ist, ohne die sittliche Struktur des Konflikts zu benennen, dann entsteht eine Art universaler Betroffenheitssprache, die alles in ein gemeinsames Dunkel taucht. Die Tradition der Kirche in ihrer klassischen Gestalt kennt nicht nur die Klage über den Krieg, sondern auch die Frage nach der gerechten Verteidigung. Sie weiß, dass nicht jede Gewaltanwendung sittlich identisch ist. Sie fragt nach legitimer Autorität, gerechtem Grund, rechter Absicht, Verhältnismäßigkeit und nach dem Schutz der Nichtkombattanten. Wer nur den Schmerz beschreibt, aber die Ordnung des Urteils hintansetzt, bleibt auf halbem Weg stehen.


Hier wäre die augustinische Einsicht von bleibender Bedeutung: Friede ist nicht einfach die Abwesenheit von Kampf. Friede ist tranquillitas ordinis, die Ruhe der Ordnung. Diese berühmte Bestimmung stammt aus dem 19. Buch von De civitate Dei, wo Augustinus schreibt: „Pax omnium rerum tranquillitas ordinis“ - der Friede aller Dinge ist die Ruhe der Ordnung.  Aus dieser Perspektive genügt es nicht, die Einstellung der Feindseligkeiten zu wünschen. Man muss vielmehr auch fragen, welche Ordnung hier verteidigt oder zerstört wird. Wenn ein Regime seine Macht aus Terror, Hass, Vernichtungsdrohungen und regionaler Destabilisierung bezieht, dann kann der Weg zum Frieden gerade nicht in einer bloß abstrakten Dialogformel liegen. Dann kann Widerstand gegen das Böse eine Bedingung des Friedens sein.

Damit ist noch nicht gesagt, dass jeder militärische Schlag gerechtfertigt wäre: natürlich nicht. Gerade eine ernste katholische Analyse wird sofort die Gegenfragen stellen müssen: Sind die Mittel verhältnismäßig? Wird das Leben von Zivilisten geschont? Gibt es ein realistisches politisches Ziel? Wird eine größere Katastrophe verhindert oder beschleunigt? Gibt es eine verantwortete Strategie für die Zeit nach den Angriffen? All dies gehört zur sittlichen Beurteilung. Diese Fragen setzen aber eben voraus, dass man zuvor den Charakter des bekämpften Regimes überhaupt klar benennt. Wird dieser erste Schritt gescheut, landet manfast zwangsläufig in einer Sprache der allgemeinen Äquidistanz. Problematisch zu sehen ist deshalb besonders das Wort von den „Wegen des Friedens“, die auf „aufrichtigem Dialog“ beruhen sollen. Gewiss: Der Papst spricht hier aus dem tiefen Impuls des Evangeliums. Kein Christ kann den Frieden geringachten. Kein Christ darf sich an Krieg gewöhnen. Und doch hat der Begriff des Dialogs dort eine Grenze, wo der Gegner das Gespräch nicht als Suche nach Wahrheit, sondern als Instrument der Verzögerung, Täuschung und Machtsicherung versteht. Dialog ist kein sakrales Zauberwort, er setzt einen Mindestwillen zur Wahrheit voraus. Wo dieser fehlt, fehlt dem Wort Substanz. Mit einem Terrorregime kann man unter Umständen verhandeln, aber man sollte nicht so sprechen, als sei Verhandeln schon an sich eine sittlich tragfähige Friedensformel.

Gerade hier berührt die Anfrage eine tiefere Schicht des gegenwärtigen kirchlichen Sprachgebrauchs. In vielen Äußerungen unserer Zeit wird der Friede fast ausschließlich anthropologisch und emotional beschrieben: Leid vermeiden, Wunden heilen, Würde achten, Gewalt stoppen. Alles das ist richtig, aber nicht vollständig. Denn die politische und sittliche Wirklichkeit kennt auch das Böse als Machtgestalt. Sie kennt Regime, die nicht einfach „Konfliktparteien“ sind, sondern systematische Zerstörer von Ordnung. Gegenüber solchen Mächten genügt es nicht, die universale Menschenwürde zu beschwören. Es ist auch an die Pflicht zur Abwehr des Bösen zu denken.

