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MAGNIFICA HUMANITAS

vor 3 Stunden in Aktuelles, 1 Lesermeinung
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Der Text der ersten Enzyklika von Papst Leo im WORTLAUT auf kath.net


Rom (kath.net)

ENZYKLIKA MAGNIFICA HUMANITAS DES HEILIGEN VATERS LEO XIV. ÜBER DIE BEWAHRUNG DES MENSCHEN
IM ZEITALTER DER KÜNSTLICHEN INTELLIGENZ

EINLEITUNG

Die res novae unserer Zeit
Zwei biblische Bilder
Im Guten aufbauen
Menschlich bleiben

ERSTES KAPITEL

EIN DYNAMISCHES DENKEN IM GEISTE DES EVANGELIUMS

EINE KIRCHE UNTERWEGS IN DER GESCHICHTE DER MENSCHHEIT
Die Weisheit des Wortes Gottes und der Dialog mit den Geisteswissenschaften
Die Soziallehre als gemeinschaftliche Entscheidungsfindung
DIE ENTWICKLUNG DER KIRCHLICHEN SOZIALLEHRE VON LEO XIII. BIS HEUTE
Die ersten Schritte der Soziallehre der Kirche
Die Jahre des Zweiten Vatikanischen Konzils
Das jüngere Lehramt
EINE DEUTUNG DER GESCHICHTE IM LICHT DES GLAUBENS

ZWEITES KAPITEL

GRUNDLAGEN UND PRINZIPIEN DER SOZIALLEHRE DER KIRCHE

DIE GRUNDLAGEN DER SOZIALLEHRE
Der Mensch als Abbild des dreifaltigen Gottes
Die gleiche Würde aller Menschen
Der sehr hohe Wert der Menschenrechte
DIE PRINZIPIEN DER SOZIALLEHRE
Das Prinzip des Gemeinwohls
Das Prinzip der allgemeinen Bestimmung der Güter
Das Subsidiaritätsprinzip
Das Solidaritätsprinzip
Das Prinzip der sozialen Gerechtigkeit
DIE GANZHEITLICHE MENSCHLICHE ENTWICKLUNG
VERGEWISSERUNG FÜR DIE KIRCHE

DRITTES KAPITEL
TECHNIK UND HERRSCHAFT.

DIE GRÖSSE DER MENSCHLICHEN PERSON ANGESICHTS DER
VERSPRECHEN DER KI
DAS TECHNOKRATISCHE PARADIGMA UND DIE DIGITALE MACHT
KÜNSTLICHE INTELLIGENZ
Ein wertvolles Hilfsmittel, das Vorsicht erfordert
Verantwortung, Transparenz und Steuerung von KI
WAS WIR NICHT VERLIEREN DÜRFEN
Zugrundeliegende Narrative: Transhumanismus und Posthumanismus
Die Begrenztheit, das Herz, die Größe des Menschen
DAS WAHRE MORE THAN HUMAN: GNADE UND CHRISTLICHER HUMANISMUS
ZWEI STÄDTE UND ZWEI ARTEN VON LIEBE

VIERTES KAPITEL

DAS MENSCHLICHE IN ZEITEN DES WANDELS BEWAHREN.

WAHRHEIT, ARBEIT, FREIHEIT
DIE WAHRHEIT ALS GEMEINGUT
Wahrheit und Demokratie
Kommunikation und kollektive Vorstellungswelt
Für eine Ökologie der Kommunikation
Ein Bildungsbündnis für das digitale Zeitalter
Die zentrale Rolle der Schule
DIE WÜRDE DER ARBEIT IM DIGITALEN WANDEL
Der Wert der Arbeit
Das Problem der Arbeitslosigkeit
Eine Wirtschaft, die die Würde hervorhebt
Familie und Jugend: gesellschaftliche Voraussetzungen der Hoffnung
DIE FREIHEIT VOR ABHÄNGIGKEIT UND KOMMERZIALISIERUNG SCHÜTZEN
Abhängigkeiten und soziale Kontrolle
Die Ketten der neuen Formen der Sklaverei sprengen
EINE GEMEINSAME VERANTWORTUNG

