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Berg-Karabach: "Die Kirchenglocken sind verstummt"

21. März 2024 in Weltkirche, keine Lesermeinung
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Die Republik Artsach hörte mit Jahresbeginn 2024 auf zu existieren - 4.000 Kulturdenkmäler in Berg-Karabach zurzeit völlig ungeschützt - Kathpress-Hintergrundbericht von Georg Pulling


Wien (kath.net/KAP) Solange es für Aserbaidschan keine Konsequenzen für sein aggressives Handeln gibt, wird im Südkaukasus kein Frieden einkehren. Zudem ist das christlich-kulturelle Erbe in Berg-Karabach (Artsach) ernsthaft gefährdet, von Aserbaidschan ausgelöscht zu werden. Das war der Tenor einer Podiumsdiskussion, zu der das Institut für Historische Theologie der Wiener Katholisch-Theologischen Fakultät vor Kurzem in die Universität Wien geladen hatte. Die Salzburger Armenologin Jasmin Dum-Tragut berichtete über das Schicksal der rund 100.000 im Herbst 2023 aus Berg-Karabach geflüchteten Armenier, der armenisch-apostolische Bischof Tiran Petrosyan und der armenische Botschafter in Österreich, Arem Papikyan, stellten ihre Sicht der aktuellen Lage dar.

Petrosyan zeigte sich einmal mehr tief enttäuscht über den Westen. Während die Solidarität mit der Ukraine groß sei, vermisse er das gleiche Engagement für Berg-Karabach bzw. Armenien, so der Bischof. Menschenrechte müssen für alle gelten, betonte der Bischof. Zugleich nahm er freilich auch Russland ins Gericht. Russland - eigentlich die "Schutzmacht" Armeniens und auch mit "Friedenstruppen" in Berg-Karabach präsent - habe die Armenier verraten.

Für eine Zukunft in Frieden und Wohlstand in der Region brauche es einen politischen Wechsel in Aserbaidschan, zeigte sich Botschafter Papikyan überzeugt. Die einfachen Menschen in Aserbaidschan wollten sicher keinen Krieg, seien seit Jahrzehnten aber indoktriniert. Die Lehre, die das vom Familienclan der Aliyevs diktatorisch regierte Aserbaidschan bisher aus seinen Aktionen gezogen habe, sei eindeutig: "Es gibt keine Konsequenzen." Positiv bewertete der Botschafter die seit 2023 bestehende EU-Beobachtermission an der armenisch-aserbaidschanischen Grenze, das sei aber nicht genug.

Attacke nach Totalblockade 2023

Am 19. September 2023 hatte Aserbaidschan die armenische Enklave Berg-Karabach (die völkerrechtlich zu Aserbaidschan gehört) mit überlegenen militärischen Mitteln angegriffen. Schon nach einem Tag war der Krieg entschieden. Rund 300 armenische Soldaten waren dabei ums Leben gekommen, auch zivile Opfer waren zu beklagen. Dem Angriff vorausgegangen war eine rund neun Monate dauernde Totalblockade Berg-Karabachs durch Aserbaidschan. Mehr als 110.000 Armenier mussten schließlich im September 2023 über Nacht ihre Heimat verlassen.


Prof. Dum-Tragut warnte davor, dass Aserbaidschan versuchen werde, durch Südarmenien militärisch vorzustoßen und so einen Korridor zur Enklave Nachitschewan zu schaffen. Der Bischof und der Botschafter konnten die Sorgen der Wissenschaftlerin nicht zerstreuen. Zumal - wie Dum-Tragut berichtete und Botschafter Papikyan bestätigte - Aserbaidschan in den vergangenen Jahren bereits mehrfach Angriffe auf armenisches Staatsgebiet unternommen hat.

Einig waren sich alle Diskutanten, dass es sich bei dem Konflikt um keine religiöse Auseinandersetzung zwischen Christen und Muslime handelt, auch wenn Aserbaidschan mitunter versuche, dies so darzustellen, wie Bischof Petrosyan hinzufügte.

Integration der Geflüchteten herausfordernd

Dum Tragut wies auf die enormen Anstrengungen Armeniens hin, die 100.000 Karabach-Armenier aufzunehmen und zu integrieren. 21.000 Kinder aus Berg-Karabach seien bereits eingeschult, berichtete sie. Für das arme Armenien sei die Integration der Geflüchteten eine große Herausforderung. Einige tausend Geflohene hätten bereits in Armenien Arbeit gefunden, andere seien in den Westen weiter gezogen. Bei den Karabach-Flüchtlingen handle es sich vor allem um Menschen aus dem ländlichen Bereich. Die beste Lösung wäre, ihnen in Armenien ein Stück Land zur Bewirtschaftung zu überlassen, betonte Dum-Tragut.

Die Armenologin erläuterte auf Anfrage auch das tiefe gesamtgesellschaftliche Trauma der Armenier, die unter dem Genozid von 1915 im Osmanischen Reich so unfassbar gelitten hätten. In diesem Zusammenhang berichtete Bischof Petrosyan, dass Aserbaidschan in Stepanakert, der bisherigen Hauptstadt Berg-Karabachs, die Hauptstraße in Enver-Pascha-Straße umbenannt habe. Dieser war einer der Hauptverantwortlichen für den Genozid an den Armeniern. Diese Handlung zeige wohl nur allzu deutlich die Absicht bzw. Einstellung Aserbaidschans. Nicht ein einziger Karabach-Armenier werde bis auf Weiteres in die alte Heimat zurückkehren, so der Bischof. Trotzdem wolle er die Hoffnung nicht aufgeben, dass eine Rückkehr in der Zukunft - "wenn es internationale Sicherheitsgarantien gibt" - möglich sein werde.