Die Würde jedes Menschen bleibt unantastbar. Aus dieser Wahrheit folgt jedoch gerade nicht, dass jede politische Konstellation unter denselben moralischen Begriff fällt. Die Würde des Täters hebt die Verantwortung des Täters nicht auf. Die Würde des Aggressors nimmt dem Angegriffenen nicht das Recht auf Verteidigung. Die christliche Anthropologie schließt das Gericht nicht aus, sondern verlangt es. Barmherzigkeit ohne Wahrheit wird sentimental. Wahrheit ohne Barmherzigkeit hart. Der Appell des Papstes ist hier stark in der Barmherzigkeit, aber zu zurückhaltend in der Wahrheit des politischen Urteils. Freilich muss man der Fairness halber hinzufügen: Ein Wort beim sonntäglichen Angelus kannn und will keine völkerrechtliche Abhandlung und kein Traktat über die Lehre vom gerechten Krieges sein. Das Petrusamt, der Stellvertreter Christi spricht auf einer höheren Ebene und in einem eschatologischen Horizont. Es will das Gewissen wachhalten und vor der Verrohung schützen. Leo XIV. wollte offenkundig nicht militärische Operationsformen kommentieren, sondern den Blick auf die Opfer lenken und zu einem Ende der Gewalt drängen. Dieses unveräußerliche Anliegen des Pastor Bonus enthebt jedoch nicht der theologisch gebotenen Notwendigkeiten. Das Amt des Papstes hat Gewicht, gerade auch dann, wenn es allgemein spricht, und allgemeine Sprache ist niemals unschuldig. Wo sie die konkrete moralische Gestalt eines Konflikts nicht mehr deutlich macht, kann sie ungewollt zur Einebnung beitragen. Ein Terrorregime erscheint dann nicht mehr als Ursprung einer besonderen Unordnung, sondern nur noch als Teil eines allgemeinen Kriegsleidens. Der Blick auf die Opfer wird geschärft. Der Blick auf die Ursachen wird abgeschwächt. Aber: Friede ist nicht einfach das Schweigen der Waffen. Friede ist die Frucht der Wahrheit und die Ruhe einer gerechten Ordnung. 


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Lesermeinungen

 Stefan Fleischer vor 25 Minuten 

Und die Frage stellt sich

Und die Frage stellt sich
ob wir Christen (so weit als möglich zusammen mit allen anderen Glaubensüberzeugungen) nicht wieder viel mehr Gott, unseren Schöpfer und Herrn, ins Spiel bringen müssten. Er allein ist der allwissenden und allmächtige, der absolut gerechte Richter der Lebenden und der Toten. Vor ihm wird sich jeder Einzelne persönlich verantworten müssen. Je mehr dieses Verantwortungsbewusstsein in die Köpfe und Herzen aller Menschen eindringt, desto leichter wird es, eine Weltordnung aufzubauen, deren erstes Ziel der Friede ist, der Friede mit Gott und unter uns Menschen. Desto leichter wird es dann auch für den Einzelnen, die Gemeinschaften und Völker, nötigenfalls teilweise oder auch ganz auf sein/Ihr Recht zu verzichten und auf Gott zu vertrauen, der jedem vergilt, wie es seine Taten (und Worte und Gedanken) verdienen.


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 Versusdeum vor 44 Minuten 
 

Immerhin darf man wieder das Wort "Frieden" verwenden,

ohne sofort maximalstmöglich diffamiert zu werden. Möge das Leid der Menschen auf allen Seiten möglichst bald ein Ende finden. Beten wir Frieden, ja um guten Frieden in Freiheit, denn wir wissen nicht, wann oder durch wen wir selbst mehr als nur punktuell (die vielen und teils vertuschten islamistischen Anschläge im eigenen Land)
zum (Bürger-) Kriegsland werden können.


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 Richelius vor 2 Stunden 
 

Wenn jetzt aber der US-Präsident sagt, daß eine Regimewechsel nicht Kriegsziel sei, stellt sich die Frage nach der Legitimität des Krieges erst Recht.


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