FÜNFTES KAPITEL
DIE KULTUR DER MACHT UND DIE ZIVILISATION DER LIEBE

DIE ZIVILISATION DER LIEBE IM DIGITALEN ZEITALTER
DIE KULTUR DER MACHT
Die Normalisierung des Krieges
Entgrenzte Gewalt
Waffen und KI
Die Krise des Multilateralismus
Ein vermeintlicher politischer Realismus
DIE ZIVILISATION DER LIEBE ERREICHTEN
Wir alle können unseren Beitrag leisten.
Die Worte entwaffnen
Frieden in Gerechtigkeit aufbauen
Die Perspektive der Opfer einnehmen
Einen gesunden Realismus pflegen
Den Dialog neu anstoßen
Die Notwendigkeit von Diplomatie und Multilateralismus
Beten und hoffen

SCHLUSS

Das Wort ist Fleisch geworden.
Ein Leib in Christus
Die Baustelle unserer Zeit
Das Lied der Hoffnung: das Magnifikat

EINLEITUNG

1. Die von Gott geschaffene GROSSARTIGE MENSCHHEIT steht heute vor einer entscheidenden Wahl: Entweder sie errichtet einen neuen Turm zu Babel oder sie erbaut die Stadt, in der Gott und die Menschheit gemeinsam wohnen. Jede Generation erbt die Aufgabe, die eigene Zeit zu gestalten, damit die Geschichte zu einem Ort reifen kann, an dem die Würde jedes Menschen gewahrt, Gerechtigkeit gefördert und Geschwisterlichkeit ermöglicht wird. Doch jeder Epoche droht die Gefahr, dass die Welt unmenschlich und ungerechter wird. Wo die Menschheit riskiert, ihr wahres Gesicht zu verlieren, da erheben wir Christen unseren Blick zu dem Gott, der Mensch geworden ist, in dem Wissen, dass sich »nur im Geheimnis des fleischgewordenen Wortes das Geheimnis des Menschen wahrhaft« aufklärt. Diese großartige Menschheit wird in Jesus Christus zum Weg, zur Wahrheit und zum Leben und eröffnet jedem von uns den Weg zur Erfüllung.

2. Auf Christus, den lebendigen Stein, gegründet, erfahren wir das mächtige und  geheimnisvolle Wirken des Heiligen Geistes, und wir glauben, dass jedes echte menschliche Bemühen, mit ihm zum Guten zusammenzuarbeiten, von unserem himmlischen Vater, auf den wir unsere Hoffnung setzen, gesegnet ist. Deshalb können wir uns engagiert an all den Initiativen beteiligen, die eine gerechtere Welt aufbauen, und können wir auch andere dazu aufrufen, bei der Förderung der ganzheitlichen Entwicklung jedes Menschen mit uns zusammenzuarbeiten. Wir möchten in Dialog mit allen Männern und Frauen unserer Zeit treten, mit denen wir
die Ereignisse, Fragen und Wünsche der Menschheit teilen.2 Wir wollen gemeinsam mit ihnen neue Wege zur Verwirklichung des Gemeinwohls und zur Förderung eines würdigen Lebens für alle finden. Diese Haltung des Dialogs ist ein wesentlicher Bestandteil der Berufung der Kirche, denn »sie ist ja in Christus gleichsam das Sakrament […] für die innigste Vereinigung mit Gott wie für die Einheit der ganzen Menschheit« und erkennt in der Geschichte den Ort, an dem das Evangelium die
menschliche Erfahrung herausfordert und begleitet.

