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Was hat uns Beate Uhse hinterlassen?

vor Minuten in Weltkirche, keine Lesermeinung
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”Pornographie bis zum Exzeß” war das Geschäft der verstorbenen Unternehmerin Ein Kommentar von Gerhard Naujokat


Die Pionierin der Sex-Industrie in Deutschland, Beate Rotermund-Uhse, ist am 16. Juli im Alter von 81 Jahren gestorben. Am 3. August soll in Flensburg eine städtische Trauerfeier stattfinden. Was hat uns die Unternehmerin hinterlassen? Nach einer Umfrage war die exponierte Verfechterin ihrer Produkte 98 Prozent der deutschen Bevölkerung bekannt. In Geld gemessen soll der Jahresumsatz des inzwischen an der Börse notierten Unternehmens über 400 Millionen Mark betragen. Sogar die Kirche scheint ihren Frieden mit der Porno-Produzentin geschlossen zu haben: Vor zwei Jahren wurde eine Gedenktafel für Beate Uhse an einem evangelischen Pfarrhaus in Flensburg angebracht.Dem Mut und der Energie dieser Frau muß man in der Tat Respekt zollen. Die Tochter einer Ärztin war früh vom Fliegen fasziniert. Im Zweiten Weltkrieg überführte sie als Luftwaffenpilotin Jagdmaschinen an die Front. Aus dem brennenden Berlin floh sie mit einem Kleinflugzeug. Ihr erster Ehemann fiel im Krieg, später starb ihr Sohn an Krebs, sie selbst mußte sich einer Magenkrebsoperation unterziehen. Ihren Lebensunterhalt erarbeitete sie sich zunächst in der Landwirtschaft und verkaufte nebenher Spielzeug mit einem Wandergewerbeschein.

Die Gespräche, die sie mit jungen Bäuerinnen über die Schwangerschaftsregelung führte - ein damals wie heute unverzichtbares Thema – dienten wohl als Einstieg in ihre spätere Tätigkeit. Aber ihr Vertrieb von Produkten zur ”Ehehygiene” geriet mit Fotos, Büchern, Präparaten, Reizmitteln und Kondomen bald an harte Grenzen. So handelte sie sich über 2.000 Anzeigen wegen ”Beihilfe zur Unzucht” ein. Ihr Ursprungsgedanke, Paaren im Intimbereich hilfreiche Wegweisung zu geben – was bei hunderttausenden Abtreibungen jährlich bis heute ein Problem geblieben ist – geriet bald in den Hintergrund. Wichtiger war: Mit offener und freizügiger Sexualität konnte man Geld machen. Sexuelle Spielereien und überdimensionale Darstellungen wurden gesellschaftsfähig.

In den sechziger Jahren begann die Sexwelle zu rollen.Es kam Beate Uhse zustatten, daß in den fünfziger und sechziger Jahren der Begriff der ”Neuen Moral” entstand und die ”Freie Liebe” propagiert wurde. Dadurch ging die Faszination liebevoller Partnerschaft verloren. Der schnelle Partnerwechsel wurde akzeptabel.

Die sogenannte ”Sexuelle Revolution” hatte Beate Uhse und dem Sexberater Oswalt Kolle den Weg bereitet. Begünstigt wurde diese Entwicklung durch die Antibabypille, die der sexuellen Freizügigkeit Tor und Tür öffnete. Die Sexwelle rollte; die Enthemmung nahm ihren Lauf. Aus jungen Kehlen tönte: ”Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment.” ... Bald zeigten sich die Folgen: mehr zerbrechende Beziehungen, anonyme Schnellbegegnungen, abnehmende Bereitschaft zur Gründung einer Ehe und Familie, hoher Anstieg der Ehescheidungen. Beate Uhse erfuhr es im eigenen Leben: Scheidung der zweiten Ehe, Mißerfolge bei weiteren Partnerversuchen.

In ihrem erfolgreichen Geschäftsgeschehen hielt die Unternehmerin längst nicht mehr alles selbst in der Hand. Ohne Gewissensskrupel nutzte der Konzern die Verkäuflichkeit der Ware Sex. Im Westen und nach dem Fall des Eisernen Vorhangs mit zusätzlichem Schwung im Osten Deutschlands bot man den Reiz des Neuen, des bisher Untersagten, Verhüllten. Das Unternehmen verkaufte nun alles: vom elektrischen Stimulierungsgerät, der Sexpuppe, dem Videofilm bis hin zur Peepshow, Sex-Kontakten und Telefonnummern. Allen Abweichungen waren die Gleise durch Uhse-Kolle gelegt worden.

Es trat eine Verschiebung ein vom Liebesempfinden zu reinen Triebinstinkten, die ein Eiterherd für manch eine Ehe und Partnerschaft werden sollte.Pornographie macht Sex zur DrogeHinzu kam, daß 1975 das Porno-Verbot für Erwachsene aufgehoben wurde. Der Beate-Uhse-Konzern nutzte die Freigabe und vermarktete alles – bis zu der gesetzlich vorgegebenen Grenze.

Aber Pornographie stört die individuelle vertrauende Beziehung und führt zu einer Entpersönlichung des Intimen und zur Degradierung der Frau – inzwischen auch des Mannes – durch die Käuflichkeit und Verzerrung der Sexualität. Pornographie macht Sex zur Droge. Die starke Abhängigkeit der regelmäßigen Pornokäufer und auch kriminelle Phänomene belegen dies. Der Mensch, der ohne jeden begrenzenden Maßstab lebt, verkümmert und zerbröselt seelisch. Man kann sicher sein, daß das Beate-Uhse-Unternehmen diese Zusammenhänge kannte und dennoch geschäftstüchtig weiterarbeitete.

Selbsthilfegruppen und einzelne Seelsorger versuchen inzwischen, Pornosüchtige aufzufangen.Für Christen ist der Leib ”Tempel des Heiligen Geistes”Bemerkenswerterweise war es die Feministin Alice Schwarzer, die platte Pornographie mit der Erniedrigung und Entmenschlichung der Frau gleichsetzte und Beate Uhse mit ihren Machwerken brandmarkte. Hingegen sprach sich ausgerechnet die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften gegen weitergehende gesetzliche Regelungen aus mit der Begründung: ”Wir gestatten mündigen Bürgern, sich zu Krüppeln zu rauchen, zu saufen und zu fahren. Warum sollten sie nicht auch Pornographie bis zum Exzeß genießen?” Aber wie kann man dann jungen Menschen verantwortungsbewußte Wegweisung geben? Inzwischen verschiebt sich die Grenze des Video- und Filmmaterials zunehmend in Richtung eines sadomasochistischen Verhaltens und obszöner Widerlichkeit.

Eine brutale Sexualisierung des Alltags, die etwa auch durch die Beate-Uhse-Werbung im Fernsehen betrieben wird, hinterläßt innere Konflikte und psychische Blockierungen.Ein Christ lebt nicht vom Lustprinzip her.

Zwar kennt er die Freuden der Körperlichkeit, aber er weiß auch, daß die Sexualität einer Disziplinierung und Kultivierung bedarf. Der hohe Anspruch ist ihm bekannt, daß der Leib ”Tempel des Geistes Gottes” ist. Mit ihm kann man nicht alles machen. Davon aber wissen die Manipulatoren der Vergnügungsindustrie nichts.

(Der Autor, Pfarrer Gerhard Naujokat (Kassel), ist Jugend, Ehe- und Familienberater sowie Sachbuchautor. Von 1969 bis 1999 war er Generalsekretär des evangelischen Fachverbandes für Sexualethik und Seelsorge, Weißes Kreuz.) (idea)



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