Prof. Dum-Tragut beklagte die weitgehende Untätigkeit der Westens, darunter auch die UNESCO, im Blick auf die schon lange andauernde Gefährdung des armenischen Kulturguts auf von Aserbaidschan kontrolliertem Gebiet. Aktuell sei das Schicksal von mehr als 4.000 nun ungeschützten Kulturdenkmälern ungewiss, darunter etwa 300 Kirchen und Klöster, aber etwa auch viele Friedhöfe.

Einzig ein Team der amerikanischen Cornell-Universität versuche seit 2021 mittels Satellitenüberwachung einen Überblick und Einblick zu bekommen. 44 Kulturdenkmäler wurden demnach bereits zerstört oder beschädigt, einige Kirchen seien laut den Satellitenaufnahmen vollständig verschwunden. Auch sechs Friedhöfe wurden bereits komplett zerstört. Dum-Tragut: "Damit nimmt man Berg-Karabach und seinen Bewohnern ihre Geschichte."

Lange christliche Geschichte

Die Veranstaltung am 14. März an der Universität Wien stand unter dem Generalthema "Armenisches Christentum in Bergkarabach - Geschichte und aktuelle Situation". Umrahmt wurde sie mit Darbietungen des Musikers Aram Ipekdjian.

Die Armenien-Expertin Prof. Benedetta Contin von der Akademie der Wissenschaften zeichnete in ihrem Eingangsvortrag die Geschichte der Region Berg-Karabach von der Antike bis zum Ende des 19. Jahrhunderts nach. Diese war in der Antike oft Teil Armeniens, mehrfach aber auch des benachbarten Albania im heutigen Aserbaidschan oder bildete das Grenzland beider Staaten. Im 4. Jahrhundert wurde das Christentum in beiden Ländern Staatsreligion. Die Region Berg-Karabach erlebte über die Jahrhunderte eine wechselvolle Geschichte, armenische christliche Fürstentümer, die Perser, Seldschuken und teils Osmanen wechselten einander in der Herrschaft ab, bevor Anfang des 19. Jahrhunderts Russland die Macht übernahm. Deutlich wurde in Contins Vortrag die tiefe Verwurzelung des Christentums in Berg-Karabach, die auf das 4. Jahrhundert zurückgeht.

Prof. Dum-Tragut ging im Anschluss in ihrem Vortrag auf die jüngere Geschichte ein. Die Mehrheit der Bevölkerung Berg-Karabachs sei Anfang des 20. Jahrhunderts christlich gewesen, hielt sie fest. Vor dem Ersten Weltkrieg habe es rund 200.000 Gläubige und 220 Kirchen und Klöster gegeben. 1921 hätte Berg-Karabach eigentlich Armenien zugeschlagen werden sollen, es ging dann aber an die Sowjetrepublik Aserbaidschan.

Mit der sowjetischen, atheistischen Indoktrination und der stalinistischen Unterbindung nationaler Kultur ging die armenische Kirche 1930 unter und erwachte erst wieder im Zuge des ersten Karabachkriegs und der Auflösung der Sowjetunion.

Bereits 1989 wurde die Diözese Karabach eingerichtet und fortan wurden viele der während der Sowjetzeit leer stehenden oder missbräuchlich verwendeten Kirchen und Klöster reaktiviert und renoviert. Allerdings sei es schon seit den 1960er-Jahren immer wieder zu Massakern zwischen Armeniern und Aserbaidschanern gekommen, so Dum-Tragut.

"Republik Artsach" und ihr Ende

1991 erklärte sich Artsach (Berg-Karabach) für unabhängig. Der folgende erste Karabach-Krieg dauerte bis 1994 und endete mit einem Waffenstillstand. Die Milizen von Artsach konnten den größten Teil der kleinen Republik mit der historisch bedeutsamen Hauptstadt Stepanakert bewahren und im Zusammenwirken mit der armenischen Armee auch sieben aserbaidschanische Provinzen zwischen Berg-Karabach und Armenien unter Kontrolle bringen und so die Verbindung zwischen Artsach und der armenischen Republik sicherstellen. Die "Republik Artsach" wurde aber international von keinem Staat anerkannt; auch nicht von Armenien.

Der eingefrorene Konflikt - offiziell gab es immer nur einen Waffenstillstand - zwischen brach am 27. September 2020 wieder auf und dauerte bis zum 9. November. Die Streitkräfte Armeniens bzw. Karabachs hatten der aufgerüsteten Armee Aserbaidschans, die u. a. massiv von der Türkei, aber auch von Israel unterstützt wurde, wenig entgegenzusetzen. Ein Großteil Karabachs wurde von aserbaidschanischen Truppen eingenommen, bevor am 9. November unter der Ägide Russlands ein Waffenstillstand ausgehandelt wurde. Rund 6.000 Menschen starben im Krieg, 100.000 mussten fliehen bzw. wurden vertrieben. Viele davon kehrten aber wieder zurück, so sie in jenem Teil lebten, der Artsach noch verblieben war.

Am 19. September 2023 griff Aserbaidschan schließlich Berg-Karabach abermals mit überlegenen militärischen Mitteln an. Mit Ende 2023 hat die Republik Artsach auch offiziell aufgehört zu existieren, "und damit sind auch die Kirchenglocken verstummt", so Prof. Dum-Tragut.

Copyright 2024 Katholische Presseagentur KATHPRESS, Wien, Österreich
 (www.kathpress.at) Alle Rechte vorbehalten

Foto: Archivbild


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