3. In diesem Geiste veröffentlichte Leo XIII. im Jahr 1891 die Enzyklika „Rerum novarum“, deren 135-jährigen Jahrestag wir in nun mit großer Dankbarkeit begehen. Mit jenem Dokument gab mein geliebter Vorgänger den Anstoß zu jener Reflexion
über Gesellschaft, Wirtschaft und Politik, die wir heute als „Soziallehre der Kirche“ bezeichnen. Und als einige einwandten, die Kirche solle keine Energie auf weltliche Angelegenheiten verschwenden, sondern sich vielmehr darauf konzentrieren, eine Botschaft des ewigen Lebens zu vermitteln, antwortete er mit Realismus und Weisheit, dass die Verkündigung des Evangeliums das konkrete Leben der Menschen nicht außer Acht lassen darf.  Seitdem sind viele Jahrzehnte vergangen, und das Lehramt, die Hirten, die Theologen und die Gläubigen haben im Lichte des Evangeliums über soziale Fragen weiter nachgedacht. Heute ist die
Soziallehre der Kirche ein Schatz an Weisheit, in dem wir Denkgrundsätze, Kriterien zum Unterscheiden und Urteilen sowie konkrete Handlungsorientierungen finden.


Sie gründet auf der Heiligen Schrift und der Tradition und hilft uns im Dialog mit den Wissenschaften, die Herausforderungen der Gegenwart hellsichtig zu deuten und geeignete Wege aufzuzeigen, um freudig ein klares christliches Zeugnis zu geben, das der Welt dient. Die Soziallehre ist kein statisches Begriffsgefüge, sondern ein lebendiges Korpus an Wahrheiten, der die Berufung der Menschheit zu einem erfüllten und gerechten Leben bewahrt und auslegt. Zu dieser lebendigen Tradition möchte auch ich meinen Beitrag leisten und dazu erbitte ich den Beistand des Geistes der Weisheit, der von Anfang an in der Welt zugegen ist (vgl. Spr 8, 22-31). 

Die res novae unserer Zeit

4. Wenn Leo XIII. zu seiner Zeit von „Neuerungen“ (rerum novarum) sprach, können wir heute nicht einfach seine wertvollen Lehren wiederholen, sondern müssen Gott um Weisheit bitten, um die großen Entwicklungen unserer Zeit recht zu deuten, insbesondere die im Bereich der Technik. In den letzten Jahren ist immer deutlicher geworden, wie rasch und tiefgreifend Digitalisierung, Künstliche Intelligenz (KI) und Robotik unsere Welt verändern. Die Technik ist an sich nicht als eine menschenfeindliche Kraft zu betrachten; im Gegenteil, sie ist von Anfang an in unserer Geschichte verwurzelt, als »eine zutiefst menschliche Erscheinung, die an die Autonomie und Freiheit des Menschen geknüpft ist«. Die technische Entwicklung hat im Laufe der Jahrhunderte zu einer erheblichen Verbesserung der Lebensbedingungen der Menschheit beigetragen; zugleich hat jede Phase des Fortschritts auch die Ambivalenz von Werkzeugen offenbart, die in der Lage sind, Schaden anzurichten, wenn sie nicht auf das Gute ausgerichtet sind. Heute sehen wir uns jedoch mit einer neuen Situation konfrontiert, in der die Macht und Omnipräsenz neuer Technologien die Struktur des täglichen Lebens durchwirken, Entscheidungsprozesse prägen und die kollektive Vorstellungswelt tiefgreifend
beeinflussen: »Nie hatte die Menschheit so viel Macht über sich selbst«. Die neuen Technologien eröffnen einen Horizont, der sich in Richtungen erstreckt, die sich zwar erahnen, aber noch nicht vollständig vorhersagen lassen. Dies erschwert die Beurteilung ihrer Auswirkungen und langfristigen Folgen für die Würde des Einzelnen und für das Gemeinwohl.

