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15. Februar 2021 in Buchtipp, keine Lesermeinung
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Paul Baddes „Abendland“ – Leseerfahrungen: „Doch einer schafft es, gleich mit seinen ersten Zeilen mich mit diesem Thema so zu elektrisieren, dass ich sein Buch nicht mehr aus der Hand lege.“ Rezension von Georg Lorleberg


Rom (kath.net)

„Tief ist der Brunnen der Vergangenheit. Sollte man ihn nicht unergründlich nennen?“ Diese berühmte Romaneröffnung von Thomas Mann fällt mir ein, wenn ich ein Buch mit dem Titel „Abendland“ in die Hand nehme.

Unendlich ist die Fülle historischen Materials, ich könnte „in ungelüftete Bibliotheken hinabsteigen“ und meine „Finger an den Buchrücken vorbeigleiten lassen: weil heute kein Mensch mehr die Zeit hat, all dies noch einmal zu lesen.“

Doch einer schafft es, gleich mit seinen ersten Zeilen mich mit diesem Thema so zu elektrisieren, dass ich es nicht mehr aus der Hand lege.


„Das Abendland ist kein Land. Es ist eine Geschichte. Man kann sie sich auch als einen geistlichen Kontinent durch die Zeiten vorstellen, der sich auf die Ewigkeit hinstreckte. Als die Geschichte einer großen Sehnsucht.“

Abendland – Sehnsucht? Das Wort Sehnsucht kam in meinem Geschichtsunterricht so nicht vor (warum eigentlich?), schon gar nicht in dieser Kombination. Sehnsucht wonach? Hell wach geworden lese ich weiter:

Das Abendland war also niemals nur ein kleiner Erdteil im Westen der eurasischen Landmasse, wo die Sonne am Abend untergeht. Seele und Ferment des Abendlands war aber viele Jahrhunderte, das kann man drehen und wenden, wie man will, die römisch-katholische Kirche und die Schlüsselgewalt, die schon sehr früh die Päpste an ihrer Spitze als Nachfolger des Apostels Petrus und Stellvertreter Christi für sich beanspruchten. Das ist eine Tatsache…“


102 Wörter, die als Ouvertüre zeigen, wie ein Autor mit kreativer Sprachkraft zum Grund des geschichtlichen Brunnens vordringt. Gleich in den ersten sieben Sätzen zeigt Paul Badde, wie er „einen roten Faden der Weltgeschichte Europas“ aufwickelt, der ihn durch das Labyrinth unendlicher Fakten und Ereignisse führt: Nicht nur Hauptakteur, nicht Unterdrückungsmacht, nicht nur die Wurzel vielen Übels oder Feind der Aufklärung, nein „Seele und Ferment“ des Abendlandes war viele Jahrhunderte die „römisch-katholische Kirche“!

Um das zu vermitteln, braucht es nicht nur den begabten Historiker, es braucht einen Pädagogen, ja einen begnadeten Erzähler, der nicht nur fragt: was sind die Fakten, wie ist es an sich? Badde erzählt die Historie des Abendlandes aus seiner lebensbiographischen Perspektive.

Mit ihm lese ich Geschichte nicht in Büchern, sondern ich erlebe sie hautnah an den Orten, wo sie auch geschah. Ich sehe, höre, rieche und spüre mit ihm, gehe mit ihm in „Road Movies“ nach Ravenna, Wien, Rom, Jerusalem, Konstantinopel, Monte Cassino, Santiago und und und … Ich erfahre, wie das sich anfühlt, was da geschah und wie es sich bis heute für uns auswirkt.

Wir wissen es, der da schreibt, ist kein Hobbyautor, der Geschichtslehrer hat sich über Jahrzehnte ein beeindruckendes Wissen zugelegt, das mich auch schon in anderen Publikationen immer wieder erstaunt hat. Und er kann es vermitteln! Badde verliert bei all den Erkenntnissen nicht den Überblick. Ich bewundere es auf’s Neue was der Autor aus Bildern und Architektur herauslesen kann.

Am Ende lerne ich: „Das Antlitz Christi war der archimedische Punkt, um den sich unsere Kultur rund 1.500 Jahre lang entwickelt hat.“ Und so ist der Vatikan, „Urmeter der Verwandlung“, der vorläufige Endpunkt meiner Reise mit Paul Badde durch die Geschichte des Abendlandes. Wir kommen an am 27. März 2020 auf dem regenüberströmten und leeren Petersplatz. In einer historisch beispiellosen Geste betet Papst Franziskus um ein Ende der Corona-Pandemie und erteilt den eucharistischen Segen. Nur acht Minuten davon entfernt steht Paul Baddes Schreibtisch, an dem wohl auch sein Buch entstand. Und doch ist der Petersplatz unerreichbar. Und nach so vielen Entschlüsselungen und Erklärungen, in denen ich den Autor oft bewundert habe, kommt mir Paul Badde durch sein persönliches Geständnis gegen Ende seines Buches ganz ganz nahe. Die letzten Sätze dieses Buches zeigen mir, dass da nicht jemand mit seinen Erkenntnissen auftrumpft. Das Buch hat tiefe Wurzeln in einem gelebten und erlebten Leben.

Bei Bruder Ritz konnte Badde das Modell des Abendlandes, das neue Jerusalem „nicht in den Folianten der Professoren, die er hütet, sondern in der Brust dieses Pförtners“ finden. Das mag auch für ihn selbst gelten. Frei nach Saint-Exupéry möchte ich sagen: Man/frau liest dieses Buch nur mit dem Herzen gut. Paul Badde sieht und schreibt mit Herz, Geist und Seele. Das bringt mir nicht nur das Abendland, nicht nur meine eigene Geschichte, sondern auch den Autor nahe, der schon zahlreichen Leserinnen und Lesern so viel gegeben hat.

Der Autor, Diakon i.R. Georg Lorleberg, ist Diplom-Theologe.

kath.net-Buchtipp:
Abendland
Die Geschichte einer Sehnsucht
Von Paul Badde
Hardcover, 464 Seiten
2020 Fe-Medienverlag
ISBN 978-3-86357-290-7
Preis Österreich: 18.30 EUR


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