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Der 'Missbrauch mit dem Missbrauch'

12. Februar 2010 in Deutschland, 27 Lesermeinungen
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Manfred Lütz: Derzeit wird die katholische Kirche "isoliert als Sündenbock für all die abseitigen und skandalösen Träume vom Kindersex gebrandmarkt, die in alternativen Kreisen vor vierzig Jahren geträumt wurden".


Frankfurt a. Main (www.kath.net) „Missbrauch mit dem Missbrauch“ wirft der bekannte Psychiater, Theologe und Buchautor Manfred Lütz jenen vor, die der katholischen Kirche alleine die Schuld am Kindesmissbrauch geben.

„Auch in der derzeitigen Debatte wird gewöhnlich der gesellschaftliche Kontext ausgeblendet und die katholische Kirche isoliert als Sündenbock für all die abseitigen und skandalösen Träume vom Kindersex gebrandmarkt, die in alternativen Kreisen vor vierzig Jahren geträumt wurden“, schreibt er in einem Beitrag für die FAZ.

„Auch Kirchenkritiker und auch manche Kirchenvertreter ergreifen die willkommene Gelegenheit, ihre üblichen Platten aufzulegen: Die kirchlichen Strukturen, die Sexualmoral, der Zölibat seien schuld. Doch das ist nichts anderes als unverhohlener Missbrauch mit dem Missbrauch, vor allem aber gefährliche Desinformation, die Täter schützt.“


Sexueller Missbrauch von Minderjährigen durch katholische Geistliche sei „ein besonders abscheuliches Verbrechen“, betont Lütz. „Denn ein Priester befindet sich dem Opfer gegenüber in einer Vaterrolle, so dass der Tat etwas Inzestuöses anhaftet.“

Das Grundvertrauen in die Verlässlichkeit menschlicher Beziehungen könne verlorengehen. „Es darf gerade der Kirche nicht gleichgültig sein, wenn damit auch das Vertrauen in Gott zerstört oder schwer erschüttert wird.“ Lütz verwies auf die Leitlinien der Deutschen Bischofskonferenz, die im Jahre 2002 erlassen wurden.

„Sex ist das Lieblingsthema der Pubertät, und pubertär wirken tatsächlich nicht selten die Debattenbeiträge von sonst ganz erwachsenen Zeitgenossen, wenn es gegen die Kirche geht“, schreibt der Psychiater. „Da ist manch einem selbst die alte Machothese 'Sex muss sein' nicht zu schade, um den Zölibat anzugreifen.“

Die Wahrheit sei, „dass alle Institutionen, die mit Kindern und Jugendlichen zu tun haben, Menschen anziehen, die missbräuchlichen Kontakt mit Minderjährigen suchen“. Einer der führenden Experten in Deutschland, Hans-Ludwig Kröber, sehe keinerlei Hinweis darauf, dass zölibatäre Lehrer häufiger pädophil seien als andere.

Wichtig seien „verantwortungsvolle Beobachtung und die schnelle Reaktion bei Auffälligkeiten“. Da seien die Strukturen der Kirche sogar hilfreich, meint Lütz. „Sie kann vernetzter und professioneller reagieren als ein örtlicher Sportverein. Andererseits wird aber über den missbrauchenden Jugendwart in Niederbayern bloß im Lokalteil der örtlichen Zeitung berichtet, handelt es sich aber um den Pfarrer, gibt es bundesweite Schlagzeilen. Zu Recht, weil es ein schwereres Verbrechen ist. So entsteht freilich ein verzerrtes Bild über die Häufigkeit.“

Die katholische Sexualmoral sei auch in Zeiten der Verharmlosung von Pädophilie „für jeden, der sich daran hielt, ein Bollwerk gegen Kindesmissbrauch“ gewesen. Der Hinweis auf den Zölibat gehöre heute „nicht selten zu den verlogenen Entschuldigungsstrategien der Missbraucher“.

Er wünscht allen, „dass wir endlich den Mut besitzen, bei diesem ernsten Thema auf die üblichen Projektionen zu verzichten und die lange Zeit betriebene Verharmlosung von sexuellem Kindesmissbrauch in der gesamten Gesellschaft als einen Teil von unser aller Schuld anzunehmen“.


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