5. Nun ist es an uns, den Herausforderungen unserer Zeit mit Klarheit und Verantwortungsbewusstsein zu begegnen. Es ist notwendig, angemessene Regulierungsinstrumente einzuführen, die in der Lage sind, die Gerechtigkeit zu schützen und die verzerrenden Auswirkungen von technologischer Macht einzudämmen. Doch das Problem beschränkt sich nicht auf die Regulierung. Wie Papst Franziskus warnte, müssen wir uns ganz realistisch fragen, wer diese Macht heute innehat und zu welchen Zwecken sie eingesetzt wird: »Wir können aber nicht unbeachtet lassen, dass die Nuklearenergie, die Biotechnologie, die Informatik, die Kenntnis unserer eigenen DNA und andere Fähigkeiten, die wir erworben haben […] denen, welche die Kenntnis und vor allem die wirtschaftliche Macht besitzen, sie einzusetzen, eine beeindruckende Gewalt über die gesamte Menschheit und die
ganze Welt«7 verleihen. In der Vergangenheit waren es in erster Linie die Staaten, die Innovationen lenkten und steuerten. Heute sind die Haupttriebkräfte der Entwicklung hingegen private, oft transnationale Akteure, die über Ressourcen und
Handlungsmöglichkeiten verfügen, die denen vieler Regierungen überlegen sind. Die technologische Macht nimmt somit eine beispiellose, vorwiegend „private“ Gestalt an und ist aus diesem Grund noch schwieriger zu erkennen, zu steuern und auf das
Gemeinwohl auszurichten.

6. Deswegen ist es erforderlich, einen gemeinsamen Reflexionsprozess einzuleiten, der in der Lage ist, die geistigen und kulturellen Wurzeln der laufenden Veränderungen zu ergründen. Wenn wir uns auf unwesentliche Umstände beschränken, laufen wir Gefahr, dass nicht wir selbst, sondern aufeinanderfolgende Notsituationen die Richtung unseres Weges bestimmen. Wir durchleben eine rasante Übergangsphase, einen „Epochenwandel“, in dem – während einige um die Zukunft der neuen Technologien wetteifern und andere sich eingehend mit ihnen auseinandersetzen – die meisten Menschen in einer Art Wartestellung verharren, aus der Ferne beobachten und einfach hoffen, dass alles gut gehen wird. Genau aus diesem Grund stellen sich unserem Gewissen entscheidende Fragen, denen wir uns nicht länger entziehen können: Wohin gehen wir? Auf welches Ziel wollen wir uns ausrichten? Welche Richtung sollen wir als Menschheit und als Völker einschlagen? 

Zwei biblische Bilder

7. Um diese Fragen zu beantworten und zu erkennen, wie wir verantwortungsvoll im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz leben können, möchte ich an zwei biblische Bilder erinnern: den Turmbau zu Babel (vgl. Gen 11,1-9) und den Wiederaufbau der
Mauern Jerusalems (vgl. Neh 2-6). Im Buch Genesis steht die Erzählung von Babel am Anfang der Menschheitsgeschichte, unmittelbar nach den Stammbäumen der Söhne Noachs. Nachdem sich die Menschen in der Ebene von Schinar niedergelassen hatten, beschlossen sie, eine Stadt und einen Turm zu bauen, »mit einer Spitze bis in den Himmel« (Gen 11,4). Da sie fürchten, über die Erde zerstreut zu werden, wollen sie sich Stabilität und Macht sichern und sich vor allem „einen Namen machen“. Das Unterfangen erscheint beeindruckend: eine einzige Sprache, eine einzige Technologie, eine einzige Richtung. Doch das Projekt verbirgt eine tiefgreifende Gefahr: Es ist ein Werk, das ohne Bezug zu Gott konzipiert worden ist, gestützt auf eine Einheitlichkeit, die Vielfalt ausschließt und sich statt für Gemeinschaft für Vereinheitlichung entscheidet. Wenn die Stadt auf dem Fundament des Stolzes und anmaßender Selbstgenügsamkeit erbaut wird, bricht die Kommunikation zusammen, die Sprachen vermischen sich und die Menschen verstehen einander nicht mehr. Das Ergebnis ist nicht Einheit, sondern Zerstreuung. Babel offenbart somit die Grenzen eines jeden noch so grandios anmutenden Gebildes, das aus der Verabsolutierung des Menschen und aus seiner anmaßenden Autarkie entsteht, das die Würde der Menschen der Effizienz opfert und danach strebt, den Himmel ohne den Segen Gottes zu erreichen.

