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Wo bleibt die Gerechtigkeit? Vom Missbrauch eines biblischen Begriffs

20. Dezember 2017 in Kommentar, 4 Lesermeinungen
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„So etwas darf man in unserer ‚modernen‘ Kirche heute kaum noch erzählen …“ Gastbeitrag von Michael Schneider-Flagmeyer


Saarlouis (kath.net/Blog Forum Deutscher Katholiken) Der Ruf nach Gerechtigkeit ist heute in aller Munde. Besonders eine Partei, die Jahrzehnte in Deutschland regiert oder mitregiert, die meisten Landesregierungen führt und lange im Bundesrat die Mehrheit hatte und bis auf den heutigen Tag das Sozialministerium im Bund führt, hat nun plötzlich die soziale Gerechtigkeit entdeckt und fordert ein, was sie seit Jahrzehnten hätten verwirklichen können und müssen.

Beim Ruf nach Gerechtigkeit müssen wir gleich fragen: Welche Gerechtigkeit meinst Du? Denn immer mehr wird die Forderung nach Gerechtigkeit zur Durchsetzung der eigenen Ideologie benutzt, die eben alleine gerecht ist.

In meiner Geburts- und Heimatstadt Wuppertal gab es vor Jahrzehnten einen vorsitzenden Richter einer großen Strafkammer beim Landgericht, der, wenn der Angeklagte nach der Urteilsverkündigung rief: „Gerechtigkeit, Herr Direktor, wo bleibt die Gerechtigkeit?“ zu antworten pflegte: „Gerechtigkeit, mein Lieber, gibt es nur im Himmel. Hier haben Sie nur Anspruch auf ein Urteil nach den Gesetzen unseres Landes. Und das haben Sie soeben bekommen.“

Immer wieder erinnert mich das daran, wo die Grenzen der menschlichen Gerechtigkeit liegen; denn der alte Landgerichtsdirektor hatte völlig Recht: Die untrüglich wahre Gerechtigkeit gibt es nur im Himmel. Nur Gott ist der einzig unfehlbare Richter, weil nur Er in unsere Herzen sieht.


Und doch müssen wir mit dem ursprünglich biblischen Begriff von der Gerechtigkeit unser Leben und die Welt gestalten; und wir können das umso besser, wenn wir uns immer wieder nach der göttlichen Gerechtigkeit richten, die nach dem Apostel Paulus aus dem Glauben an Jesus Christus aufstrahlt.

Der menschliche Gerechtigkeitssinn ist eben überlagert von unserer eigene Schwäche und Sündhaftigkeit. Und so kommt es denn auch dazu, dass wir selbst uns zu oft für gerecht halten und doch nur selbstgerecht sind.

In diesen Tagen wird das besonders in der Politik sichtbar. Und so ist es dann ein großer Trost, dass am Ende Gottes unfehlbare Gerechtigkeit siegen wird und jedem Menschen göttliche Gerechtigkeit widerfahren wird. Nur mit diesem Bewusstsein lässt sich vieles auf der Erde und in unserem persönlichen Leben aushalten.

Im Folgenden will ich ein Beispiel dafür geben, wie Gottes Gerechtigkeit so ganz anders die Menschen sieht als wir.

Ich bin mir bewusst, dass man so etwas in unserer „modernen“ Kirche heute kaum noch erzählen darf; war doch kürzlich zu lesen, dass ein Priester suspendiert wurde, der den Kindern vom Fegfeuer und seinem Sinn erzählt hatte. Nun, ich bin ein Laie, der nicht zu suspendieren ist und habe nicht die geringsten Schwierigkeiten oder theologischen Bauchschmerzen, um von solchen Dingen zu berichten. Zu Sr. M. Bernardis Weschenfelder damals im Herz-Jesu-Stift in Karlsruhe kam immer wieder ein jüngerer Gemeindepfarrer, dem die Armen Seelen erschienen. Sein Name soll nicht genannt werden, weil er nicht wollte aus naheliegenden oben erwähnten Gründen, dass das allgemein bekannt wurde. Auch trieb ihn dazu seine echte Demut und tiefe Bescheidenheit. (Zu Sr. Bernardis und dem Herz-Jesu-Stift)

In seinem Sprengel lebte ein junger Bursche, der ein ausgemachter und unerträglicher Tunichtgut war. Der kam eines Tages ganz plötzlich zu Tode. Jeder und besonders die „Frommen“ erklärten, was für ein Segen es wäre, dass dieser Übeltäter nun endlich weg wäre. Nach ein paar Tagen erschien der Jüngling dem Pfarrer und sagte: „Geh Pfarrer und lies für mich drei Messen, dann bin ich erlöst.“

Der Pfarrer konnte es nicht fassen und sagte ihm, was für ein großer Übeltäter er war. Aber der Junge sagte, dass Gott ihm gezeigt hätte, warum er so geworden sei und dass er die, die daran schuld seien, strenger zur Rechenschaft ziehen würde.

Der ein oder andere von Ihnen, liebe Leser, mag das für Unsinn halten. Aber die Lehre vom Fegfeuer und den Armen Seelen gehört zu den ältesten Überlieferungen unserer Kirche. Und viele von Ihnen werden wie ich selbst daran festhalten.

Mir hat diese Begebenheit, die Sr. Bernardis mir selbst erzählt hat, gezeigt, dass ich sehr vorsichtig mit dem Wort Begriff von der Gerechtigkeit umgehen muss, wenn er sich nicht an Gottes Gerechtigkeit orientiert, von der uns das Alte und das Neue Testament berichtet. Aber sie hat mich auch gelehrt, mit großer Hoffnung und freudiger Zuversicht auf Gottes Gerechtigkeit, die Teil seiner umfassenden Liebe ist, zu vertrauen und manches politische Geschwätz von der eigennützigen „Gerechtigkeit“ zu ertragen. Denn „das alles ist Windhauch“, sagte Kohelet.

Dr. phil. Michael Schneider-Flagmeyer ist Gründungsmitglied des Forums Deutschen Katholiken. Weitere Informationen siehe Eintrag auf kathpedia .


Foto Dr. Michael Schneider-Flagmeyer



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