8. Das Buch Nehemia hingegen beginnt in einem Moment großer Verletzlichkeit in der Geschichte des alten Israel. Nach dem babylonischen Exil ist ein Teil des Volkes nach Jerusalem zurückgekehrt, doch die Stadt liegt noch immer in Trümmern, die
Mauern sind eingestürzt und die Tore niedergebrannt (vgl. Neh 1–2). Nehemia, ein Jude im Dienst des persischen Königs Artaxerxes, erhält Nachricht vom katastrophalen Zustand seiner Heimatstadt. Bevor er handelt, fastet er und betet für
das Volk. Dann bittet er den König um die Erlaubnis, nach Jerusalem zurückzukehren, und begutachtet nach seiner Ankunft still die zerstörten Bereiche.

Er schreibt keine Lösungen von oben vor. Er versammelt die Familien, weist jeder einen Mauerabschnitt zum Wiederaufbau zu, hört sich ihre Ängste an, koordiniert ihre Bemühungen und stellt sich Widerständen entgegen. Die Erzählung zeigt, wie die Stadt nicht durch die Initiative eines Einzelnen wiedergeboren wird, sondern durch die gemeinsame Verantwortung des ganzen Volkes: Priester, Handwerker, Familienoberhäupter, Frauen und junge Menschen. Es ist ein Werk, bei dem Gott im Mittelpunkt steht und das Beziehungen wiederherstellt, noch bevor die Steine wiederaufgeschichtet werden. Das alte Jerusalem findet so wieder zu einer
gemeinsamen Sprache, aber nicht zur Sprache der Gleichförmigkeit, sondern zu jener der Gemeinschaft: der Harmonie, die entsteht, wenn jeder seinen Teil beiträgt und das ganze Volk erkennt, dass seine Kraft vom Herrn kommt.

9. Im Lichte dieser beiden Bilder stellt der Heilige Geist uns Fragen zu unserer Beziehung zur Technik und zur fortschreitenden digitalen Revolution. Die wissenschaftlichen Entdeckungen sind ein Talent, das der Menschheit anvertraut wurde, damit sie es fruchtbar macht (vgl. Mt 25,14-30). Technologie kann heilen, verbinden, bilden und unser gemeinsames Haus schützen, aber sie kann auch spalten, ausgrenzen und neue Ungerechtigkeiten hervorbringen. Abstrakt betrachtet ist sie per se weder eine Lösung für die Probleme der Menschheit noch ein Übel. Konkret betrachtet aber ist sie nicht neutral, weil sie die Züge derer annimmt, die sie
konzipieren, finanzieren, regulieren und nutzen. Daher ist die erste Entscheidung nicht die zwischen einem „Ja“ oder einem „Nein“ zur Technologie, sondern die zwischen der Konstruktion von Babel oder dem Wiederaufbau Jerusalems, zwischen einer Macht, die sich anmaßt, den Himmel zu beherrschen, und einem Volk, das sich in Gottes Gegenwart vereint ans Werk macht, die Mauern des geschwisterlichen Zusammenlebens wiederaufzubauen.

10. Vermeiden wir also das „Babel-Syndrom“: die Vergötterung des Profits, die die Schwachen opfert; die Einförmigkeit, die Unterschiede nivelliert; den Anspruch einer einzigen – auch digitalen – Sprache, die in der Lage ist, alles, sogar das Geheimnis
der Person, in Daten und Leistung zu übersetzen. Dies ist die Gefahr der Entmenschlichung – bei der Gestaltung der Zukunft Gott auszuschließen und den Anderen auf ein Mittel zu reduzieren – eine uralte und immer neue Versuchung, die heute technische Gestalt annimmt. Entscheiden wir uns stattdessen für den „Weg Nehemias“, der den Wert der gemeinsamen Arbeit zur Absicherung der Stadt Gottes für die heimgekehrten Exilanten hervorhebt. Wiederaufbauen bedeutet heute, anzuerkennen, dass sich in der Vielfalt der Stimmen und Ansichten, die manchmal an die Sprachverwirrung erinnert, immer noch eine glänzende Möglichkeit bietet:
gemeinsam zu bauen, Verschiedenheit in eine Ressource zu verwandeln und das Zuhören und den Dialog zur gemeinsamen Grundlage zu machen, auf der Gerechtigkeit und Geschwisterlichkeit gedeihen können. Und in diesem gemeinsamen Unterfangen finden die Christen zu ihrem eigenen Weg des Aufbauens, der darin besteht, das Handeln auf Gott auszurichten, damit der
Pluralismus in seinem Licht nicht in Unordnung versinkt, sondern durch die Praxis der Synodalität zu jenem Raum wird, in dem die Menschheit ihre festen Fundamente und ihr endgültiges Ziel wiederentdeckt. In der Offenbarung des Johannes sieht dieser das neue Jerusalem »von Gott her aus dem Himmel herabkommen« (Offb 21,2), als ein Geschenk für die ganze Menschheit. Und diese Gnadenvision ist für uns Christen ein Aufruf zusammenzuarbeiten und in den „Städten“ von heute ein friedliches, gerechtes und würdevolles Zusammenleben zu pflegen.

Im Guten aufbauen

11. Eine Stadt zu errichten, die auf das Gemeinwohl ausgerichtet ist, erfordert daher in erster Linie, auf dem Felsen der Beziehung mit Gott aufzubauen und anzuerkennen, dass die Wahrheit seiner Liebe uns zu einem Leben »in Fülle« (Joh 10,10) und zur Gemeinschaft mit ihm ruft. Zusammen mit dem heiligen Augustinus können wir sagen: »auf dich hin hast du uns gemacht, und unruhig ist unser Herz, bis es ruht in dir«. Denn Gott hat eine Sehnsucht nach Glück in unsere Herzen eingeschrieben, die alle Dimensionen des Lebens umfasst. Und die Kirche wird sich im Dialog mit den Männern und Frauen unserer Zeit der Dringlichkeit bewusst, dieses Streben zu bewahren und auf seine tiefste Wahrheit hin auszurichten.

12. Zweitens bedeutet im Guten aufzubauen, die Begrenztheit und Schwäche des Menschen zu akzeptieren, ohne sie als einen Fehler zu betrachten, der korrigiert werden müsste. Das menschliche Verlangen nach Fülle läuft heute Gefahr, zu trügerischen Zielen hin umgeleitet zu werden – durch die Illusion der Technik, die verspricht, uns von aller Schwäche zu befreien, oder durch Wohlstandsmodelle, die ganze Völker „zurücklassen“. Nicht selten setzen wir unsere Hoffnung auf grenzenloses Wachstum, auf Formen des Fortschritts, die Ungleichheiten verschärfen, auf sofortige Lösungen, die nicht in der Lage sind, die Wunden der
Völker zu heilen. Während also einige der Chimäre einer grenzenlosen Selbstbestätigung nachjagen, entbehren viele des Lebensnotwendigen. Die Kirche erinnert mit demütiger, aber fester Stimme daran, dass wahre Erfüllung nicht aus der Beseitigung von Schwäche entsteht, sondern aus harmonischem Wachstum, wenn Freiheit und Verantwortung mit gegenseitiger Fürsorge und echter Solidarität einhergehen und wenn Fortschritt an der Würde jedes Einzelnen und am Wohlergehen aller Völker gemessen wird.

13. Der Aufbau einer Welt, in der alle „zur Blüte gelangen“ können, erfordert drittens mutige gemeinsame Verantwortung. Keine Hand allein reicht aus, um die Last der Herausforderungen zu tragen, vor denen die Welt steht, und keine Hand ist so schwach, dass sie keinen Beitrag leisten könnte, »denn die Kraft wird in der Schwachheit vollendet« (2 Kor 12,9). Einem jeden seinen Mauerabschnitt: den Wissenschaftlern und Forschern, den Unternehmern und Arbeitnehmern, den Pädagogen und Gesetzgebern, der Zivilgesellschaft, den Volksbewegungen und den Glaubensgemeinschaften. Dies ist die Logik der Subsidiarität, welche die die
Zusammenarbeit zwischen Generationen, Völkern, Disziplinen und Kulturen als den wichtigsten Weg zur Förderung von Stabilität, Wohlstand und Frieden zur Geltung kommen lässt. Spannungen und Unterschiede sollen nicht einschüchternd wirken, denn sie können zu kreativen Energien werden, wenn sie von gemeinsamer Verantwortung geleitet werden.

14. Schließlich verlangt das Aufbauen im Guten eine dem Evangelium entsprechende Sprache. Vermeiden wir Worte, die erniedrigen oder gegeneinander aufbringen. Entscheiden wir uns für Klarheit, die erleuchtet, und Freimut, der Wege eröffnet. Wir heißen weder naiven Enthusiasmus gut noch schüren wir sterile Ängste. Zeigen wir vielmehr Kriterien für die Unterscheidung auf – wie etwa die Würde der Person, die allgemeine Bestimmung der Güter, die Option für die Armen, die Sorge für unser
gemeinsames Haus, Frieden – und setzen wir diese in die Praxis um: durch verantwortungsvolle Planung, Abwägung der Auswirkungen für Mensch und Gesellschaft, Einbeziehung der Schwächsten, eine breite Vermittlung digitaler Kompetenz sowie durch eine auf Gerechtigkeit und Frieden ausgerichtete Forschung und Industrie.

Menschlich bleiben

15. Im vergangenen Ordentlichen Heiligen Jahr 2025 sind wir als Pilger der Hoffnung unterwegs gewesen und von Gnade erfüllt worden. Gestärkt durch diese Gaben können wir nun die mühsamen Aufgaben und anspruchsvollen Herausforderungen, die vor uns liegen, mit zuversichtlichem Herzen angehen. In der Zeit der Künstlichen Intelligenz, in der die Menschenwürde aufgrund neuer Formen von Entmenschlichung in den Hintergrund zu treten droht, haben wir die dringende Pflicht, zutiefst menschlich zu bleiben und liebevoll jenes großartige Menschsein zu bewahren, das uns geschenkt ist und das in Christus in seiner ganzen Fülle offenbar
wurde, und das keine Maschine in seiner Pracht jemals ersetzen kann. Wahrer Fortschritt entspringt stets einem Herzen, das für andere offen ist; einer Intelligenz, die bereit ist zuzuhören; einem Willen, der mehr das sucht, was verbindet, als das, was trennt.

16. An alle katholischen Gläubigen, an alle Christen, an alle Männer und Frauen guten Willens richte ich einen eindringlichen Appell: Scheuen wir uns nicht, uns auf der Baustelle unserer Zeit die Hände schmutzig zu machen. Wie Nehemia wollen wir
beten, weise planen und beharrlich arbeiten, indem wir unser Handeln an Gott ausrichten und den Menschen in den Mittelpunkt unserer Entscheidungen stellen. 

Dann werden die verworfenen Steine – die Armen, die Kranken, die Migranten, die Kleinen – zu Ecksteinen, und auf Erden wird ein festes und einladendes gemeinsames Zuhause entstehen, wo Liebe und Wahrheit endlich einander begegnen, Gerechtigkeit und Friede sich küssen (vgl. Ps 85,11). Dies ist der Segen, den wir von Gott erbitten und die Aufgabe, die uns erwartet: Baumeister der Gemeinschaft zu sein, keine Architekten von Babel; Diener des kommenden Reiches, keine Herren von Türmen, die einzustürzen bestimmt sind. Und mit dem Herzen eines Hirten und eines Vaters bitte ich alle, den Bau eines weiteren Turms zu Babel zu stoppen und sich stattdessen zusammenzuschließen, um im Guten aufzubauen, damit die Menschheit niemals ihre Schönheit verliert und die Welt im menschlichen Herzen erneut den Ort erkennen kann, an dem Gott wohnen möchte.

Gesamter Text: https://www.vatican.va/content/leo-xiv/de/encyclicals/documents/20260515-magnifica-humanitas.html

 


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Lesermeinungen

 Gandalf vor 2 Stunden 

So, wer hats schon gelesen?

AUszüge, Alles? Meinungen?


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